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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Vor ziemlich genau sechzig Jahren, im April ´59, hat Charlie Chaplin eine besondere Rede gehalten. Anlass war sein 70. Geburtstag. In dieser Rede spricht er darüber, wie er den Schlüssel zum zufriedenen Leben entdeckt hat. Er hat gesagt:

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen, und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich: das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist – von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich: das nennt man EHRLICHKEIT.

Und ein wenig später in seiner Geburtstagsrede schreibt Chaplin:

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt. Heute weiß ich: das nennt man DEMUT.

Sich selbst lieben lernen – das gehört im Christentum unbedingt dazu. Und auch wenn Gott in Chaplins Rede nicht vorkommt, so denke ich als Christin ihn bei jedem Absatz mit. Denn Gott ist jemand, der mich schon liebt. Dann kann ich das selbst auch tun. Ich muss also nicht zu klein von mir denken, sondern kann mich an dem freuen, was in mir steckt. Es ist gut, dass es mich genauso gibt.

„Sich selbst lieben“ hat aber auch Grenzen. Denn wenn ich dabei überheblich werde und nur noch das gut finde, was ich selbst tue, dann vergesse ich, dass Gott sich ja auch bei den anderen Menschen etwas gedacht hat. Sie sind genauso wertvoll und liebenswert wie ich.

Ich habe heute auch Geburtstag. Bis 70 dauert es bei mir noch eine ganze Weile. Aber mein Geburtstagswunsch ist klar: mit 70 will ich auch so klar und zufrieden auf mein Leben schauen können, wie Charlie Chaplin. Und dank seiner Rede weiß ich, was ich dafür tun kann.

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„S!sters“ – das sind zwei junge Frauen, die in diesem Jahr für Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Tel Aviv fliegen. Wie das Duo im Mai abschneiden wird, weiß natürlich jetzt noch niemand. Aber fest steht, welches Lied sie singen werden. Es heißt so, wie das Duo selbst, nämlich „Sister“, also Schwester. Und die Grundbotschaft des Songs ist, wie stark Schwestern zusammen sind, aber auch wie viel Zickenkrieg und Konkurrenzkampf es unter Schwestern geben kann.

Ich habe auch eine Schwester. Und es gibt wohl kaum jemanden, der mich so gut kennt, wie sie. Klar, wir sind zusammen aufgewachsen, kennen uns schon seit über dreißig Jahren und haben viel miteinander erlebt. Wir haben gelacht, geweint, gestritten und uns wieder zusammengerauft. Das schweißt zusammen.

Auch wenn Geschwister sich gut verstehen, gibt es immer wieder herausfordernde Momente. So auch bei Maria und Marta. Zwei Schwestern, von denen die Bibel erzählt. Beide wohnen zusammen und bekommen eines Tages hohen Besuch. Von Jesus. Die Reaktionen der beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.

Für Marta ist es nämlich Stress pur. Alles soll tiptop sein und der Gast soll sich wohlfühlen. Maria dagegen setzt sich zu Jesus und macht nichts anderes, als Jesus aufmerksam zuzuhören. Ich kann gut verstehen, dass Marta das irgendwann nicht mehr aushält und sich vorwurfsvoll an Jesus wendet. Sie sagt sinngemäß: „Jesus, ist es dir egal, dass ich alles alleine mache? Sag Maria, dass sie mir helfen soll.“

Doch Jesus reagiert ganz anders, als sie erwartet. Er sagt: „Marta, Du machst dir viele Sorgen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt.“

Klare Ansage, die mich immer wieder schlucken lässt. Denn in Marta kann ich mich – gerade auch als älteste Schwester – gut hineinversetzen. Doch wenn ich die Haltungen der beiden Schwestern als Lebensweisen verstehe, die beide zum Leben gehören, dann wird mir manches klarer. Denn grundsätzlich ist beides gut: Das Sorgen für andere und das Zuhören. Jesus macht aber auch klar, dass das Zuhören so wichtig ist, dass man darauf auf keinen Fall verzichten sollte.

