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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02NOV2019
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Manchmal ist es leichter, einen anderen vorzuschicken. Zum Beispiel, wenn schwierige Dinge zu besprechen sind. Aber so richtig weiter kommt man nur im direkten Gespräch. 

Jesus jedenfalls hat das anscheinend so gesehen. In der Bibel wird erzählt [vgl. Matthäus 20,20-28], wie Jesus mit seinen Jüngern unterwegs ist, und zwei Jünger wollen etwas von ihm. Und zwar nichts Kleines: Sie wollen die beiden Ehrenplätze an seiner Seite haben. 

Das ist ein gewaltiger Wunsch. Der geht ihnen nicht so leicht über die Lippen. Also nehmen die beiden ihre Mutter mit und schicken sie vor. Und die fragt dann für die beiden bei Jesus nach. 

Im ersten Moment muss ich da schmunzeln. Die beiden haben wohl Angst vor der eigenen Courage! Und entpuppen sich als wahre Muttersöhnchen. Wenn die schon so große Ziele haben, dann sollen sie auch dazu stehen, finde ich … 

Aber – ich mache das ja selbst oft genug. Ich wähle oft auch nicht den direkten Weg. Sondern ich kommuniziere indirekt, über andere. Gerade bei schwierigen Themen. Wenn ich mir zum Beispiel etwas Größeres wünsche. Oder auch, wenn ich etwas kritisch sehe. 

Vielleicht kennen Sie die Formulierungen ja auch: „Sag’ dem doch mal, ich steh’ gern zur Verfügung.“ Oder: „Können Sie weitergeben, dass das nicht in Ordnung war?“ 

Das Problem ist nur: Wenn man übers Eck sein Anliegen vorbringt, entstehen rasch Missverständnisse. Und die kann der andere dann auch nicht klären. Dasselbe kann passieren, wenn auch die Antwort nur indirekt zurückkommt. Die Verständigung wird unklar, uneindeutig. Und die Sache, um die es geht, ist plötzlich noch schwieriger als vorher. 

Jesus hat damals gar nicht der Mutter geantwortet, die die Bitte vorgebracht hat. Sondern er spricht die beiden Jünger gleich direkt an, erzählt die Bibel. „Bei mir und im Reich Gottes gelten andere Regeln“, sagt er. „Da gibt es keinen Anspruch auf Ehrenplätze. Man kann sie sich auch nicht verdienen.“ 

Die beiden Jünger hatten sich sicher eine andere Antwort erhofft. Aber – jetzt wissen sie immerhin genau, woran sie sind. Und sie haben etwas gelernt von Jesus. 

Was lerne ich aus der Geschichte? Ich will versuchen, auch schwierige Dinge selbst anzusprechen. Und umgekehrt: Wenn jemand mit dem Anliegen eines anderen kommt, frage ich ihn, ob auch ein direkter Kontakt möglich ist. Für mehr Klarheit.

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31OKT2019
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In der Zeitung lese ich oft von Entschuldigungen. Und meistens heißt es dann, dass sich jemand bei einem anderen entschuldigt. Der Fußballer bei einem gefoulten Gegenspieler. Oder die Autofirma bei den betrogenen Kunden. Oder der Täter beim Opfer einer Straftat. 

Eigentlich geht das doch gar nicht, denke ich dann immer. Sich selbst ent-schuldigen. Das würde doch heißen, dass man sich selbst die Schuld abnimmt. Aber das kann doch nur der, der betroffen ist von einem Fehlverhalten. Nur der kann sagen: Was passiert ist, ist vergessen. Es ist wieder in Ordnung zwischen uns. 

Manche Dinge kann man ja auch nicht wieder gutmachen. Manchmal hat ein anderer dauerhaft Nachteile durch das, was passiert ist. Ich finde: Dann ist so eine Selbst-Entschuldigung erst recht fehl am Platz. Ich kann mich doch nicht einfach selbst entschuldigen. 

Vor rund 500 Jahren haben fast alle Menschen gedacht, sie müssten sich selbst entschuldigen. Vor Gott nämlich. Der schaut genau, was Menschen falsch gemacht haben, haben die Pfarrer gepredigt. Und wenn es zu viel ist, bestraft er die Menschen hart dafür. 

Deshalb haben die Menschen versucht, die eigene Schuld selbst wieder gutzumachen. Sie haben gute Werke getan. Manche haben bewusst ein Leben in Armut und Verzicht geführt. Und viele haben geglaubt, dass man der Kirche Geld bezahlen kann – und sich damit freikauft von der eigenen Schuld. 

Wirklich geholfen hat das nicht. Die Leute haben gemerkt: Wer sich immer nur selbst entschuldigen muss, ist nicht wirklich frei. Da bleibt immer die Angst, ob es denn auch reicht, was einer tut. 

