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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der ist ganz der Vater sagt man manchmal von einem kleinen Jungen oder von einem Mädchen: ganz die Mutter. Ein anderer, heißt es, hat den Starrsinn vom Opa. Oder die schönen Locken von der Oma. Vieles, was in mir steckt und sich im Laufe der Jahre ausbildet, kommt irgendwo her. Das Gute: die schlanke Figur, die Freude an der Musik oder die Begabung für Mathe. Das Schlechte aber auch: die unreine Haut. Das aufbrausende Wesen. Die Bequemlichkeit.

Es ist nicht immer die biologische Vererbung, es sind nicht immer die Gene, die das ausmachen, wie ich mich verhalte und was ich tue. Es sind auch die Lebensbedingungen, die Umwelt, die Erziehung. Eine Mutter macht mit ihrem Bedürfnis nach Ordnung die ganze Familie verrückt. Manchmal merkt sie es selbst und würde es gern ändern. Aber so ist sie erzogen. Sie kann nicht anders. Was das wohl mit ihren Kindern macht? Ein Vater wäre selbst gern Fußballer geworden. Jetzt macht er seine Kinder nach dem Spiel fertig, wenn sie nicht gut gespielt haben. Hinterher tut es ihm leid. Aber es steckt in ihm. Er kann nicht anders. Wie lange die Kinder wohl noch Spaß am Sport haben?

Ich bin verstrickt in das, was vor mir war und um mich herum ist. Ich kann da nicht raus. Niemand kann in seinem Leben bei einem perfekten „Punkt Null“ anfangen. Es ist immer schon etwas da, Gutes und Böses. Und ich gebe das weiter. Ich kann auch nicht anders.

Es gibt Menschen, die versuchen mit großem Aufwand, da herraus zu kommen. Sie versuchen, ökologisch tadellos zu leben, sie sind bedingungslose Pazifisten, erziehen ihre Kinder bemühter und besser als andere. Meinen Möchten sie jedenfalls. Aber wenn ich mein Kind mit hohem Aufwand in die pädagogisch hochgelobte Reformschule schicke statt in die Stadtteilschule mit ihren Problemen: Wer weiß, was ihm fehlt, wenn es die Kinder in der Umgebung nicht kennt und keine Spielkameraden hat? Es gibt keinen Punkt Null, an dem man neu anfangen kann.

„Erlöse uns von dem Bösen“ beten wir Christen im Vaterunser. Ich glaube, damit ist genau diese Verstrickung gemeint. Und vor allem Die Hoffnung, dass das aufhört. Dass ich wirklich neu anfangen kann und alles gut machen.

Das gibt es höchstens nach dem Tod, sagen viele. In einer anderen Welt. Manche sagen: „im Himmel“. Aber das Vaterunser redet eigentlich immer von dieser Welt. Auch „auf Erden“ soll nach Gottes Willen alles gut werden. Wenn Gottes gute Zukunft da ist. Und bis dahin? Bis dahin will ich genau hinschauen. Wahrnehmen, wo ich verstrickt bin in Dinge, die nicht gut sind. Dann kann ich es vielleicht doch anders probieren. Nicht überall. Aber  hier und da. Das wären  erste Schritte.

 

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„Und führe uns nicht in Versuchung“ – das ist ein Satz aus dem Gebet, das Christen von Jesus selbst gelernt haben.

„Führe uns nicht in Versuchung“: Viele können und wollen sich das nicht vorstellen. Gott, der es gut mit mir meint sollte mich absichtlich in Versuchung führen? Gewissermaßen lächelnd zuschauen, wie ich einen falschen Weg gehe? Das ist sicher falsch übersetzt, sagen manche dann. Wahrscheinlich muss es heißen: „Führe mich in der Versuchung“ oder „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. Das hat sogar der Papst neulich vorgeschlagen.

Ich kann mir das auch nicht vorstellen, dass Gott mich wie ein Versuchskaninchen behandelt und auf falsche Wege führt, bloß um zu sehen, was ich dann tue. Und schon die ersten Christen fanden das    anscheinend undenkbar. In der Bibel ist der Brief eines Jakobus aufbewahrt, der hat geschrieben: „Doch wenn jemand in Versuchung gerät, 'Böses zu tun,' soll er nicht sagen: Es ist Gott, der mich in Versuchung führt! Denn so wenig Gott selbst zu etwas Bösem verführt werden kann, so wenig verführt er seinerseits jemand dazu." (Jak 1,13f) Jeder Mensch wird vielmehr durch seine eigene Begierde verführt, heißt es dann noch.

