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22APR2024
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Ich habe einmal eine Fahrradtour die Donau entlang gemacht. Und wie ich so vor mich hinfahre, da ist sie auf einmal einfach weg. Die Donau. Zumindest an den meisten Tage im Jahr. Nach ihren ersten Kilometern als kleiner Fluss verschwindet die Donau plötzlich im Boden – nur um über 10 km später wieder aufzutauchen. Von diesem Phänomen – der Donauversickerung – bin ich seitdem fasziniert. Die Donau versickert, weil der Untergrund voll von kleinen Rissen und Klüften ist. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass man rausgefunden hat, dass nicht alles Wasser der Donau später wieder als Donau weiterfließt, sondern ein Teil des Wassers im Aachtopf wieder auftaucht und in den Rhein fließt. Ich finde das Phänomen richtig faszinierend, weil ich es verrückt finde, dass so ein Fluss einfach verschwindet und wieder auftaucht.

Mit meinem Glauben war es ein bisschen wie mit der Donau. Als junger Erwachsener – mitten im Studium war es so, als wäre mein Glaube einfach im Boden versickert. Das war anders als bei der Donauversickerung weniger faszinierend, sondern sehr, sehr belastend. Der Glaube hatte seit der Kindheit mein Leben mitbestimmt – und auf einmal begann er zu versickern und ich konnte es nicht aufhalten. Eine Zeit lang war es so, als wäre er einfach weg mein Glaube. Es hat gedauert, bis er langsam wieder aufgetaucht ist – und das ist dann doch so faszinierend, wie die Donauversickerung. Denn es gab keinen äußeren Grund, kein plötzliches Erlebnis, dass meinen Glauben zurückbrachte. Eher so ein langsames Wiederauftauchen. Wie ein kleines Rinnsal, das schließlich langsam wieder zu einem kleinen Strom wurde.

Seitdem steigt und sinkt der Wasserstand meines Glaubensflusses auch immer mal wieder. Versickert, wie damals, ist er nicht mehr. Aber mich lässt meine Erfahrung und das Bild der Donauversickerung entspannter auf den Glauben schauen: Nicht immer, wenn er gerade nicht greifbar oder sichtbar ist, ist der Glaube weg. Und nach längeren Durststrecken folgen auch wieder Zeiten, in denen der Fluss wieder kräftiger wird. Manchmal ist es auch wie beim Aachtopf: da kommt der Glaube wie die Donau an einer ganz anderen Stelle wieder raus und fließt dann weiter. Egal wo – er führt mich weiter mein Glaube, er fasziniert und beschäftigt mich. Wie die Donauversickerung eben.

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20APR2024
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Manchmal sitze ich frühmorgens stumm vor Gott – das Morgenlob bleibt mir im Halse stecken. Die Schreckensnachrichten aus Gaza und der Ukraine haben mir die Sprache verschlagen und treiben mir Tränen in die Augen. Tief in meinem Innern spüre ich, wie in mir die Wut zu rumoren beginnt. Die Wut diesen Verbrechern gegenüber, die Kriege auslösen und Massenmord befehlen. Dann geht es mir wie Schwester Gabriela in Jerusalem. Auch sie könne das, was nur eine Autostunde von ihr entfernt geschieht, „nicht einfach weg- oder schönbeten“, schreibt sie. In den ersten Kriegstagen habe sie nur schweigend unter dem Kreuz Jesu ausgeharrt. 1)

In meiner Sprachlosigkeit greife ich dann doch zum Andachtsbuch, um einen Psalm zu beten. Viele dieser Verse sind ja auch in Kriegszeiten entstanden und künden von Ohnmacht und Verzweiflung. Gott war schon den Frommen von damals ein Rätsel: Hat er uns denn gänzlich vergessen, hadert einer von ihnen, „ist er denn blind?“ (Psalm 94,9)? „Wie lange dürfen die Gottlosen noch lachen?“, klagt ein anderer (Psalm 94,3). Gott, der Gerechte, „hasst doch alle, die Unrecht und Gewalt lieben?“ (Psalm 5,5-6). Wie lange sollen die denn noch die „Oberhand behalten?“, lese ich in Psalm 3. Nun spüre ich: Ich bin nicht allein in meiner Abscheu und in meinem Hass gegen die Kriegstreiber. Ich darf den sogar zulassen. 

