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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20JUN2020
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„Geld oder Leben?“ Das war die Überschrift eines Artikels in meiner Tageszeitung*. Er hat sich mit der existentiellen Frage befasst, vor der die Bundesregierung am Anfang der Corona-Pandemie gestanden hat: Schützen wir die Wirtschaft und lassen wir die Räder weiterlaufen oder schützen wir die Menschen und halten die Räder an? Und es war eine so richtige wie gravierende Entscheidung sich für den Stillstand zu entscheiden. Denn es gab auch Stimmen, die ein „sozialverträgliches Frühableben“ der Hochrisikogruppen für vertretbar hielten, damit die Wirtschaft nicht an die Wand gefahren wird. Ich bin heilfroh, in einem Land zu leben, das sich auch dann für das Leben entscheidet, wenn der Preis dafür sehr hoch ist. Und Frauen und Männer in politischen Führungspositionen zu haben, die sich dem Prinzip der Solidarität verpflichtet fühlen, wenn es ernst wird. Was überhaupt nicht selbstverständlich ist. Wo doch das „Jeder ist sich selbst der Nächste“ in immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft gedrungen ist. Und jetzt bei den Verteilungskämpfen um die Staatshilfen schon wieder zu sehen war. Aber gerade diese Krise hat doch gezeigt, dass die Summe von Einzelinteressen kein Gemeinwohl hervorbringt. Am brutalsten in Amerika, wo es kein Gesundheitssystem gibt, das auf dem Gemeinwohlprinzip beruht, so wie bei uns, nach dem Motto „Einer für alle, alle für einen“. Selbst wenn ich gesund bin, zahle ich meinen Beitrag, für die, die krank sind. Und werde versorgt, wenn ich es bin. Dieses Solidaritätsprinzip werden wir in nächster Zeit auch in anderen Bereichen brauchen. Wenn die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Stillstands voll zur Geltung kommen, wird Solidarität der Schlüssel sein. Der Schlüssel zur Erholung der Wirtschaft und zum sozialen Frieden.

Das heißt: Jeder wird Abstriche machen müssen. Und die, die keine machen müssen, weil sie von der Krise profitiert haben, sollten etwas von ihrem Gewinn abgeben. Und niemand sollte den Blick auf den Menschen neben sich und auf’s Ganze verlieren. Dann, und nur dann werden wir diese Krise auch gut überstehen. Wirtschaftlich, sozial und menschlich. Denn im Wort Solidarität steckt das Wort solide. Und das heißt: unerschütterlich, fest und tragfähig.

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19JUN2020
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Was macht Dich aus? Was trägt Dich, wenn es wackelt, in Dir oder um Dich herum? Die letzten Monate haben Einiges ins Wanken gebracht. Gesundheitlich, wirtschaftlich und nicht zuletzt auch seelisch. Zum Wohl und zum Wehe. Selten noch waren so viele Menschen so lange zurückgeworfen auf sich selbst. Sicher nicht alle, vor allem Familien mit Kindern nicht. Aber viele waren so ausgebremst wie noch nie, allein oder zu zweit und mit Zeit für sich selbst. Zeit auch für das, worauf es ankommt, unter der Oberfläche. Für Fragen wie ‚Wer bin ich denn - jenseits von Beruf, Geld oder Beziehungen? Ich ganz allein? In Wohl und Wehe?‘

Schon länger liegt in meiner Sammlung ein Text, den ich sehr schätze, weil er genau diese Fragen stellt. Fragen, die generell wichtig sind, speziell aber auch in Krisenzeiten. Und seien sie nun politisch, wirtschaftlich oder persönlich. Der Text heißt „Die Einladung“, weil er ausschließlich  durch Fragen dazu einlädt, sich grundsätzliche Gedanken über das eigene Leben zu machen. Er ist von der kanadischen Autorin Oriah Moutain Dreamer. Und ich möchte ihn Ihnen mit in den heutigen Tag geben:

 

„Es interessiert mich nicht, womit Du Dein Geld verdienst. Ich möchte wissen, wonach Du innerlich rufst, ob Du zu träumen wagst und der Sehnsucht Deines Herzens zu begegnen.