Dass Gott einen in Versuchung führt: Mir scheint immer, dieser Gedanke ist irgendwie eine Ausrede.
Ich bin schwach geworden, ich habe mich hinreißen lassen – aber ich kann ja gar nichts dafür. Gott hat mich in Versuchung geführt! Er ist schuld. Er hat mein Leben so gemacht, dass ich gar nicht anders konnte. So kann man sich die Einsicht vom Hals halten, dass man selbst zu gierig war. Zu unbeherrscht. Zu bequem.

„Führe uns nicht in Versuchung!“. Ich finde diese Bitte realistisch. Gerade weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es Gott ist, der mich in Versuchung führt. Denn diese Bitte rechnet damit, dass ich verführbar bin. Ich!  Ich weiß, dass ich gern den bequemen Weg nehme. Dass ich schon auch mal zuschlage, um mich abzureagieren. Dass ich nehme, was ich kriegen kann, ohne an andere zu denken. Ich bin verführbar.

Aber es ist nicht Gott, der mich verführt. Ihn kann ich bitten: „Führe mich nicht in Versuchung!“. Erinnere mich zur rechten Zeit an das, was gut ist. An das, was Jesus uns gelehrt hat: Nicht zurück schlagen, sondern den anderen ohne Gewalt zur Vernunft bringen. Nicht es dem anderen heimzahlen, sondern vergeben. Verzichten und teilen, damit für alle reicht, was da ist.

Ich bin verführbar. Ich weiß das. Und es bleibt mir nichts anderes, als zu beten: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ – sondern hilf mir, verantwortlich zu leben.

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„Sorry seems to be the hardest word”. “Entschuldigung scheint das schwierigste Wort zu sein. Dieses Lied von Elton John ist schon 42 Jahre alt. Und noch immer wird es gespielt und viele nicken mit dem Kopf, wenn sie es hören.

„Entschuldigung scheint das schwierigste Wort zu sein!“. Wer einen Fehler gemacht hat, vielleicht sogar anderen geschadet und weh getan, der weiß das gut. Ich kann nicht zugeben, dass es falsch war.. Und schon gar nicht kann ich mich entschuldigen. Oft will ich auch nicht.

Warum ist es so schwer, sich zu entschuldigen? Ich glaube, weil es noch schwerer ist, zu vergeben. Viele können nicht gut verzeihen. Oft wollen sie auch nicht, weil sie so verletzt sind, oder so empört. Vielleicht auch, weil man den anderen in der Hand hat, der einen Fehler gemacht hat. Das kann man ja immer wieder hervorholen: „Ich weiß noch gut, was du damals getan hast. Da komme ich nicht drüber weg.“ So kann man andere immer wieder klein machen und beschämen. Man hat den anderen in der Hand, wenn man ihm etwas vorwerfen kann. Ein bisschen kann man sich dann wie Gott fühlen, der den Daumen hebt oder senkt und über den anderen urteilt. Und das immer wieder aufs Neue. So aber kann man nicht zusammen leben.

Ich glaube: Wenn jemand nicht verzeihen kann – dann kann er auch nicht um Entschuldigung bitten. .

Daran erinnert das Vaterunser, wenn gleich nach dem „vergib uns unsere Schuld“ der Nachsatz kommt: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Im Vaterunser bitten Menschen Gott um Entschuldigung weil sie wissen: Nur wenn mich die Vergangenheit nicht mehr belastet und lähmt, kann ich aufrecht stehen und das Leben neu angehen. Nur so kann ich leben – wenn die Vergangenheit mich nicht festhält. Genauso funktioniert auch das Zusammenleben zwischen Menschen nur, wenn sie einander vergeben können. Erst dann können Beziehungen wieder lebendig werden, die erstarrt waren in Angst und Beschämung und Wut und Ärger.

Vergeben, weil Gott vergibt und wie Gott vergibt: Das heißt nicht, alles vergessen und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Dass kann kein Mensch, glaube ich. Aber ernst nehmen, dass es dem anderen Leid tut, dass er sich ändern will und auf Vorwürfe verzichten. Das kann man schon. So macht es Gott. Und im Vaterunser sagen wir: So wollen wir es auch machen. Wir verzichten darauf, es dem anderen heimzuzahlen. Wir wollen es gut sein lassen im wahrsten Sinne des Wortes. Ich lasse gut sein, was der andere getan hat. Dann kann man neu anfangen.