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An Gott zu glauben ist etwas sehr Persönliches. Und vermutlich ist es deshalb auch nicht ganz einfach, anderen von Gott zu erzählen. Zu sagen, wie man Gott erlebt und was er einem bedeutet. Gut, dass in der Bibel ganz viele Bilder und Vergleiche stehen, die beschreiben, wie Menschen Gott erfahren haben und die helfen, die eigene Vorstellung in Worte zu packen: Gott ist wie ein Fels, der mich trägt und hält, heißt es da zum Beispiel. Oder Gott ist wie eine Mutter oder ein Vater, dem ich wichtig bin und der sich um mich sorgt.

Eine ganz besonders schöne Beschreibung für mich steht gleich im ersten Buch der Bibel. Dort heißt es: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Der Satz stammt von der Ägypterin Hagar. Einer Frau, deren Namen die Bibel überhaupt nur weiß, weil sie die Sklavin von Abraham und Sara war. Und weil sie die Mutter von Abrahams erstem Kind geworden ist. Aber der Reihe nach.

Abraham und Sara bekommen lange Zeit kein Kind. Und das obwohl ihnen Gott versprochen hat, dass sie viele Nachkommen haben werden. Sara hält diese Situation irgendwann nicht mehr aus. Sie nimmt die Sache selbst in die Hand und verlangt von ihrem Mann, dass er mit Hagar ein Kind zeugen soll. Hagar wird als Sklavin kein Recht an diesem Kind haben. Das Kind wäre voll und ganz Saras und Abrahams Kind. Das war damals zwar üblich, aber deswegen nicht unproblematisch.

Denn als Hagar tatsächlich schwanger wird, kommt es zum Konflikt. Denn nicht nur das Kind, sondern auch Hagars Selbstbewusstsein wird jeden Tag größer. So hatte sich das Sara nicht vorgestellt. Sie wird neidisch und behandelt ihre Sklavin so schlecht, dass Hagar es irgendwann einfach nicht mehr aushält und wegläuft. Mitten in die Wüste. Und ausgerechnet dort begegnet ihr ein Fremder. Der spricht sie an. Interessiert sich für sie. Hagar weiß sofort: Das ist die Stimme Gottes. Und sie spürt: Gott lässt mich nicht allein. Er sieht, wie es mir geht. Er wird mir helfen.

Der Fremde macht Hagar Mut, zurückzugehen, auch wenn die Situation bei Sara und Abraham nicht leicht für sie sein wird. Aber in Hagar hat sich etwas verändert. Sie kann mit einer anderen Stärke in ihr altes Leben zurückgehen. Sie braucht die Anerkennung nicht mehr so stark von anderen Menschen, weil sie weiß: „Gott sieht mich“. Mit dieser Gewissheit wird sie es schon schaffen.

Ich finde: Schöner kann man von Gott nicht sprechen. Schöner kann ich nicht beschreiben, was Gott ausmacht. Gott sieht mich – und das an jedem Tag.

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„Schön, dass Du da bist!“ Ein Satz, der gut tut und der eine enorme Kraft hat.

Der Satz tut gut, weil er ausdrückt, dass ich von einem anderen Menschen gesehen werde.

Jemand freut sich, dass ich da bin – ohne dass ich etwas Besonderes leisten oder irgendeine Erwartung erfüllen muss. Es genügt, dass ich da bin.

Und der Satz hat eine enorme Kraft, denn Menschen fangen an zu leuchten, wenn sie beachtet werden. Von innen heraus. Und ich staune immer wieder, welches Potenzial in Menschen liegt, das dann zum Vorschein kommt.

Ich hab´ das schon oft bei Jugendlichen bemerkt, die von Natur aus eher still und in sich gekehrt sind. Wenn sie gezeigt bekommen, dass sie gesehen werden, dann tauen sie auf, werden mutiger und fangen an zu leuchten. Sie trauen sich, ihre Fähigkeiten einzubringen. Für sich und auch für andere.

