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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was ist Europa? Und was macht die Kultur dieses Kontinents aus, zu dem auch Deutschland gehört? Wir bezeichnen uns gerne als das christliche Abendland. Aber damit ist noch nicht viel ausgesagt. Die Probleme beginnen hier erst. Zwar ist immer noch die überwiegende Zahl der Menschen bei uns getauft, also auf dem Papier zumindest Christ; aber die Zahlen gehen rapide zurück. An den Gottesdiensten der Kirchen nehmen nur noch wenige teil. Das Mindeste, was einen Christen ausmacht, ist nach Jesus die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Aber ob dieser Konsens für die Mehrheit noch gilt? Andere versuchen, ihre Identität dadurch zu finden, indem sie sich abgrenzen: von denen, die hier nicht geboren sind, von denen mit anderer Hautfarbe, von den Muslimen, die bestimmt nicht christlich sind, wie die selbst ernannten Retter des Abendlands betonen. Allerdings hat der Islam jahrhundertelang die Kultur in Europa maßgeblich geprägt: in Spanien und andernorts. Die vier Millionen Muslime, die heute in Deutschland leben, sind faktisch Teil unserer Kultur. Sie prägen unser Leben mit. Sie ignorieren zu wollen, oder sogar wegzuschicken, ist für mich eine Bankrotterklärung des eigenen Selbstbewusstseins. Identität gewinne ich dadurch, dass ich weiß, was mir wichtig ist, dass ich es begründen kann, dass ich mein Leben danach ausrichte. Bestimmt nicht, indem ich andere schlecht mache, sondern indem ich mit dem ein Vorbild bin, was ich für gut halte.

Heute ist der Tag des Heiligen Martin von Tours. Der Mann ist in Europa herum gekommen. Geboren in Ungarn, ausgebildet in Italien, Offizier auch in Germanien, zuletzt Mönch und Bischof in Frankreich. Berühmt geworden und bis heute ein Vorbild für viele ist er aus zwei Gründen: Als es drauf ankam, hat er Zivilcourage bewiesen. Obwohl seine Kameraden ihn verspottet haben, hat er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt. Martin hat einfach getan, was er seiner innersten Überzeugung nach für richtig gehalten hat, für christlich, für passend zu seiner Kultur. Und das Zweite: Als Bischof hat er sich nicht für etwas Besseres gehalten. Er blieb bescheiden, ein normaler Mensch, am Puls seiner Zeit, mit den einfachen Leuten auf Du und Du. Auch das macht ihn zum Christen, zu einem echten Abendländer und Europäer. Und zu einem guten Beispiel, wenn so viel über die Frage diskutiert wird, was unsere Identität ausmacht.

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Ich habe Schülern der Oberstufe im Gymnasium die Frage gestellt, was sie mit Kirche verbinden. Einen  Begriff sollten sie nennen, ohne lange nachzudenken. Es gab unterschiedliche Antworten, auch solche, die ich erwartet hatte: Gottesdienst, Gemeinschaft zum Beispiel. Aber eine Antwort hat mich erst überrascht und dann gefreut. Stille - das fällt einem meiner Schüler ein, wenn er an Kirche denkt.

Ich selbst wäre auf diesen Begriff eher nicht gekommen, obwohl ich Wert darauf lege, dass in den Gottesdiensten, die ich feiere, auch Stille vorkommt. Aber das Erste wäre es nicht, an was ich bei Kirche denken würde. Mein Schüler aber sagt, dass er das besonders wichtig findet: dass es Orte gibt, an die Menschen sich zurückziehen können, wo sie abschalten können und nicht mit Musik oder Sprache berieselt werden. Der Schüler hat auch Kopfhörer an, wenn er unterwegs ist, und ich weiß nicht einmal, ob er die wirklich abnimmt, wenn er in eine Kirche geht. Aber gleichzeitig mag er die Stille in der Kirche. Ob es die so nur dort gibt? Wo Menschen hingehen, um da zu sitzen und ihren Gedanken nachzuhängen, wo sie für einen lieben Menschen beten oder eine Kerze für eine Verstorbenen anzünden. Und wo sie eine Ahnung davon bekommen können, dass sie nicht allein auf der Welt sind, dass die ganze Welt nicht alles ist, was es gibt.

