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Ein Kollege klopft an der Tür. „Ich habe ein paar berufliche Probleme, über die ich mit Dir reden will. Können wir ein paar Schritte gehen und ich erzähl Dir davon?“
So gehen wir los. Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonne scheint und ich genieße es, obwohl die Themen wirklich zum Kopfzerbrechen sind. Immer wieder unterbrechen wir und staunen. Weil einer von uns sagt: „Schau mal diese Farben.“ Weiß, orange, lila, blau, die Frühblüher machen so Freude.
Wir wählen unsere Strecke so, dass wir möglichst immer in der Sonne sind. Schritt für Schritt denken wir die Themen durch. Wir überlegen, was für Möglichkeiten es gibt und wo wir uns Hilfe von dritten holen müssen. Alles bekommen wir nicht gelöst, doch wir sind anschließend ein gutes Stück weiter.
Nicht immer gehe ich meine Themen so an, dass ich mir jemanden an meine Seite hole, der mich unterstützt. Und manchmal passiert es, dass ich in so eine Grübel-Schleife komme, die mir nicht guttut und mich auch nicht weiterbringt. Dann fühlt sich alles so schwer und kompliziert an und manchmal hört die Grübelei nicht einmal abends auf, wenn ich einschlafen will.
Bei dem Spaziergang zu zweit zwischen Schrebergärten und Feldern habe ich es anders erlebt. Wir zwei haben uns zwar bei der einen oder anderen Frage echt das Hirn zermartert. Doch es hat sich nicht nach Sackgasse angefühlt. Beim Gehen sind wir inhaltlich Schritt für Schritt weitergekommen. Dass wir uns bewegt haben, hat auch beim Denken geholfen.
Und geholfen hat sicher auch die Sonne und die schöne Natur. Wenn ich über die Natur staune, dann entsteht in mir so eine Gelassenheit und auch Dankbarkeit. Ich spüre, wie dankbar ich Gott für die Schöpfung bin. Dann denke ich: wie klein sind meine Probleme, verglichen mit der unendlichen Weite der Natur. Irgendwie lässt mich das bescheidener werden. In der Natur fällt mir auf, welch kleines Rädchen ich bin. Das tut mir gut. Dann nehme ich mich selbst nicht zu wichtig. Im Buch Hiob gibt es eine Diskussion zwischen Hiob und Gott, in der sich Hiob bei Gott über seine Probleme beschwert. Gott antwortet ihm: „Wo warst du, als ich die Erde gründete und zum Meer sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!“? Ja, so denke ich dann auch. Ich überblicke nur einen kurzen Zeitabschnitt und sehe nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und ich bin darauf angewiesen, mit anderen zusammen nach Lösungen zu suchen. Mit anderen Personen wie meinem Kollegen und auch mit Gott. Von Gott erhoffe ich mir, dass er mich bei meinen Entscheidungen leitet. Staunen statt Grübeln. Das sollte ich viel öfter tun.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44012Manchmal reicht ein Klick – und wir glauben, wir wüssten Bescheid. Über Länder, über Konflikte, über Menschen. Ich dachte das auch über Israel. Seit dem 7. Oktober 2023 hat mich der Nahostkonflikt stark beschäftigt – vor allem in den sozialen Medien. Irgendwie habe ich mir dort aus der Ferne mein Bild gebastelt.
Und dann war ich dort: sieben Tage in Israel. Um biblische Orte zu besuchen – aber auch die Schauplätze des schrecklichen Angriffs vom 7. Oktober.
In Israel wurde mir sehr schnell klar: Es gibt ein Israel vor dem 7. Oktober – und eins danach. Wie tief dieser Angriff die Seele des Landes getroffen hat, hatte ich aus der Distanz niemals erfassen können. Im Gespräch mit Menschen habe ich das unmittelbar gespürt. Diese Menschen haben mir neue Perspektiven eröffnet und manches zurechtgerückt. Ich habe ein paar Antworten gefunden – und viele neue Fragen wieder mit nach Hause genommen.
Eine Begegnung hat sich mir besonders tief eingeprägt. Ganz im Norden von Israel habe ich die Eltern eines Mädchens namens Alma getroffen. Alma ist bei einem Raketenangriff auf einem Spielplatz ums Leben gekommen. Eine unfassbar schreckliche Katastrophe für Almas Familie.
