Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

25MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal fühlt sich das Leben toll an, finde ich. Unbeschwert die Sonne genießen, Freunde treffen, zusammen lachen, … Aber es gibt auch Tage, da greifen andere Gefühle nach mir: Trauer. Schmerz. Angst. Solche negativen Gefühle können das Leben sehr schwer machen. Sollte man sie also möglichst rasch wieder loswerden? *

Natürlich kann man versuchen, die negativen Gefühle zu verdrängen. An was anderes, Schönes zu denken. Den schwierigen Themen auszuweichen. Von Zeit zu Zeit ist das sicher auch vernünftig, um sich nicht komplett runterziehen zu lassen. Aber ich erlebe immer wieder, dass das nicht auf Dauer hilft. Trauer, Schmerz, Angst kommen wieder hoch, wenn ich sie einfach nur wegschiebe. Manchmal ganz unvermittelt oder noch stärker als vorher.

Schon zu biblischen Zeiten hat man diese Erfahrung vermutlich gekannt. Jesus hat mal von einem bösen Geist gesprochen, der einen Menschen für kurze Zeit verlässt, dann aber bald noch stärker zurückkommt. „Am Ende geht es diesem Menschen noch schlechter als am Anfang“ [Lukas 11,26b; BasisBibel], sagt Jesus dazu.

Wenn ich diesen „bösen Geist“ mit dem „bösen Geist“ negativer Gefühle vergleiche, dann heißt das für mich: Es geht nicht darum, negative Gefühle komplett loszuwerden. Aber ich kann lernen, mit ihnen zu leben und sie dabei ein Stückweit innerlich loszulassen. So dass sie mich nicht dauerhaft beherrschen. Ich habe dann immer noch zum Beispiel Angst. Aber die Angst hat nicht mehr mich. Sie gehört zu meinem Leben, aber sie bestimmt es nicht.

Negative Gefühle dürfen also sein. Es ist nicht falsch, dass sie zu meinem Leben gehören. Und schon gar nicht bin ich falsch, wenn ich traurig bin oder Schmerz empfinde oder Angst habe. Das zu wissen, finde ich wichtig. Es hilft mir, negative Gefühle zu benennen, sie auszudrücken. In der Bibel passiert das ganz oft. Zum Beispiel in den Psalmen. Da beschreiben Menschen anschaulich ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Angst. Und sagen das alles sogar Gott im Gebet.

Und: Wenn ich negative Gefühle als Teil meines Lebens akzeptiere, – dann können sie mir mit der Zeit vielleicht auch Wichtiges verraten. Über mich selbst, mein Innerstes, meine Lebensziele. Und dann haben Trauer, Schmerz oder Angst sogar noch etwas Gutes.

*? [Vgl. im Folgenden „barfuß + wild“, „Die Kunst des Loslassens: Wie Vergebung (wirklich) funktioniert, https://seelenfutter.barfuss-und-wild.de/kleineweisheit/1850]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39930
weiterlesen...
24MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wohngeld. Kinderzuschlag. Leistungen für Bildung und Teilhabe. So heißen Gelder für armutsbetroffene Menschen und Familien. Man kann sie beantragen, wenn das eigene Einkommen unter bestimmten Grenzen bleibt.

Für mich war das lange Zeit nur Theorie. Ab und zu habe ich die Begriffe in den Nachrichten oder so gehört, aber direkt zu tun hatte ich damit nichts. Meine Frau und ich haben immer ausreichend verdient; das Geld hat problemlos gereicht.

Aber dann gab es vor anderthalb Jahren einen beruflichen Einschnitt bei mir, eine Zeitlang habe ich deutlich weniger verdient. Und mit einem Mal hatten wir Anspruch auf diese Hilfen. Zwei Monate lang haben wir Wohngeld bekommen, etwas länger noch Kinderzuschlag und Leistungen für Bildung und Teilhabe. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich habe gemerkt: Es gibt hilfreiche finanzielle Unterstützung in unserem Staat. Menschen in vielen anderen Ländern weltweit können davon nur träumen.

