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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23MAI2020
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Wenn in diesem Jahr nicht alles anders wäre, dann hätten genau vor einer Woche die Oberammergauer Passionsspiele begonnen. Sie mussten wie so Vieles verschoben werden. Seit 1634 stellen die Dorfbewohner alle zehn Jahre die letzten fünf Tage im Leben Jesu nach. Zum Dank dafür, dass das Dorf bei einer schweren Epidemie nicht ganz ausgelöscht worden war. Es war nicht Corona, damals, es war die Pest, die Angst und Schrecken verbreitete und Vielen den Tod brachte.

In unserer Tradition ist es nicht üblich, den Glauben auf der Theaterbühne darzustellen. Und wenn, dann nur in den Krippenspielen der Kinder. In Oberammergau, da ist das anders. Da gehört es dazu, dass das ganze Dorf auf den Beinen und auf der Bühne ist. Über 2000 Menschen wirken da mit. Denn alle, die Einheimische sind oder schon lange dort leben, haben das Recht, mitzuspielen. Eine Rolle zu übernehmen im Leben Jesu.

Auch vor 2000 Jahren, als die reale Passion Jesu ihren Lauf genommen hat, waren viele Menschen beteiligt. Haben eine ‚Rolle gespielt‘, im doppelten Sinn. Es waren Menschen wie ich und vielleicht auch wie Sie, die damals beteiligt waren, als es für Jesus um Leben und Tod ging. Die ‚mitgespielt‘ haben, aktiv in tragenden Rollen oder eher am Rand und gleichgültig.

Und solche Menschen werden es auch heute sein, die in Oberammergau dabei sind. Sie spielen oft ein ganzes Leben lang mit, alle zehn Jahre. Allerdings: in immer wieder anderen Rollen. Der Jesus-Darsteller von gestern kann diesmal der sein, der ihn im Stich lassen wird oder gar zum Tod verurteilen. Die unbedeutende Magd am Feuer kann irgendwann die mitfühlende Veronika verkörpern, die Jesus ein Taschentuch reicht. Oder Maria von Magdala, die als erste erfahren hat, dass Jesus auferweckt wurde.

Mich fasziniert, dass die Rollen in diesem Stück immer wieder neu und anders besetzt werden. Auch bei mir wechselt das immer wieder. Manchmal fühle ich mich Jesus und seiner Botschaft ganz nah und stark genug, mit ihm durch alles hindurchzugehen. Und dann wieder bin ich voller Zweifel und halte mich am Rand auf, bei den Zuschauern, die erst mal sehen wollen, wie die Sache ausgeht.

Wenn ich bei den nächsten Aufführungen mitwirken würde, welche Rolle wäre dann wohl die meine?

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22MAI2020
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Gekränkter Stolz. Kaum ein anderes Gefühl kann so sehr an meinem Selbstbewusstsein nagen. Da hab ich doch so viel geleistet und bin so tüchtig und wichtig, und dann werde ich einfach übergangen. 

Kränkungen solcher Art gibt es nicht nur im persönlichen Bereich. Auch das stolze Selbstbild der Menschheit kann tiefe Kränkungen erfahren. Darauf hat vor über hundert Jahren Sigmund Freud hingewiesen. Er hat in der Geschichte drei große Kränkungen ausgemacht, die alle mit umstürzenden wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden sind. 

Die erste große Kränkung der Menschen in ihrem Selbstbild ist danach die Entdeckung von Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert. Er hat erkannt, dass die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist, und nicht die Erde und nicht der Mensch auf ihr. 

Die zweite Kränkungist für Freud mit dem Namen Charles Darwin verbunden. Die biologische Verwandtschaft mit den Tieren, insbesondere den Affen, erschien den Menschen damals als größte Demütigung. 

Die dritte große Kränkung unseres Stolzes sah Freud in seinen eigenen Erkenntnissen.  Bei seiner Arbeit als Psychiater fiel ihm auf, wie stark unser Gefühlsleben, aber auch unser Denken von der Kraft des Unbewussten bestimmt wird. Wir sind gleichsam nicht ‚Herr im eigenen Haus‘. Noch eine ungeheure Kränkung, geradezu eine Majestätsbeleidigung für aufgeklärte Menschen. 