Manchmal helfen mir diese Vorbeter dann doch ins Gebet hinein. Einer fleht Gott an:

Erhebe dich endlich! Bestrafe die Bösen und vergiss die Hilflosen nicht! Zerbrich die

Macht dieser Gottlosen, damit sie aufhören!“ (Psalm 10).

Die meisten dieser jüdischen Gebete finden am Ende dann doch wieder zurück ins

Vertrauen zu Gott. „Völker sind in Aufruhr und Königreiche zerfallen“ heißt es in Psalm 46. „Die Erde vergeht, doch der allmächtige Herr bleibt bei uns und ist unser Schutz. Er zerbricht die Kampfbögen der Feinde und spaltet ihre Speere, er verbrennt die Streitwagen im Feuer“ (Psalm 46).

Beten in Kriegszeiten! Wenn Sie mögen und sich ein paar Minuten Zeit nehmen, dann klicken Sie heute mal hinein in den Psalm 46. Mir schenkt er Trost und Zuversicht.

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  • „Beten in Zeiten des Krieges“ – in „Publik-Forum“ Nr. 1/2024
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19APR2024
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Wer von Gott und der Welt verlassen, also Gott los-geworden ist und sich in der Welt nicht recht beheimatet fühlt, den beneide ich nicht. Es lebt sich meines Erachtens schwer mit solchen Leerstellen. Ich beobachte, dass Menschen sich oftmals mit Ersatz begnügen, mit sogenannten Glücksbringern zum Beispiel. 39 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer in Deutschland bezeichnen sich selbst als abergläubisch. Sie erhoffen sich Gutes von vierblättrigen Kleeblättern, tragen ihr Sternzeichen um den Hals oder führen einen Talisman mit sich.

Dadurch fühlen sie sich beschützt und weniger allein. „Ja, er soll mir Glück bringen", sagte mir eine Schülerin, mit Blick auf den kleinen Teddybär, der sie zu ihren schriftlichen Abiturprüfungen begleiten soll, die am Montag beginnen.  

Meinem eigenen, ziemlich nüchternen Weltbild sind solche Vorstellungen eher fremd. Wenn ich mich bewahrt und behütet fühle, ist kein Schlüsselanhänger daran beteiligt. Und wenn der 13. Tag eines Monats auf einen Freitag fällt, denke ich allenfalls an den Spruch meines alten Lehrers, der uns versicherte, für ihn sei das immer ein Glückstag, weil er einst an einem solchen Tag seine Frau kennengelernt habe. Ich bedaure nur, dass mir ansonsten vom Unterricht nicht mehr viel im Gedächtnis hängen geblieben ist. Bis auf einen anderen Spruch, den ich auch ihm verdanke. Es ist ein Zitat des Dichters Emanuel Geibel – um die Mitte des 19. Jahrhunderts der erfolgreichste Dichter seiner Zeit:

"Glaube, dem die Tür versagt,

steigt als Aberglaub' ins Fenster.

Wenn die Götter ihr verjagt,

kommen die Gespenster."

Es genügt offenbar nicht, die Seelenfenster einfach offen stehen zu lassen, wenn man die Kirchentür endgültig hinter sich zugeschlagen hat. Wahrsager, Gurus und Sterndeuter, die  versprechen, die Zukunft vorauszusagen, können Menschen in Abhängigkeiten bringen und Ängste verstärken. Angeblich sind gerade die Menschen, die sich für besonders aufgeklärt halten, anfällig für Seelenfänger und ihre Heilsversprechen.

Dagegen ist der Teddy in der Abi-Klausur harmlos. Falls er nichts nützt, so schadet er wenigstens nicht. Da bin ich mir ziemlich sicher.

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18APR2024
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„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!", lese ich im Alten Testament beim Propheten Jesaja (5,20).

