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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28MRZ2020
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„Wir haben ein Dach und ein Brot im Fach, und Wasser im Haus, da hält man’s aus. Wir haben es warm und haben ein Bett. O Gott, dass doch jeder das alles hätt!“ Das ist ein Text von Reiner Kunze und er heißt „Fast ein Gebet“.

Ich habe mich gefragt, warum Reiner Kunze ihn so genannt hat. Was würde er denn sagen, wenn er nicht nur „fast ein Gebet“ formulieren, sondern voll und ganz beten würde? Würde er Gott fragen, klagen oder ihn anklagen, dass es so viele Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie den meisten von uns? Wie uns, die wir mehr, so viel mehr haben als ein Dach überm Kopf, Brot zu essen, Wasser zu trinken und ein warmes Bett, in das wir uns jeden Abend legen können. Auch und gerade in diesen sorgenvollen Zeiten, in denen wir Vieles entbehren müssen.
Natürlich findet man immer Menschen, denen es schlechter geht, als einem selbst. Und das soll auch kein falscher Trost sein. Und ich weiß auch sehr wohl, dass viele Menschen am frühen Morgen vor den Nachrichten nicht auch noch in den kirchlichen Sendungen vom Elend der Welt hören wollen. Aber ich möchte gerade jetzt nicht die Menschen vergessen, denen es schon lange viel schlechter geht als uns.

Die Menschen in Syrien etwa, die seit 9 Jahren Krieg haben.

Die Menschen in Ostafrika, denen eine Heuschreckenplage die Ernte genommen hat und wo es in manchen Regionen seit Jahren nicht geregnet hat.

Und nicht zuletzt die Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern, die bei Wind und Wetter, Nässe und Kälte in Zelten auf Papp-Kartons schlafen.

Ja ich weiß, das alles drückt nur noch mehr auf die Seele, mir auch. Aber ich finde ich darf diese Menschen nicht aus den Augen verlieren. Und wenn es nur dazu dient, dass ich sie wieder in den Blick nehme, wenn wir hier das Gröbste überstanden haben. Denn sie „haben kein Dach und kein Brot im Fach und auch kein Wasser im Haus. Sie haben’s nicht warm und oft nicht einmal ein Bett. O Gott, dass doch jeder das wenigstens hätt“…

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27MRZ2020
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An diesem Schabbat beginnen wir mit der Lesung des dritten Mosebuches, Leviticus in unseren Synagogen. Es befasst sich vorwiegend mit den Tempelopfergaben des alten Israels und seinen Priestern.

Diese dienten dazu die Verfehlungen, die schwer auf dem Gewissen des Einzelnen, wie auch der Gemeinschaft lasteten, zu sühnen. Seit der Zerstörung des Tempels durch die Eroberer des Heiligen Landes um die Zeitenwende und der Vertreibung der Israeliten aus ihrem Land wurden keine Tempelopfer mehr dargebracht. An ihre Stelle traten die täglichen Gebete, - die Liturgie, die von den Rabbinern des Talmuds, der nachbiblischen Literatur, zusammengestellt und eingesetzt wurden.

Die Einführung der regelmäßigen Gebetsg-ttesdienste war eine „Erfindung“ und eine besondere „Leistung“ der Pharisäer. Sie bildeten eine philosophische und politische Gruppe im antiken Judentum. Nach der Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem setzten sie das Hauptgewicht auf das Studium der biblischen Schriften und erwirkten dadurch die Anpassung und Aktualisierung des altertümlichen Schrifttums in der veränderten politischen und gesellschaftlichen Lage. Der Talmud war ihr Werk. Die späteren Abhandlungen des Neuen Testaments übersahen, dass, wenn Jesus und seine Jünger keine so aktiven Pharisäer gewesen wären, die Christen in aller Welt niemals von ihnen das Beten erlernt hätten....

Die älteste Grundform der Andacht waren die Benediktionen: Segen, in denen wir G-tt rühmen und für Seine Gnade danken. Der hebräische Ausdruck für „Segen“ heißt „Bracha“. Das Verb, das diesem hebräischen Hauptwort zugrunde liegt bedeutete ursprünglich: „auf die Knie fallen.“ Diese klassische Gebetshaltung des demütigen Beters finden wir heute öfter in der Kirche, als in einer Synagoge.

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26MRZ2020
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Es gibt auch noch ein Leben ohne Corona! Diesen Satz musste ich mir in den letzten Tagen immer mal wieder selbst sagen. Denn diese Tage sind nicht nur eine große Herausforderung für unser Gemeinwesen, sondern auch für jeden Einzelnen. Weil das Dauerthema Corona nicht nur Sorgen machen kann, sondern auch nerven oder aufs Gemüt schlagen. Darum hab ich mir ein paar Dinge überlegt, die generell gut tun und vielleicht helfen könnten, auch seelisch gut durch diese Zeit zu kommen.