Vielleicht ist ja auch das, was wir derzeit erleben, eine solche Kränkung. Eine vierte. Wir verfügen über atemberaubende Technologien, haben die ganze Welt zu einem vernetzten Dorf gemacht und entwerfen Maschinen, die an unserer Stelle denken und entscheiden können. Und dann – kommt da so ein Virus und legt die ganze Welt lahm. Verunsichert unstief.Zeigt uns, dass wir keine Götter sind und auch keine werden. Sondern Teil der Schöpfung bleiben. Ihren Gesetzen unterworfen, von denen wir geglaubt hatten, wir hätten sie quasi selbst in die Hand genommen. 

Die historischen ‚Kränkungen‘, die Sigmund Freud beschrieben hat, haben uns zurechtgestutzt in unserem Größenwahn und in unseren Allmachtsphantasien. Auch die Kränkung mit Namen Corona wird uns verändern. Wie, das weiß noch niemand. Aber ich habe die Hoffnung, dass uns das nicht nur schmerzen wird. Sondern, bei allem Schmerz, auch zeigen, was wirklich wichtig ist.

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20MAI2020
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Wonnemonat – so hat man früher etwas blumig den Mai genannt. Die kalte und dunkle Jahreszeit ist endgültig vorbei, alles treibt, wächst, blüht. Der Hormonspiegel hebt sich und mit ihm die Laune. So erleben es viele. 

Aber nicht alle. Längst nicht alle. Denn traurig oder beschwert kann man zu allen Jahreszeiten sein. Anlässe dazu gibt‘s ja immer. Und außer der kollektiven Krise, die wir gerade erleben, gibt es ja auch persönliche Krisen, die keine Rücksicht auf Jahreszeiten nehmen. Aus der Begleitung von trauernden Menschen weiß ich, dass viele gerade den Frühling als sehr zwiespältig erleben. Die Natur blüht nur für sich selbst, völlig unbeeindruckt von persönlichem Schmerz. Dazu kommt, dass das Frühjahr als die schönste Jahreszeit gilt, die gewissermaßen von selbst Laune macht und Lebensfreude weckt. Menschen, die trauern oder niedergeschlagen sind, fühlen sich dadurch auch noch unter Druck gesetzt. Und werden in ihrer Trauer noch einsamer. 

Aber sind denn alle anderen gut drauf? Nein, weiß Gott nicht. Der Mann, dessen Ehe gerade geschieden wurde, sieht nur Pärchen durch den Park gehen. Und die Frau, die sich schon so lange ein Kind gewünscht hat, sieht nur schwangere Frauen und süße Babys. Es gibt viel Trauer, die Menschen in sich tragen. Und der Mai, der scheint nicht nur die Freude zu verstärken, sondern auch die Trauer. 

Überhaupt fühlt sich jetzt Vieles viel intensiver an. Auch unsere Sehnsucht. Nach Menschen, die wir vermissen. Nach einem Leben, das wieder unbeschwerter ist. Das satt ist und prall und wirklich lebendig, und das zu dem passt, was die Natur uns gerade vor Augen führt. 

Wenn ich aber bei meiner Sehnsucht bin, dann bin ich auch bei meiner Hoffnung. Als Christin glaube ich, dass meine Sehnsucht kein blindes Gleis ist. Sie verheißt mir, dass da mehrist, als ich jetzt gerade spüre und sehe. Dass ich gehalten bin von einer großen, liebenden Hand, so stelle ich mir Gott am liebsten vor. Darin hat alles Platz, was ich mit meinenHänden nicht halten kann. Nicht festhalten und nicht aufhalten. Alles Schöne und alles Zwiespältige, alle Menschen, die den Frühling genießen und die anderen, die er eher traurig macht. Jetzt, im ‚Wonnemonat‘ Mai. Und ebenso in jeder anderen Zeit.

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19MAI2020
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Ein paar Stunden lang war er wohl der einsamste Mensch unseres Sonnensystems. Michael Collins, einer der drei Astronauten, die unterwegs waren zur ersten Mondlandung in der Geschichte der Menschheit. Seine Kollegen Armstrong und Aldrin haben die Oberfläche des Mondes schon betreten, hundert Kilometer über ihnen umkreist Collins den Erdtrabanten in der Kommandokapsel. Bei jeder Umrundung verschwindet Collins für einige Zeit hinter der dunklen Rückseite des Mondes, in der so genannten Mondnacht. In dieser Zeit ist der Funkkontakt zur Erde unterbrochen, der Astronaut mutterseelenallein auf sich selbst gestellt. Und dann kommt auch noch eine böse Überraschung: Die Kühlflüssigkeit wird zu kalt, Collins muss entscheiden, was jetzt zu tun ist. Ohne die Möglichkeit, sich mit dem Kontrollzentrum zu beraten. Sein Überleben und das seiner beiden Kollegen hängt jetzt davon ab, dass er richtig entscheidet. Er hat die Nerven behalten und das Richtige getan.

