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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16NOV2019
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Unsere Enkeltochter ist vor zwei Monaten in die Schule gekommen. Nach der ersten Woche Unterricht ist sie nach Hause gekommen und hat mitgeteilt: Ich habe eine neue Freundin. „Und wie heißt die?“, haben wir gefragt. Als sie dann den Namen ihrer Klassenlehrerin genannt hat, haben wir uns erst mal gewundert und dann gefreut.

Was für ein Start, wenn die Erstklässlerin ihre Lehrerin so schätzt, dass sie sie als ihre Freundin bezeichnet. Wie offen und bereitwillig wird sie bei dieser Lehrerin lernen.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke war es auch so, dass die Vorliebe für ein Fach oft damit zusammengehangen hat, ob ich den Lehrer oder die Lehrerin gemocht habe. Selbst im Studium haben wir Vorlesungen nicht nur nach Inhaltlichen Gesichtspunkten gewählt, sondern danach, wie interessant die Professoren waren.

Bildung geschieht eben vor allem durch Vorbilder.

Natürlich braucht man auch Bildungseinrichtungen, damit das funktioniert: Kindergärten, Schulen, Universitäten. Der Bildungsstand in unserem Land hat im Wesentlichen zwei Säulen, auf denen er sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Das waren einmal die Klöster des Mittelalters, aus denen die ersten Universitäten hervorgegangen sind. Zum anderen war es als Folge der Reformation das öffentliche Schulwesen. Nachdem Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt hatte, sollte sie auch jeder lesen können. Und damit die Leute lesen konnten, drängte er darauf, dass überall Schulen gegründet wurden, nicht nur für die Kinder reicher Leute, sondern für alle.

Aber in allen Einrichtungen sind immer die Persönlichkeiten entscheidend. Gute Vorbilder wecken Eifer und Motivation, lassen einen mit Freude und erwartungsvoll an die Arbeit gehen. 

Und ich finde, jeder ist in irgendeiner Weise Vorbild, ob als Lehrer oder Vorgesetzter, ob als Vater oder als Mutter. Und damit stehen wir auch in einer entsprechenden Verantwortung.

Welche Menschen achten heute erwartungsvoll auf mich, orientieren sich an mir?

Die müssen mich nicht gleich als ihren neuen Freund bezeichnen wie meine Enkelin ihre Lehrerin. Aber wenn ich für sie eine positive Herausforderung war, wenn ich einen ermutigenden Anstoß geben konnte, dann hat sich der Tag gelohnt. Solch einen Tag wünsche ich ihnen jedenfalls heute auch.

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15NOV2019
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Heute können sie den Klimawandel stoppen. Nicht für die ganze Welt, aber in Ihrer Welt. Dort wo, sie leben. Ich meine nicht den meteorologischen Klimawandel. 

Ich meine den gesellschaftlichen Klimawandel. Auch das Klima der Menschen untereinander ändert sich, finde ich. Es sind schädliche sprachliche Emissionen, die das Klima vergiften: Lästern zum Beispiel, Gerüchte, Fakenews oder Hasstiraden.

Etliche Zeitungen z.B. haben in ihrer Onlineausgabe die Kommentarfunktion eingestellt. Grund ist die nicht mehr zu bewältigende Zahl von beleidigenden Äußerungen, die gelöscht werden müssen.

Ähnliche Probleme im Umgang der Menschen untereinander hat es wohl schon immer gegeben. In einem Brief, der in der Bibel aufbewahrt ist, lese ich (Eph4, 29):

Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht. Was ihr sagt, soll hilfreich und ermutigend sein, eine Wohltat für alle. 

Der Briefschreiber hat um die Wirkung giftiger Worte gewusst, wenn schlecht über andere geredet wird. Sein Ziel ist aber nicht nur, giftige Worte zu verhindern, sondern stattdessen heilsame Worte hervorzubringen. Jeder übt mit seinen Worten einen großen Einfluss aus, den wir oft unterschätzen. 

Die Menschenwürde halten wir hoch und können sie doch gleichzeitig so leicht mit Worten verletzen.

Aber statt das Miteinander durch unsere Worte zu gefährden, können wir es ja durch unsere Worte auch fördern.

