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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08JUN2019
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Morgen ist Pfingsten. Manchmal frage ich mich, ob meine Kirche selbst daran glaubt, was sie da feiert: dass die Welt von einem neuen Geist durchweht wird. Einem Geist, der aufräumt mit den vielen Ungerechtigkeiten unter den Menschen. Einem Geist, der hilft, den vielen Ballast loszulassen, der von dem ablenkt, was die Menschheit verbindet. Einem Geist, der sich nicht ans Alte klammert, sondern uns verstehen lässt, wo wir unsere Ansichten von früher aufgeben müssen, weil sie dem Menschen heute nicht mehr gerecht werden. Ich frage mich, ob meine Kirche daran glaubt, weil sie sehr am Alten hängt: wenn sie anderen Christen den Zugang zum Mahl Jesu verweigert; wenn sie Frauen den Zugang zum Priesteramt verwehrt; wenn sie allzu sehr an ihrem Besitz und ihren Strukturen  hängt. Da spüre ich wenig von Pfingsten.

Der Geist, den ich meine, kommt von Gott. Dass er etwas Neues bewirkt, durchzieht die Bibel wie ein roter Faden. Bereits die Erschaffung der Welt wird so beschrieben, dass Gottes Geist darin die treibende Kraft ist. Er richtet alles so ein, dass es für ein gutes Zusammenleben von allen passt. Für Tiere, Pflanzen und Menschen. Beim Propheten Ezechiel heißt es, dass der Gottesgeist den Tod bezwingt; alles, was dem Leben entgegen steht, wird neu belebt, und dort wo Neues entsteht, da wirkt dieser Geist. Wenn junge Menschen eine Vision davon haben, wohin unsere Welt steuern soll - genau dort ist er zu finden. Auch wenn manche Erwachsene das belächeln oder sich dagegen wehren. Bei Jesus schließlich - um zu verstehen, was seine Auferstehung bedeutet - hat der Geist vor allem einen Auftrag: Er sorgt für fundamentale Gleichheit. Alle Menschen haben ohne Unterschied den gleichen Wert, verdienen Respekt, ja sind allesamt Kinder der Liebe des einen Gottes. Sprache, Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung - alle sind gleich.

Ich bin fest davon überzeugt: Mehr denn je muss die Christenheit für diesen Geist eintreten, ihm zum Leben verhelfen, etwas dafür tun, dass er sich überall durchsetzen kann. Zuerst in den eigenen Reihen der Kirchen. Weil sonst jede Glaubwürdigkeit fehlt, anderen einen klugen Rat zu geben.

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07JUN2019
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Heute ist in Baden-Württemberg der letzte Schultag vor den Pfingstferien. Gleich heute oder morgen werden sich viele auf den Weg in den Urlaub machen. Zwei ganze Wochen weg von zu Hause, alle Pflichten in der Schule und im Beruf hinter sich lassen, Fremdes sehen, Neues erleben. Es ist so gut, dass es Ferien gibt und dass es sie jetzt gibt, in der warmen Jahreszeit, wo es abends lange hell ist und wir uns viel im Freien aufhalten können. Ich weiß von mir selbst, wie sehr ich hin und wieder Ferien brauche, wie gut sie mir tun. Manchmal lebe ich richtig auf sie hin, kann’s kaum erwarten, bis sie anfangen. 