Es interessiert mich nicht wie alt Du bist, ich will wissen, ob Du es riskierst, wie ein Narr auszusehen, um Deiner Liebe willen…

Ich will wissen, ob Du mit dem Schmerz dasitzen kannst ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern…

Ich will wissen ob Du jemanden enttäuschen kannst, um Dir selber treu zu sein.

Ich will wissen, ob Du die Schönheit sehen kannst, auch wenn es nicht jeden Tag schön ist, und ob Du Dein Leben aus Gottes Gegenwart speisen kannst.

Es interessiert mich nicht, wo Du lebst. Ich will wissen, ob Du aufstehen kannst nach einer Nacht der Trauer und der Verzweiflung und tust, was getan werden muss.

Es interessiert mich nicht, wo oder was Du mit wem gelernt hast. Ich will wissen, was Dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.

Peter Kottlorz, Katholische Kirche, Rottenburg

 

Quelle: Der Andere Advent – Meditationen und Anregungen November 2009 bis Januar 2010. 28.12. Hrsg. Von Andere Zeiten e.V., Hamburg, 2009

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18JUN2020
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„Ein Paar das nicht miteinander spricht, verlernt sich kennen“.

Dieser Satz eines Paartherapeuten* ist weit mehr als ein gutes Wortspiel. Denn so wie man sich durch das Miteinander Reden kennen lernen kann, so kann man sich zu kennen verlernen, sich also fremd werden, wenn man nicht miteinander spricht. Und das ist weiß Gott keine Seltenheit. Es gibt Untersuchungen, die behaupten, dass Paare pro Tag ganze 8 Minuten miteinander reden. Ob das nun stimmt und was auch immer miteinander reden heißt, feststeht, dass zu viele Paare, die schon länger zusammen sind, zu wenig miteinander sprechen. Und wenn sie miteinander sprechen, ist es oft nicht mehr als ein Austausch zur Alltagsorganisation oder die Information über die Kinder. Neben dieser Sprachlosigkeit gibt es noch zwei weitere Gründe, die es Paaren unmöglich machen, miteinander zu reden. Zum einen die Erschöpfung durch Beruf, Alltag, Haushalt und Kinder. Zum anderen die Sprachlosigkeit durch die Medien. Wenn fast nur noch die Medien sprechen, auf all ihren Oberflächen, dann geht das Reden von Angesicht zu Angesicht immer mehr verloren. Und zuletzt verschwindet mit dem Miteinander Reden auch die Erotik. Das ist aber kein Naturgesetz. Es muss nicht so sein, dass mit den Jahren den Paaren die Anziehung verloren geht. Die Qualität jeder Paarbeziehung steht und fällt mit dem Reden miteinander. Dem wirklichen Reden. Und was heißt wirkliches Reden? Und wie kann das gehen?

Zu allererst, dass man sich Zeit füreinander nimmt, mindestens einmal die Woche. Zu einem Spaziergang oder einem Glas miteinander. Mit so viel Zeit, dass jeder darüber reden kann, was ihn beschäftigt. Mit so viel Zeit, dass man sich auf sich selbst besinnen kann. Denn nur wenn ich einigermaßen bei mir bin, kann ich auch dem Anderen gut zuhören. Das heißt: Dem nachspüren was er sagt. Antworten geben, Rückmeldungen oder Rat, aber nur wenn ich darum gebeten werde.
Und so kann man allmählich wieder zu dem kommen, was eine gute Beziehung ausmacht. In der geteiltes Leid zu halbem Leid wird und geteilte Freude zu doppelter Freude. Denn dass wir miteinander reden macht uns zu Menschen. Und dann es ist auch überhaupt kein Wunder, wenn mit dem richtigen Reden auch die Erotik zurückkommt. Weil das Reden die Seele öffnet und die Seele den Leib.

 

* Quelle: Michael Lukas Moeller „Die Wahrheit beginnt zu zweit – Das Paar im Gespräch“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2019, S. 35f.

