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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich will nicht die besten Elf, sondern die beste Elf“! Superspruch des ehemaligen Fußballtrainers Holger Stanislawski. Weil er nicht nur ein super Wortspiel ist, sondern wahr. Denn es nützt nichts, elf Spitzenkicker zu haben, die keine Mannschaft sind. Elf Einzelkönner, die nur auf ihren eigenen Erfolg aus sind und nicht auf den aller.  
Im Fußball, wie in allen Mannschaftssportarten, kommt es darauf an, eine gute Mischung von unterschiedlichen Könnern und Charakteren zu finden. Also von filigranen Technikern und Kämpfertypen zum Beispiel. Mehr aber noch kommt es darauf an, einen guten Teamspirit zu haben, mit einem gemeinsamen Ziel. „Elf Freunde müsst ihr sein“, mag zu Zeiten der totalen Kommerzialisierung des Profi-Fußballs zwar naiv oder vorgestrig klingen, aber der Kern bleibt wahr. Richtig stark wird ein Team nur, wenn sich die Einzelspieler mindestens sympathisch sind, bestenfalls mögen. Dann wird aus den besten Elf auch die beste Elf. Dann schaut man nicht nur auf sich, sondern auch auf den anderen. Dann rennt man nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Und nur so kann eine Mannschaft über sich hinauswachsen. 
Das ist natürlich nicht nur im Sport so, das ist eine Lebensweisheit quer durch alle Kulturen. „Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“, „Einer für alle -  alle für Einen“ oder „Gemeinsam ist schöner als einsam“. Ohne den Geist, der in diesen Sprichworten steckt, funktioniert keine Familie. Schauen die Eltern oder ein Elternteil nur nach sich, zerbricht die Familie. Ohne Gemeinschaftsgeist funktioniert keine Gesellschaft. Sie fällt auseinander in den Interessenskampf verschiedener Gruppen. Und ohne diesen Geist der Gemeinschaft gibt es schon gar kein Europa, wie leider fast täglich in den Nachrichten zu sehen. 
Wie schade, denn all jene die nur nach ihrem eigenen Vorteil schauen bringen sich um eine der schönsten Erfahren die es gibt: Getragen zu sein und andere zu tragen, wenn es nötig ist. Und so stärker zu sein, als allein -  und glücklicher…

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„Und, wie geht’s?“ - Wenn ich darauf mit gut antworte, obwohl es mir nicht gut geht, ist das dann eine Lüge? So gesehen würden wir rund zweihundertmal am Tag lügen, wollen Forscher herausgefunden haben. Demnach wären all die kleinen alltäglichen Unwahrheiten Lügen. Wenn man nicht immer und jedem sagt wie genau man sich fühlt oder nicht immer Klartext redet. Aber das sind keine Lügen, sondern Schmiermittel in der Alltagskommunikation. Sie sollen entlasten, das Miteinander leichter machen oder die Atmosphäre verbessern.

Bei wirklichen Lügen geht es aber um Größeres und Wichtigeres. Im Krieg zum Beispiel, da wird gelogen bis es kracht. Und nicht umsonst heißt es: Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Darum sind auch die sogenannten „alternativen Fakten“ des derzeitigen amerikanischen Präsidenten so gefährlich. 

Aber auch im Privaten, in der Partnerschaft und in der Familie sind Lügen gefährlich, weil sie das Fundament von Liebe und Treue erschüttern: das Vertrauen. „Wer einmal lügt dem glaubt man nicht“, heißt es nicht umsonst im Volksmund. Und Vertrauen ist schnell zerstört, aber es dauert lange bis es wiederhergestellt ist. Es ist aber nicht immer aus purer Bosheit wenn jemand lügt, sondern es hat meistens drei Gründe: Menschen wollen sich durch Lügen oft schützen. Sie wollen Eindruck machen oder sich Vorteile verschaffen.

 

Wenn ich das weiß, kann ich also etwas dafür tun, dass Menschen nicht lügen müssen.

Erstens eine Atmosphäre schaffen, die so angstfrei wie möglich ist. Dann muss sich niemand schützen, durch Lügen oder was auch immer. Zweitens für gerechte Verhältnisse sorgen. Dann muss niemand versuchen sich Vorteile zu verschaffen. Und drittens: wertschätzend mit den Menschen umgehen. Dann müssen sie auch keinen Eindruck machen wollen. Gelingt es mir also mit den Menschen so umzugehen, dann entziehe ich vielen Lügen ganz einfach den Nährboden.