Martin Luther hat das beobachtet. Und er hat gemerkt: Menschen können sich nicht selbst entschuldigen. Sie müssen sich auch nicht selbst entschuldigen. Aber sie können um Entschuldigung bitten. Und Gott selbst nimmt ihnen die Schuld ab. So können Menschen befreit leben, ohne die Lasten der Vergangenheit und ohne Angst. 

Aus dieser Erkenntnis ist die Evangelische Kirche entstanden. Und auch die Katholische Kirche hat sich in der Folge verändert. 

Heute, am Reformationstag, feiern das viele Christen in Gottesdiensten: Wir müssen uns nicht selbst entschuldigen. Sondern Gott ent-schuldigt uns. 

Und ich glaube: Wer das weiß, muss sich auch bei anderen Menschen nicht mehr selbst entschuldigen. Sondern kann um Entschuldigung bitten. In der Hoffnung, dass der andere dann auch einwilligt. Und dass man miteinander befreit weiterleben kann.

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30OKT2019
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In diesen Tagen jähren sich die Montagsdemonstrationen in der ehemaligen DDR. Genau heute vor 30 Jahren sind in Leipzig rund 300.000 Menschen auf die Straße gegangen. Auch in anderen Städten haben Leute sich öffentlich zu Wort gemeldet. „Wir sind das Volk“, haben sie gerufen. Und haben Freiheit gefordert, eine Änderung der politischen Verhältnisse. 

Nur wenige Tage später ist die Berliner Mauer gefallen, es kam zur Deutschen Einigung. Und das alles vollkommen friedlich, ohne die befürchteten Gewaltausbrüche. 

Die Montagsdemonstrationen sind aus den Friedensgebeten hervorgegangen. Schon jahrelang vorher haben sich in vier Leipziger Kirchen Menschen getroffen, geredet, gebetet. 

Viele sagen: Es war der christliche Glaube, der das alles möglich gemacht hat. Nur so konnten die Menschen das über Jahre durchhalten. In den Kirchen haben sie die nötige Kraft bekommen. Und das haben sie gemerkt, deshalb sind sie gekommen. 

Andere sagen: Unter den Teilnehmern waren doch längst nicht nur Christen. Politische Beteiligung geht auch ganz ohne den Glauben. Und bald nach der Wende waren die Kirchen doch wieder leer. 

Ich weiß nicht, ob nur das eine richtig ist oder nur das andere. Wahrscheinlich waren die Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen mit dabei. Aber so oder so glaube ich: Damals ist Gottes Geist am Werk gewesen. Die Bibel erzählt, dass der überall beteiligt ist, wo Menschen mutig werden und eingefahrene Verhältnisse hinterfragen. 

Gottes Geist hat in den Christen gewirkt, die nach Jesu Tod total verängstigt und verwirrt waren, erzählt die Bibel. Aber er hat zum Beispiel auch einen feindlichen König zur Einsicht gebracht, der bestimmt kein Christ war [vgl. Esra 1,1]. Der Geist wirkt, wo er will, hat Jesus gesagt [vgl. Johannes 3,8]. Und der Geist Gottes will Freiheit, heißt es in der Bibel [vgl. 2. Korinther 3,17]. Und ich denke mir: Wo Menschen Freiheit suchen für sich und für andere, da bewegt sie Gottes Geist. Manchmal in der Kirche, manchmal außerhalb der Kirche. 

Und heute? Friedensgebete gibt es immer noch. Und Demonstrationen für die Veränderung politischer Verhältnisse. Vielleicht sind nicht alle Forderungen sinnvoll, über manches muss man sicherlich streiten. Aber nach wie vor fragen Menschen mutig nach, ob denn alles beim Alten bleiben muss. Und sie sind bereit, öffentlich dafür einzustehen. Das ist ein guter Anfang, finde ich. Und warum soll es nicht Gottes Geist sein, der das möglich macht?

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29OKT2019
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Jemand ist gestorben. Jemand, den man gut kannte. Und plötzlich gehen alle Gefühle durcheinander. Nichts passt mehr so richtig zusammen. 

Als Pfarrer erlebe ich oft, wie es Menschen so geht. Und manchmal bekomme ich mit, dass es Leuten dann schwerfällt, mit dem Gefühlschaos in sich drin umzugehen. Gerade dann, wenn da auch sperrige Emotionen hochkommen. Eine Frau, die hat zum Beispiel plötzlich Wut auf einen Verstorbenen verspürt – weil er gegangen war und sie allein zurückgelassen hatte. Darf ich so empfinden, hat sie sich gefragt. Er kann doch gar nichts dafür … Oder es gibt andere, die wollen sich gar nicht in der Öffentlichkeit zeigen beim Trauern. Wie sieht das denn aus, wenn ich so offensichtlich durcheinander bin? 

