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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Gehen wir ein Stück gemeinsam“. So haben eine Bekannte und ich uns verabredet, und wir sind miteinander einen langen Weg gegangen. Wir haben unterwegs viel gesprochen, über mich, über sie, was uns verbindet, wie wir unsere Freundschaft weiter pflegen. Und wir haben uns vorgenommen, dass das nicht etwas Einmaliges bleibt, denn es hat uns beiden gut getan.

Manche Weggemeinschaften sind sehr intensiv, andere eher locker, viele sogar nur zufällig. Von der Art der Gemeinschaft hängt es ab, was wir miteinander sprechen, ob es überhaupt ein Miteinander gibt, so zum Beispiel beim Einkaufen, im Bus oder auch im Wartezimmer. Hier wird ein Gespräch eher belanglos sein, häufigstes Thema das Wetter.

Anders sieht es aus, wenn man länger zusammen ist, etwa auf einer Urlaubsreise in einer Gruppe oder in einem Verein. Aus den zu Anfang eher belanglosen Gesprächen können mit der Zeit engere Bindungen werden. Hier gibt man dann auch schon das ein oder andere Persönliche preis. Ab und zu können dann auch echte Freundschaften daraus erwachsen.

Die intensivsten Weggemeinschaften sind die, die zu  Lebensgemeinschaften geworden sind, mit der Partnerin zum Beispiel oder dem besten Freund. Es tut gut zu wissen, dass es jemanden gibt, der mich sehr gut kennt, den ich ebenso gut kenne, auf den ich mich verlassen kann, der in jeder Lage für mich da ist. Diese Gemeinschaft braucht jedoch immer gute Pflege, Zeit füreinander. Der andere soll ja spüren und erleben, dass er mir wichtig ist, dass ich gerne mit ihm zusammen bin. Außerdem tun Verletzungen in einer Partnerschaft, in einer besten Freundschaft richtig weh.

Weggemeinschaften sind wichtig für unser Leben. Ohne sie würde mir viel fehlen.

Egal, wie lang man zusammen ist, man muss immer genug Zeit füreinander einplanen. Dann darauf achten, dass jeder mit dem anderen Schritt halten kann. Schließlich schauen, den anderen nicht aus den Augen zu verlieren und über alles zu sprechen, was jeden einzelnen bewegt. Dann bleibt der Weg spannend und gut.

Mit meiner Bekannten bin ich übrigens viele Wege gegangen, sie ist seit vielen Jahren meine Frau. Und ich freue mich jedes Mal, wenn wir miteinander unterwegs sind.

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Vor drei Wochen war ich krank und habe meine Hausärztin aufgesucht. Wie geht es dir, war ihre erste Frage. Dann hat sie mich gefragt, was mir fehlt. Darauf habe ich ihr meine Symptome geschildert. Sie hat mich abgehört und mich gefragt, was denn in nächster Zeit so ansteht an wichtigen Terminen. Aufgrund dieser Fragen hat sie mir Medikamente verordnet, verbunden mit der Aufforderung, mich zu schonen und auf mich aufzupassen, dass es bald wieder bergauf geht. Es wird aber eine Zeit dauern, gab sie mir mit auf den Weg.

Ich bin froh, dass meine Hausärztin nicht gleich den Rezeptblock zückt, sondern dass sie sich Zeit nimmt. Leider ist das heute nicht selbstverständlich.

Wenn Menschen zum Gespräch zu mir kommen, nehme ich mir auch Zeit für sie, manchmal sogar mehrere Stunden. Ich denke da an mehrere Gespräch mit einer Person, die nicht mehr wusste, wie sie ihr Leben nach einer falschen Entscheidung wieder in den Griff bekommen sollte. Bis wir wirklich am Kern, beim eigentlichen Thema angekommen sind, hätte ein Treffen gar nicht gereicht. Am Ende unserer Gespräche hatte die Person wieder Mut und Zuversicht und einen Weg für sich gefunden.

Viele Menschen suchen einen Gesprächspartner, der zuhört und nicht sofort Lösungen parat hat. Einen, der Zeit für sie hat. Genau dafür werde ich bezahlt, um Zeit für die Menschen zu haben.

Gerade wenn es um das eigene Leben geht und um die Schwierigkeiten damit, brauchen Menschen Zeit, um sich zu öffnen. Das geht dann nicht so auf Kommando. Erst muss Vertrauen aufgebaut werden. Schließlich erzählt man dem anderen Dinge, die man nicht jedem erzählen würde. Genau aus diesem Grund gibt es auch das sogenannte Seelsorgegeheimnis. Der Pfarrer darf nicht anderswo erzählen, was er in einem Seelsorgegespräch erfahren hat.

Im Gespräch geht es dann darum, neue Wege zu finden. Oft geht es zuerst auch einmal um das Bewusstwerden eines Zusammenhangs, bevor Lösungen gefunden werden können.

Doch ab und zu heißt es auch einfach, die Situation auszuhalten, weil keine schnelle Lösung vorhanden ist.

