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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Masoud will sich taufen lassen!“ Erst habe ich gestaunt, als mir ein Iraner das erzählt hat. Masoud ist ein Flüchtling aus dem Iran. Er ist Moslem. Er war mit seinem Freund seit einigen Monaten zu uns in den evangelischen Gottesdienst gekommen. Sein Deutsch war noch nicht so gut. Also haben wir uns ein paar Tage später zusammen mit einem iranischen Dolmetscher getroffen. Masoud hat gleich noch 3 Freunde mitgebracht.

Am Anfang haben wir uns erstmal über Christen in Deutschland unterhalten. Für mich war wichtig, ihnen zu erklären: man muss in Deutschland nicht getauft sein, um sich zu integrieren. Bei uns sind nicht alle getauft. Und Religionsfreiheit ist in unsrem Grundgesetz fest verankert. Einer der jungen Männer hat da aufgehorcht und nachgefragt. Am Ende war klar: er wird sich nicht taufen lassen. Er hatte wirklich geglaubt, dass es wichtig wäre, sich taufen zu lassen, um zu zeigen: Ich bin bereit, mich einzufügen und mich anzupassen.

Masoud ist geblieben. Er hat erzählt, wie er im Iran über Freunde Kontakt zu einer christlichen Gemeinde bekommen hat. Er ist heimlich zu Gemeindetreffen mitgegangen. Das war gefährlich. Der Übertritt vom Islam zum Christentum ist im Iran strengstens untersagt. Inzwischen ist es in der Hauptstadt verboten, christliche Gottesdienste in der Landessprache zu feiern. „Sie wollen nicht, dass wir jungen Leute den christlichen Glauben kennenlernen“ hat Masoud gesagt. Als ich gefragt habe, was ihm damals am christlichen Glauben gefallen hat, hat er gesagt: Die Freiheit. Es wird nicht alles von einer Religionsbehörde bestimmt. Du kannst und sollst dir selbst Gedanken machen, wie du den Glauben umsetzt.

Ich habe mit ihm und den anderen verabredet: wir machen zusammen einen Glaubenskurs. Da werden wir Themen besprechen wie Abendmahl, Gottesdienst und Bibel. Und natürlich Dreieinigkeit. Gott als Vater, Sohn und Geist. Das ist ja ein wichtiger Unterschied im Glauben von Muslimen und Christen. Am Ende des Kurses werde ich sie fragen, ob sie getauft werden wollen oder nicht. Dann können sie sich entscheiden.

Der Kurs ist inzwischen zu Ende. Masoud hat sich taufen lassen. Dass er einfach so in den Gottesdienst kommen kann, findet er immer noch nicht selbstverständlich. In seiner Heimat wäre das ja nicht möglich. Und dass andere Menschen in meiner Stadt ganz selbstverständlich in die Moschee gehen, hat ihn erst gewundert, und dann gefreut. Auch das gehört zur Freiheit.

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Manchmal bleibe ich an einem Stolperstein in meiner Stadt hängen. Stolpersteine - das sind Gedenksteine, die seit einigen Jahren vor manchem Haus in den Gehweg eingelassen werden. Auf jedem Gedenkstein steht ein Name. Der Name des Menschen, der in diesem Haus gewohnt hat, bis er von den Nazis vertrieben oder ermordet worden ist. Die Nazis wollten diese Menschen umbringen. Sie wollten jede Erinnerung an sie tilgen. Die Stolpersteine tragen dazu bei, dass sie nicht vergessen werden.

Margot zum Beispiel. Die Stolpersteine für sie und ihre Familie liegen in der Fußgängerzone meiner Stadt, vor einem schönen, stattlichen Haus. Hier ist Margot mit ihrem kleinen Bruder aufgewachsen. Der Vater hatte im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft und war schwer verletzt worden. Damals hatte noch kaum jemanden gestört, dass er Jude war. Die Familie hatte ein Geschäft: ein Textilhaus. Bis zu jener Nacht im November 1938, in der auch in Weinheim die Synagoge gebrannt hat. Das Geschäft von Margots Eltern ist verwüstet worden, der Vater wurde verschleppt und ist als gebrochener Mann zurückgekommen. Die Eltern haben danach die vielleicht schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen: sie haben der 13-jährigen Margot eine Fahrkarte gekauft und haben sie nach Palästina geschickt. Ihrer Tochter haben sie so das Leben gerettet. Sie selbst und die Großmutter wurden von den Nazis ermordet, der kleine Bruder wurde aus einem Lager gerettet und ist in Frankreich aufgewachsen. Nach dem Krieg hat Margot ihn dort wiedergefunden. Später ist sie mit ihrem Mann nach Köln gezogen und hat dort mit ihren Kindern gelebt.