Jeder nimmt jeden Tag auf seine Weise Einfluss auf die Atmosphäre zu Hause, in der Nachbarschaft und in der Firma, wo wir ja sogar vom Betriebsklima sprechen.

Wie lässt sich da der Klimawandel, wie lassen sich die schädlichen sprachlichen Emissionen stoppen? Der nötige Klimaschutz besteht nicht nur in der Vermeidung giftiger Worte. Er ist zutiefst eine Frage der inneren Haltung, der Einstellung zu den Menschen um uns herum. Wenn mir jemand viel bedeutet, werde ich ihn nicht niedermachen. Vielmehr werde ich ihn eher aufbauen, ermutigen. So wie wir es mit Kindern tun, wenn ihnen etwas misslungen ist. Je nachdem also wie ich den anderen sehe werde ich mit ihm und über ihn reden. Als Christ glaube ich, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Das gilt auch für die, die mir das Leben schwer machen. Auch die besitzen ihre einzigartige Bedeutung und Würde als Geschöpfe Gottes. Wenn ich aus diesem Blickwinkel die Menschen um mich herum betrachte, gewinne ich eine neue Grundhaltung, die sich auch in der Wortwahl ausdrückt.

Daher ist es nicht übertrieben, dass sie heute den zwischenmenschlichen Klimawandel nicht nur stoppen können, sie können sogar das Klima verbessern. 

Dazu wünsche ich ihnen einen heiteren Tag unter Gottes Segen.

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14NOV2019
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Heute vor 79 Jahren hat die deutsche Luftwaffe verheerende Bombenangriffe auf die englische Stadt Coventry geflogen. Dabei sind über 4000 Häuser zerstört und über 500 Menschen getötet worden. Von der Kathedrale ist nur eine Ruine stehen geblieben. In die Restmauer hat der Domprobst spontan die Worte meißeln lassen: FATHER FORGIVE – Vater vergib.

Damit war etwas in Stein gemeißelt, was weltweit Kreise ziehen sollte, auch wenn es lange dauerte. 

Vergebung: In meiner Stadt Pforzheim habe ich erlebt, dass das wirklich möglich ist:

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges ist Pforzheim von englischen Bombern völlig zerstört worden. Drei Wochen später folgte ein Racheakt, der allem Kriegsrecht widersprach. Die Nazis haben hier fünf englische Fliegeroffiziere, die man gefangen genommen hatte, ermorden lassen. Für die Tat hatten sie Hitlerjungen angestiftet. Jahrzehnte war das Verbrechen vor Ort ein Tabu geblieben.

Nach 38 Jahren begann aber doch die Versöhnungsarbeit. Pforzheimer haben in England Kontakt gesucht zu Angehörigen der ermordeten Fliegeroffiziere. Und zu einem Gedenkgottesdienst ist tatsächlich Marjorie Frost gekommen, die Witwe des ermordeten Harold Frost. Gegen Ende des Gottesdienstes ist ein alter Mann in Tränen ausgebrochen und bekannte: Ich war einer von den Hitlerjungen. Und die Reaktion von Marjorie Frost? Sie wollte den Mörder ihres Mannes kennenlernen und sagte: Ich trage ihm nichts nach. Möge er inneren Frieden finden.

Für mich hat sie damit umgesetzt, was dort in Coventry in Stein gemeißelt ist : Vater vergib.

Und ich finde: So kann Frieden werden, wenn Menschen im Sinne Jesu vergebungsbereit und versöhnungsbereit sind.

Bis heute treffen sich in Coventry in der Ruine der Kathedrale jeden Freitag um 12.00 Uhr Menschen zum Versöhnungsgebet. Und es hat weltweit Kreise gezogen. Was in Coventry praktiziert wird, geschieht auch in 49 deutschen Städten und über hundert weiteren auf der ganzen Welt.

In dem Versöhnungsgebet heißt es unter anderem:
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Und das Gebet schließt mit  dem Bibelwort:
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.  