Als Christin glaube ich, dass wir Menschen immer von Gott angeschaut werden. Mit Blicken, die aufbauen und bestärken und nicht mit Blicken, die kontrollieren und bewerten.

Gerade dann, wenn die Momente kommen, in denen ich beginne, an mir zu zweifeln oder wenn ich innerlich unruhig oder unsicher werde, krame ich ein Gebet in meinem Kopf hervor, dass mich an Gottes Blick auf mich erinnert. Ein Gebet, das sehr verkürzt ausdrückt: „Schön, dass es dich gibt.“

Geschrieben hat es der Theologe Romano Guardini, der vor ungefähr hundert Jahren gelebt hat. Das merkt man der Sprache an. Mit ist es in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. So wichtig, dass ich es auswendig gelernt habe, um es immer und überall dabei zu haben. Und so geht es:

 

Immerfort empfange ich mich aus Deiner Hand.

So ist es und so soll es sein.

Das ist meine Wahrheit und meine Freude.

 

Immerfort blickt mich voll Liebe Dein Auge an

und ich lebe aus deinem Blick.

Du mein Schöpfer und mein Heil.

 

Lehre mich in der Stille Deiner Gegenwart

das Geheimnis zu verstehen, das ich bin.

Und das ich bin durch dich und vor dir und für dich.

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Mittags um zwölf läuten die Kirchturmglocken. Früher hat das Glockenläuten gläubige Menschen an ein Gebet erinnert. Es nennt sich „Engel des Herrn“. Und das sind auch gleich die ersten Worte des Gebets: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist.“

Heute am 25. März passt dieses Gebet besonders gut, weil heute das Fest „Verkündigung des Herrn“ ist. Es erinnert daran, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass Jesus geboren wurde. Oder anders gesagt, wie Maria schwanger geworden ist und welche Rolle der Engel dabei gespielt hat.

Maria ist eine junge unverheiratete Frau. Die Bibel erzählt, dass ein Engel zu ihr kommt und sagt, dass sie ein Kind bekommen wird. Von einem Moment auf den anderen sind all ihre Pläne zunichte. Ein ungeplantes Kind. Einfach so. Vielleicht geht ihre Partnerschaft deswegen drauf. Und auch die Nachbarn werden reden.

Mir ist sympathisch, dass Maria nicht gleich vor Freude in die Luft springt. Sondern dass sie erst einmal nachdenkt. Und dass sie dann kritisch nachfragt, wie das alles sein kann.

An der Stelle hätte die Geschichte auch anders ausgehen können. Doch Maria lässt sich vom Engel überzeugen und sagt dann „Ja“ zu dem Kind. „Ja“ dazu, dass Gott in ihrem Leben etwas zu sagen hat – auch wenn das ihr Leben kräftig durcheinanderwirbelt.

Den „Engel des Herrn“ gibt es seit ungefähr 450 Jahren und traditionell wird das Gebet am Morgen, am Mittag und am Abend gebetet. Deshalb läuten dann an vielen Orten die Kirchturmglocken. Ein Zeichen, einen Moment den Alltag zu unterbrechen. Und auch wenn das Gebet Worte verwendet, die mir fremd sind, so tun mir die Unterbrechungen gut. Kurze Momente, in denen ich mir bewusstmache, dass Gott bei mir ist. Bei dem, was ich gerade tue. Sei es mit Kollegen etwas zu planen oder am Schreibtisch etwas vorzubereiten.

Der „Engel des Herrn“ ist für mich deshalb vor allem ein „Gebet der Unterbrechung“. So wie der Engel damals ja auch keinen Termin mit Maria vereinbart hat, an dem sie zufällig Zeit hatte, um sich seine Botschaft anzuhören. Der Engel ist einfach so gekommen. Mitten in ihren Alltag. Und Maria hat sich unterbrechen lassen.

Auch ich habe gemerkt, dass ich nach solchen kleinen Unterbrechungen manches anders sehe. Gespräche besser einordnen kann. Ideen in meinem Kopf klarer werden. Gott wird dadurch in meinem Alltag präsenter und mein Blick auf das Leben weiter.

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