Aber bei Almas Eltern war kein Hass zu spüren. Mich hat zutiefst beeindruckt, mit welcher Würde und mit welchem Respekt vor dem Leben ihre Eltern gesprochen haben. Da war ein Wille zu spüren, dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen. Nicht im Schmerz hart zu werden, sondern weiter die Verbindung mit Menschen zu suchen. Über Grenzen hinweg.
Meine Sicht auf Israel hat sich durch diese Reise grundlegend verändert. Vollständig ist sie längst nicht. Ich lebe nicht in der Region. Und ich müsste mindestens auch mit Menschen im Westjordanland, im Gazastreifen, im Libanon oder in Syrien sprechen. Deshalb bewundere ich Israelis und Palästinenser, die trotz aller Gegensätze den Dialog nicht aufgeben und weiter an ein friedliches Miteinander glauben.
Mittlerweile habe ich mich aus den sozialen Medien zurückgezogen. In Israel habe ich gelernt: Das Leben ist so viel komplexer als schnelle Klicks.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hat gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Begegnung mit vielen Fragen. Dem Willen, einander zuzuhören. Und vielleicht sogar mit dem Mut, innerlich in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen.
So wie ich das bei Almas Eltern erlebt habe. Es scheint mir der einzige Weg, Brücken zu bauen. Und vielleicht – ganz leise – ein kleines Stück Frieden zu schaffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44002In der vergangenen Woche konnte ich plötzlich nicht mehr auf mein Dienstemail-Konto zugreifen. Der Zugang funktionierte einfach für mehrere Stunden nicht mehr. Die Erklärung der Techniker für den Ausfall hat mich überrascht. Und dann auch erschrecken lassen: Der Dienstleister für mein Email-Konto hat seinen Sitz in Haifa in Israel. Er musste seine Dienste während eines Bombenalarms kurzfristig abschalten. Und da ist mir dieser Satz wieder eingefallen; ich hatte ihn längst verdrängt:
„Deutschland befindet sich aktuell nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“
So haben die Leitungen der Nachrichtendienste ihren Bericht über die Lage in Deutschland im vergangenen Herbst zusammengefasst.
Kriege gibt es in so vielen Regionen dieser Welt. Und seit der vergangenen Woche ist er auch im Nahen Osten wieder eskaliert und breitet sich in der Golfregion aus. All diese Kriege beunruhigen mich. Und es beschäftigt mich, dass immer wieder neue Kriege ausbrechen oder alte aufflammen. Und ich gebe auch zu, dass ich mich gleichzeitig damit beruhige, dass diese Kriege ja nicht hier in Deutschland stattfinden. So versuche ich, all das Leid auch ein Stück von mir weg zu halten. Denn anders ist es für mich nicht auszuhalten.
„Deutschland befindet sich aktuell nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“
Durch meinen Computerausfall ist mir diese Realität plötzlich wieder sehr nahe gerückt. Die Kriege dieser Welt sind nicht weit weg und fern. Alles hängt mit allem zusammen. Und was noch wichtiger ist: alle Menschen sind mit allen Menschen verbunden. Auf der ganzen Welt. Wir spüren die Folgen der Kriege dieser Welt auch hier auf unterschiedlichste und erschreckende Weise.
Trotzdem will ich die Angst nicht siegen lassen über die Hoffnung. Und jedes Mal, wenn ich meinen Computer öffne und der Zugang zu den Emails funktioniert, bin ich auf eine besondere Art verbunden mit den Menschen in Nah Ost: Es ist für mich ein kleines Hoffnungszeichen, dass dort vielleicht gerade keine Bomben fallen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44016Ich liebe diese Momente in Gesprächen, in denen es ehrlich wird. Momente, in denen jemand sagt, was wirklich da ist.
Mit Jens passiert genau das. Er lebt seit vielen Jahren mit einer psychischen Erkrankung. Wer ihn nur oberflächlich kennt, merkt davon vielleicht nichts. Aber im Gespräch zeigt er eine Ehrlichkeit, die mich jedes Mal berührt – und herausfordert.
Neulich sagt er zu mir: „Ich muss wissen, ob Gott einen Plan für mein Leben hat. Denn wenn er einen hat, dann ist dieser Plan ziemlich beschissen.“
Das ist ehrlich. Kein frommes Gerede. Keine Rücksicht auf religiöse Erwartungen. Ich höre seine Enttäuschung, seine Wut, seine Verzweiflung. Und während ich mit ihm leide, bewundere ich ihn für diese radikale Ehrlichkeit. Er tut nicht so, als wäre alles irgendwie schon gut. Er sagt: So fühlt es sich an.