Was mir aber zu denken gegeben hat: Bis wir diese Zuschüsse wirklich bekommen haben, war es ein beschwerlicher Weg. Zuerst mussten wir ja überhaupt von der Möglichkeit erfahren. Das war reiner Zufall – plötzlich tauchte da eine Zeitungsmeldung auf. Dann war herauszufinden, welcher Topf von welcher Stelle genau verwaltet wird. Überall gab es andere Anleitungen – und andere Antragsformulare. Manche konnten wir online einreichen, manche nur klassisch in Papierform. Und dann waren da noch viele Wochen Wartezeit bis zu den Bewilligungsbescheiden.

Wer sich mit Zahlen, Texten oder auch der deutschen Sprache schwertut, wer nicht so gut vernetzt ist und um Rat fragen kann, für den liegt die Hürde noch höher. Für viele zu hoch, befürchte ich. Deshalb finde ich es gut, wenn bürokratische Hürden nach und nach abgebaut werden sollen. Und dass es die Idee gibt, verschiedene Geldleistungen zusammenzuführen, wenn sie sowieso denselben Personengruppen zu Gute kommen.

Inzwischen ist mein Einkommen wieder höher, wir können unseren Lebensunterhalt wie früher komplett selbst bestreiten. Eine Zeitlang Unterstützung gebraucht und bekommen zu haben, das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich fühle mich verbunden mit allen, die diese Hilfe ebenfalls bekommen oder brauchen. Und ich bezahle gerne Steuern dafür.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39929
weiterlesen...
23MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Unsere jüngste Tochter hat sich zu einer leidenschaftlichen Sammlerin entwickelt. Egal, wo wir gerade unterwegs sind, – irgendwas findet sie immer: Einen Holzstab vom letzten Silvesterfeuerwerk, die Metallöse eines Kleiderhakens, Dachziegel-Bruchstücke – nichts entgeht ihrem aufmerksamen Blick. Manchmal fragt sie uns noch: „Kann ich das mitnehmen?“ Aber meistens wandern die Sachen gleich in ihre Jackentasche und zu uns nach Hause.

Für uns Eltern sind diese Fundstücke in der Regel nur Müll. Dinge, die man nicht mehr braucht, die andere weggeworfen haben. Manchmal sagen wir das auch genervt: „Was willst du denn damit wieder?“ Aber dann hören wir, was unsere Tochter schon damit plant, – und bekommen mit, was sie dann tatsächlich daraus macht: Persönliche Taschen, Spielfiguren, neulich sogar eine ganze Wichtelstadt. Ihr ganzes Zimmer ist voll von solchen Basteleien, regelmäßig auch Wohnzimmer und Esstisch. Und ich denke mir: Etwas einfach nur als Müll zu bezeichnen, ist halt erst mal meine Erwachsenen-Sicht. Und vielleicht bin ich manchmal zu schnell mit dieser Bewertung. Das vermeintlich Wertlose kann doch Bedeutung haben.

„Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt“, heißt es mal in der Bibel [1. Korinther 1,28a; BasisBibel]. Da geht es darum, dass Christen an Jesus glauben, der gekreuzigt wurde – also aus der Gesellschaft aussortiert und hingerichtet. Ausgerechnet in diesem einen allerschwächsten Menschen soll sich Gott zeigen. Und das stellt natürlich alles komplett auf den Kopf. Die gesamte Sicht auf die Welt ist dann plötzlich eine andere. Denn dann kann ja alles von Bedeutung sein, was nach normalen menschlichen Maßstäben eigentlich nichts wert ist. Ja, noch mehr: Gerade das kleine, mickrige ist unter Umständen ganz viel wert.