Es sind so viel böse Worte im Umlauf. Und damit meine ich als Schwabe nicht in erster Linie den Moschdkobf, dia Beisszang oder an Endaglemmr. Solche Worte haben ja meist noch etwas von der Restwärme des Dialekts an sich. Ich meine die kleinen Worte, die Adjektive, die eine Eigenschaft, ein Attribut bezeichnen. Man schreibt sie normalerweise klein –, aber sie haben große Wirkung: Gute Absichten, Sachverhalte, Tatsachen und Verhaltensweisen lassen sich durch ein einziges böses Beiwort zerstören.

Man kann eine vernünftige Forderung als populistisch abtun und dem, der sie sagt damit unredliche Absichten unterstellen. Man kann das Verhalten einer fürsorglichen Mutter als übergriffig abwerten und einen sprachlich gewandten Redner manipulativ nennen. Man kann dem Papst einen primitiven Pazifismus unterstellen und die Forderung nach Gesprächen statt Geschützen zynisch nennen. Die Beispiele lassen sich fortsetzen.

Jesaja und andere biblische Botschafter warnen davor. „Es gibt Menschen, die ruhen nicht, ehe sie jemanden zu Fall gebracht haben", heißt es da (Sprüche 4,17), und Jesaja meint, wer solche Worte benutzt, „sinnt auf Tücke, um Menschen zu verderben mit falschen Worten". Der Edle, so  schreibt er, „hat edle Gedanken und beharrt bei Edlem" (32,7-8).

Edel ist es, beim Urteilen und Verurteilen sachlich zu bleiben und nicht in die Kiste der Bösartigkeit zu greifen. Schenken Sie den kleinen Worten Ihre Aufmerksamkeit. Achten Sie darauf, wer sie wann und wie benutzt. Und wenn Sie solche selbst verwenden, wählen Sie lieber die edlen, statt solche, die nur verurteilen, vernichten und entwerten.

Hinweise:

David Rivkin and Peter Berkowitz: “The Primitive Pacifism of Pope Francis'  Wall Street Journal, vom 13. Dezember 2023

Franz-Josef Bormann, Jahresbericht 2022/23: Kath. Erwachsenenbildung Diözese Rottenburg-Stuttgart,

  1. V. , Seite 32:

https://taz.de/Boris-Palmer-und-die-Coronakrise/!5682102/

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17APR2024
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Es ging um einen Bleistift. Genauer gesagt um einen Hotel-Bleistift, der auf dem Zimmer lag. Diesen Bleistift durften die drei Geschwister im Grundschulalter nach Rückfrage an der Rezeption mit nach Hause nehmen. Es war irgendwie ein ganz besonderer Bleistift, aber er hat den sechs kleinen Kinderhänden nicht lange genug standgehalten, ging kaputt und war die Ursache dicker Tränen, zumal auch noch Grippe im Hause herrschte und alle Kinder krank.

Ersatz war zu beschaffen. Man suchte daraufhin zwar nicht nach einer Stecknadel im Heuhaufen, sondern nach einem Stift im Internet. Da gab es so viele Schreibgeräte wie es Strohhalme gibt auf einem gut gefüllten Heuboden. Nur: Der gesuchte Bleistift war nicht darunter.

Aber fündig wurde man schließlich doch. Nächster Schritt: Kontaktaufnahme mit dem Hotel. Dort hat man in der Direktion und an der Rezeption bekanntlich eine Menge an Problemen und Aufgaben zu bewältigen. Das große Tagungshaus und der anstehende Erweiterungsbau fordern alle Kräfte.

Doch zwei besondere Menschen kümmerten sich dort um einen besonderen Stift. Ob sie wohl geahnt haben, dass es ganz große Kümmernisse gibt, die tief in die Seele einschneiden – und die mit einem Bleistift zu lindern sind? Und so ging ein kleines Paket auf die Reise zu den Kindern.

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht …" - so überliefert der Evangelist Lukas Worte von Jesus (Lukas 18,16).

Wer sich ein wenig auskennt mit den Nöten von Kinderseelen – Großeltern oder auch Kindergärtnerinnen und Hotel-Fachleute zum Beispiel –, der kann sich, ganz jesusähnlich,  seinen Mitmenschen zuwenden und ist dienstbar aus Liebe, einer Liebe, die sich hinunterbeugt auf die Augenhöhe von Kindern.