Diese Ehrlichkeit finde ich auch in alten biblischen Texten, zum Beispiel beim Apostel Paulus. Er ist kein unerschütterlicher Glaubensheld, sondern ein Mensch, der ringt. Da gibt es etwas in seinem Leben, das ihm große Not macht. Drei Mal bittet er Gott, dass diese Not verschwindet. Ehrlich, beharrlich und ohne Beschönigung. Aber das erhoffte Wunder bleibt aus. Stattdessen bekommt Paulus eine Antwort, die irritiert:
„Meine Kraft ist in der Schwäche mächtig.“
Das klingt zunächst widersprüchlich. Gerade da, wo etwas nicht funktioniert? Wo wir scheitern, wo wir uns ohnmächtig fühlen? Genau dort soll Kraft liegen? Das widerspricht dem, was ich gelernt habe. Ich soll stark sein. Deshalb will ich Schwäche loswerden. Oder zumindest gut verstecken.
Oh, wie gerne würde ich hier öfter ein Wunder erleben. Beten - und die Schwäche ist weg. Jens und ich wissen beide, so einfach ist es nicht. Aber vielleicht gibt es hier auch ein anderes Wunder zu entdecken: die Ehrlichkeit, die eigene Schwäche nicht länger zu verdrängen. Schwäche anzunehmen – und darin Kraft zu finden.
Ein wenig spüre ich diese Kraft im Gespräch mit Jens. Seine Ehrlichkeit macht es mir leichter, selbst ehrlich zu sein. Sie befreit mich von meinem Versteckspiel. Und zugleich tut es Jens gut, mit seinen Fragen und Zweifeln nicht allein zu bleiben.
Zwei Menschen, die ehrlich reden, einander zuhören und Lasten teilen – das fühlt sich für mich an wie ein tragfähiger Plan. Und ich habe das Gefühl, dass auch Jens schon ein bisschen weniger sauer auf Gott ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44001Manchmal beginnt alles mit einem gestoßenen Zeh. War das jetzt Karma? Dieses alte, ziemlich eingängige Prinzip: Auf Gutes folgt Gutes, auf Schlechtes folgt Schlechtes. Eine Welt, die sich selbst ausgleicht. Früher hieß das bei mir zuhause:
„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“
Heute bin ich älter und nicht mehr ganz so überzeugt. Denn das Leben hält sich erstaunlich selten an einfache Rechnungen. Menschen, die sich anständig verhalten, werden krank. Andere gehen rücksichtslos durchs Leben – und kommen scheinbar ungeschoren davon. Wenn es Karma gibt, dann arbeitet es ziemlich unzuverlässig.
Interessant finde ich: Diese Sehnsucht nach klaren Regeln ist alt. Schon vor zweitausend Jahren haben Menschen Jesus gefragt: Was müssen wir tun, damit Gott zufrieden ist? Was ist der richtige Weg? Welche Leistung zählt?
Die Frage dahinter ist vertraut: Sag mir, was ich tun soll – dann weiß ich, woran ich bin. Dann habe ich wenigstens ein bisschen Kontrolle. Die Antwort von Jesus ist überraschend unspektakulär. Kein Regelwerk, kein Maßnahmenkatalog. Stattdessen sagt er sinngemäß: Vertraut Gott. Glaubt an den, den er gesandt hat. An Jesus also.
Vertrauen statt Berechnung. Beziehung statt Punktesystem. Ein Gott, der sich nicht durch gutes Verhalten lenken lässt, sondern sich auf Beziehung einlässt. Das ist sperrig. Und ehrlich gesagt klingt das auch ein bisschen riskant. Aber genau darin liegt für mich die Stärke dieses Gedankens. Denn Vertrauen trägt nicht nur an den Tagen, an denen alles gut läuft. Sondern gerade dann, wenn nichts mehr aufgeht.
Wie nach meiner Schulter-Operation. Ich liege allein auf meinem Krankenlager. Die Gedanken kreisen mal wieder darum, warum es gerade mich getroffen hat. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Über einen großen Obstkorb hinweg grinst mich ein Mann aus meiner Kirchengemeinde an. Kein großer Akt. Aber er kommt genau zur richtigen Zeit. Und irgendwie fühle ich mich in diesem Moment auch ein bisschen von Gott angelächelt.