Indem unsere Tochter Dingen einen Platz gibt, die wir schon aussortiert haben, führt sie uns also eine tiefere Wahrheit vor Augen, ändert unseren Blick auf die Dinge. Klar – manchmal setzen wir der Sammelleidenschaft unserer selbstbewussten Sechsjährigen auch Grenzen. Das neulich im Badezimmer ausgetauschte alte Waschbecken durfte sie nicht behalten. Aber trotzdem: Meine erwachsen-eingefahrene Weltsicht, die will ich mir auch in Zukunft von ihr hinterfragen lassen. Und offen sein dafür, was alles von Wert sein kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39928
weiterlesen...
22MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bei uns im Wohngebiet, nur zwei Ecken weiter, gibt es einen kleinen Teich. Meistens ist es dort still und beschaulich. Aber einmal im Jahr, so Anfang April, übernehmen die Frösche das Sagen. Da beginnt nämlich ihre Paarungszeit. Und die Männchen haben auch diesmal alles getan, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Anzeigerufe nennt man ihr Quaken dann. Und wenn sie damit loslegen, hört man nichts anderes mehr. Autolärm ist nichts dagegen. Auch tobende Kinder nicht, oder die gelegentlichen Teenager-Treffen am Seeufer. Das vielstimmige Froschkonzert übertönt einfach alles. Vor allem abends und nachts.

Wie die Anwohner direkt am See das so finden, weiß ich nicht genau. Hoffentlich haben sie beim Einzug gewusst, worauf sie sich da im Frühjahr einlassen … Ich persönlich finde das Quaken der Frösche schön. Und ich finde es auch gut, dabei zu spüren: Wir Menschen haben nicht allein das Sagen auf unserer Welt.

Im Wohngebiet wirkt das ja sonst schnell mal so. Das haben Menschen komplett nach ihren Bedürfnissen und ihrem Geschmack angelegt und gestaltet. Früher mal gab es hier Wiesen, Bäume, auch Gewässer – jetzt vor allem Häuser, Straßen, Parkplätze. Auch der Teich ist künstlich angelegt, – aber er ist immerhin ein Stück Natur. Ein Rückzugsort – nicht nur für die Menschen, sondern auch für Pflanzen und Tiere.

… und hier übernehmen noch regelmäßig die Frösche das Sagen. Die hat es ja schon viele Millionen Jahre vor uns Menschen gegeben. Und auch nach den Texten der Bibel werden zunächst die Tiere erschaffen. Die bekommen in der Erzählung von der Schöpfung zuerst einen Platz auf Gottes Welt. Erst später, gegen Ende, kommt der Mensch noch dazu. Und er hat dann auch Verantwortung für den Lebensraum der Tiere. [Vgl. 1. Mose 1,28b] Dieser Auftrag ist oft missverstanden worden im Lauf der Jahrhunderte. Menschen haben sich über die Natur gestellt, sie für ihre Zwecke ausgebeutet. Und sich als Herren der Schöpfung aufgespielt. Ich fürchte: Das geht nach hinten los, diese falsche Rangfolge fällt uns auf die Füße über kurz oder lang. Gut also, wenn sie ab und zu spürbar durchbrochen wird.

Daran denke ich, wenn ich am Teichufer stehe und über das Wasser schaue. Auch wenn die Paarungszeit der Frösche zu Ende geht und es wieder schweigt im Teich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39927
weiterlesen...
21MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Neulich habe ich die Arbeitsstelle gewechselt. Und ich habe erlebt, wie wichtig es ist, sich richtig zu verabschieden und das Alte loszulassen.

Auf meiner bisherigen Stelle ist es mir sehr gut gegangen, ich war gerne dort. Aber von Anfang an war klar: Das ist nur eine kleine Teilzeitbeschäftigung für den Übergang. Ich bin für eine begrenzte Zeit dort – anderthalb Jahre dann schließlich.

Deshalb wollte ich eigentlich nicht groß Abschied feiern. Ich bin ja sozusagen nur zu Gast gewesen und wollte kein großes Aufheben machen. Das habe ich nicht für nötig gehalten. Mit meinem kleinen Team in einem Büro nochmal kurz zusammenstehen, das hätte mir gereicht.