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13NOV2019
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Zugegeben: Man hört mir an, dass ich ein „Reingeschmeckter“ bin. Manchmal fragt mich jemand nach spätestens fünf Minuten: „Sie sind nicht von hier, oder?“ Ich lächle und sage: „Doch, ich lebe schon seit dreißig Jahren in Baden-Württemberg. Nach meinem Studium in Tübingen bin hier „hängen“ geblieben.“ Dann stellt der andere als nächstes fest: „Aber man hört es Ihnen nicht an!“. Auch das stimmt. Denn ich fände es merkwürdig, wenn ich als gebürtiger Nordhesse mit einer aus Bremen stammenden Mutter, der in Ostwestfalen aufgewachsen ist, plötzlich zu „schwäbeln“ anfinge. Dennoch lebe ich bereits lange genug in Schwaben, dass manches Verhalten auf mich abgefärbt hat. So bezeichnen mich manche schon als echten „Bruddler“, im Norden würde man „Nörgler“ sagen. Läuft etwas nicht so, wie ich es mir vorstelle, beginne ich zu „bruddeln“. Und manchmal halte ich es recht genau mit dem schwäbischen Motto, das ich jetzt hochdeutsch formuliere: „Habe ich nichts zu meckern, ist das schon ein großes Lob!“ Dabei tut einem ständiges „Bruddeln“ gar nicht gut. Das merke ich wohl. Andererseits: Manchmal ist ein wenig bruddeln gesünder, als allen Ärger in sich reinzufressen. Wer jedoch nur „bruddelt“, motzt oder kritisiert, wird von seinen Mitmenschen nicht sonderlich geliebt. 

Auch deshalb versuche ich, meinen kritischen Blick zu verändern. „Loben statt motzen“ wäre hin und wieder eine interessante Alternative, denke ich mir. Dazu jedoch muss ich zunächst Positives entdecken und aussprechen. Ich könnte also erst einmal „danke“ für etwas sagen, was ich empfangen habe, bevor ich Kritik äußere. Denn das Danken tut sowohl dem dankenden Menschen als auch dem Bedankten gut und entspannt manch angespannte Lage. „Dankbarkeit“ wirkt positiv und dient dem Frieden zwischen den Menschen. Ich falle dann nicht sofort mit meiner Kritik ins Haus, sondern überlege erst einmal, wofür ich danken kann. Dankbarkeit jedoch braucht zuerst mein Denken, mein Nach-Denken, denn „denken“ und „danken“ haben denselben Wortstamm. Deshalb nehme ich mir vor: Sollte ich mal wieder kurz vorm „Bruddeln“ sein, will ich erst einmal schauen und nachdenken, wofür ich „dankbar“ bin. Das tut mir gut und meinen Mitmenschen auch, denn es stiftet Frieden. Und das ist genau das, wozu ein biblischer Text ermutigt: „Glücklich sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).

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12NOV2019
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Zehn Tage für den Frieden – das ist die weltweite Ökumenische Friedensdekade. Im Moment sind wir mitten drin. In diesem Jahr hat sie das Motto „FriedensKlima“. Bis zum 20. November treffen sich friedensbewegte Menschen zu gemeinsamen Gottesdiensten und Gebeten. Sie nehmen so ihre christliche Verantwortung für Schöpfung und Welt wahr. „FriedensKlima“: Dies spannende Wort „beschreibt den Wunsch nach einer besseren Welt und zugleich eine bereits gelebte Praxis“. Wir Christen hoffen auf eine neue Welt, die Gott versprochen hat. Einmal wird sie kommen, hat sein Sohn Jesus gesagt. Dann werden alle Menschen an einem Tisch sitzen. Bereits jetzt fängt Gottes neue Welt an – und zwar überall da, wo Menschen im Sinne Gottes leben; wo sie sich für das Erhalten der Umwelt einsetzen, für ein gewaltfreies Miteinander oder ihre Konflikte einfallsreich lösen.