Vielleicht geht es also weniger darum, ob Karma stimmt. Sondern um die Frage, ob wir es wagen zu vertrauen. Vertrauen darauf, dass wir nicht alles selbst ausbalancieren müssen. Dass wir getragen werden – nicht nach Leistung, sondern in Beziehung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44000Von November bis März ist Jonas mit seinen Schafen unterwegs. Von der Schwäbischen Alb zieht er runter ins Donautal und weiter bis nach Oberschwaben. Denn auf der Alb ist‘s für seine Tiere im Winter einfach zu nass und zu kalt. Was er als Wanderschäfer auf seiner Tour erlebt, davon erzählt er in einem besonderen Podcast.
„Archiv der Straße – Berichte von draußen“ heißt die Podcast-Reihe und ich habe die Geschichten da mit viel Neugier und mit sehr viel Respekt gehört. Es geht um Menschen, die kein „normales“, bürgerliches Zuhause kennen wie ich und wahrscheinlich viele von ihnen. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen immer wieder auch draußen zuhause sind. Da erzählen zum Beispiel die Sinti Mano und Peter aus ihrem Leben mit dem Wohnwagen. Oder Maryam, eine junge Frau, die viele Jahre auf der Flucht vor den Taliban war; sie ist immer da zuhause, wo ihre Familie ist, egal in welchem Land. Und Angie. Sie gehört seit 30 Jahren zur Stuttgarter Junkie-Szene und tagsüber sind die Leute und das Leben unter einer Brücke ihr Zuhause.
Für mich sind ihre Stimmen wichtig und wertvoll. Weil ich Angie, Maryam und den anderen wahrscheinlich nie begegnen würde. Ihre Geschichten öffnen mir eine ganz neue Lebenswelt. Manchmal erschrecke ich darüber, was sie erleben, manchmal bin ich fasziniert, wie sie denken und auf das Leben schauen.
Die Frage: Wie kommt man da draußen klar? Die habe ich mir nie gestellt. Aber genau dieser Blick raus aus meinem warmen Wohnzimmer, der ist wichtig. Weil er mich davor bewahrt, Menschen leichtfertig in eine Schublade zu stecken.
Jonas, der Schäfer, sagt: „Es ist hart da draußen. Man ist viel allein. Und ich habe ne riesen Verantwortung.“ In der Tat, er ist gerade mal 35 und ist mit mehreren Hundert Schafen unterwegs. Es geht immer um Leben und Tod, sagt er ganz unaufgeregt, da reicht ne kalte Nacht und ein Lamm kann sterben. Und wenn eines am Abend fehlt, dann geht er suchen, manchmal viele Stunden lang, bis er es gefunden hat.
Mit Jonas habe ich mich verabredet; für November, wenn er wieder zur nächsten Wintertour über die Alb aufbricht. Ich möchte eine Weile mitlaufen, um wenigstens eine Ahnung davon zu bekommen, wie es ist, da draußen zuhause zu sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43934Er hat einfach nicht mitgemacht! Ich erzähle die Geschichte von Konrad Zäh. Er war in den 1930er Jahren der Postmeister von Wendlingen am Neckar. Und bei dem, was die Nationalsozialisten von ihm verlangt haben, hat er einfach nicht mitgemacht: Er hat den Hitlergruß verweigert. Seine Kinder nicht zur „Staatsjugend“ geschickt, seine Frau nicht zum „Deutschen Frauenwerk“. In einem Protokoll über ihn ist festgehalten, was er gesagt hat: „Die Weltanschauung des Nationalsozialismus lehne ich ab. Lieber lasse ich mich an die Wand stellen.“
Konrad Zäh war ein engagierter Katholik. Er hat beim Aufbau des Gemeindehauses angepackt und den Krankenpflegeverein mitgegründet. In den Verhörprotokollen über ihn ist immer wieder ein Satz zu finden: „Das kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren.“ Und deswegen ist jetzt ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Wendlingen zu finden. Gunter Demnig, der Künstler und Erfinder der Stolpersteine, hat ihn vor kurzem verlegt. Folgende Worte sind in die Messingplatte auf dem Stein eingraviert: „Hier wohnte Konrad Zäh, Jg. 1877, Gegner der NS-Diktatur, schikaniert, bedroht, Zwangsruhestand 1937, überlebt.“
Weit über 100.000 Stolpersteine gibt es mittlerweile auf Straßen und Plätzen in ganz Europa. Sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden. Gunter Demnig verlegt sie seit 30 Jahren. Das, was er mir bei unserer Begegnung erzählt, macht mir Mut. Die Anfragen, neue Steine zu verlegen, reißen nicht ab. Immer mehr Opfer werden ausfindig gemacht. Ihre Geschichten recherchiert und erzählt. Er hat den Eindruck, dass jetzt die Enkel- und Urenkel-Generation auftaucht, sich mit dieser Zeit beschäftigt und wissen will: Was ist unsere Familiengeschichte, woher kommen wir eigentlich? Wo sind unsere Wurzeln und wie konnte so etwas passieren?