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17JUN2020
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„Dynamisch warten, aktiv sitzen, entschlossen schlafen“. Auf einer Hauswand in Berlin habe ich diese Worte als Graffiti gesehen. Es gefällt mir sehr gut. Nicht nur weil es sich auf den ersten Blick liest wie eine Aufforderung zum Faulenzen: Warten, sitzen, schlafen. Lass ich mich aber nur ein wenig auf diesen Spruch ein, dann merke ich welche Wahrheit in ihm steckt, die Wahrheit von Widersprüchen.                                                                         Im dynamischen Warten zum Beispiel. Wer wartet ist doch das gerade nicht: Dynamisch, aktiv, produktiv. Doch! Schon der Volksmund sagt „Wer warten kann, hat viel getan“. Weil beim Warten Dinge reifen können. Weil ich nichts überstürze und den Dingen, anderen Menschen oder mir selbst Zeit lasse.

Wie auch beim aktiven Sitzen. Wenn mein Körper ruht, wenn ich das Rennen mal sein lasse und mal für einen Moment stillsitze, bin ich aktiv, weil sich mein Körper erholt. Und als schöner Nebeneffekt besonders da oft gute Gedanken oder Ideen entstehen. Dieses Ruhen ist eine Vorstufe des Schlafens. Aber wie soll ich um Gottes Willen entschlossen schlafen können? Dritter und letzter Teil des Graffiti’s. Wo man sich dem Schlaf doch möglichst ruhig und willenlos anbieten soll, wie einem zahmen Vogel die Hand, damit er auf sie hüpft. Ich denke zur Entschlossenheit beim entschlossenen Schlafen gehört, den Tag konsequent zurück zu lassen. Mit den Kleidern auch all die Dinge zurücklassen, die noch zu tun wären. Und möglichst auch die Gedanken und Sorgen, morgen ist auch noch ein Tag. Entschlossen schlafen, aktiv sitzen, dynamisch warten – Widersprüche sind wichtig. Distanz und Nähe in Beziehungen, Lachen und Weinen in der Familie, Glauben und Zweifel in der Religion, Freude und Schmerz in Freundschaften, Sonne und Regen, Wärme und Kälte in der Natur. Widersprüche sind wichtig, weil sie eine tiefe Wahrheit unserer Existenz deutlich machen: Wir können hier auf dieser Welt nicht ohne Brüche oder Widersprüche leben. Wir bekommen hier nicht die volle Fülle dauerhaft. Warm, weich, wattig, für immer - das gibt es ja vielleicht drüben in der anderen Welt. So schmerzlich diese Widersprüche auch manchmal sind, sie haben auch was Gutes: Sie schaffen unser Realitätsbewusstsein, sie lehren uns so zu leben, dass wir uns nicht in den Extremen verlieren. Und sie verbinden uns. Wir können sie teilen, wir können sie mitteilen und wenn nötig: mittragen.

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16JUN2020
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„Du musst berühren um zu verstehen“, dieser Satz von Mutter Teresa kam mir in letzter Zeit immer wieder in den Sinn. Berühren um zu verstehen, wo wir uns doch seit Monaten körperlich so auf Abstand halten müssen. Verstehen wir also gerade nichts und niemanden mehr? Und was hat Mutter Teresa verstanden, wenn sie die Ärmsten der Armen und die Unberührbaren berührt hat? Ich denke dasselbe was Jesus von Nazareth und alle, die wie er Menschen geheilt haben: dass es ein Zeichen von Würde ist, und von Zu-Neigung im Wortsinne, wenn Menschen berührt werden. Menschen, die einsam sind, krank oder ausgegrenzt. Weil mit dem Körper auch die Seele berührt wird. Nicht umsonst ist das Wort berühren doppeldeutig: dass man körperlich berühren kann und seelisch. Und dass beides untrennbar miteinander verbunden ist. Schon im Mutterleib, in dem wir eingebettet waren in diese leib-seelische Rundum-Dauer-Berührung. Aus der wir dann raus mussten in diese helle kalte Welt, in der nur die Liebe ein Stück dieser Geborgenheit zurückbringt.