Ich glaube, wer zu einem solchen Blick fähig ist, der erkennt die Kinderseele auch dann in den Menschen, wenn diese schon ganz groß und erwachsen geworden sind. 

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16APR2024
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Kriege morden nicht nur Menschen, sie schänden auch die Schöpfung im Übermaß. Im ersten Kriegsjahr in der Ukraine wurden um die 150 Millionen Tonnen Co2 ausgestoßen – so viel wie in ganz Belgien im selben Zeitraum.[1]) Rüstung und Militär sind für sechs Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Dabei sind die Kriegsfolgen mit ihren katastrophalen Zerstörungen, verheerenden Bränden oder berstenden Staudämmen gar nicht miteingerechnet. Von den kolossalen Umweltbelastungen des Wiederaufbaus ganz zu schweigen. Kriege zerstören ganze Öko-Systeme – die Lebensgrundlage auch für zukünftige Generationen. Sie machen alle Bemühungen um eine intakte Umwelt zunichte und geben die Klima-Ziele der Lächerlichkeit preis.

Geradezu pervers die Bemühungen der Rüstungsindustrie um mehr Nachhaltigkeit: Kampfjets mit tödlichen Waffen an Bord, aber Bio-Sprit im Tank. Panzer – volles Rohr, aber solarbetrieben, Haubitzen mit Öko-Plakette oder was? Mensch und Schöpfung überleben nur, wenn dieses ganze Teufelszeug vom Erdboden verschwindet.

An dieser Stelle schalte ich eine Vermissten-Anzeige: Wo bleiben sie denn, die Umwelt-Schützer und die Aktivisten der „letzten Generation“? Wann endlich demonstrieren sie vor Kasernen und Truppenübungsplätzen? Wann haken sie sich bei den Friedensbewegten unter und machen mit ihnen gemeinsame Sache? Krieg darf um Gottes, um der Menschen und um der Schöpfung willen einfach nicht sein!

Als Christ bewahre ich mir die biblische Vision und bete darum, dass wir „Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln umschmieden“. „Rüstungskonversion“ sozusagen. Davon träumt der Prophet Micha (Micha 4,3) im Alten Testament. Nur so wird am Ende, wie er meint, „ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen können“

Ein Bild des Friedens – für Mensch und Natur.

 

[1]  https://table.media/climate/analyse/russlands-ukraine-krieg-hat-gravierende-klimaauswirkungen/

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15APR2024
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Ich höre die alte Geschichte von Kain und Abel. Manchmal ist mir Kain näher als Abel, weil mir die biblische Erzählung aus dem Alten Testament mehr von seinen Gefühlen mitteilt als von jenen seines Bruders Abel. Ihn erschlägt er aus Neid, weil er sich von Gott weniger gesehen fühlt als Abel, den er bevorzugt glaubt.

Menschen sagen mir, es ist so verdammt schwer auszuhalten, dass es andern fortwährend so gut geht und sie – selbst bei Gott – eine Vorzugsstellung inne zu haben scheinen. Ihnen gelingt alles; ihr Leben ist eine Abfolge bereichernder Erlebnisse, glücklicher Begegnungen, schöner Reisen. –

Ja, das gibt es, und es kann einen bitter werden lassen, wenn man selbst nicht auf der Erfolgsspur unterwegs ist. Muss man sich nicht zu allem Übel auch noch von Gott persönlich benachteiligt fühlen wie Kain? Hat ER die Glücklosen unter uns weniger lieb? – Menschen, von denen das Alte Testament berichtet, mag es so vorgekommen sein.

Aber dann blättern wir weiter in der Bibel und schlagen das Neue Testament auf. Fast jede Seite dort erzählt von Jesus, und seine Lieblinge sind eindeutig: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“, lese ich im Matthäus-Evangelium (11,28). Unmissverständlich gibt Jesus zu erkennen: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Markus-Evangelium 2,17).

Ins Heute übertragen heißt das: Ihr seid eindeutig meine Lieblingsmenschen. Ihr seid mir besonders ans Herz gewachsen. Ich will Eure Belastungen mittragen!