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Mehr als 9.000 Menschen in Deutschland hat man befragt, wie sie das Zusammenleben in unserer Gesellschaft bewerten: Menschen im Osten und im Westen, davon ungefähr ein Drittel ohne Migrationshintergrund, aber auch Spätaussiedler, Türkeistämmige, Zuwanderer und Zuwanderinnen aus einem EU Land und auch Asylbewerber und Geflüchtete. Diese 9298 Menschen hat man befragt, wie das Zusammenleben im Alltag läuft, also in der Nachbarschaft, in Freundschaften, im Arbeitsmarkt und in der Schule. Und es hat sich herausgestellt, dass die Befragten generell zufrieden sind. Und zwar vor allem diejenigen, die direkte Kontakte mit Migranten haben. Wer die nicht hat, der beurteilt die Situation eher skeptisch und negativ. Durchgeführt hat die Befragung ein Sachverständigenrat aus verschiedenen unabhängigen Stiftungen[1]

Fast 10.000 Befragte und ein überwiegend positives Ergebnis. Als ich das gelesen habe, war ich richtig stolz auf uns. In unserem Land leben also gar nicht nur aufgebrachte und schimpfende Miesmacher, die nur das sehen, was nicht gut läuft.. Das könnte man ja manchmal denken, wenn man sieht und hört, was  Medien melden. Aber die Alltagserfahrungen der Leute sind in der Regel anders. Die meisten sagen: In meiner Nachbarschaft, in meiner Schule, an meinem Ort gibt es keine schwerwiegenden Probleme mit den Zuwanderern.

Und ich glaube, viele sehen auch, wie gut es den meisten bei uns geht. Wie die ältere Frau neben mir, die vor ein paar Tagen gesagt hat: „Es geht uns doch so gut! Bei den Behörden muss man nicht dafür zahlen, dass man zu seinem Recht kommt. Die Krankenversicherung funktioniert, in den Krankenhäusern muss man nicht zu zweit im Bett liegen und es sind alle Medikamente da, die man braucht. Wir haben mehr als genug zu essen und zu trinken. Ich finde, da können wir gut denen abgeben, die aus Ländern kommen, wo das alles nicht so läuft.“

Ich finde, die Frau hat Recht. Wenn ich unser Land mit anderen vergleiche, dann geht es uns wirklich gut. Natürlich weiß ich, dass es auch Arme bei uns gibt. Und dass man noch mehr tun könnte, um sozial Schwache zu stützen und zu fördern. Aber immerhin gibt es Beratungsstellen und Fördermaßnahmen. Anderswo gibt es das nicht. Solche Einrichtungen könnte man ausbauen. Steuereinnahmen gibt es doch anscheinend genug.

Ich bin stolz auf meine Mitbürger und Mitbürgerinnen, die sehen, wie gut es uns geht. Und die deshalb bereit sind, andere aufzunehmen, denen es schlechter geht. Gott segne sie und uns alle.



[1] www.svr-migration.de

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Schuldgefühle können einen fix und fertig machen. Sie drücken einen nieder und man ist wie gelähmt.

Ich habe einen Fehler gemacht, nicht zum ersten Mal. Das hatte Folgen und ich kann mir das nicht verzeihen. Andere werden es erst recht nicht verzeihen können, denke ich mir. Schon gar nicht vergessen. Also bin ich am besten ganz still und halte mich im Hintergrund, damit mich keiner bemerkt. Menschen mit Schuldgefühlen leben im Schatten. Da, wo keiner sie wahrnimmt.

Es gibt noch andere Strategien, mit Schuldgefühlen umzugehen. Man kann auf andere schieben, was passiert ist. Versuchen, es weg zu lügen: „Ich war das nicht!“ Oder man kann es beschönigen: „Wo ist das Problem? Nun  stellt euch mal nicht so an!“ Es gibt viele Strategien, mit Schuld umzugehen. Eines ist immer dasselbe: Man ist wie gelähmt, weil man so sehr damit beschäftigt ist.

Von Jesus wird eine Geschichte erzählt, wie man da herauskommen kann.. Da bringen vier Männer einen fünften zu Jesus. Weil er gelähmt ist, müssen sie ihn auf einer Trage transportieren. Und weil es um Jesus herum so voll ist, lassen Sie ihn durchs Dach zu ihm herunter. (Mk 2, 3-12) Als sie das geschafft haben und Jesus den Mann sieht, da sagt er zu ihm: „Deine Schuld ist dir vergeben!“. Anscheinend hat er erkannt, was dem Mann fehlt: Seine Schuldgefühle lähmen ihn. Und als die Umstehenden meinen, das sei doch keine Hilfe für den Mann auf seiner Trage, da sagt Jesus noch: „Steh auf und geh nach Hause!“ Da steht der Mann auf und geht. Er hat gehört: Deine Schuld ist vergeben. Da bedrückt sie ihn nicht länger. Der Mann kommt er wieder auf die Beine.