Ich mag meinen Beruf und mache meine Arbeit gerne. Es gibt mir ein gutes Gefühl, für andere etwas Nützliches zu tun; ihnen ein gutes Wort in den Tag mitzugeben oder Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen zu begleiten - wenn zwei sich das Ja-Wort geben, wenn jemand nicht über den Tod des Geliebten hinweg kommt. Ich freue mich auch, wenn ich positive Rückmeldungen bekomme. Aber ich lebe nicht ausschließlich für meinen Beruf. Er ist mir nicht das Wichtigste. Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Sondern umgekehrt: Ich arbeite, um zu leben. Und ich glaube auch, dass Gott sich das so gedacht hat, als er den Menschen erschaffen hat. Der Mensch findet erst dann richtig zu sich selbst, wenn er frei ist. Frei von den vielen Zwängen und Erwartungen, die von außen an ihn gerichtet werden. In der Schule einen möglichst guten Abschluss zu erreichen. Im Beruf erfolgreich zu sein. In kurzer Zeit so viel wie möglich zu erreichen. Das strengt nicht nur an. Ich spüre, wie das Menschen immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt. Und ich frage mich, ob das der Sinn des Lebens sein kann. Da tun dann Ferien besonders gut. Wenn ich nichts tun muss, spüre ich mich besser. Ich bin dann näher an meinem Inneren, an meinem Charakter, meiner eigenen Persönlichkeit, als wenn mich so viel ablenkt. Und ich bekomme eine Ahnung davon, wie es im Paradies gewesen sein muss, jenem Urzustand der Welt, als alles noch im Gleichgewicht war: zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Tier, Mensch und Gott.

Ich glaube: Diese Freiheit von Pflichten und Erwartungen braucht jeder, um glücklich zu sein. Deshalb sind Ferien so wichtig. In diesem Sinne: Schöne und befreite Pfingstferien wünsche ich Ihnen.

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06JUN2019
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Insekten sterben. Bei uns und weltweit. Viele wissenschaftliche Studien bestätigen, dass dieser Prozess gravierend ist. Es handelt sich nicht um Ausnahmen oder Einzelfälle. Nein, dass es weniger werden, ist messbar. Weniger an Menge und weniger an Arten.

Weniger Insekten? Mir ist da nichts aufgefallen. In meinem Garten flattert alles Mögliche herum. Bei den Bienen habe ich besonders aufgepasst, weil ich wusste, dass die Bienen Probleme haben wegen der Giftstoffe, die in der Landwirtschaft als Unkrautvernichter eingesetzt werden. Kann sein, dass da weniger geflogen sind. Und ich sehe auch, dass auf meiner Windschutzscheibe weniger tote Insekten sind als früher.

Aber gemeint ist mit dem Insektensterben ja etwas viel Größeres, etwas das unsere Welt verändern wird. Denn für die Biowissenschaft ist klar: Eine stabile Artenvielfalt ist Garant für das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde. Religiös gesprochen: Wir tun gut daran, die Ordnung der Schöpfung, wie Gott sie gemacht hat, zu respektieren; für sie Verantwortung zu übernehmen. Doch offenbar tun wir alles, um uns der eigenen Lebensgrundlagen zu berauben. Auch in Deutschland. 2017 gab es in Krefeld eine Studie. An 88 Standorten wurden fliegende Insekten gesammelt und mit früheren Messungen verglichen. Das Ergebnis: 75 Prozent weniger Fluginsekten. Wir brauchen die Insekten aber, um unsere Bäume zu bestäuben, um tote Tiere in den Kreislauf der Natur zurückzubringen. Es ist in der Konsequenz ganz einfach so: Ohne Insekten in ihrer großen Vielfalt an Arten kann der Mensch auf Dauer nicht überleben. Das habe ich verstanden. Und trotzdem ist das Thema weit weg von mir. So wie der Klimawandel. Wissenschaftler sagen sogar: Das Insektensterben ist das größere Problem von beiden. Werde ich erst aufwachen, wenn es zu spät ist - und die politischen Entscheidungsträger mit mir?

Unsere Erde ist ein Wunderwerk Gottes. Die Balance auf ihr ist großartig, aber heikel und zerbrechlich. Der Mensch lebt ganz offensichtlich auf Kosten der anderen. Er beutet aus, verbraucht über seine Verhältnisse. Und ich bin einer davon. Ich weiß das, und ich fühle mich gleichzeitig ziemlich machtlos. Ich will das Richtige tun. Ich pflanze eine Wiese mit bunten Blumen in meinem Garten. Ich kaufe auf dem Bauernhof bei mir um die Ecke, der nicht mit Glyphosat spritzt. Und ich achte darauf, dass mein Fuß keinen Käfer zertritt.

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05JUN2019
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Die folgende Szene hat mich sehr berührt. Weil das Leben so schön sein kann. Und alles bereit hält, um glücklich zu sein.