Michael Collins war der Mann im Mondschatten, und auch sonst blieb er eher im Schatten. Bei der Mondmission hatte Collins eigene Aufgaben, und nur weil er die präzise erfüllt hat, konnten die beiden anderen ihren spektakulären Gang auf dem Mond durchführen und wieder zur Erde zurückkehren. Erinnert uns das an irgendwas? Jetzt in dieser Zeit, in der es so viele Menschen gibt, die wir ‚stille Helden‘ nennen?

Interessant finde ich, was Michael Collins im Rückblick über seine Erfahrungen gesagt hat: „Ich glaube…, wenn die… Politiker dieser Welt ihren Planeten aus...100 000 Meilen Entfernung sehen könnten, würden sich ihre Ansichten fundamental ändern… Selbst die wichtigste Grenze wäre unsichtbar, der lauteste Streit unhörbar. Der kleine Globus würde sich weiter drehen, gelassen alle Teilungen ignorierenund stattdessen eine einheitliche Oberfläche präsentieren, die Verständnis und Gleichbehandlung fordert. Die Erde sollte so werden, wie sie sich uns zeigt: blau und weiß, nicht kapitalistisch oder kommunistisch; blau und weiß, nicht arm oder reich; blau und weiß, nicht neidisch oder beneidet."[1]

Verglichen mit Michael Collins ist der Abstand, den wir derzeit einhalten müssen, verschwindend gering. Und doch: Vielleicht kann diese Erfahrung auch unsere Perspektive ein bisschen zurechtrücken. Wäre das schön!

 

[1]Michael Collins, "Carrying the Fire", 1974. Zitiert nach t-online-Nachrichten vom 20.07.2019

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18MAI2020
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Was könnte man einem Hundertjährigen zum Geburtstag schenken? Gar nicht so leicht. Erst recht, wenn der Jubilar schon tot ist – und auch noch ein Papst war!

Johannes Paul II. wäre heute hundert. Aus diesem Anlass ging mir diese Frage durch den Kopf. Und auch eine andere: Was habe ich an ihm besonders geschätzt? Da musste ich nicht lange nachdenken: Barmherzigkeit. Die war ihm besonders wichtig. Es war ihm ernst damit, auch ganz persönlich. Das hat sich gezeigt, als ein Attentat auf ihn verübt wurde, das er um Haaresbreite überlebt hat. Johannes Paul II. hat seinem Attentäter vergeben. Er hat ihn im Gefängnis besucht und lange unter vier Augen mit ihm geredet. 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. (Lukas 6,36) Dieser Aufforderung Jesu an seine Freunde wollte der Papst aus Polen folgen. Und darin fühle ich mich ihm sehr verbunden. Auch wenn ich manches andere, was er entschieden und vertreten hat, nicht verstehe und anders beurteile. Etwa sein ganz traditionelles Frauenbild oder seine enge Sexuallehre. Aber heute, an seinem runden Geburtstag, möchte ich das aufnehmen, was uns verbindet. Ich will diesen Tag zu einem ‚Tag der Barmherzigkeit‘ machen, zu meinem ganz persönlichen. Dieser Gedanke soll mich heute durch den Tag begleiten. Ob das vielleicht ein Geburtstagsgeschenk wäre? 

Barmherzig sein – da fang ich gleich mal bei mir selbst an, denn auch heute wird es viele Gelegenheiten geben, mich selbst fertigzumachen und zu verurteilen. Barmherzig will ich heute auch auf alles schauen, was mir begegnet. Auf Menschen, mit denen ich heute irgendwie Kontakt habe. Ich will einen liebevollen Blick einüben, der nicht nur kalt seziert, sondern versteht und notfalls auch großzügig verzeiht. Ich will mein Herz aufdehnen, damit es weit wird und viel Platz hat. Platz hat für Viele, die Erbarmen brauchen. Der barmherzige Blick sieht mehr, tiefer, anderes als nur die Oberfläche, die oft nur Fassade ist. Eine Fassade, die zusammengehalten wird von der Angst, kein Erbarmen zu finden. 

Mein ‚Tag der Barmherzigkeit‘, vielleicht kann er mein Herz ein bisschen weiter machen, verständnisvoller, kompromissfähiger. Eben: barmherzig, wie auch Gott, den wir Vater nennen, barmherzig ist.

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