Heutzutage ist Stille wirklich etwas Besonderes. Nicht die zufällige Ruhe oder ein erzwungenes Schweigen, sondern ein Raum, eine Zeit, die mit nichts belegt sind, die nur für meinen Schüler sind, für mich, für den, der sie sucht und findet.

Gestern hat in Freiburg die Aktionswoche der Stille begonnen. Sie dauert noch bis kommenden Sonntag. Alle die mitmachen, wollen bewusst Momente der Stille schaffen. Und es machen viele mit: der Hospizverein, Stadtbücherei und Volkshochschule, das Tibetzentrum und mehrere evangelische und katholische Gemeinden. Sie laden ein, mittags um zwölf Uhr für fünf Minuten zu schweigen, ganz egal, wo man gerade ist. Es ist schön, dass auch die Kirchen mitmachen, aber eigentlich bräuchten sie das nicht. Denn die Möglichkeit, Stille zu finden, Atem zu holen, Kraft zu schöpfen, die gibt es in einer Kirche immer. Wenn sie nicht abgeschlossen ist, und das sollte sie nicht sein. Sondern offen, bereit einen aufzunehmen, der sich erholen will.

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Ich weiß, dass aus einer missratenen Situation was Schönes werden kann. Theoretisch weiß ich das. Weil es dazu geflügelte Worte gibt wie „Glück im Unglück.“ Oder: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Aber so richtig glauben kann ich das immer erst dann, wenn es mir wirklich passiert ist.

Wir hatten ein Taxi bestellt, weil wir Karten für ein Konzert hatten. Der Ort, wo wir hin mussten, lag etwas abseits, ohne ständige Busverbindung. Auto hatten wir keines dabei. Als das Taxi 15 Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt immer noch nicht da war, bin ich unruhig geworden und hab nach Alternativen gesucht. Gottlob hatten wir etwas Spielraum einkalkuliert, aber jetzt musste es voran gehen, sonst würden wir es nicht mehr bis zum Beginn der Aufführung schaffen. Das beauftragte Taxiunternehmen wusste von nichts, ein anderes Taxi war nicht frei. Ein Auto war auf die Schnelle nicht zu organisieren. Also hab ich kurzerhand bei der Veranstalterin des Konzerts angerufen. Und tatsächlich: Mit etwas Überredungskunst und Charme von mir, sagt die Dame ohne nennenswerten Widerstand: „Ich hol Sie; das schaffen wir, ich reservier Plätze für sie in der letzten Reihe.“ Was sich daran angeschlossen hat, ist einer der schönsten Abende gewesen, den ich in der letzten Zeit erlebt habe. Wir waren sehr beeindruckt und total dankbar, dass jemand das auf sich nimmt: ein Veranstalter, der zu seinen Gästen kommt und sie zu seiner Veranstaltung fährt. Die Fahrt war unbeschwert, ja fröhlich. Kein Misston, keine schlechte Stimmung, kein grantiges Gesicht. Am Ort der Veranstaltung angekommen lief alles wie am Schnürchen. Das Konzert war klasse. Und hinterher haben sich noch gute Gespräche ergeben. Beglückt und erfüllt sind wir am Ende des langen Abends zuhause angekommen. Dann mit einem Taxi, das tatsächlich gekommen ist.

Ich nehme mit Fug und Recht an: Wenn das mit dem Taxi zur Hinfahrt geklappt hätte, wäre der Abend für uns ganz anders verlaufen. Wir hätten kaum Kontakt zur Veranstalterin und ihrem tollen Team bekommen. Wir hätten nicht die Erfahrung gemacht, wie hilfsbereit jemand sein kann. Wir wären vermutlich auch nicht so empfangsbereit gewesen für das Gute, das wir so erlebt haben. Ich habe mir fest vorgenommen: Das merke ich mir für die Zukunft, wenn wieder einmal etwas nicht klappt.