Aber dann sind meine Kolleginnen und Kollegen auf mich zugekommen. „Mach‘ es doch ruhig ein bisschen offizieller. Wir organisieren dir was. Und wir machen deinen Abschied auch offiziell bekannt.“

Ich habe das Angebot angenommen. Und obwohl die Runde, die dann schließlich zusammengekommen ist, gar nicht so viel größer war als ursprünglich von mir gedacht, hatte mein Abschied dadurch mehr Bedeutung. Ich habe gemerkt, wie wichtig ich den anderen war und bin. Was in diesen anderthalb Jahren passiert ist, um mich herum und auch innerlich. Und ich konnte meine Aufgabe anschließend gut loslassen, um jetzt an einem anderen Ort neu zu beginnen. Vielleicht ist auch das in der Bibel gemeint, wenn es da heißt: „Alles hat seine Zeit.“ [Prediger 3,1] Alles im Leben hat seine Zeit – und verdient einen ordentlichen Abschied!

Meiner Frau ist es neulich ganz ähnlich gegangen mit einem Abschied. Sie hat viele Jahre lang eine ehrenamtliche Aufgabe in einer Kirchengemeinde übernommen. Letztes Weihnachten hat sie aufgehört – und das ist im Trubel damals irgendwie untergegangen. Aber vor ein paar Wochen hat sie eine Einladung von den anderen Mitarbeitenden bekommen. Zu einem gemeinsamen Frühstück, um den Abschied nochmal richtig zu begehen. Auch sie hat das genossen. Und sie hat bei dieser Gelegenheit auch nochmal auf die lange Zeit in ihrem Ehrenamt zurückgeschaut.

Abschiede sind ja gar nicht so einfach. Da können viele verschiedene Gefühle zusammenkommen. Dankbarkeit und Freude genauso wie Wehmut und Trauer. Und ja längst nicht nur bei der Person, die geht. Deshalb finde ich es hilfreich, den Übergang nicht einfach nur irgendwie vorbeirauschen zu lassen. Sondern dem Abschied einen gebührenden Platz zu geben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39926
weiterlesen...

„Die Bibel – was steckt drin?“ Zu diesem Thema habe ich neulich eine Fortbildung angeboten. Da ging es zum einen um den Inhalt der Bibel. Was steht in diesem alten Buch? Zum anderen haben wir aber auch über die Frage gesprochen: Was bedeutet die Bibel eigentlich für uns? Und wie gehen wir mit ihr um?

Meine eigene Sicht auf die Bibel hat sich verändert im Laufe der Jahre. Es gab Zeiten, da habe ich in der Bibel vor allem klare Antworten gesucht. Ich habe ihre Texte als eine Art Gebrauchsanweisung verstanden, die mir sagt, wie ich mein Leben gut hinbekomme. Ein eher „technisches“ Verständnis also – das hat mir damals Orientierung gegeben, das war mir wichtig.

Aber mit der Zeit ist mir immer deutlicher geworden, dass es in den biblischen Texten auch Spannungen und Widersprüche gibt. Zum Beispiel in der Frage, wie wichtig es ist, gut zu handeln. „Gott liebt dich einfach so, bedingungslos“, schreibt einer [vgl. Römer 3,28]. „Ohne gute Taten ist der Glaube tot“, hält ein anderer dagegen [vgl. Jakobus 2,17]. Es gibt auch Stellen in der Bibel, die kann man kritisieren oder für falsch halten. Dass man etwa bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit auf Gott hinweisen soll [vgl. 2. Timotheus 4,2], das finde ich längst nicht immer angemessen und sinnvoll.

Das alles wird zum echten Problem, wenn ich die Bibel als reine Gebrauchsanweisung verstehe. Einzelne schwierige Teile stellen dann gleich das gesamte Buch in Frage. Weil die Rechnung sozusagen nicht mehr aufgeht.

Heute glaube ich: Die Bibel erzählt in erster Linie Geschichten. Geschichten mitten aus dem Leben. Und da hat alles Platz, was Menschen umtreibt. Alle Gefühle. Alle Gedanken. Und genauso alle Erfahrungen mit Gott.

