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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ (Lk 9, 25). Jemand hat mir erzählt, das steht an der Tür zur Stadionkapelle im Olympiastadion in Berlin. Jesus hat das gesagt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst verliert oder doch schweren Schaden nimmt?

Ich finde das gut. Denn gerade beim Fußball kann man ja sehen, wie gefährlich das Gewinnen ist. Ich glaube, es beschädigt den Charakter, wenn man zu sehr ans Gewinnen gewöhnt ist. Dann kann man sich nicht mehr mitfreuen, wenn andere gewinnen – oder ihnen doch jedenfalls Respekt entgegen bringen. Wer das Gewinnen gewöhnt ist, der gibt anderen die Schuld, wenn er verliert: dem Schiedsrichter, dem Wetter, dem Fußballgott, den Fans der Gegner. Was weiß ich.

Und dazu kommt: Die zu oft gewinnen, die meinen, sie hätten es nicht anders verdient. Nicht nur das Siegen, sondern auch das viele Geld, das sie bekommen. Aber schafft ein Fußballspieler wirklich so viel mehr als eine Erzieherin oder ein Krankenpfleger? Und erst recht die Funktionäre und die Berater bei den großen Vereinen und den Verbänden: Viele sind korrupt und scheren sich nicht darum, dass sie damit das Spiel kaputt machen.

Aber, Gott sei Dank, sieht man beim Fußball auch das andere: Viele Spieler kümmern sich um Menschen, denen es nicht so gut geht wie ihnen. Sie gründen Stiftungen und fördern Kinder und Jugendliche, die sonst wenig Förderung erhalten. Sie setzen sich ein für die Integration von Migranten. Sie unterstützen Fußballklubs in Afrika oder Südamerika, die Kindern Halt geben, die sonst auf der Straße landen würden. Das ist großartig, finde ich: Sie setzen ihr Gewinnerimage ein, um die Aufmerksamkeit auf solche Projekte zu lenken. Damit auch andere da einsteigen und sich beteiligen. Das bringt für die Projekte wahrscheinlich mehr als das Geld, das sie da hineinstecken.

Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst verliert oder doch schweren Schaden nimmt. So hat Jesus gewarnt. Manche Fußballer zeigen mit ihrem sozialen Engagement, wie Gewinner anderen nützen können. Ich glaube, davon profitieren dann beide: die Hilfe brauchen – und die Gewinner auch.

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Damit ein Spiel funktioniert und allen Spaß macht, braucht man zweierlei: Regeln und Herz. Beim Fußball kann man das sehen. Regeln allein sind zu wenig. Man muss auch mit dem Herzen dabei sein, damit das Spiel gut wird.

Genauso ist es im Leben überhaupt. Gebots- und Verbotsschilder reichen nicht, damit Menschen gut zusammen leben können. Und es reicht auch nicht, Kreuze aufzuhängen, wie es jetzt in Bayern vorgeschlagen wurde. Damit soll die Identität unseres Landes gezeigt werden, heißt es. Schließlich leben wir im christlichen Abendland. Aber davon, dass in jeder Behörde ein Kreuz hängt, werden die Anordnungen und Bescheide nicht barmherziger und wahrscheinlich noch nicht mal gerechter. Davon, dass in jeder Schulklasse ein Kreuz hängt, werden der Unterricht nicht lebendiger, die Lehrer nicht origineller, die Schüler nicht eifriger.

Und jetzt kommt die Sache mit dem Herzen! Es kommt, glaube ich, darauf an, dass wir uns den Gekreuzigten zu Herzen nehmen! Jedenfalls wir Christen glauben ja: So hat sich Gott gezeigt. In diesem Menschen Jesus, der am Ende von vielen verspottet und verachtet, verfolgt und hingerichtet wurde. Ohnmächtig und den Menschen ausgeliefert.

Gott selbst macht sich gemein mit den Leidenden. Er ist bei denen, die sterben müssen. „Ein Arzt ist für die Kranken da“, hat Jesus zu seinen Lebzeiten gesagt, „nicht für die Gesunden“ (Lk 5, 31) Ich glaube deshalb: So ist Gott. Er lässt die nicht fallen, die in Not geraten sind. Er ist immer noch da, auch wenn sich alle anderen von ihnen abwenden.

Was bedeutet es wenn ich mir das zu Herzen nehme? Und was bedeutet es für ein Land, das christlich geprägt sein soll, wenn das wirklich gilt: Gott ist bei den Leidenden und lässt die nicht fallen, die in Not sind. Wenn Gott auf der Seite der Leidenden und der Armen steht – auf welcher Seite stehen wir dann in unserem Land? Und was bedeutet das für unsere Gesetzgebung, für die Versorgung der Schwächeren in unserem Land, für den Umgang mit Geflüchteten und Gescheiterten?

Der Gott der Christen ist ein gekreuzigter Gott – wie sieht das Zusammenleben aus, wenn das wirklich die Identität unseres Landes ausmacht? Was meinen Sie?