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Es muss nicht immer gleich eine Depression sein. Oft reichen schon kleinere seelische Schräglagen, um einen den Tag zu vermiesen: Schlecht geschlafen, mit dem falschen Fuß aufgestanden, oder ein noch nicht verdauter Streit. All das kann auf die Seele drücken und manchmal kann sich die Seele auch ohne einen ersichtlichen Grund schwer anfühlen. Für diese Art von Traurigkeiten des Gemüts, hat der Theologe Thomas von Aquin 6 Ratschläge zusammengestellt. Sie sind rund 700 Jahre alt, so lebensnah und auch noch aktuell, dass ich sie gern weitergeben möchte: Also   

 

1. Ratschlag gegen die Traurigkeit des Gemüts: Genießen. Das Genießen als leib-seelisches Gegenprogramm zur Schwere, zum Frust oder der Bedürftigkeit. Ein gutes Buch, ein schönes Musikstück oder etwas Feines zum Essen. Also Lust als Mittel gegen den Frust.

2. Ratschlag: Weinen. Ja, wenn Tränen fließen ist das mehr als nur salzhaltiges Wasser. Weinen macht weich, macht leichter. Augen die geweint haben sehen die Welt klarer und in milderem Licht.

3. Wie auch wenn man bei Freunden Mitleid erfahren hat. Der dritte Ratschlag. Wenn man mit Freunden über seine Probleme oder Belastungen sprechen kann. Und ein gutes Wort wohltut oder ein offenes Ohr befreit. Dann fühlt sich geteiltes Leid tatsächlich an wie halbes Leid. 4. Ratschlag gegen die Traurigkeit des Gemüts: Das Betrachten der Wahrheit. Klingt ein wenig sperrig, aber es kann gut tun, Dinge die feststehen, zu sehen und auch als feststehend anzuerkennen.   

Weil die Wahrheit, so schön oder schmerzlich sie auch sein kann, Klarheit und Sicherheit gibt.

5. Ratschlag des Thomas von Aquin: Schlafen. Oh ja, weil Schlaf an Leib und Seele erfrischt. Das merkt man durch das Gegenteil, Schlafentzug wird auch als Folter angewandt. Weil der Schlaf uns an Leib und Seele erfrischt. Und mit den Träumen uns selbst näher bringt.

6. Ratschlag gegen die Traurigkeit des Gemüts: Schwimmen. Ist nicht immer möglich. Aber wenn es möglich ist, dann tut es so gut, weil es uns an den geborgenen Urzustand im Mutterleib erinnert. Und vielleicht auch, weil das Schwimmen einen Zustand körperlich erfahrbar macht, den eine schwere Seele sich wünscht: Getragen sein und doch frei.

 

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Ein weißer Schmetterling. Er flattert quer durch den Kirchenraum während einer Trauerfeier Ende Januar. Ein federleichtes Lebenszeichen, inmitten bleischwerer Trauer, für einen tödlich verunglückten jungen Mann. In Grenzsituationen wie in diesen ist man meistens starr, nimmt vieles nicht wahr, ist gelähmt, im Schock, eingesperrt in wortlosem Schmerz.
In Grenzsituationen wie diesen ist man aber oft auch sensibler, durchlässiger und sieht Dinge die man sonst nicht sieht. Zum Beispiel einen weißen Schmetterling in einer Kirche mitten im Winter.

Mir ist was Ähnliches passiert beim Tod meines Bruders. Am Tag danach bin ich mit dem Fahrrad in die Natur gefahren und immer wieder flog ein weißer Schmetterling neben mir her. Und wie ich ihn so fröhlich neben mir herflattern sah, war ich mir absolut sicher, dass es meinem Bruder nun gut geht. Für mich war das ein Zeichen, ja eine Art Botschaft zwischen den Welten. Klar, der weiße Schmetterling in der Kirche im Januar lässt sich erklären: Mit einem warmen Winter vielleicht, im geschützten Kirchenraum. Und auch mein Schmetterling lässt sich sicher rational  erklären, im Mai und neben meinen bewegten Beinen her, die ihn vielleicht zu mir gelockt oder ihm Windschatten gegeben haben. Und natürlich können Grenzsituationen auch Phantasiebilder oder Wunschvorstellungen hervorrufen. Ja, alles möglich. Aber zu diesem alles möglich, gehört für mich auch die Möglichkeit, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nicht erklärbar sind. Vielleicht noch nicht erklärbar sind, die es aber doch gibt.