Neulich habe ich selbst getrauert, um meine Oma. Und auch da war es so, dass nicht alles zusammengepasst hat. Auf der einen Seite war ich sehr dankbar für ein langes erfülltes Leben und die gemeinsamen Erlebnisse. Und gleichzeitig hat es unfassbar weh getan, dass die gemeinsame Zeit jetzt vorbei sein soll. Verschiedene Gefühle lagen ganz unsortiert nebeneinander. 

Aber wie soll es denn auch anders sein? Schon im Leben passt ja nicht alles glatt zusammen. Da wechseln sich oft Launen und Stimmungen kurz nacheinander ab. Manchmal, ohne dass man weiß, warum eigentlich. Und im Tod, beim Abschiednehmen, ballt sich ein ganzes Leben mit einem Mal zusammen. Ist doch klar, dass dann nicht alles glatt und logisch abläuft. 

Für mich war damals der Trauergottesdienst ein guter Ort. Da hatten nämlich alle meine Gefühle Platz. Da durfte ich so sein, wie ich eben war in dem Moment. Da konnte ich lachen und im nächsten Moment wieder weinen. Und niemand hat komisch geschaut. Im Gegenteil – den meisten ging es ja ganz genauso. Und wir haben unsere Emotionen gemeinsam ausgehalten. 

Ich glaube, dass auch Gott das aushält, wenn Menschen so durcheinander sind. Und dass niemand ihm groß erklären muss, wie es ihm gerade geht. Auch das habe ich gespürt in diesem Trauergottesdienst damals. Zum Beispiel beim Beten und Singen. 

Das hat mir dann auch geholfen, meine Gefühle überhaupt erst mal zu greifen, Gedanken oder Worte dafür zu finden. Manches hat sich mit der Zeit noch sortiert, ist stärker geworden oder schwächer. Manches passt immer noch nicht zusammen. Und das ist in Ordnung so. 

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28OKT2019
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Zeit gemeinsam verbringen. Das ist gut und tut gut. Auch wenn man gar nicht alles schafft, was man wollte. 

Neulich hat mir unser Sohn das gezeigt. 

Wir waren zusammen im Kindergarten. An einem Samstag, zusammen mit den anderen Kindern und ihren Vätern. Zu einem Vater-Kind-Vormittag. Auf dem Programm stand gemeinsames Laternen-Basteln. Alles war gut vorbereitet, die Materialien lagen bereit, fertige Beispiele wurden herumgezeigt. Wir hätten loslegen können. 

Die Schwierigkeit dabei: Mein Sohn ist nicht so richtig bei der Sache geblieben. Andere Dinge hat er viel spannender gefunden. Unter anderem die von zu Hause mitgebrachte Zange. Und er hat ausführlich ausprobiert, was man mit der so alles machen kann. Einen Nagel wieder aus dem Korken herausziehen, zum Beispiel – wie praktisch, dass Papa den gerade reingeschlagen hat. Oder das untergelegte Holzstück von seiner Rinde befreien, Stück für Stück. Das dauert, wenn man das sorgfältig macht. Die Laterne muss dann erst mal warten. 

Zuerst hat mich das geärgert. Jetzt habe ich mir den Vormittag extra freigehalten, wir sind früh aufgestanden, alles ist genau geplant – da soll jetzt auch was Ordentliches herauskommen bei der Unternehmung. Und wir brauchen die Laterne doch auch, für den Laternenumzug demnächst. Da müssen wir die Zeit doch nutzen. 

Aber dann habe ich gedacht: Was ist jetzt eigentlich wichtig? Dass ich mein gestecktes Ziel erreiche, koste es, was es wolle? Und ist der Vormittag nur dann gelungen, wenn wir am Schluss was Greifbares in der Hand halten? 

Eigentlich ist es ja um was ganz anderes gegangen an dem Vormittag. Nämlich darum, als Vater und Kind mal richtig Zeit füreinander zu haben. Ohne die Mama oder die Geschwister. Ohne den Alltag zu Hause. Und auch ohne den Zwang, am Schluss unbedingt irgendwas erledigt zu haben. Es ist ja schon oft genug so im Leben, dass nur das Ergebnis zählt. Damit kennen wir Erwachsenen uns aus. 

Also habe ich umgeplant. Erst noch missmutig, dann immer fröhlicher. Und wir haben die Zange gemeinsam ausprobiert. Danach dann noch den Hammer. Und wie man Perlen über den Boden rollen lässt. Im Nu waren zwei Stunden vorbei, und wir hatten eine richtig schöne Zeit zusammen. Das ist doch auch mal was, habe ich gedacht. 

… und die Laterne, die basteln wir einfach zu Hause fertig. Bis zum Laternenumzug ist noch genug Zeit.

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