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Vom Fußball kann man eine Menge lernen. Zum Beispiel in puncto Nächstenliebe. Da lerne ich, dass es ziemlich leicht ist, die Fernsten zu lieben. In meiner Gegend in der Stuttgarter Innenstadt wohnen Kroaten und Portugiesen, Spanier, Deutsche Italiener und Türken. Während der WM hängen ihre Nationalfahnen aus dem Fenster oder vom Balkon. . Das hat man vor 4 Jahren sehen und hören können. Vermutlich wird es diesmal genauso werden. Und wenn gespielt wird, kann man die Begeisterung aus den offenen Fenstern hören und das Aufstöhnen der Enttäuschten auch. Menschen aus verschiedenen Nationen sind da gleich. Die Fans haben sich verstanden und miteinander gefeiert.

Aber merkwürdig: wenn beim Fußball die anderen näher kommen, wenn nicht mehr die Fernsten, sondern wirklich die Nächsten gegeneinander spielen: dann geht es oft anders zu. Dann fliegen böse Worte und Flaschen, dann gibt es Prügel. Wenn Karlsruhe gegen Stuttgart spielt, Schalke gegen Dortmund, oder das eine Dorf gegen das nächste – dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Für manche Fans werden die Nächsten dann zu Feinden, weil sie der eigenen Mannschaft den Sieg streitig machen.

Ich verstehe nicht genau, warum das beim Fußball so ist. Aber ich merke: genau wie auch sonst im Leben ist es dort schwierig mit der Nächstenliebe. Fernstenliebe ist anscheinend einfacher.

Die Not der Fernsten, hungernde Kinder in Afrika, Ausgebombte in Syrien, vergewaltigte Jesidinnen – das geht vielen nahe. Da spenden Menschen für die Hilfsorganisationen. Aber wenn die Fernen dann näher kommen? Wenn sie plötzlich da stehen und direkte Hilfe erwarten, weil sie zu Hause nicht mehr weiter wussten? Dann kriegen viele Angst um die eigene Behaglichkeit. Dann stören mich die, die mir womöglich etwas wegnehmen könnten. So, wie beim Fußball, wenn ich fürchten muss, dass der Pokal ins Nachbardorf geht. Aber eigentlich widerspricht das dem Geist des Spiels.

Die Fußball WM zeigt mir, dass es anders sein kann, heute Abend beginnt sie. Und da kann man spüren, dass eigentlich alle Menschen gleich sind: die Fernen, die Nahen und die Nächsten. Alle möchten sich freuen und gut leben. Vom Fußball lerne ich: Am besten geht das, wenn man es gemeinsam tut.

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Wenn man sich Sorgen macht, hilft Gottvertrauen. Es hilft nicht, sich selbst oder anderen die Sorgen auszureden. Es gibt ja durchaus Anlass, sich Sorgen zu machen. Es ist auch nicht gut, sie einfach zu verdrängen, die Sorgen. Das kostet viel Kraft, die man dann nicht hat, um wirklich etwas zu unternehmen.

Wenn man sich Sorgen macht, hilft Gottvertrauen. Gottvertrauen ist mehr als Selbstbewusstsein. Klar ist das schön, wenn man sich selbst etwas zutraut und deshalb nicht ängstlich ist. Aber meine Erfahrung sagt: Nicht immer kann man sich allein auf sich selbst verlassen. Und viele sind einfach nicht so selbstbewusst, wie sie es vielleicht gern wären.

Gottvertrauen stärkt auch die Menschen, die sich selbst nicht so viel zutrauen. Oder die ihre Sorgen einfach nicht loswerden.

Gottvertrauen ist etwas sehr Realistisches. Mit Gottvertrauen muss ich die Sorgen nicht verdrängen. Ich kann realistisch sehen, was vorgeht und was kommt. Wo vielleicht Gefahren drohen. Aber ich verlasse mich darauf: Gott wird mir beistehen. Auch wenn es richtig schwierig wird.

Schon vor langer Zeit hat Gott das versprochen. Durch einen seiner Propheten hat er den Menschen ausrichten lassen: „Wenn du durchs Wasser gehst, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.“ (Jes 43,2) Seither haben das viele so erlebt. Und wenn ich zurückschaue merke ich: Es ist wahr, es gab Situationen, da hab ich gedacht: das schaffe ich nicht. Und dann ging es doch. Gott hat mich nicht im Stich gelassen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Wenn ich mir Sorgen mache, versuche ich, mich daran zu erinnern. Ich glaube, Gott hat viele Wege, einem Menschen beizustehen: Menschen, an denen ich mich festhalten kann. Kraft und Mut, die ich mir vorher nie zugetraut hätte. Allerdings sieht man das oft erst hinterher. Es wäre einfach, wenn man schon vorher wüsste, wo die Rettung herkommt. Aber ich vertraue darauf, dass Gott mich nicht fallen lässt. Das gibt mir Kraft, besonnen zu handeln wenn es darauf ankommt.