Deshalb ist es eigentlich ganz logisch, dass diese Lebensgeschichten auch Spannungen enthalten. Längst nicht alles passt da genau zusammen. Das ist ja auch in meinem eigenen Leben so. Ich sehe eine Sache gerade so – und in einiger Zeit wieder ganz anders. Auch mein Glaube verändert sich. Ich entwickle mich weiter mit der Zeit. Und trotzdem gehört das alles zu mir, zu ein und derselben Person.

Gerade weil die biblischen Geschichten so spannungsreich sind wie mein eigenes Leben, habe ich Platz darin. Ich kann sozusagen mit eintauchen in die Texte der Bibel. Und so wie die Menschen damals kann ich dabei auch Gott begegnen, Erfahrungen machen mit seiner Kraft. Dann bin ich ein Teil seiner großen Geschichte mit der Welt, stecke selbst dort drin. Das macht die Bibel für mich zu einem besonderen Buch. Und gerade so gibt sie mir auch Orientierung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39925
weiterlesen...
18MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eisenbahn, Auto, E-Bike… Ideen und Erfindungen prägen die Welt. Das war schon immer so. Sie haben uns weiter gebracht, kulturell und wissenschaftlich, in Technik und Wirtschaft.

Und auch heute sind es die Ideen, die die Welt am Laufen halten. Aber welche Ideen? Tragen sie noch, die alten bewährten Ideen? Passen sie noch in unsere Welt? In eine Welt, die sich so sehr verändert hat, wie wir‘s uns nicht mal in Sience Fiction-Filmen hätten ausdenken können.  

Der amerikanische Musiker John Cage hat gesagt: „Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen vor neuen Ideen fürchten. Ich fürchte mich vor den alten.“ Es klingt wie ein Bonmot, und zugleich trifft es unsere Situation ziemlich genau. Ich jedenfalls erkenne mich darin, besser als mir lieb ist. Ich sehe, dass alte Grundsätze, Muster, Ziele unsere Welt an die Wand fahren – und zugleich habe ich Angst davor, alles tatkräftig zu verändern. Angst, dass alles so bleibt, wie es ist – und Angst, dass nichts so bleibt, wie es ist. Ich sehe mit Schrecken, dass unser Wirtschaftssystem die Welt vollends ausbeutet – und zugleich fürchte ich auch, dass Veränderungen unseren Lebensstandard senken würden. Ich bin gegen Kriege, und doch traue ich den Alternativen zu militärischer Gewalt nicht wirklich. Ich weiß, dass Flugreisen dem Klima schaden, und habe mir doch eine Ausnahme von meinem Grundsatz, nicht zu fliegen, gegönnt… 

Wir stehen an der Schwelle zu Pfingsten. Für Christen das Fest des Geistes, des heiligen Geistes. Der schöpferischen Kraft Gottes, die immer wieder neue Horizonte eröffnet und uns neue Ideen ins Herz legt. Neuen Mut, lähmende Bedenken zu überwinden. Neues Vertrauen, dass wir es schaffen können, die Welt zum Besseren zu verändern. Die ganze Schöpfung soll aufatmen, so verheißt die Bibel, wenn Gottes Geist Raum bekommt. In unserem Denken und Fühlen und dann auch in unserem Handeln.  

Noch ist nicht Pfingsten. Und so fühle ich mich auch. Noch bin ich zögerlich, das, was ich als gut und notwendig erkenne, auch beherzt zu tun. Deshalb bete ich, was ich auch unterm Jahr oft als Stoßseufzer nach oben schicke: Komm, heiliger Geist! Und nimm mir die Angst vor Veränderungen und vor neuen Ideen. Und von den alten Ideen hilf uns  bewahren, was gut an ihnen ist. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39903
weiterlesen...
17MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manche Kochbücher werben mit einer ‚Gelinggarantie‘. Die Rezepte werden in der Versuchsküche getestet, und nur, was mehrfach erprobt ist und wirklich nicht misslingen kann, wird auch gedruckt. Und wenn ich das Kochbuch kaufe, dann kann ich mich darauf verlassen, dass das Rezept funktioniert.