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Der Dichter Kurt Tucholsky hat gesagt: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“ Das gefällt mir. Weil diese Definition nicht mit dem berühmten moralischen Zeigefinger daher kommt. Und weil sie keine eindeutige Lösung präsentiert. Sondern mich stattdessen bewusst verunsichert. Tucholsky sagt, dass das der Anfang von jeder Form von Toleranz ist: Verunsicherung. Ich kann mir dann nicht mehr so sicher sein, ob ich wirklich im Recht bin, ob ich eine Sache richtig verstanden habe, ob mein Weg der einzig gangbare ist. Was dazu führt, dass ich weniger festgelegt bin in meiner Auffassung. Toleranz bedeutet in diesem Sinne: Ich gestehe dem anderen mindestens so viel Recht zu wie mir. Ich unterstelle, dass er der Wahrheit mindestens so nahe ist wie ich. Und deshalb schaue ich auf ihn und seine Meinung mit Respekt und Sympathie.

Das Wort Toleranz ist in den letzten Jahren bei uns zu einer Art Modewort verkommen. Überall wird Toleranz eingefordert. Wenn Kinder schlecht erzogen sind und mir auf der Nase herumtanzen, was ich hin und wieder in der Schule erlebe; dann soll ich doch ein bisschen tolerant sein. Wenn mir jemand auf eine Nachricht nicht antwortet, und ich warten muss, bis ich endlich alle Rückmeldungen zusammen habe, heißt es: „Stell’ dich nicht an, ist doch nicht so schlimm.“ Mit Toleranz hat das aber nichts zu tun, finde ich. Das ist einfach schlechtes Benehmen, schlechter Stil. Mein Vater konnte dazu sagen: „Ich muss nicht alles hinnehmen.“ Und er hat gemeint: Es gibt Spielregeln, die unser Miteinander regeln. Überall, wo Menschen zusammen leben, gibt es solche Regeln. Andernfalls müsste man immer wieder bei Null anfangen, wenn es darum geht, gemeinsam etwas zu tun. Wenn trotzdem einer aus der Spur läuft, dann nützt Toleranz nichts, dann braucht es einen, der den Mund aufmacht und das Gemeinsame einfordert.

Toleranz kommt dort ins Spiel, wo es nicht um die Selbstverständlichkeiten geht. Der Bereich der Religion, des Glaubens ist dafür ein gutes Beispiel. Ich muss als Christ tolerieren, dass ein anderer Mensch anderes glaubt als ich. Gerade für das Gespräch unter den Religionen ist das wichtig. Ich muss dazu meinen Standpunkt nicht aufgeben. Ich darf beharren, dass ich meine Überzeugung für wahr halte, soweit ich das mit vernünftigen Argumenten belegen kann. Aber ich muss dem anderen genau das Gleiche zugestehen, ohne irgendeinen Abstrich. Und das geht am besten, wenn ich bei mir den letzten Zweifel nicht leugne, sondern den Gedanken aushalte: Der andere könnte doch Recht haben.

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Inzwischen könnte man ein ganzes Buch schreiben. Über die wunderbaren Vergleiche, mit denen Papst Franziskus der Menschheit auf den Zahn fühlt. Er feiert in der Regel täglich die Heilige Messe in einer Kapelle des Gästehauses, wo er im Vatikan wohnt. Und da sind immer etliche Gäste dabei, die mitfeiern. Zuweilen nützt der Papst diese Gelegenheit, um auf Fehlentwicklungen hinzuweisen, die er beobachtet und die ihm zu schaffen machen.

Unlängst ging’s um die Strenge. Sein biblisches Beispiel, wo es hinführen kann, wenn einer zu streng ist, war der Prophet Jona. Franziskus nennt ihn einen „Starrkopf“ und charakterisiert ihn als „krank vor Strenge“.

Jonas Geschichte ist schnell erzählt: Er wird von Gott beauftragt, der Stadt Ninive den Untergang vorher zu sagen, weil ihre Einwohner nicht so leben, wie Gott es erwartet. Aber Jona ist feige und haut ab. Im zweiten Anlauf geht er schließlich doch und sagt den Ninive-Leuten, was Gott vorhat: Die Stadt zu zerstören, alles was dort lebt. Weil die Bewohner dann aber ihre Fehler bereuen und Besserung geloben, verzichtet Gott auf seine Strafe. Aus Barmherzigkeit. Und das ärgert Jona. Er findet es unpassend, dass Gott zurückrudert. Er will keine Milde walten lassen. Er wird unheimlich wütend über einen Gott, der ... ja was? ... der barmherzig ist.

