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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manche Menschen finde ich anstrengend. Zum Beispiel die, die sich ständig selbst in den Mittelpunkt stellen oder die zu jedem Thema irgendwas zu sagen haben. Menschen, die immer alles anders haben wollen, aber selbst nichts oder nur wenig dafür tun. Oder auch die, die sich nicht einfach mal so freuen können und immer das Haar in der Suppe suchen.

Anstrengenden Menschen gehe ich am liebsten aus dem Weg. Das klappt leider nicht immer. Mit manchen Kollegen muss ich zusammenarbeiten und einen Weg finden, um mit ihnen auszukommen. Und mit Freunden oder in der Familie ist es auch nicht immer nur schön und einfach.

 Was mir in solchen Momenten hilft, ist mir vorzustellen, dass ich meinem Gegenüber in Gedanken eine Krone aufsetze. Das fällt mir nicht immer leicht. Aber ich lerne mein Gegenüber noch einmal mit anderen Augen anzuschauen. Mich auf die Suche zu machen, was kostbar an ihm ist; was ich bisher vielleicht noch nicht gesehen habe, weil ich nur auf das fixiert bin, was mich so anstrengt.

Jemandem eine Krone aufsetzen – das passt für mich auch zum Fest Christkönig, das die katholische Kirche morgen feiert.

Christkönig: das ist ein Fest, dass es erst seit knapp hundert Jahren gibt. Damals, in einer Zeit, in der die Nazis immer mächtiger werden und in der der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich zum Leben gehört, hat die katholische Kirche ein Zeichen setzen wollen. Ein klares Signal, das deutlich macht: für Christen gibt es nur einen wahren König und der heißt Jesus.

Auch wenn die Zeiten heute andere sind, passt der Titel König gut zu Jesus. Denn im Umgang mit den Menschen, da gibt sich Jesus wirklich königlich. Behutsam und aufmerksam geht er auf die Menschen zu. Er spürt, dass jeder Mensch sich danach sehnt gesehen zu werden und anerkannt zu sein. Und deshalb muss ich zu diesem König auch nicht auf Knien heranrutschen, sondern gehe ihm aufrecht entgegen. So, wie ich eben bin. Jesus ist ein König, der mich zu einem Königskind macht.

Also Christkönigssonntag ist auch Königskindersonntag! Gekrönt ist jeder von uns. Wenn das mal keine Zusage ist. Und weil jeder Mensch ein König oder eine Königin ist, muss ich manchmal eben nur ein bisschen genauer hinschauen, um die Krone der anderen zu entdecken.

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Ein Paar tanzt eng umschlungen, Kinder hüpfen mit Gummistiefeln durch Pfützen, Menschen jubeln im Fußballstadion,… es sind unzählige kleine Glücksmomente, die in einem Musikvideo von Herbert Grönemeyer aneinandergereiht sind. Sekundenglück heißt das Lied. Für das Video hat Grönemeyer sich etwas Besonderes ausgedacht. Er hat seine Fans aufgefordert: „Schickt mir Bilder, die verraten, was euch glücklich macht oder wie ihr ausseht, wenn ihr plötzlich vom Glück überfallen werdet."

Zusammengekommen sind vier Minuten Glück. Und der Text des Refrains beschreibt das Glücksgefühl. Dort heißt es:

 

Und Du denkst, Dein Herz schwappt Dir über,

fühlst Dich vom Sentiment überschwemmt.

Es sind die einzigartigen tausendstel Momente

das ist, was man Sekundenglück nennt.

 

Sekundenglück – das sind die kleinen Momente mitten im Alltag, in denen ich mich wunderbar lebendig fühle und gleichzeitig ganz bei mir bin: ganz an diesem einen Ort, ganz bei den Menschen um mich herum, frei von schweren Gedanken und mit einer unbeschreiblichen Dankbarkeit und Lebensfreude im Herzen.