Beim Kochen klappt das, meistens jedenfalls. Aber läuft das auch im Leben so, wie beim Kochen? Es scheint so, denn immer öfter seh ich in Buchhandlungen Bücher mit Titeln, die klingen, wie wenn‘s um Kochbücher ginge: Gelingendes Leben, heißen gleich vier Bücher im Regal. Wie leben gelingt trotz Widerständen, so ein anderer Titel. Gelingendes Leben im Beruf. Wege in gelingendes Leben… – jede Menge Gelingen wird da versprochen. Wenn ich mich nur an die Anleitung halte, dann kann eigentlich nicht viel schiefgehen in meinem Leben.  

Aber so perfekt wie eine Sahnetorte wird mein Leben nie werden. Niemals. Zu viel ist da schon anders gelaufen, anders geworden, als es im ‚Rezept‘ vorgesehen ist. Beziehungen werden brüchig und scheitern vielleicht. Menschen, die ich liebe, entwickeln sich anders als erhofft. Die Arbeit kann überfordern und krank machen. Ganz abgesehen von größeren Schicksalsschlägen. Die können das Leben von jetzt auf gleich völlig aus der Spur werfen.  

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann fällt mir jedenfalls nicht das Wort ‚gelingen‘ ein. Auch wenn vieles gut ist und manches, na ja, so halbgut. Aber es gibt eben auch das andere: das Ungute, das Sperrige. All das Zerbrochene, das ich nicht wieder heil machen kann. 

Ob mein Leben irgendwann einmal als ‚gelungen‘ gelten wird? Das muss ich gar nicht selbst entscheiden. Ich darf das Gott überlassen, zum Glück. Meine Aufgabe ist nur, alles vor ihm auszubreiten, was es da so gibt, die Glanzstücke meines Lebens ebenso wie die Scherben.

Ich glaube, dass das Gelingen, auf das ich hoffe, anders aussieht als bei einer perfekt dekorierten Torte. Und dass die Kratzer und Patzer, die ich mitbringe, am Ende sein dürfen, wie sie eben sind. Als Teil meines Lebens, das so sein darf, wie es eben ist. Und das geliebt ist, mitsamt allen seinen Kanten und Brüchen. 

Also doch so was wie eine Gelinggarantie? Vielleicht, aber eine andere: die Gelinggarantie Gottes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39902
weiterlesen...
16MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Menschen und Tiere, das ist eine ganz besondere Geschichte. Menschen fühlen sich wohl, wenn Tiere in der Nähe sind, deshalb haben sie vor Jahrtausenden angefangen, sie zu zähmen und an sich zu gewöhnen. Zunächst als Lieferanten für Wolle, Milch und Fleisch, dann auch als tierische Arbeitskräfte. Und irgendwann wurden aus den tierischen Mitarbeitern dann Familienmitglieder. Mit neuen Aufgaben: kuscheln statt jagen, geduldig warten, beim Spaziergang begleiten, verschwiegen zuhören, trösten, aufmuntern, zum Lachen bringen. Was täten wir ohne Haustiere! Manchmal sind sie geradezu Therapeuten.

Das gilt auch für die Hündin Roxy. Die ist eine Pitbullmischung und lebt – in einem Gefängnis in Amerika. Dort gibt es ein außergewöhnliches Projekt, und zwar zusammen mit einem Tierheim. Den Gefangenen wird angeboten, einen Hund aus dem Tierheim zu bekommen, und zwar einen, der schwierig ist und nicht vermittelt werden kann und sonst eingeschläfert werden müsste. So kam Roxy zu Michael. Seit drei Jahren teilen sich die beiden nun schon die Zelle. Der Gefängnisleiter sagt: „Man kann sich kaum vorstellen, was diese Hunde mitgemacht haben, aber wenn ich dann sehe, wie sie von unseren Insassen geliebt und umsorgt werden und wie sich die Hunde wandeln von Opfern zu Familienmitgliedern, dann ist es das alles wert.“  