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13APR2024
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Jetzt – nach fast zwei Wochen – habe ich mich so langsam an die Zeitumstellung gewöhnt. Mich nervt die Umstellung von Normal- auf Sommerzeit zwar jedes Mal – aber ich liebe es auch, wenn es abends lange hell ist.

Es hat Zeiten in meinem Leben gegeben, da konnte die Abenddämmerung für mich gar nicht spät genug anbrechen. Denn wenn es dunkel geworden ist, dann ist auch meine Seele immer wieder mal in die Dunkelheit abgetaucht. Und ich bin sicher, das geht vielen Menschen ähnlich: Anstatt zur Ruhe zu kommen, fangen die Gedanken an, zu kreisen: Was ist liegen geblieben? Was ist morgen zu tun? Wo weiß ich nicht weiter? Abends stapeln sich ihre Sorgen im Kopf und manche begleitet das sogar bis unter die Bettdecke. Wer nachts nicht schlafen kann, weil die Gedanken kreisen, der hat wirklich eine finstere Nacht.

Am nächsten Morgen ist das Gefühl meistens wieder verflogen. Es wird hell, und bei eine Tasse Kaffee oder Tee sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich bin immer froh, wenn mir ein neuer Tag auch neuen Schwung gibt. Bei Licht betrachtet sind meine Probleme auch nicht größer als die, anderer Leute, und ich fürchte, ich nehme sie manchmal einfach zu wichtig. Und trotzdem: Abends sitze ich wieder da und grüble.

Ich ärgere mich darüber, denn eigentlich weiß ich es ja besser. Anstatt auf das zu starren, was liegen geblieben ist, sollte ich lieber an das denken, was mir gelungen ist. Vielleicht ist das gar nicht viel. Vielleicht habe ich nur den Müll rausgebracht oder ein bisschen aufgeräumt - aber immerhin. Und warum sollte morgen nicht etwas Gutes auf mich warten? Morgen ist ein neuer Tag. Und ganz sicher geht die Sonne wieder auf.

Es gibt ein Lied im evangelischen Gesangbuch, das nimmt den Abend und den Morgen zusammen in den Blick: „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ und darin heißt es:

„Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für Gottes Taten spricht.“

Das ist doch ein schöner Gedanke: Wenn es hier langsam auf den Abend zugeht, dann geht irgendwo anders auf der Welt gerade die Sonne auf. Ich stelle mir vor, wie die Menschen aus ihren Betten kommen und sich erst einmal recken und strecken. Bestimmt kocht gerade irgendjemand Kaffee - oder was auch immer dort zu einem Frühstück gehören mag. Irgendwo auf der Welt fängt gerade jemand neu an. Und hier bei mir? - Hier kommt nach einer langen Nacht auch wieder der nächste Morgen. Und ich bin gespannt, was der neue Tag bringen wird.

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12APR2024
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Und ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Vielleicht haben Sie heute viel vor. Und vielleicht auch schon Pläne für heute Abend – oder sogar heute Nacht. Ich selbst verziehe mich nach Feierabend aufs Sofa. Aber manchmal, da hat der Tag auch einfach nicht genug Stunden. Und es gibt Leute, die können gar nicht genug unternehmen und sind von früh bis spät auf Achse.

Je älter ich werde merke ich, dass es kein Fehler ist, nach einem langen Tag ein bisschen früher ins Bett zu gehen, um mich richtig zu erholen. Der Start in den kommenden Tag fällt dann viel leichter – und deshalb nehme ich mir das auch immer wieder vor. Allerdings klappt das fast nie. Abends überkommt mich nämlich doch wieder das Gefühl, ich könnte irgendetwas verpassen. Oder ich habe tagsüber etwas vor mir hergeschoben, dass ich abends dann noch erledigen muss. Wäre es nicht doch besser, noch eine Weile am Schreibtisch zu sitzen und eine Aufgabe abzuschließen? Schon heute Morgen fürchte ich, dass mir das wieder passieren wird – und ich abends wieder da sitzen werde – vor dem Computer oder vor dem Fernseher – und es später und später wird und der Mond scheint zum Fenster herein.