Sekundenglück – das sind für mich auch die Momente, in denen ich mich Gott ganz besonders nahe fühle. Denn ich glaube daran, dass er das Beste für mich und für alle Menschen möchte. Und wenn mein Herz vor Freude überschwappt, ich mir keine Sorgen mache und spüre, dass ich nicht alleine bin, fühle ich mich mit Gott verbunden. 

Auch für die Menschen, von denen ich in der Bibel lesen kann, gehören Glücksmomente und Gott ganz eng zusammen. Auch wenn die Bibel das Wort „Glück“ eigentlich nicht kennt, so wird ganz klar, woher das Glück kommt. Nämlich von Gott.

Was ich daran besonders schön finde: das Glück wird nicht so verstanden, dass es in mir schlummern würde und ich es nur durch eine Aktion herauskitzeln müsste. Es ist außerhalb von mir, es kommt von Gott. Das ist eine andere Sichtweise. Denn es wird klar: Glück lässt sich nicht selbst machen oder auf Knopfdruck herstellen. Gott findet mich und bringt das Glück mit. Und deshalb kann ich solche Momente überall und zu jeder Zeit erleben. Und es reicht, wenn ich aufmerksam bin um sie im Alltag nicht zu verpassen: die großen und kleinen unverhofften Sekundenglück-Momente.

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Ich denke oft in „Wenn-dann-Sätzen“. Wenn ich mal mehr Zeit habe, dann werde ich mehr Klavier spielen. Wenn ich diese Fortbildung gemacht habe, dann habe ich beruflich viel mehr Möglichkeiten. Wenn… dann…

Ich kenne das von vielen Leuten: Wenn die Kinder groß sind, wenn das Häuschen im Grünen einmal steht oder wenn ich einen Job habe, bei dem ich viel Geld verdiene, dann kann ich anfangen das Leben zu genießen.

Geld verdienen, Zeit und Freunde haben, gut ausgebildet und gesund sein – das ist alles nicht verkehrt, aber es macht mich nicht automatisch glücklich. Vor allem dann nicht, wenn ich immer nur darauf warte, dass es irgendwann einmal so sein wird.

Genau über dieses Thema hat sich der Soziologe Hartmut Rosa Gedanken gemacht. Er hat sich gefragt, was ein gelungenes Leben ausmacht. Seine Antwort klingt erst einmal ganz schlicht: „Das Leben gelingt, wenn wir uns von ihm berühren lassen.“ Sein Fachwort dafür ist „Resonanzbeziehung“. Er beschreibt damit die Verbindung, die zwischen mir und etwas außerhalb von mir aufgebaut wird: sei es von anderen Menschen, der Natur, von Kunstwerken oder Musikstücken. Oder eben auch von der Religion. Von Gott.

Resonanzbeziehungen – das sind für mich solche, in denen ich mich mit anderen Menschen verbunden fühle. Zum Beispiel, wenn wir beim Essen zusammensitzen. Wenn ich merke, wir haben die gleiche Wellenlänge. Da klingt etwas in mir und auch in den anderen.

Und dann spielt es keine Rolle mehr, was gestern war und welche Probleme ich morgen habe. Es sind die kurzen Momente, in denen wir uns miteinander verbunden und dadurch lebendig fühlen.

Solche Momente sind schön und tun gut, ich weiß aber auch, dass ich solche Resonanzbeziehungen nicht herstellen kann. Das liegt nicht in meinen Händen.

Aber ich kann dafür sorgen, dass die Voraussetzungen stimmen. Ich kann Freunde einladen, um mit ihnen gemütlich zusammenzusitzen. Klavier spielen und dazu singen – einfach nur für mich. Oder ich kann mich mitten am Tag in eine leere Kirche setzen. Denn ich habe gemerkt, dass dann in mir etwas klingt. Und dass es außerhalb von mir etwas gibt, das im gleichen Rhythmus schwingt. Etwas, dass mich spüren lässt, ich bin nicht allein. Für mich ist das Gott. Und dann bin ich mir sicher: mein Leben ist gut.