Aber auch zu erleben, wie die Last und Mühe, die sich in den Augen und im Gesicht ausdrücken, langsam leichter werden. Wie sich die Gesichtszüge entspannen und ein Leuchten in die Augen zurückkehrt.

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Kennen sie als Pfarrer die Bibel nicht schon, werde ich manchmal gefragt. Natürlich habe ich die Texte der Bibel schon oft gelesen. Aber ich entdecke jedes Mal Neues darin. Manchen Text sehe ich heute ganz anders, als vor einigen Jahren, sozusagen mit neuen Augen.

Ich denke da besonders an die Szene über einen blinden Menschen in Jericho. (Lk 18,35-43) Er sitzt da und bettelt und die Leute sagen ihm, dass er still sein soll, weil Jesus in der Stadt ist. Er spürt aber die Aufregung, dass Jesus jetzt vorbei geht. Deshalb ruft er laut nach ihm. Und als die Umstehenden ihn bremsen wollen, ruft er noch lauter.

Jesus hört ihn und lässt ihn zu sich bringen. Aber anstatt ihn gleich zu heilen fragt er ihn, was er denn von ihm will, was er für ihn tun soll.

Früher habe ich nicht wirklich verstanden, warum Jesus so handelt. Jesus muss doch wissen, was mit dem Mann los ist, schließlich sieht er doch, dass der nichts sieht und zu ihm geführt wird. So wie meine Mutter ja auch gesehen hat, was mit mir los ist, wenn ich als Bub mit rotem heißen Kopf und glasigen Augen zu ihr gekommen bin.

Heute verstehe ich es sehr gut, warum Jesus ihn fragt. So kann nämlich der Blinde selbst sagen, was ihm am wichtigsten ist. Und ich höre ihn mit inniger Begeisterung sagen: „Herr, ich möchte wieder sehen können.“ Er spürt, dass er hier als Person wahrgenommen wird, nicht einfach nur als Fall abgehandelt. Und dann wird er geheilt und kann die Welt mit ganz neuen Augen sehen.

Manchmal bin ich blind, obwohl ich sehen kann. Das wird mir durch so eine Erfahrung klar. Jetzt kann ich den Text mit ganz neuen Augen sehen und er wird für mich viel klarer.

Es gibt noch viele andere Situationen, in denen ich erst nach einiger Zeit deutlich sehe. Wenn ich nach einer Lösung für eine Aufgabe suche. Oder nach einem guten Schluss für einen Text. Plötzlich fällt mir etwas ein. Manchmal frage ich mich dann: Wie konnte ich nur so blind sein?

Ich weiß nicht warum. Aber eins weiß ich. Nur wenn ich aufgebe werde ich blind bleiben.

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„Nächster Ölwechsel-Service in 1000 km“. So hat mich vor einigen Wochen mein Auto begrüßt. Mittlerweile ist das Öl gewechselt. Schließlich soll mein Auto ja gut fahren können.

Auch für uns Menschen ist Öl wohltuend, erfrischend, es gibt Kraft und schafft ein weiches Hautgefühl. Jeder, der schon mal eine Massage oder Krankengymnastik verordnet bekommen hat, hat das am eigenen Leib gespürt. Genauso schön ist es, der Partnerin oder dem Partner den Rücken mit Öl einzureiben.

Wer schon einmal ganz frisches Olivenöl genossen hat, weiß um die kräftigende innerliche Wirkung des Öls und den tollen Geschmack. Immer wieder möchte ich davon essen.

Im Olivenöl ist auch Gottes Segen spürbar. Das erlebe ich immer wieder bei einer jungen Frau.

Ich besuche sie seit vielen Jahren. Sie ist körperlich sehr schwach. Eine Krankheit zwingt sie dazu, fast den ganzen Tag im Bett zu liegen. Im Laufe der Jahre ist das für sie immer belastender geworden. Ihre Welt ist ihr Zimmer, ihr Bett. Das zehrt mental an ihrer Kraft und manchmal kann sie einfach nicht mehr.

Gerade in solchen Phasen haben wir schon oft die Krankensalbung gefeiert. Jedes Mal sehe ich, wie ihre Augen zu leuchten beginnen, wenn wir miteinander beten und ich ihr die Hände auflege und den Segen Gottes zuspreche. Dann salbe ich sie mit dem duftenden Öl auf der Stirn, an den Händen. Ich spüre, wie sie sich innerlich aufrichtet. Das ist eine Kraftquelle für sie, sie spürt Gottes Liebe förmlich in sie hineinfließen. Neues Licht in ihrem Leben.

Auch für mich ist das immer wieder Kraftquelle.

Traurig macht mich dann, dass die Krankensalbung oft als Letzte Ölung bezeichnet wurde. Bis heute rufen viele Menschen erst dann einen Geistlichen zu einem kranken, schwachen Menschen, wenn es mit dem Leben zu Ende geht. Und sie bringen sich damit um die Erfahrung, welche Kraft, welcher Segen in dieser Salbung mit dem Öl steckt.

Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung schon oft machen durfte.

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Neulich bin ich in Freiburg mit der Straßenbahn unterwegs gewesen. Da hat bei einer jungen Mitfahrerin das Handy geklingelt. Offensichtlich ist ihr Freund am anderen Ende gewesen. Und sie hat darüber die anderen Mitfahrer vergessen. Jedenfalls habe ich sehr intime Dinge gehört, über die sich die beiden angeregt unterhalten haben. Selbst vor den neuesten Frauenarztdiagnosen hat sie nicht Halt gemacht.

Hätte dieses Gespräch nicht besser stattgefunden, wenn sie miteinander zu Hause sind? Aus Gründen der Diskretion - mir und ihnen selbst gegenüber?

Diskretion spielt auch im Leben eines Pfarrers eine große Rolle. Schließlich erzählen mir Menschen bei Besuchen sehr persönliche Dinge. Deshalb gehe ich für Gespräche in der Regel zu den Menschen nach Hause. Dort sind diese persönlichen Dinge am besten aufgehoben. Die Menschen, die ich besuche, haben sozusagen einen „Heimvorteil“. Sie sind in ihrer gewohnten Umgebung, alles ist vertraut. Ich spüre, dass es den Menschen dann leichter fällt mit mir zu sprechen. Ab und zu werde ich gefragt, ob man sich darauf verlassen kann, dass alles unter vier Augen bleibt.

Da stelle ich mir die Frage, was die Betroffenen bereits an Vertrauensbrüchen erlebt haben. Umso wichtiger ist es für jeden, Diskretion auch sehr ernst zu nehmen.

Zeit, die sich Menschen füreinander nehmen, ist so gut wie nie verlorene Zeit. Manchmal müssen auch unangenehme Themen geklärt werden. Auch das gehört zum Leben dazu. Und doch hoffe ich, dass jedes persönliche Gespräch auch Kraft, Mut und Zuversicht gibt.

Schülerinnen und Schülern habe ich öfters eine Karikatur mit auf den Weg gegeben. Ein offensichtlich einsamer, trauriger Mensch greift zum Telefon. Er ruft an in der Hoffnung, ein Wort des Trostes zu hören und so Hilfe zu bekommen. Und dann hört er am Telefon: „Hier ist der automatische Anrufbeantworter des Vereins gegen Entfremdung und Vereinsamung …“

Damit dass nicht zu oft passiert, dagegen will ich etwas tun, mit meiner Zeit.

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„Der Tod gehört zum Leben… Wir müssen uns darauf einrichten Abschied zu nehmen, von Menschen und dem, was wir tun. Das heißt auch, dass man loslassen kann, dass man sich nicht verkrallt in irdischem Besitz oder Ansehen, Prestige und Macht. Dazu gehört eine Art von Gelassenheit, die wir heutzutage nicht mehr haben. Es braucht eine neue Kunst und Kultur des Lebens und dann auch des Sterbens“.   
Das hat Kardinal Lehmann gesagt, anlässlich seines 75. Geburtstags. Ich hoffe er konnte gut sterben gestern, gut loslassen. Dieses Leben, das er 81 Jahre lang gelebt hat. Als bekannter, viel beschäftigter, viel gefragter und sehr beliebter Kirchenmann. 15 Jahre als Professor, 32 Jahre als Bischof und 21 Jahre als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ich hatte das Glück und die Ehre ihm mehrere Male persönlich zu begegnen. Und wie bei jedem Todesfall ist es tröstlich, dass das weiterlebt, was einen Menschen ausgemacht hat.

Kardinal Lehmann war ein fröhlicher, menschenfreundlicher Christ. Man hat ihm angemerkt, dass er die Menschen mag. Egal ob groß oder klein, bekannt oder unbekannt, er hat gern mit den Menschen gesprochen. Und jeden spürbar respektiert. Das hat sich auch an seinem beeindruckenden Namensgedächtnis gezeigt. Oft wusste er noch Jahre nach einer Begegnung den Namen der Person, obwohl er es mit so vielen zu tun hatte. Karl Lehmann war auch ein sehr guter Zuhörer. So immens belesen und klug er auch war, er hat sein Wissen niemandem aufgedrängt. Seine fröhliche Gelassenheit- er konnte schallend lachen – war so wohltuend wie ansteckend. Seine Gastfreundschaft ein Genuss. Aber nicht durch exquisite Kulinarik, sondern durch einfaches, ehrliches Essen, das nicht im Zentrum stand, sondern das gute Gespräch einer Tischgemeinschaft umrahmt hat. Dabei habe ich ihn so direkt und offen erlebt wie kaum einen anderen Kirchenmann. Was ich als Zeichen des Vertrauens, aber auch einer befreienden Furchtlosigkeit empfunden habe. Diese Furchtlosigkeit war ganz offensichtlich in seinem tiefen Glauben begründet. Und dadurch war er für mich einer der glaubwürdigsten Gläubigen in der Katholischen Kirche. Er wird mir fehlen. Aber sein Vorbild lebt weiter…

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