Konrad Zäh hat damals nicht aufgehört, den Nazis zu widersprechen, über Jahre hinweg. Am Ende hat er seine Stelle als Postmeister und damit als Staatsbeamter verloren. Wie Konrad Zäh seine Familie mit sechs Kindern durchgebracht hat, weiß keiner so genau. Möglicherweise hat ihn die katholische Kirchengemeinde unterstützt, denn die stand fast geschlossen hinter ihm.
Es sind jetzt genau diese beiden Dinge wichtig, damit unsere Demokratie nicht zerbricht: Junge Leute, die fragen und hinterfragen; und Menschen, die mutig den Mund aufmachen und einfach nicht mitmachen, wenn gegen andere gehetzt wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43933„Darf ich für Dich beten?“ Die Frage von Mirjam überrumpelt mich und ich bin erst mal irritiert. Wir beide stehen am Fenster im Vorlesungsaal und haben gerade Pause. Mirjam und ich sind Studienkolleginnen, vor zwei Jahren haben wir neben dem Job mit einem Master-Studium angefangen. Das Besondere für mich dabei: Ich bin die Älteste im Jahrgang und Mirjam eine der Jüngsten, sie könnte meine Tochter sein.
Sie kommt auf mich zu und hat mir wohl angesehen, dass ich ziemlich müde bin. Und ich hab ihr erzählt, was mich umtreibt: Ein paar Sorgen wegen der Kinder, Ärger mit dem Vermieter und im Job fallen Kollegen aus; ich muss mehr arbeiten und deswegen hänge ich mit dem Studium einfach hinterher. Mirjam nickt und sagt: „Oh je, das kann ich verstehen, dass Du müde bist.“ Und dann stellt sie mir die Frage: „Darf ich für Dich beten?“ Ich weiß im ersten Moment nicht, was ich sagen soll. Das hat mich noch nie jemand gefragt. Und irgendwie ist es mir unangenehm. So schlimm ist es doch nicht, dass man für mich beten muss.
Aber dann sage ich doch „Ja“ und denke, es kann ja nicht schaden. Ich hatte angenommen, Mirjam wird heute Abend für mich beten. So wie ich das auch oft mache. Wenn ich im Bett liege und über den Tag nachdenke. Aber nein. Mirjam steht neben mir und legt mir ihre Hand auf die Schulter, sie ist fast einen Kopf kleiner als ich.
Dann wiederholt sie meine Sorgen, spricht Gott direkt an und bittet ihn darum, dass er mich begleitet und mir Kraft gibt. Am Ende wünscht sie uns Gottes Segen für die gemeinsamen Studientage. Ich bin berührt und bewegt.
Ein Gebet ist sicher kein Zauber. Aber mir hat es geholfen, dass Mirjam mich gesehen hat, diese junge Frau! Und ich habe gespürt, dass sie es ganz ehrlich meint, da war einfach ihre liebevolle Sorge um mich. Ich habe zwei Dinge von ihr gelernt: Beten geht immer und überall. Und: Nicht nur Beten braucht manchmal ein bisschen Mut, auch beten lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43932Wir sind ganz allein in der historischen Gaststube. In den weißen Sprossenfenstern brennen große Kerzen, getrocknete Sanddornzweige stehen in der Vase; und die Holzdielen knarzen als wir zu unserem Tisch begleitet werden. Das neue Jahr ist gerade erst ein paar Wochen alt und ich besuche meine Tochter in Norddeutschland. Draußen tobt ein Schneesturm, es ist eisig kalt. Wir bleiben die einzigen Gäste an diesem Tag im Gasthof Alt Sieseby. Die Wirtin sagt: „Das ist kein Problem, ich koche natürlich trotzdem für Euch, was ihr wollt.“
Es waren zauberhafte Stunden! Köstliches Essen, dezenter Service, leise Musik im Hintergrund. Wir haben uns königlich gefühlt, wie sehr willkommene Gäste.