Schuldgefühle sollen einen nicht fix und fertig machen. Jesus hat Schuld vergeben, im Namen Gottes. Und seinen Schülern und Nachfolgerinnen hat er gesagt: Darum könnt ihr auch bitten. „Vergib uns unsere Schuld!“ Das ist lebenswichtig. Deshalb kommt es im Vaterunser gleich nach der Bitte um das tägliche Brot.

Vergib uns unsere Schuld. Für mich heißt das: Nicht nur ich mache Fehler. Vergib  u n s  unsere  S c h u l d beten wir. Ich bin nicht die einzige, die Fehler macht. Aber Gott will nicht, dass wir uns quälen mit unseren Schuldgefühlen. Er vergibt, so wie Jesus das mit diesem gelähmten Mann gemacht hat. Das heißt nicht, dass alles unter den Teppich gekehrt wird. Gott schafft auch nicht einfach aus der Welt, was ich vielleicht angerichtet habe. Aber ich kann aufstehen und versuchen, es wieder gut zu machen. Ich brauche mich nicht zu verstecken. Ich kann mit meiner Schuld leben, weil Gott mich mit meiner Schuld bestehen lässt. So kann ich leben und neu anfangen.

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„Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten wir Christen im Vaterunser. Nicht etwa, weil wir denken, wir könnten uns damit Arbeit und Mühe ersparen. Beten ist kein Zauberspruch.

Warum beten wir dann überhaupt dafür? Martin Luther hat eine Anleitung für die Bildung der Christenmenschen geschrieben. In diesem kleinen Katechismus hat er erklärt, wie die Bitte um das tägliche Brot zu verstehen ist. Er hat geschrieben:. „Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte…; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir es mit Dank empfangen.“ Gott ist großzügig, steckt für mich darin. Er gibt Lebensunterhalt für alle, auch wenn man nicht betet. Wenn das, was er gibt, am Ende nicht für alle reicht – dann müssen wir Menschen nach den Ursachen bei uns selber suchen. Wahrscheinlich könnte man besser verteilen, was da ist.

Gott will dass alle Menschen täglich ihr Brot haben – deshalb heißt es ja auch „u n s e r  tägliches Brot“. Nicht nur ich oder meine Familie und meine Freunde sollen genug haben, nicht nur die Menschen in meinem Land. Unser tägliches Brot: Alle Geschöpfe Gottes sollen satt werden. Und die Wissenschaftler sagen: Sie  k ö n n t e n  alle satt werden – wenn wir nur richtig wirtschaften.

Die Bitte um tägliches Brot meint nämlich auch „Acker, Vieh, gutes Wetter, Geld und Gut, gute Regierung, gutes Wetter, Frieden, Gesundheit“ und dergleichen mehr, erklärt Martin Luther in seinem Katechismus. Heute würde er wohl hinzufügen: „zeitgemäße und umweltschonende Anbaumethoden; gerechte Weltwirtschaftsordnung, faire Löhne und Preise, bezahlbarer Wohnraum“. Dass das gelingt, dafür gebe Gott seinen Segen.

Gottes Segen und menschliche Arbeit – wenn beides zusammenkommt, dann haben alle ihr tägliches Brot. Genau das wird in diesen Tagen in Stuttgart gefeiert. Da findet neben dem Cannstatter Volksfest auf dem Wasen alle 2 Jahre das landwirtschaftliche Hauptfest statt. Vor 200 Jahren hat König Wilhelm der erste es eingesetzt: Aus Dankbarkeit und Freude, weil damals, 1818, nach Jahren mit verheerenden Missernten und Hunger endlich wieder eine ausreichende Ernte eingefahren werden konnte. Zugleich hat der König das öffentliche Wohlfahrtswesen aufgebaut, die Leibeigenschaft aufgehoben, eine landwirtschaftliche Schule in Hohenheim gegründet und Preise ausgesetzt für Entwicklungen und Erfolge in der Landwirtschaft.

Unser tägliches Brot gib uns heute – Ich glaube: wer so betet, wird auch erfolgreich dafür arbeiten, dass alle genug zum Leben haben. Nicht nur Brot.

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