Zu allererst: Immer wieder Corona-Auszeiten. Dieses Thema immer wieder auch ausblenden, ja auch bewusst verdrängen. Also nicht dauernd Zeitung lesen, Nachrichten sehen oder hören. Schon informiert bleiben, aber dosiert. Und immer wieder auch was Schönes machen, etwas das einem gut tut.

Dann: soziale Kontakte aufrechterhalten. Gerade jetzt wo man körperlich so auf Distanz gehen muss. Ein freundlicher Gruß auf der Straße oder ein Schwatz über den Gartenzaun. Telefon, Handys, und Laptops können jetzt echt ein Segen sein, weil man mit ihnen gut Kontakt halten kann ohne sich zu nahe zu kommen.

Diese Tage könnten auch eine gute Gelegenheit sein mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen oder Freundschaften zu pflegen. Wie geht’s denn dem oder was macht die eigentlich? Mal einen Brief schreiben. Die Post liefert ja noch aus.  

Und wenn es einem zu eng oder zu viel wird in der Wohnung, in der Familie, dann raus in die Natur, solange wir das dürfen. Spazieren gehen, wandern. Das tut dem Leib und der Seele gut. „Wenn nichts mehr geht dann geh“, sagt der Psychotherapeut und Pater Anselm Grün. Weil das Gehen den Fluchtreflex bedient, Aggressionen abbaut und Depressionen vorbeugt.

Dabei und überhaupt: Nicht die Zukunft aus den Augen verlieren. Es gab ein Leben vor dieser Krise und es gibt auch eines danach. Eine Langzeitperspektive einnehmen. Auch und gerade jetzt, wenn das Leben schwierig ist oder schwer fällt, das geht vorbei, es wird wieder anders. Und manches vielleicht sogar besser oder schöner. Wenn wir auch etwas aus dieser Krise lernen konnten. Oder ganz neu schätzen, wenn wir uns wieder berühren und umarmen können…

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25MRZ2020
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Stillstand. Die Welt wie wir sie kennen, der Alltag, das Rad, das sich so unaufhörlich und schnell dreht, steht weitgehend still. Für Menschen wie mich, die nicht im Gesundheitswesen, Güterverkehr oder in der Lebensmittelbranche arbeiten, ist das irreal. Und auch erschreckend. Erschreckend, dass das nun nötig und Realität ist. Und auch was dieser Stillstand für Konsequenzen hat, wenn er denn länger gehen muss als bis nach den Osterferien. Es gibt aber auch eine andere Seite des Stillstands, die ich mit aller Vorsicht zu bedenken geben möchte. Einen Blick auf diese andere Seite hat ein unbekannter Verfasser oder eine unbekannte Verfasserin geworfen. Und als Text ins Internet gestellt. In diesem Text sind so viele Gedanken, die ich auch habe, dass ich es mir erlaubt habe ihn zu überarbeiten und mit folgenden Worten zu meinem zu machen:

„Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern eingesperrt fühlen. Es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, wie in Italien, von Balkon zu Balkon. Gegen die Einsamkeit und als Ausdruck der Hoffnung. Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele persönliche und berufliche Einschränkungen mit sich bringt. Es kann aber auch sein, dass die Erde eine Erholungspause hat und Kinder in Chinas Großstädten vielleicht zum ersten Mal richtig frische Luft atmen.
Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet. Es kann aber auch sein, dass Eltern und Kinder in diesen Wochen so viel Zeit füreinander haben wie nie zuvor und vielleicht auch nie wieder.
Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft großen Schaden erleidet, es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Und dass ständiges Wachstum eine verrückte Idee der Konsumgesellschaft ist. Es könnte sein, dass uns das alles überfordert.


Es kann aber auch sein, dass wir spüren, dass in dieser Krise auch die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt: der die Erde aufatmen lässt, die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt, unsere Gesellschaft enorm entschleunigt und die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann.“

 

Als dieser Beitrag von Peter Kottlorz geschrieben und aufgenommen wurde, war ihm die Autorin des Textes, auf den er sich bezieht, noch nicht bekannt. Dies ist jetzt der Fall, darum hier der Link zum Originaltext von Frau Draxler:

Quelle: https://www.tanjadraxler.com/blog/es-koennte-sein/

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24MRZ2020
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„Krisen bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor“. Diese Lebenserfahrung bewahrheitet sich in diesen Tagen mal wieder.
Wenn zum Beispiel Menschen Unmengen an Klopapier oder Konserven kaufen und so mehr, viel mehr horten als sie es brauchen und es anderen damit wegnehmen. Es gibt aber auch Menschen wie die Frauen in meinem Supermarkt, die die Leute, die mit ihren Hamsterwaren an die Kasse kommen, so freundlich wie deutlich zurück an die Regale schicken und bitten, mit einer normalen Menge zurückzukommen. Oder es gibt mittlerweile Netzwerke, die für ältere oder kranke Menschen einkaufen und dafür sorgen, dass sie sich nicht allein fühlen. Ganz zu schweigen von all den Menschen, die gerade dafür sorgen, dass Kranke behandelt, Gesunde geschützt und Lebensmittel erhältlich sind. Also ich erlebe gerade viel mehr vom Besten der Menschen als vom Schlechtesten. Darüber bin ich ziemlich froh und hoffe, dass das auch so bleibt.
Denn wenn die gesundheitliche Krise überstanden ist, wird es eine wirtschaftliche geben. Und da wird sich zeigen, ob sich eines der schlimmsten seelischen Viren der Menschheit verbreiten wird: der Egoismus. Oder sein Heilmittel, der Gemeinschaftssinn, die Solidarität oder christlich ausgedrückt: die Nächstenliebe. Zu dieser Frage heute schon mal folgende ermutigende Geschichte*:

„Eine fromme Frau bittet Gott den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubt es ihr und führt sie in einen großen Raum. In seiner Mitte steht auf dem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Rundherum sitzen Leute mit langen Löffeln, alle stochern in dem Topf, aber sie sehen blass aus, mager und elend.  So sehr sie sich auch bemühen, die Stiele der Löffel sind zu lang. Sie können das herrliche Essen nicht in den Mund bringen. „Was für ein seltsamer Ort“, sagt die Frau. „Das“, antwortet Gott, „ist die Hölle.“ Sie gehen in einen zweiten Raum, der genauso aussieht wie der erste. Auch hier brennt ein Feuer, und darüber kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen rundherum, auch sie haben Löffel mit langen Stielen, aber sie sind alle gut genährt, lachen und scherzen. Einer gibt dem anderen mit seinem langen Löffel zu essen. „Und dies“, sagt Gott, „ist der Himmel.“

 

*Quelle: „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere  Zeiten, Hamburg, 2007. S. 11

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23MRZ2020
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Dies ist eine Sendung gegen die Angst. Denn Angst kann man schon haben in Zeiten wie diesen. Tägliche, ja stündliche Meldungen über bedrohliche Zustände. Immer drastischere Maßnahmen werden ergriffen, damit Schlimmeres verhindert wird. Und dazu ist alles noch so abstrakt. All die Schreckensszenarien in den Medien und all die von der Politik verordneten Einschränkungen stehen im Kontrast zu meinem Lebensumfeld. Wo noch nichts zu sehen und zu spüren ist vom gefürchteten Virus. Noch nicht zu sehen und zu spüren. Denn die Medienberichte zeigen ja, wie schnell sich das ändern kann und dass wir genau deswegen jetzt ganz konsequent sein müssen. Aber das mit kühlem Kopf und heißem Herzen. Und das so weit wie eben möglich ohne zu viel Angst. Denn so sinnvoll Angst als Warnsignal und Schutz auch ist, zu viel Angst quält und lähmt nur. Vorsicht und Sorgfalt, ja. Panik und Zwanghaftigkeit, nein. Ruhe und Zuversicht, ja. Hektik und Schwarzseherei, nein. Aufmerksamkeit und Fürsorge, ja. Aber Dauerbeschäftigung mit dem Virus und Hamsterkäufe, nein. Denn es gibt auch ein Leben ohne Corona. Und es wird auch eines danach geben. Zu viel Angst führt nur zu einer Angst vor der Angst. Und die hilft nichts und niemandem. Sie führt höchstens zu einer unterschwelligen Lebensangst, die die Lebenskraft und Lebensfreude nimmt.

Zu dieser Angst vor der Angst gibt es einen so schönen wie wohltuenden Text. Er ist von der Dichterin Mascha Kaléko.* Sie muss diese Ängste wohl auch gut gekannt haben. Und mit ihrem Text, will sie dazu ermutigen, sie zu verscheuchen und sich nicht zu viel zu ängstigen. 

Jage die Ängste fort“, beginnt dieser Text,
und die Angst vor den Ängsten. Für ein paar Jahre wird wohl alles noch reichen, das Brot im Kasten und der Anzug im Schrank. Sage nicht mein, es ist dir alles geliehen, lebe auf Zeit und sieh’ wie wenig du brauchst. Richte dich ein und halte den Koffer bereit. Es ist wahr, was sie sagen, was kommen muss, kommt. Geh’ dem Leid nicht entgegen. Und ist es da, sieh’ ihm still ins Gesicht. Es ist vergänglich wie Glück …

Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet im großen Plan. Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.

 

*Quelle: Mascha Kaléko, Die paar leuchtenden Jahre, dtv, München, 2003, „Rezept“, S.27.

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