Die Haltung der Barmherzigkeit zu üben, das ist so etwas wie der rote Faden, der die Amtsführung von Papst Franziskus charakterisiert. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen. Vor Menschen, die so reagieren wie Jona, warnt er deshalb. Weil übertriebene Strenge und Barmherzigkeit sich nicht vertragen. Wer zu streng ist, hat ein hartes Herz. Irgendwann ist er nicht mehr bereit, wahrzunehmen, dass sich eine Lage verändert hat. Er versteift sich und kann sich für Neues nicht mehr öffnen.

Es ist im Grunde nicht schwer, sich selbst in dieser Hinsicht zu prüfen: Beharre ich unerbittlich auf meinem Recht? Habe ich Angst davor, die Kontrolle zu verlieren? Bin ich es gewöhnt zu sagen: „Das hast du mir getan, also tu ich dir das!“?

Das Buch des Jona steht in der Bibel, weil es verrät: Gott denkt und handelt nicht so. Dann hätte er nämlich zuletzt den Propheten seinem Starrsinn und seiner Strenge überlassen und ihn verstoßen. Aber er rettet ihn, zusammen mit den Leuten in Ninive. Weil er geduldiger ist, als wir annehmen, weil er die Herzen der Menschen weich und weit machen will - durch Barmherzigkeit.

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Ich steige aus dem Zug. Unmittelbar vor mir geht ein Mann mit einem Blindenstock. Er tastet sich über den Bahnsteig, stößt an das Wartehäuschen des Bahnpersonals und findet schließlich das Geländer zum Treppenabgang. Für mich sieht das etwas unsicher aus. Ich überlege kurz, dann spreche ich den Mann an: „Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen behilflich sein?“ Seine Antwort: „Nein, Herr Steiger, es geht schon.“

Es dauert eine ganze Weile, bis ich meine Überraschung in den Griff kriege. Dann frage ich ungläubig: „Sie kennen mich? Aber wir sind uns ja noch gar nie vorher begegnet!“ „Doch, Sie sprechen immer die Anstöße.“ Noch einmal bin ich ziemlich irritiert. Dann danke ich ihm, sag Ade und gehe weiter. Aber die Begebenheit lässt mich nicht los.

Klar, ich spreche im Radio, deshalb ist meine Stimme manchen Menschen bekannt. Es gibt Leute, die sagen, meine Stimme sei charakteristisch. Aber dass der blinde Mann innerhalb von Sekundenbruchteilen und ohne im Geringsten ahnen zu können, wer da neben ihm steht, die Stimme einer Person zuordnen kann, das beeindruckt mich ungemein. Wie stark ausgeprägt muss sein Gehör sein! Wie groß sein Gedächtnis, die Fähigkeit an Tönen zu unterscheiden und dem jeweiligen Klang Personen zuzuordnen.

Der Mensch ist ein Wunder. Er hat großartige Sinnesorgane, mit denen er wahrnimmt, was um ihn her geschieht. Er kann sich verständigen mit Worten und Gesten, durch den Ausdruck seines Gesichts und des ganzen Körpers. Und wenn ein Sinn ihm fehlt, weil er ihn verloren hat oder nie hatte seit seiner Geburt, dann kann er das wettmachen, weil die anderen Sinne es ausgleichen. Was für ein ungeheures Potential da in uns steckt. Möglichkeiten, die wir erreichen, wenn wir sie brauchen, um zu überleben.

Ich weiß nicht, wie sehr der Mann am Bahnsteig darunter leidet, dass er nicht sehen kann. In dem Augenblick, als wir uns begegnet sind, war nichts davon zu merken. Ich habe ihn als wach und hell und froh erlebt.

Ich bin froh, dass ich nicht blind bin. Und gleichzeitig bin ich glücklich über diese Begegnung. Weil sie mir einmal mehr zeigt, wie viel Überraschendes in einem anderen stecken kann, das ich nie erwarten würde.

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