Dabei spricht das biblische Motto des heutigen Tages in der FriedensDekade von Jesus Christus. Von ihm heißt es in einem biblischen Text: „Denn Christus ist unser Friede. Er hat die trennende Mauer zwischen den Menschen überwunden, indem Er diese durch sein Kommen überbrückte“ (nach Epheser 2). Vor drei Tagen wurde an den Fall der Berliner und gesamtdeutschen Mauer von 1989 erinnert. Dass diese Mauer, an der so viele Menschen starben, beseitigt wurde, ist für mich bis heute ein Wunder! Dass Ost und West, die durch tiefe ideologische Gräben voneinander getrennt waren, wieder zusammenkamen, erscheint mir noch oft wie ein Traum. Und dass all dies friedlich, ohne Waffengewalt vollzogen wurde, erstaunt mich noch immer. Es geht also: Menschen können ihre Konflikte gewaltfrei lösen. Damals trugen die Kirchen ihren Teil dazu bei – mit Gottesdiensten, Gebeten, Demonstrationen. Heute jedoch erlebe ich, wie neue Mauern – manchmal nur in Köpfen oder sozialen Medien – hochgezogen werden. Das gesellschaftliche Klima ist nicht mehr so friedlich wie noch vor einigen Jahren. Der Umgangston wird rauer. Man spricht nicht mehr miteinander. Gegenseitiges Beschimpfen scheint normal zu werden. Man diskutiert nicht mehr sachlich, hört einander kaum noch zu. In dieser Situation mahnt das Stichwort „FriedensKlima“: „Reiß die Mauer zwischen dir und deinem Mitmenschen ein. Lass dich auf neue Gespräche ein. Heb die Feindschaft zwischen dir und deinem Nachbarn auf.“ Ein solches Friedensklima wirkt sich aus – bei Ihnen, bei mir und in der Schöpfung. Für dies Friedensklima lohnt sich aller Einsatz.

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11NOV2019
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Manche Zeitgenossen stehen heute voller Vorfreude auf. Denn endlich beginnt sie, die fünfte Jahreszeit. Heute, um 11 Uhr 11 fällt der Startschuss für die neue Faschings- oder Karneval-Session. An vielen Orten gibt es dafür eine eigene Tradition. Noch dauert es zwar einige Monate bis zum karnevalistischen Höhepunkt mit Prunk- und Stunksitzungen sowie den Umzügen am Rosenmontag. Aber ab heute bereiten sich manche schon darauf vor. Sie überlegen sich vielleicht schon, wie sie sich verkleiden, wie sie ihre Wagen und Umzüge gestalten wollen. Warum beginnt der Karneval bereits am 11. November? Manche sagen, das hängt mit dem Advent zusammen. In drei Wochen ist ja der erste Advent. Und Advent war ursprünglich eine Fastenzeit. In der Adventszeit sollen sich Christen innerlich auf Jesu Kommen in die Welt und in ihr Leben ausrichten. Deshalb verzehrte man vor Beginn der adventlichen Fastenzeit all jene Lebensmittel, die nicht „fastenzeittauglich“ sind. Das waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Fleisch, Fett, Schmalz, Eier und Milchprodukte. Das bedeutet: Jetzt stillt man seinen „Hunger“ auf Fleisch oder Süßigkeiten. Dennoch gibt es in den Wochen bis zum ersten Advent bereits erste Faschings- und Karnevalsveranstaltungen.

Welches Motto die jeweiligen Faschingshochburgen in diesem Jahr wählen, weiß ich nicht. In der Bibel jedoch finde ich ein Motto, das gut zu Fasching und Karneval, zum Feiern und Verkleiden passt. Es lautet: „Sei weise zum Guten, aber geschieden vom Bösen“ (nach Römer 16,19). Dieser Hinweis auf das zwischenmenschliche Miteinander ist nicht nur für den Umgang in der Faschingszeit sinnvoll, sondern ganz generell. „Sei weise zum Guten“ fordert auf eine angenehme Weise heraus. Denn dann überlege ich mir nicht, wie ich mein Gegenüber schädige oder in den Schatten stelle. Ich überlege mir auch nicht, wie ich ihn in die „Pfanne haue“ oder mich über sie lustig mache. Sondern ich überlege, was meinem Gegenüber „gut“ tun könnte. Mit dieser Grundmelodie, meinem Gegenüber „Gutes tun zu wollen“ ließe sich gewiss prima Fastnacht, Fasching feiern. Ich denke darüber nach, was mein Gegenüber braucht, um sich wohl zu fühlen und gern feiern zu können – einerlei ob verkleidet oder nicht. So wünsche ich Ihnen heute einen gesegneten Tag und einen erfreulichen Anfang der „fünften Jahreszeit“.

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