Als meine Großmutter starb hatte sie zwei Uhren in ihrer Nähe. Die Armbanduhr meines verstorbenen Großvaters und eine Tischuhr. Meine Großmutter starb an einem Mittwoch zwischen 17 und 17Uhr 30. Beide Uhren blieben um 17.26 Uhr stehen. Ich finde diese unerklärlichen Dinge zwischen Himmel und Erde faszinierend, darum sammle ich sie.  Und wenn Sie Ähnliches erlebt haben, schreiben sie sie mir. Auf unserer homepage (www.kirche-im-swr.de) oder mir persönlich. Ich freu‘ mich drauf…

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Ruhestand, so langsam häufen sich bei mir die Verabschiedungen von Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand. Und da gibt es dann auch meistens Reden mit Rückblicken, Dank und guten Wünschen. Letztlich hat eine Kollegin auf all das mit einer kleinen Geschichte geantwortet. Und die ging so:

„Ein Mann wird - wie so oft - gefragt, wie er sich denn seinen Ruhestand vorstellt. Ob er sich denn auch gut darauf vorbereitet hat. Und was er dann alles machen möchte. Darauf antwortet er: „Ich setz‘ mich erst mal vier Wochen in den Schaukelstuhl und mache gar nichts!“ „Ja gut, kann man machen, ist ja auch eine schöne lange Zeit, aber was machen Sie dann?“ wird er weiter gefragt.  Und er antwortet:„Dann, dann fange ich ganz langsam an zu schaukeln.“   
Herrlich, nicht? Wie das Wort Ruhe-Stand so gut ins Bild gebracht wird mit diesem Schaukelstuhl. Der Stuhl steht erstmal still und zwar so lange wie es braucht und sich die erste Bewegung scheinbar wie von selbst ergibt. Und sich der Ruheständler ganz langsam und gemächlich einschwingt in diesen neuen Zustand. Und auf sich zukommen lässt, was auch immer sich aus dieser Bewegung ergibt. 
Dieses Bild vom schaukelnden Ruheständler finde ich auch deshalb so schön, weil es auch über sich hinausweist. Diese letzte Lebensphase, die so schön, wie auch schwierig ist, die so ersehnt, wie auch gefürchtet ist, sie bewegt uns Richtung Ende der Zeit, die uns gegeben ist, auf dieser Erde gegeben ist.

Und so ist der Schaukelstuhl für mich auch ein Bild für das langsame Einschwingen in den Zustand zwischen Zeit und Ewigkeit. Vor und zurück, jeweils mit einem kurzen Stillstand am Ende einer jeder Bewegung, wie das Pendeln einer Uhr. Oder wie das Universum, das sich in einer seiner Entstehungstheorien, auch erst vorwärts bewegt, sich ausdehnt und sich dann wieder zurückzieht. Wie ein Mensch im Schaukelstuhl, sich allmählich, ganz langsam einschwingt, in dieses vor und zurück des großen Ganzen…

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„Backen ist aus Teig geformte Liebe“. Dieser Satz stand am Ende einer mail, die mir ein Bäcker geschickt hat. Über dem Foto von einem fröhlich lachenden Mann, mit einem Brot in der Hand. „Backen ist aus Teig geformte Liebe“: wie schön, wenn das ein Mensch sagt, der weiß Gott, keinen leichten Beruf hat. Mitten in der Nacht aufstehen, damit wir morgens unser frisches Brot haben. Mit einem ganz anderen Tagesablauf, wie all die anderen Menschen und die Konkurrenz durch Backfabriken im Rücken. Wie schön, dass so ein Mensch dann noch sagen kann, dass er seine Arbeit liebt. Es liebt unser Grundnahrungsmittel herzustellen: Brot. Ich denke, man merkt es dem Brot auch an, wenn es mit Liebe gemacht ist. Dass es dann anders ist, anders schmeckt als massenhaft von Maschinen hergestelltes Brot. So wie in vielen anderen Berufen. Der Bierbrauer oder der Winzer, die es lieben, Wasser zu veredeln. Oder die Krankenschwester, die es liebt zu pflegen und zu erleben, wie kranke Menschen wieder gesund werden und aus dem Krankenhaus entlassen werden können. Oder Therapeutinnen, deren Liebe wirksam wird, wenn sie behutsam die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellen. Und es lieben, wenn verletzte Seelen wieder heil werden. Oder Altenpfleger, deren Liebe zu hochbetagtem Menschen sichtbar wird, wenn sie sich bei ihnen gesehen und geborgen fühlen. Oder die Priester, deren Liebe spürbar wird, wenn sie in schönen und schweren Stunden bei den Menschen sind und mit ihnen feiern, trauern und beten. Und auch die Arbeit der Menschen hier im Radio, kann hörbar gemachte Liebe sein, wenn sie Tag für Tag für uns da sind.

 

All die Moderatoren, Tontechnikerinnen, Redakteurinnen  und Regisseure. Dass sie so ganz selbstverständlich für uns da sind, wenn wir das Radio einschalten. Und uns den Alltag verschönern mit Musik, Freundlichkeit und guter Laune. Ihn bereichern, mit verlässlicher und nützlicher Information - akustische Grundnahrungsmittel, geistiges Brot. Ja, ich denke dabei, wie auch bei jeder anderen Tätigkeit, macht die Liebe den Unterschied. Weil sie aus einer Tat eine Wohltat macht.

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