Es gab einen Grund, weshalb ich in genau diesem Gasthof essen wollte. Ich hatte gelesen, dass die Wirtin seit vielen Jahren ein internationales Team beschäftigt, darunter immer wieder auch junge Flüchtlinge. Ich war neugierig und wollte selbst schauen: Wer ist die Wirtin und wie funktioniert das? Ich frage sie deshalb, wie die Leute auf sie aufmerksam werden. Denn der Gasthof ist weit draußen auf dem Land. In einem winzigen Dorf an der Schlei. Nicht wirklich attraktiv für junge Leute. Die Antwort von Maria, so heißt die Wirtin, überrascht mich: „Die kommen einfach“ sagt sie. „Das hat sich rumgesprochen. Die sagen zueinander: Geh zu Frau Maria!“ So wird sie von den jungen Leuten genannt, „Frau Maria“. Mund- zu-Mund-Propaganda also. So funktioniert das seit Jahren.
Und das ist besonders, denn überall in der Gastronomie werden Arbeitskräfte händeringend gesucht. Bei Maria arbeiten während der Sommer-Saison Menschen aus acht Nationen. Ich habe den Eindruck, es geht ihr nicht nur darum, dass der Laden weiterläuft. Es geht ihr um mehr. Wir haben das selbst erfahren bei unserem Besuch. Im alten Gasthof fühlt sich Gastfreundschaft ehrlich und aufrichtig an. Kein Wunder, dass auch junge Leute oft viele Jahre bleiben.
Denn das scheint das Geheimnis von Maria zu sein, weil sie weiß: Wer gastfreundlich sein will, der muss zuerst selbst Gastfreundschaft erfahren - und erlebt haben: Du bist hier willkommen!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43931Mein Sohn beginnt in diesem Sommer seine Ausbildung bei der Polizei. Ich denke, das passt zu ihm, er kann's einfach gut mit Menschen. Und gleichzeitig verstehe ich die Sorge der Großeltern, die sagen: „Der Beruf ist doch gefährlich. Da passiert so viel“.
Ja, Menschen, die anderen helfen, geraten immer häufiger selbst in schwierige, manchmal bedrohliche Situationen: Rettungskräfte werden angegriffen. Feuerwehrleute behindert. Ärztinnen und Pfleger, Polizisten, Zugbegleiter oder Busfahrerinnen – sie werden beschimpft oder erleben Gewalt.
Fachleute sagen: Dahinter steckt oft Angst. Menschen fühlen sich überfordert mit ihrem Leben, allein gelassen oder machtlos. Und diese Ohnmacht sucht sich dann ein Ventil. Wut und Gewalt richten sich also selten gegen eine bestimmte Person, sondern eher gegen dieses Gefühl, den eigenen Umständen ausgeliefert zu sein.
Vielleicht zeigt sich darin auch ein tieferes Problem unserer Gesellschaft. Manche haben das Gefühl verloren, getragen zu sein – von einer Gemeinschaft, von Vertrauen ins Leben. Und wenn dieses Gefühl fehlt, dann werden Mitmenschen schnell zu Gegnern oder Hindernissen.
Der christliche Glaube erinnert daran: Wir sind nicht dafür geschaffen, allein durchs Leben zu gehen. Wir brauchen einander. Darum ist jeder Dienst für andere so wertvoll! Wenn Menschen helfen, dann wird darin etwas von Gott sichtbar: Ich bin da, wenn Du mich brauchst. Wer Helfende angreift, greift deshalb auch die Idee an, dass wir füreinander Verantwortung tragen.
Mich macht das traurig und auch nachdenklich. Eine einfache Lösung habe ich nicht. Aber eines kann ich sagen: Ich habe großen Respekt vor all denen, die sich (trotzdem) nicht entmutigen lassen und weiter für andere da sind. Gerade jetzt brauchen wir sie mehr denn je. Bei ihrem Einsatz geht es ja um mehr als Gesundheit, Sicherheit oder Mobilität. Es geht um das Gefühl: Ich bin nicht allein. Wenn mich jemand anlächelt oder sich aufmerksam um mich kümmert, spür ich: wir sind gemeinsam unterwegs. In solchen Momenten ist die Welt gleich ein Stückchen freundlicher, ein Stückchen menschlicher.
Mein Sohn hat erzählt, wie viele junge Leute sich für den Polizeidienst beworben haben. Das finde ich großartig – und so wichtig!
Darum heute Morgen wenigstens dieses eine Wort: DANKE!
Und die Bitte um Gottes Segen für alle, die heute und in Zukunft im Dienst für andere unterwegs und im Einsatz sind.
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