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Heute ist Buß- und Bettag. Ein Feiertag der evangelischen Kirche. Aber auch mich als Katholikin spricht dieser Tag an. In einer Zeitschrift[1] habe ich einen interessanten Satz gelesen – klingt relativ kompliziert: „Die Kirche leistet vor Gott Fürbitte für die Schuld der Gläubigen“. Für mich heißt das, die Kirche schaut kritisch in die eigenen Reihen.

Das fordert mich auch als Katholikin enorm heraus. In meiner Kirche haben einige verdammt viel Schuld auf sich geladen und sich sehr weit von Gott entfernt. Menschen wurden missbraucht – körperlich wie seelisch. Das tut mir als Teil dieser Gemeinschaft echt weh und macht mich wütend und hilflos. Und deshalb bitte ich Gott darum, dass die Verantwortlichen in meiner Kirche eine ordentliche Portion Mut und Kraft finden, um Konsequenzen zu ziehen und endlich was zu tun!

Und noch einen Satz lese ich da zum Buß- und Bettag: „Die Kirche macht auf Fehlentwicklungen der Gesellschaft aufmerksam.“

Damit sind nicht nur die anderen gemeint – auch ich bin als Teil dieser Gesellschaft gefragt. Natürlich kann ich nicht alles ändern, was in unserer Welt schief läuft – weder dass Menschen Kriege führen, noch dass die Ressourcen unserer Welt zu Gunsten einiger weniger abgebaut und zerstört werden. Aber daran muss ich nicht verzweifeln, sondern überprüfen, was ich in meinem Umfeld und mit meinen Möglichkeiten tun kann. Und wenn es damit beginnt, beim Einkauf so gut es geht auf Plastik zu verzichten. Oder wenn es nicht in Strömen regnet, mein Rad zu nehmen und das Auto stehen zu lassen.

Und noch ein Aspekt dieses Tages spricht mich an: „Der Buß- und Bettag gibt dem Einzelnen Gelegenheit vor Gott sein Gewissen zu prüfen.“

Jetzt geht es um mich. Für Vieles in meinem Leben bin ich dankbar. Aber manchmal habe ich mich leider auch falsch entschieden. Für Gott ist das kein Grund, nichts mehr mit mir zu tun zu haben. Er lässt den Kontakt deshalb nicht abreißen. Aber ihm ist nicht egal, wie ich mit anderen umgehe und er fordert, dass ich ehrlich zu mir bin und nicht einfach alles so hinnehme. Gott traut uns Menschen zu, dass wir uns verändern können.

Ich finde den Buß- und Bettag gut. Zurückschauen und dann gestärkt und mit geschärftem Blick in die Zukunft gehen.



[1] Vgl. Magazin „Andere Zeiten“ 3 /2014; S. 11

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Steuererklärung, Versicherungen abschließen, Autoreifen wechseln – es gibt Dinge, die mache ich echt ungern. Nicht weil sie besonders schlimm oder schwer sind. Ich weiß, dass ich das alles hinbekomme und dass es im Vergleich dazu auch richtige Probleme und echte Katastrophen gibt. Aber wenn ich schon an den Ordner mit den gesammelten Steuerunterlagen denke, sinkt meine Laune in den Keller und in meinem Kopf schreit es nur: fürchterlich!

Beim Improvisationstheater habe ich mir abgeschaut, dass ich mit solchen nervenden Alltagsherausforderungen auch anders umgehen kann. Dort gibt es das Au ja-Prinzip. Das ist eigentlich ganz einfach. Alle, die mitspielen, laufen herum und wenn einer ruft: „Los! Lasst uns alle auf einem Bein hüpfen!”, antworten alle: „Au ja!” und beginnen begeistert auf einem Bein zu hüpfen. Hinter dieser Übung steckt die Idee, dass wir lernen, mit festen Vorgaben umzugehen. Sie zu akzeptieren und sich davon nicht blockieren zu lassen.

Das habe ich ausprobiert. Ich hab einen neuen Handyvertrag gebraucht und hing endlos in der Warteschleife. Die Wartezeit ist durch mein gedachtes „Au-ja!“ nicht kürzer geworden, aber ich konnte sie besser aushalten. Oder als ich mit dem Rad unterwegs war und es plötzlich angefangen hat zu regnen. Mein erster Gedanke war „oh-nein“, aber dann hab ich ein „Au-ja, Regen!“ dagegengesetzt. Regen mit guter Laune ist wirklich besser als Regen mit schlechter Laune.