Und jetzt, seit Monaten auf Abstand? Was das wohl macht mit unseren Seelen? Wenn Menschen keinen Partner haben, der sie mal umarmt? Keine Kinder oder Enkel haben, die sie auf den Schoß nehmen dürfen? Oder im Altersheim eine Plexiglasscheibe zwischen sich und dem Besucher? Und das nicht verstehen können oder ertragen möchten?

Das schnürt mir das Herz zusammen. Und ich selbst halte es auch schwer aus, Menschen die ich mag oder liebe nicht so nahe kommen zu dürfen wie sie mir sind.

Ich hoffe sehr, dass die Zeit des Abstandhaltens so bald wie eben möglich vorbei ist: Dass sich keine dieser ungelenken Fuß- und Ellenbogen-Begrüßungen halten werden und unsere sowieso schon recht körperlose Gesellschaft noch körperloser wird. Das heißt aber beileibe nicht, dass ich derzeit Menschen gefährlich nahekommen und später Hinz und Kunz antatschen wollte. Nein. Aber dass ich die, die es wollen und brauchen, wieder berühre. Bis das wieder geht, richte ich mich nach einem afrikanischen Begrüßungswort. Es heißt „Sanibona“ und bedeutet „Ich sehe Dich“. Und nehme mir für jeden Menschen, den ich sonst mit Händedruck oder Umarmung begrüßen würde, Zeit, so viel Zeit um ihm in die Augen zu schauen und ihn wirklich zu sehen…

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15JUN2020
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Werner Redies gewidmet. In dankbarer Verbundenheit.

 

Sie haben ihn auf Händen getragen, zurück in seine Kirche, den Rottenburger Dom. Auf einem Stuhl, weil er gelähmt in sein Heimatbistum zurückgekehrt ist, nach sieben Jahren Verbannung durch die Nazis: Joannes Baptista Sproll, der siebte Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Warum erzähle ich das heute Morgen? Weil das gestern vor 75 Jahren war. Und weil mir Bischof Sproll auch heute mindestens zwei Dinge zu sagen hat. Das erste: dass es wichtig ist, aufmerksamzu sein, wachsam zu bleiben. Menschen und Ideologien gegenüber, die dem Menschen schaden. Und die darin auch meinem Glauben widersprechen. Schon 1931, sieben Jahre vor seiner Verbannung hat Bischof Sproll vor dem Nationalsozialsozialismus gewarnt und die Rassenideologie der Nazis als unvereinbar mit dem katholischen Glauben bezeichnet.

Zum anderen ist mir Bischof Sproll ein Vorbild darin standhaftzu bleiben. Wegen seiner ablehnenden Haltung den Nazis gegenüber wurde er verunglimpft, bedroht und letztlich auf Befehl Hitlers aus seiner Diözese verbannt. In die er, wie gesagt, gestern vor 75 Jahren zurückgekehrt ist.

Und heute will ich daran erinnern, weil wir auch heute wachsam und standhaft sein müssen. Wachsam gegenüber rassistischen und völkischen Parolen, die wieder in Deutschland zu hören sind. Wachsam gegenüber Leuten, von denen nichts Hilfreiches in der Corona-Krise zu hören oder zu sehen war. Die aber jetzt die Belastungen unter denen unsere Gesellschaft noch steht, für ihre gefährlichen Ideologien auszunutzen versuchen. 

Standhaft sein heißt es aber noch viel mehr gegenüber dem, was während dem letzten Jahr so alles passiert ist und durch die Corona-Krise schon fast vergessen wurde. Welche tödliche Kräfte in Deutschland wieder aktiv sind. In einem Rechtsterroristen, der den Regierungsdirektor in Kassel ermordet, weil er sich für geflüchtete Menschen eingesetzt hat.
In einem Antisemiten, der in Halle wahllos zwei Menschen erschießt aus Frust darüber, dass er kein Blutbad in einer Synagoge anrichten konnte. Und in einem Rassisten, der in Hanau 9 Menschen mit Migrationshintergrund ermordet. Wachsam und standhaft heißt heute: schon bei menschenfeindlichen Sprüchen einschreiten, klar aussprechen, dass die überhaupt nicht gehen. Denn auf Worte folgen zu oft Taten.

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