Ich sitze in einem Café und schaue auf das Ufer des Neckars. Mir fällt ein Mädchen ins Auge, drei oder vier Jahre alt wird sie sein. Dahinter ein Mann, vermutlich ihr Vater. Immer wieder lehnt sich das Mädchen nach vorne, Richtung Ufer. Sie will das Wasser sehen, das tiefer gelegen einen Meter entfernt von ihr ist. Für mich sieht das ziemlich gefährlich aus, obwohl sie an der Hüfte vom Arm des Mannes gehalten wird. Immer und immer wieder lehnt sie sich nach vorne und springt dann wieder zurück in Sicherheit. Die Kleine lacht fröhlich dabei. Beim vierten oder fünften Mal neigt sie sich noch weiter über das Wasser als zuvor. Der Mann muss, um sie festzuhalten, seinen Arm so weit es geht ausstrecken. Dieses Mal lacht das Mädchen nicht. Ist sie überrascht, unsicher wegen ihrer Waghalsigkeit? Obwohl kein echtes Risiko besteht, spürt sie wohl ihren Übermut. Jetzt wirft sie sich an die Brust des Mannes, hebt die Arme und umklammert seinen Hals, zieht seinen Kopf herunter und umarmt ihn innig. Und erst dann lacht sie wieder, wo die Arme des Vaters sie umhüllen wie ein schützender Mantel. Das Mädchen war sich sicher: Ich bin geborgen, habe ein Zuhause in dieser Welt. So jedenfalls sah es für mich aus.

Leider sieht man so eine körperliche Berührung selten in aller Öffentlichkeit. Vielleicht überhaupt nur zwischen Eltern und ihren kleinen Kindern. Es gibt sie nur, solange das Vertrauen ungebrochen ist, solange man sich des anderen völlig sicher ist. Ich habe mich gefragt, wie lange das bei Tochter und Vater noch so sein wird. Und wann so eine Berührung ihre Arglosigkeit verliert. Ich habe mich auch gefragt, wann das bei mir so war, und ich konnte mich nicht erinnern. Wahrscheinlich war ich zu klein. Aber ich bin mir sicher, dass es sie gegeben hat. Und dass sie später ersetzt worden ist: durch Worte und Gesten, die gezähmt waren.

Die Vertrautheit des Mädchens mit ihrem Vater war schön. Besonders schön war zu sehen, wie so ein Vertrauen glücklich und froh macht. Und ich weiß auch: So ein Vertrauen ist die Voraussetzung, um glauben zu können, an Gott, der einen nie fallen lässt.

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04JUN2019
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Ich bin geimpft. Gegen alles, was man sich denken kann: Masern, Mumps, Röteln, Diphterie, Tetanus, Zecken. Von den Pockenimpfungen habe ich noch die Narben an meinem Arm. 1964, als ich geboren wurde, gab’s darüber keine Diskussion. Es war einfach selbstverständlich. Und Eltern waren froh, dass es diese wirksamen Mittel gab, damit ihre Kinder geschützt sind. Anders als das noch wenige Jahrzehnte davor war.

Warum haben bestimmte Eltern heute Schwierigkeiten damit? Ich musste mich tatsächlich erst schlau machen, weshalb manche sich so vehement dagegen wehren. Weil das für mich außer Frage stehe würde, wenn ich eigene Kinder hätte. Manche der Impfgegner sagen: Ich möchte das eben selbst entscheiden; das kann mir doch keiner aufzwingen; wir leben in einem freien Land. Andere stehen der Schulmedizin kritisch gegenüber; sie wollen nur natürliche Arzneimittel akzeptieren. Oder scheuen das Risiko, das Impfreaktionen manchmal mit sich bringen. Und etliche wissen einfach nicht richtig Bescheid, kennen die großen Gefahren nicht, die sie in Kauf nehmen, wenn ihr Kind sich ansteckt. Vor allem aber übersehen die Impfgegner eines, oder nehmen es zumindest billigend in Kauf: Es geht nicht nur um sie und ihre Familie. Sich nicht impfen zu lassen, bedeutet ein Risiko für andere. Ihr Einstellung kündigt einen Teil unserer sozialen Vereinbarung auf: dass wir nämlich andere nicht ohne Grund einer Gefahr aussetzen. Dass vielmehr jeder seinen Teil dazu beiträgt, dass es allen möglichst gut geht. Ich halte das in letzter Konsequenz für egoistisch, so zu denken: „Ich habe meine Prinzipien, und was andere denken, ist mir egal.“ So funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben nicht. Was ist denn so ein kleiner Stich, so eine zugegebenermaßen künstliche Aktivierung der Abwehrkräfte gegen die Gefahr einer lebensbedrohlichen Krankheit. Gar einer Epidemie?