Der Mond erinnert mich dann hoffentlich an eins meiner Lieblingslieder: Das berühmte Abendlied von Matthias Claudius: Der Mond ist aufgegangen. Da heißt es in einer Strophe:

„Wie ist die Welt so stille und in der Dämm‘rung Hülle so traulich und so hold / als eine Stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“

Matthias Claudius vergleicht die Nacht und ihre Dunkelheit mit einer stillen Kammer, einem ruhigen Zimmer. Da drinnen ist es ruhig und friedlich. Ich bin in Sicherheit und darf ganz beruhigt einschlafen. Und den ganzen Trubel der vergangenen Woche, alles, was liegen geblieben ist, das darf ich einfach einmal verschlafen und vergessen. Ich darf mich erholen.

Das sind doch eigentlich schöne Aussichten – auch jetzt schon frühmorgens, wenn der Tag noch jung ist. Er könnte wieder ziemlich voll werden. Und hoffentlich auch spannend und erfolgreich. Meine Arbeit ist mir wichtig und abends will ich auch noch etwas erleben. Aber irgendwann darf dann auch Schluss sein, auch wenn noch nicht alles erledigt ist und nicht alles erlebt habe, was die Nacht zu bieten hat. Die Nacht ist eben auch zum Schlafen da, und die Dunkelheit hüllt mich ein wie eine ruhige und sichere Kammer. Hier kann ich mich beruhigt erholen.

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11APR2024
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Ostern ist noch nicht lange her – das christliche Fest, dass Jesus den Tod besiegt hat und auferstanden ist. Können Sie das glauben? Oder auch andere Glaubenssätze, dass zum Beispiel Jesus Kranke wieder gesund gemacht hat. Können Sie damit etwas anfangen oder solche Erzählung für ihr eigenes Leben deuten?  

Zweifel und auch handfeste Kritik an der Kirche und dem, was sie verkündigt, gibt es nicht erst seit gestern. Eigentlich gibt es die schon immer, von Anfang an, seit es Christen gibt. Und ganz besonders elegant und gekonnt hat Johann Wolfgang von Goethe den Glauben aufs Korn genommen, wie ich finde. Goethe ist einer der berühmtesten deutschen Dichter. Und in seiner Tragödie „Faust“ gibt es eine Szene, in der seine Hauptfigur, Heinrich Faust, zusammen mit einem Gehilfen einen Spaziergang machen. Und zwar im Frühling am Ostersonntag.

Faust ist in dieser Szene allerbeste Laune. Er sieht von einer Anhöhe aus zu, wie die Menschen fröhlich aus der Stadt hinausdrängen – in den farbenfrohen Frühling. Denn – findet Faust – sie haben genug vom dunklen Winter, ihren engen Häusern und von den Zwängen des Arbeitsalltags. Als wären sie selbst auferstanden. Und dann sagt er noch: „aus der Kirchen ehrwürd’ger Nacht / sind sie alle ans Licht gebracht.“

Wie böse! Und wie scharfzüngig: In den Kirchen ist es also zappenduster, und er meint damit: Zappenduster für den eigenen Verstand. Also lieber raus aus den Kirchen, hinein in die Natur, wo es hell ist. Da kann der Mensch selbst denken, seinen eigenen Verstand benutzen und erkennen, wie’s im Leben läuft. So sieht Goethe das also – und reibt es mir als Vertreterin meiner Kirche so ganz nebenbei mal so richtig rein.

Hat er recht? Ja – und nein, wie ich finde. Ja, denn die Kirchen waren im Laufe der Zeit immer wieder wissenschaftsfeindlich. Und nein. Denn in den vergangenen Jahrhunderten haben sie selbst die Wissenschaften auch vorangebracht. Sie haben mit dafür gesorgt, dass alle zur Schule gehen können und selbst nachlesen, was so alles in der Bibel steht.

Mir gefällt die scharfzüngige Kritik von Goethe deshalb gut. Er piekt mich und die Kirchen ein bisschen, damit wir nicht aufhören, nachzufragen und darüber nachzudenken, was der Glaube für unser Leben bedeutet.

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