Ich weiß, dass dieses Prinzip nicht immer funktioniert. Liebeskummer wird nicht schöner durch ein Au ja. Und eine Krankheit bleibt eine Krankheit. Aber das „Au-ja-Prinzip “ zeigt mir, dass ich mich entscheiden kann, wie ich unangenehmen Dingen begegnen will. Vor allem, wenn ich sie sowieso nicht ändern kann. Aber wenn ich akzeptiere, dass es weh tut und ich enttäuscht bin, dann ziehen sie mich nicht völlig runter. Manchmal gelingt es mir sogar, wieder zu erkennen, wie schön das Leben auch sein kann.

Vielleicht probieren Sie es heute einfach mal aus: wenn Sie im Stau stehen oder im Büro ungeliebte Arbeiten auf Sie warten. Sie müssen ja nicht mit den großen Problemen in Ihrem Leben beginnen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Tag schon allein dadurch besser werden kann, wenn nervende Kleinigkeiten mit einem „Au-ja!“ erledigt werden.

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Es gibt die klassischen Werke der Barmherzigkeit, z.B. Traurige trösten und Hungernden zu essen geben. Seit ein paar Jahren gibt es sieben neue Werke der Barmherzigkeit. Also sieben Richtlinien wie Menschen sich gegenseitig gut tun können. Sie sind nach einer Umfrage von Mitgliedern der Kirche im Bistum Erfurt entstanden und hier sind sie: Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu, ich rede gut über dich, ich höre dir zu, ich gehe ein Stück mit dir, ich teile mit dir, ich besuche dich und ich bete für dich.

 

Grund für diese neue Formulierung war der 800. Geburtstag von Elisabeth von Thüringen.

Heute ist ihr Gedenktag. Geboren als Königstochter und später Ehefrau des Landgrafen von Thüringen hat sich Elisabeth täglich darum bemüht, anderen Gutes zu tun. Kinder, die nichts zu essen haben, lädt sie zu sich in die Schlossküche ein. Während einer Hungersnot verteilt sie die Kornreserven der Burg an die Armen – ohne dass ihr Mann das weiß. Und damit nicht genug: Elisabeth sucht auch den direkten Kontakt zu den Kranken und Sterbenden. Sie wäscht eiternde Wunden und näht Totenhemden.

Über 800 Jahre später gibt es für diese Dienste heute in unserem Land Gesetze und Institutionen, die sich darum kümmern, dass keiner wirklich verhungern oder verdursten muss. Dass Tote begraben werden und dass Fremde unterstützt werden. Das ist gut so. Und trotzdem gibt es auch bei uns Nöte und Sorgen, die Menschen umtreiben. Und darauf antworten die sieben neuen Barmherzigkeitstaten. Zwei sprechen mich besonders an:

Gut über jemanden reden. Ich gebe zu, das ist nicht so leicht. Über die Ecken und Kanten anderer lässt sich gut lästern. Aber ich weiß, wie gut es tut, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass andere gut über mich reden – auch, wenn ich nicht dabei bin.

Das zweite „neue“ Werk der Barmherzigkeit, das mich anspricht, ist, jemandem zu sagen: ich höre dir zu. Und zwar so richtig. Dafür muss ich nicht nur die Ohren spitzen, sondern auch ein offenes Herz haben. Mich mit meinen eigenen Themen zurückhalten, um mich ganz in die Situation des anderen hineinversetzen zu können. Das braucht Zeit und Aufmerksamkeit, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wertvoll es ist, wenn ich mir mal alles von der Seele reden kann.

Einem Menschen sagen, ich rede gut über dich und ich höre dir zu. Der Gedenktag der Heiligen Elisabeth ist ein guter Grund für mich, ganz praktisch zu üben, wie Nächstenliebe heute gelebt werden kann.

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