Menschen, die um sich schießen, und Hunde, die um sich beißen. Alle haben sie ihre Geschichte, und alle ihre Geschichten sind traurig. Denn kein Mensch wird als Gewaltverbrecher geboren und kein Hund als aggressives Monster. Und dann treffen sie aufeinander. In einem Gefängnis. Und lernen, mühsam und in ganz kleinen Schritten, dass Menschen nicht unbedingt quälen und dass gefährliche Hunde keine Bestien bleiben müssen.

Ich finde das besonders anrührend: Es sind gerade die Verlierer, die einander eine Chance geben, das Leben neu zu lernen, mit anderen Regeln als denen, die sie bisher kannten. Mit Gefühlen, die ihnen eine ganz neue Welt des Zusammenlebens erschließen: Vertrauen, Anhänglichkeit, ja, ich trau mich zu sagen: Liebe.  

Vielleicht fängt Liebe ja immer damit an: die eigenen Wunden zu sehen und zu respektieren – und ebenso die der andern. Und einander behutsam zu helfen, dass die Verwundungen des Lebens heilen können. So wie Michael und Roxy.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39901
weiterlesen...
15MAI2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bei einem Spaziergang im Wald kam ich an einem freistehenden Baum vorbei. Auf den Stamm hatte jemand mit weißer Farbe Buchstaben gepinselt, ziemlich ungelenk und schwer zu entziffern. Wie kann man nur gesunde Bäume mit Wandfarbe traktieren? Trotzdem war ich neugierig, ob das Gepinsel überhaupt irgendwas aussagt. Schließlich hatte ich‘s raus: „Heute schon geärgert?“ stand da. Auf einem Stamm. Mitten im schönsten Wald. Spätestens da dachte ich: Ja, hab ich, und zwar über dich, du Blödmann! Aber ich war nicht nur wütend, sondern auch etwas irritiert. Denn diese Aktion war ja nicht nur ziemlich frech, sondern doch auch irgendwie pfiffig.  

„Heute schon geärgert?“ Die Frage unterstellt, dass ich mich im Grunde ganz gern ärgere. Dass ich geradezu Spaß daran habe, irgendwas zu finden, worüber ich mich empören kann.  

Die Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Alena Buyx, spricht sogar von der „Lust an der Empörung“. Und ich glaube, da ist wirklich was dran. Wie konnte man sich während der Pandemie doch empören, je nach Standpunkt über die Rücksichtslosen oder über die ewig Ängstlichen. Die akute Pandemie ist mittlerweile Geschichte, aber die Streitthemen gehen nicht aus. 

„Wir müssen wegkommen von der Lust an der Empörung“, sagte Alena Buyx damals. Empörung hat immer etwas mit Lust zu tun. Schon das Wort weist darauf hin: Empörung hebt mich „empor“, stellt mich über andere. Und größer zu sein als die andern, das macht nicht nur kleinen Kindern Lustgefühle, sondern – leider – auch Erwachsenen. 

Ich will mich darin üben, nicht ständig empört zu sein. Ich will meine Meinung ganz selbstverständlich vertreten, sachlich, überzeugt, aber nicht überheblich. Dann habe ich ja auch bessere Chancen, gehört zu werden, als in einer Atmosphäre, die jeden Disput zu einem Schaukampf macht. 

Ich weiß nicht, ob mir das gelingt, aber versuchen will ich‘s. Und weil das eine größere Sache ist, will ich klein anfangen. Nicht bei den ganz großen Themen, sondern beim Kleinklein, beim täglichen Ärgern, über dies und das.

Und wenn ich dann wieder mal an dem Baum vorbeikomme und lese „Heute schon geärgert?“, dann möchte ich auch mal antworten können: „Nein, ich heb meine Kraft lieber  auf. Für Wichtigeres.“  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39899
weiterlesen...