 

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„Nein,“ hat mir ein junger Vater gesagt. „Ich finde das nicht nötig“. Er findet nicht nötig, sein Kind taufen zu lassen. „Ich glaube“, sagt er, „Gott liebt unser Kind auch so, ohne diese Prozedur in der Kirche.“

Und ich meine, er hat Recht. Gott braucht keine Formalitäten, auch keine Rituale. Gott liebt die Kinder. Alle Kinder. Als Jesus gesagt hat: „Lasst die Kinder zu mir kommen… ihnen gehört die Welt Gottes“, da waren die Kinder nicht getauft.

Für Gott ist die Taufe eines Kindes also vermutlich nicht nötig. Aber vielleicht ja für das Kind? Damit es später weiß, mit welchem Wasser es gewaschen ist? Hoffentlich nicht mit allen.

In unserer Welt kommen die besonders gut voran, meinen viele, die mit allen Wassern gewaschen sind. „Mit allen Wassern gewaschen sein“, das kommt aus der Seemannssprache. Jemand, der viel herumgekommen ist und alle Tricks kennt, der ist gemeint. Jemand, der raffiniert ist und ein bisschen durchtrieben. Man kann solche Menschen bewundern. Aber vor solchen Leuten wird auch gewarnt. „Sei vorsichtig, der ist mit allen Wassern gewaschen. Der zieht Dich schnell über den Tisch “

Ob junge Eltern das wollen, dass ihr Kind irgendwann mit allen Wassern gewaschen ist? Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, mein Kind wäre mit dem Wasser christlichen Geistes übergossen. Beeinflusst von Jesus. Getauft eben.

„Mit dem Wasser christlichen Geistes“ übergossen. So hat der Dichter Wilhelm Wilms[1] beschrieben, was beim Taufen geschieht. Dass die Getauften also nicht raffiniert und durchtrieben nur für ihr eigenes Fortkommen sorgen, sondern dafür, dass es gerecht zugeht und auch die Schwachen zu ihrem Recht kommen. Dass die Täuflinge, wenn sie groß sind, nicht mit den Starken paktieren, um voran zu kommen, sondern barmherzig sich für die Schwachen einsetzen. Dass sie nicht zu den Starken und besonders Gerissenen gehören wollen, sondern bei denen bleiben, die Hilfe brauchen.
Dass sie auf Gott vertrauen, weil er mit seinem Geist bei ihnen ist.

Deshalb finde ich es gut und nötig, die Kinder mit dem Wasser christlichen Geistes zu taufen. Und sie im christlichen Geist zu erziehen. Damit unsere Welt menschlich bleibt. Und sie menschlich leben können.


 

[1] Wilhelm Willms in: Beten durch die Schallmauer. Impulse und Texte herausgegeben von der Bundesleitung der Katholischen Jungen Gemeinde,

 

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Die Welt wird immer besser. Das meint der schwedische Mediziner und Statistiker Hans Rosling. Und der war kein Träumer. Der im vorigen Jahr verstorbene Wissenschaftler hat jahrelang in Afrika als Arzt gearbeitet. Später war er für die Unicef und für die Weltgesundheitsorganisation tätig. Rosling hat gewusst, wieviel Elend es gibt und nach Kräften daran gearbeitet, das Leben der Menschen zu verbessern.

Und dabei hat er gemerkt – vieles, was möglich wäre, wird nicht getan, weil die Menschen zu schwarz sehen. Man kann ja doch nichts machen, sagen allzu viele

Dabei, sagt Hans Rosling, stimmt das gar nicht. Die Welt wird immer besser. Und er zählt mithilfe von öffentlich zugänglichen Statistiken 32 Bereiche auf, in denen die Welt nachweislich besser wird. Um 1900 zum Beispiel sind von 100 Neugeborenen 40 gestorben. Heute sind es nur noch 4. Vor 20 Jahren lebten noch fast ein Drittel der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute sind es weniger als 10 Prozent. Genauso hat sich weltweit die Zahl der Hungernden verringert. In seinem Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“[1] hat Hans Rosling noch viel mehr positive Entwicklungen aufgezählt. Und das nicht, weil er sagen wollte: „Keine Sorge, entspannt euch, macht ruhig weiter so.“ Sondern weil er zeigen wollte: Es ist viel geschehen. Man kann etwas tun. Also, weiter so. Ich glaube, nur so kann man dann auch wirklich etwas machen, wie er es getan hat.

Hans Roslings Buch hat mir zu denken gegeben. Ich gehöre auch zu denen, die sich von dramatischen Beschreibungen der Weltlage erschrecken lassen. Und auch im Privaten geht es mir so: Ich mache mir bei jeder Gelegenheit Sorgen – dabei hat sich doch so viel Gutes entwickelt!

Im Grunde hat Hans Rosling mit seinem Buch eine aktuelle  Illustration zu einem alten Gebet geliefert. In einem Psalm aus der Bibel heißt es: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103). Ich habe mir vorgenommen, das zu versuchen. Ich will bewusst nach den guten Nachrichten suchen und sie verbreiten. Ich verspreche mir viel davon.



[1]  Factfulnesss. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist., Berlin 2018

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