Ich weiß: Da gibt es ein Grundrecht auf Unversehrtheit der Person. Die Gegner der Impfpflicht nehmen es für sich in Anspruch. Mit dem gleichen Recht aber auch alle anderen, die dadurch in Gefahr kommen könnten. Und in der Summe wiegt das für mich schwerer, weil es da um die Gemeinschaft geht und nicht um das individuelle Recht von einzelnen.

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03JUN2019
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Im Zug sitzt mir eine Frau gegenüber. Meinen Gruß erwidert sie nicht. Was mir gleich auffällt: Ihre Hände sind wund und voller Schorf. Immer wieder, immer öfter kratzt sie sich. Nicht nur an den Händen. Am Kopf, im Gesicht, am Leib. Fast unentwegt. Überall liegen kleine Hautschuppen auf ihrer Kleidung. Mit der Zeit wird mir das sehr unangenehm. Ich würde gerne wegschauen, aber das gelingt mir nicht. Nun fängt es schon an, mich selbst zu jucken, und ich muss mich kratzen. Vielleicht kennen Sie das Gefühl. Schrecklich! Eigentlich will ich jetzt nur noch eines: Weg hier, auf einen anderen Platz, im nächsten Abteil. Gleichzeitig denke ich mir: „Was soll das denn. Stell Dich nicht so an. Bleib sitzen!“ Und dann - so sind Theologen nun mal - fällt mir ein, dass es dazu eine passende Jesusgeschichte[1] gibt. Wo Jesus genau das nicht tut: Weglaufen, weil ihm etwas Unangenehmes begegnet. Er verhält sich so normal wie möglich, zeigt keine Ablehnung, bleibt da. Damals ging es um einen Aussätzigen, vermutlich hatte er Lepra. Er ist wegen seiner Krankheit sozial geächtet, muss außerhalb der Stadt wohnen an einem abgelegenen Ort. Die Leute vermeiden es, mit ihm in Kontakt zu kommen. Er ist ein Aussätziger, ein totaler Außenseiter. Einsam, verachtet und unbeachtet lebt er sein Leben. Die anderen haben ihn zu einem Asozialen gemacht. Diesen Zustand hält Jesus für menschenunwürdig und falsch. Weswegen er es ausdrücklich erlaubt, dass der Kranke zu ihm kommt. Ihn dann berührt. Und durch die Berührung von seinem Aussatz befreit.

Lepra ist natürlich etwas anderes als die Krankheit der Frau mir gegenüber. Sie hat vielleicht eineSchuppenflechte oder eine schlimme Neurodermitis. Trotzdem: Für ihre sozialen Kontakte ist ihr Verhalten bestimmt nicht förderlich. Viele werden da lieber einen Bogen um sie machen. Wie es ja so oft geschieht, wenn etwas anders ist, befremdlich. Aussatz gibt es in unterschiedlicher Form - mal mehr, mal weniger offensichtlich. Ein Mann, der Frauenkleider trägt. Junge Frauen mit Kopftüchern. Einer, der auf der Straße lebt, weil er es will. Oder eben jemand, der an einer Krankheit leidet, sichtbar oder - weil seine Seele krank ist - unsichtbar.

Es ist mir schwer gefallen, sitzen zu bleiben. Aber ich habe es geschafft und war sogar ein bisschen stolz auf mich. Und gleichzeitig weiß ich: Der Weg ist noch weit, bis zu der Freiheit, die Jesus hatte, wenn etwas fremd war.



[1] Markus 1,40-45 parr.

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