Über die Namen ihrer Familie stolpere ich in der Fußgängerzone oft. Ich bleibe an dem hängen, was sie Grausames erlebt haben. Ihre Heimatstadt ist für sie der Ort geworden, an dem die Grausamkeiten gegen sie begonnen haben. Einfach weil sie Juden und Jüdinnen waren. So wie Jesus Jude war.

Manche stören sich heutzutage an Stolpersteinen. Es muss doch mal Schluss sein mit dem Erinnern, sagen sie.
Ich finde die Steine gut. Sie lassen mich tatsächlich stolpern. Sie mahnen mich: wehret den Anfängen! Wann immer Menschen ausgegrenzt werden, in ihrer Menschenwürde nicht geachtet werden. Aus welchem Grund auch immer.

In Baden-Württemberg haben wir nun einen eigenen Antisemitismusbeauftragten. Dass wir ihn bekommen, finde ich gut. Dass wir ihn brauchen, bedenklich. Auch daran bleibe ich hängen.

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Hauptsache gesund. Stimmt dieser Satz, den so viele sagen? Müsste es nicht vor allem heißen, „Hauptsache geliebt?“ Ja klar, Gesundheit ist ein sehr hohes Gut. Und wer einmal schwer krank gewesen ist, nimmt es nicht mehr selbstverständlich, gesund zu sein. Neulich aber habe ich ein Interview mit einer jungen Mutter gelesen. Ihre Tochter Nina ist von Geburt an schwer behindert.

Die Mutter hat erzählt, wie sie vor einigen Jahren mit ihrer damals einjährigen Tochter im Kinderwagen spazieren gegangen ist. Zwei ältere Damen sind ihnen entgegengekommen. Noch bevor sie die Kleine von nahem gesehen haben, hat die eine freundlich gefragt „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Und die zweite hat gleich gesagt: „Ach, Hauptsache gesund!“ Dann erst haben sie gesehen: das Kind wird künstlich ernährt. Ganz betroffen sind die beiden dagestanden. Und auch die Mutter ist in dem Moment hilflos gewesen und hat nicht gewusst, was sie sagen soll. Stunden später, mitten in der Nacht, ist sie aufgewacht, hat ihren Mann geweckt und gesagt: „Jetzt weiß ich’s! Ich hätte sagen können: Nicht ‚Hauptsache gesund‘. ‚Hauptsache geliebt‘!

Mir ist das unter die Haut gegangen, was die junge Mutter da gesagt und für sich entdeckt hat. Es ist ein hohes Gut, gesund zu sein. Aber noch wichtiger ist es, geliebt zu sein. Das erleben Ninas Eltern mit ihrer Tochter. Und ihre Tochter erlebt es mit ihnen.

Hauptsache geliebt. Natürlich ist die Gesundheit dann trotzdem wichtig! Aber sie ist nicht die Hauptsache. Denn ohne die Hauptsache ist ja alles andere nichts. Oder zumindest nicht so viel wert.

Ninas Eltern könnten wahrscheinlich von tausend Sorgen, durchwachten Nächten und Verzweiflung erzählen. Und doch könnten sie auch von Liebe erzählen. Davon, wie unendlich wertvoll es ist, zu lieben und geliebt zu werden. Es unbezahlbar zu erleben: Ich werde angenommen. So wie ich bin. Gesund oder nicht, jung oder alt, erfolgreich oder nicht. Hauptsache geliebt.

Wir Christen glauben: „Gott ist die Liebe.“ Nicht „Gott ist Gesundheit.“
„Gott ist die Liebe!“ Das ist nichts, was er nebenbei auch noch ist. Es ist die Hauptsache. Dass er Menschen annimmt, sie liebt ohne Wenn und Aber – das steht über allem.

Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr zu sagen „Hauptsache gesund“. Und wenn es mir jemand wünscht, am Geburtstag oder an Silvester, dann hoffe ich, mir fällt wieder ein, was Ninas Mutter gesagt hat: „Hauptsache geliebt!“.

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Was kann ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt ausrichten? Eine Menge, fand Martin Luther King.

Seine Eltern hatten ihn nach Martin Luther benannt, dem deutschen Reformator. Ein großer Name für einen kleinen schwarzen Jungen, in den 30’er Jahren in den USA. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten waren für Menschen mit seiner Hautfarbe die Möglichkeiten sehr begrenzt. Rassentrennung galt als normal. Rassendiskriminierung auch. Gott will das so, fanden manche.

„Nur für Weiße“ stand an den Eingängen öffentlicher Einrichtungen und an manchem Café. Und selbst im Bus war klar: wenn ein junger weißer Mann sich setzen möchte, hat die alte schwarze Frau natürlich für ihn aufzustehen. Eine Frau, die an einem Dezembertag 1955 nicht aufgestanden ist, hat den Stein ins Rollen gebracht. Sie ist prompt verhaftet worden. Aber nun haben die Leute nicht mehr weggeschaut. Immer mehr haben sich getraut, gegen die Diskriminierung zu protestieren. Sie haben den Mund aufgemacht. Sie haben demonstriert. Und sie haben sich für all das verprügeln und schwer misshandeln lassen. Von der Polizei und von anderen. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung war geboren. Und Martin Luther King, inzwischen Pastor, ist einer ihrer wichtigsten Anführer geworden.

Sollten wir uns nicht mit Gewalt wehren?“ haben manche gefragt. Es wäre doch für eine gute Sache!
Martin Luther King hat sich allerdings dafür eingesetzt, friedlich zu bleiben. Widerstehen: ja! Kämpfen, sich einsetzen: unbedingt. Aber nie mit Gewalt. Sondern mit Worten und mit zivilem Ungehorsam. Er hat das mit seinem Glauben begründet. Jeder Mensch ist vor Gott gleich. Egal, welche Hautfarbe er hat, zu welcher Religion er gehört und welche politischen Ansichten er vertritt. Gott hat alle Menschen gleich geschaffen. Und Jesus hat alle gleich behandelt. Wenn ich das glaube, kann ich keine Gewalt gegen andere Menschen anwenden, nur weil sie andere Ansichten haben.

Martin Luther King ist ein Opfer der Gewalt geworden: heute vor 50 Jahren ist er umgebracht worden. War das das Ende der Geschichte? Nein. Er hat viele Menschen inspiriert. Er hat viele ermutigt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen: Unrecht beim Namen zu nennen. Nicht wegzuschauen, sondern sich zu engagieren. Und zu versuchen, Konflikte friedlich zu lösen. Ich finde seine Botschaft heute so aktuell wie damals.

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Neu anfangen: wie geht das? Geht das überhaupt?
In der Bibel wird gleich nach der Ostergeschichte davon erzählt. Es geht um Petrus, den Anführer der 12 Jünger. Ein tatkräftiger, forscher Typ, der das Herz manchmal auf der Zunge getragen hat. Für Jesus hätte er alles gemacht. Hat er zumindest gedacht. Und er hat es großartig verkündet: dem Jesus und den anderen. Er ist so von sich überzeugt gewesen.

Bis zu jenen Stunden, in denen sie Jesus den Prozess gemacht haben und das Todesurteil zu erwarten war. Petrus hat Angst bekommen: wenn Jesus umgebracht wird, wird es auch mir an den Kragen gehen. Sein Selbstvertrauen ist immer weniger geworden. Das Gottvertrauen auch. Während er auf das Urteil über Jesus wartet, wird er dreimal angesprochen: „Gehörst du nicht auch zu dem?“ Und Petrus sagt: „Nein! Mit dem hab‘ ich nichts zu tun!“ Dreimal die gleiche Frage. Dreimal die gleiche Antwort.

Und Jesus? Der stand nur da, in Fesseln, und hat ihn angeschaut. Petrus war am Boden zerstört und ist geflohen. Er war bitter enttäuscht von sich. Wie konnte ich nur? Was geschehen ist, konnte er nicht mehr ungeschehen machen.

Als einige Tage später die anderen Jünger über Ostern jubeln, hat er sich mitgefreut. Aber da war noch diese Last, die ihm zu schaffen gemacht hat.

In der Bibel wird die Geschichte des Petrus als Fortsetzungsgeschichte erzählt. Sie geht weiter.
Petrus trifft den auferstandenen Jesus. Er ist unsicher: Wie wird Jesus auf ihn reagieren? Was Petrus getan hat, steht ja zwischen ihnen. Jesus spricht den wunden Punkt direkt an. Dreimal fragt er Petrus, wie er jetzt zu ihm steht. Dreimal antwortet Petrus – und mit jedem Mal wird er kleinlauter. Er stellt sich dem, was er getan hat.

Ich könnte verstehen, wenn Jesus jetzt sagen würde: „Verschwinde, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben.“ Oder: „Überleg dir mal, wie du das wiedergutmachen kannst.“

Jesus aber hat ganz anders reagiert. Er hat Petrus beauftragt, sich um die andern zu kümmern. Nicht als großer Held und Über-Hirte. Sondern als einer, der erlebt hat, wie das ist, wenn man scheitert. Jesus reicht ihm die Hand. Und Petrus fängt neu an.

Für die ersten Christen ist er übrigens ein wichtiger Mann geworden. Vermutlich gerade wegen dem, was er erlebt hat. Er ist dadurch reifer geworden, und barmherziger mit anderen. Und er selbst hat noch manches Mal neu angefangen.

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