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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mein Zug hat Verspätung und ich bin richtig genervt. Die Verspätung wird zum gefühlt 100sten Mal durchgesagt. Jetzt aber mit einem ungewohnten Zusatz: „Ich bin gespannt, was Sie mit der geschenkten Zeit anfangen!“

Erst habe ich mich wahnsinnig aufgeregt. Der Zugbegleiter hat ja gut reden. Von wegen geschenkte Zeit. Eher geklaute Zeit, denn ich muss weiter. Jetzt komme ich zu spät.

Aber nachdem ich ein wenig telefoniert und alles geregelt habe, bin ich ruhiger geworden: Geschenkte Zeit. Eigentlich hat er ja Recht. Ändern kann ich jetzt sowieso nichts. Dann kann ich auch versuchen, die Wartezeit für mich zu nutzen.

Ich habe mir einen Kaffee geholt und es mir auf einer Bank bequem gemacht. Ich habe eine Zeitlang den Menschen um mich herum zugeschaut, die Wolken am Himmel beobachtet und angefangen Nachrichten an Menschen zu schreiben, bei denen ich mich schon lange mal melden wollte. Mein Ärger war weg und irgendwie hat diese unfreiwillige Pause richtig gut getan. Ganz automatisch hat sich manches in mir sortiert, was mich vorher unruhig gemacht hat.

Trotzdem brauche ich solche Zwangspausen nicht ständig. Aber dass es immer mal wieder klappt, von meinem Ärger wegzukommen, das wünsche ich mir. Vor allem weil ich Abstand von dem bekomme, was mich sonst so sehr beschäftigt und was in meinem Leben manchmal zu viel Bedeutung bekommt: sei es meine Arbeit, Menschen, die mich auf die Palme bringen oder Sorgen, die mich umtreiben. Eine Stelle in den Psalmen passt perfekt dazu: „Wende meine Augen davon ab, nach Nichtigem zu schauen.“ (Ps 119, 37). Für mich heißt das übersetzt: Ich will mich nicht auf das konzentrieren, was mich ärgert. Lieber um das kümmern, was mir gut tut. Ich weiß, dass das nicht immer auf Knopfdruck gelingt, aber versuchen werde ich es trotzdem.

Heute Nacht werden die Uhren von der Sommer- auf die Winterzeit umgestellt. „Ich bin gespannt, was Sie mit der geschenkten Zeit anfangen.“

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„Miss Rollstuhl“ heißt Alexandra, ist 23 Jahre alt und kommt aus Weißrussland. Vor ein paar Tagen ist sie zur schönsten Rollstuhlfahrerin weltweit gekürt worden. Insgesamt 24 junge Frauen aus 19 Ländern waren zu dem Wettbewerb angetreten. Das Besondere dabei: es ging nicht nur um gutes Aussehen, sondern auch um Persönlichkeit und soziales Engagement. Organisiert wurde der Wettbewerb von einer Stiftung aus Polen. Über das Ziel sagt eine der Jury-Vorsitzenden: „Es ist wichtig, das Bild von Frauen in Rollstühlen zu verändern, damit sie nicht nur auf diese Eigenschaft reduziert werden. Nicht das Aussehen zählt am meisten. Ganz unwichtig ist das zwar nicht. Aber wir haben bei der Wahl vor allem auf die Persönlichkeit der Frauen geachtet, ihre täglichen Aktivitäten, ihr Engagement, ihr Sozialleben, ihre Pläne.“

Was mir dieser Wettbewerb vor allem zeigt, ist: Schönheit ist nicht nur eine Sache von gutem Aussehen. Dazu gehört mehr. Schön ist ein Mensch für mich, wenn jemand aufmerksam für andere Menschen ist und offenherzig und mit einem liebevollen Blick auf andere zugeht. Schönheit hat für mich auch was mit Gelassenheit zu tun. Wenn jemand nicht krampfhaft versucht, alles perfekt zu machen und darauf vertraut, dass sich schon ein Weg finden wird.

Dass Alexandra „Miss Rollstuhl“ geworden ist, liegt aber auch daran, wie sie mit sich selbst umgeht. Und jetzt sagt sie auch anderen: „Kämpft gegen eure Ängste!“ Bestimmt hat es bei ihr einige Zeit gedauert, bis sie gelernt hat, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie ist. Bis sie sich selbst nicht mehr nur auf das reduziert hat, was sie nicht kann. Ich kenne auch Momente, in denen ich an mir zweifle. In denen ich denke, dass ich anders sein müsste. Irgendwie besser und klüger, feinfühliger oder rücksichtsvoller. Die Angst nicht zu genügen, verdeckt dann das Schöne, das in mir steckt. Und: Schönheit ist in jedem von uns! Ohne oder mit Rollstuhl, klein, groß, dick oder dünn.

Der „Miss Rollstuhl“-Wettbewerb hat mir klar gemacht: Es geht darum, die eigene Schönheit zu entdecken und entschlossen und mutig ins rechte Licht zu rücken. Muss ja nicht gerade auf einem Wettbewerb sein – es reicht schon jeden Morgen vor dem Spiegel.

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Es ist fast wie in der Kirche – aber eben nur fast: Gemeinsames Singen, aber nicht Halleluja, sondern John Lennon; eine Ansprache zum Nachdenken, aber keine Predigt und Stille zur Besinnung, aber nicht zum Gebet.

Die Idee der „sunday assembly“, der „Sonntagsversammlung“ kommt ursprünglich aus England und ihr Motto ist: „Lebe besser, hilf oft, staune mehr“. Ganz bewusst haben sich die Erfinder dafür entschieden, dass es gut wäre, wenn Menschen ohne Religion auch eine Gelegenheit hätten, um zusammen zu kommen. Um miteinander zu feiern und den Alltag hinter sich zu lassen – aber alles eben bewusst ohne Gott.

Und deshalb kommen viele, mit ganz unterschiedlicher Motivation: Leute, die nicht an Gott glauben wollen oder die nicht glauben können, dass es einen Gott gibt. Die Menschen, die die Kirche kritisch sehen und mit ihr nichts zu tun haben wollen. Oder alle, die mit dem klassischen Sonntagsgottesdienst nichts anfangen können. Die aber trotzdem Gemeinschaft erleben und übers gute Leben nachdenken wollen. Mittlerweile ist aus der Idee eine weltweite Bewegung entstanden.

Ich selbst gehe sonntags gerne in den Gottesdienst. Und deshalb verstehe ich, dass es auch anderen gut tut, sich zu treffen. Sich über das zu unterhalten, was einem wichtig ist. Schöne Lieder zu singen, ruhig zu sein und für eine gute Sache Geld zu sammeln.

Es gibt aber einen zentralen Unterschied: und das ist Gott. Auf ihn kann und will ich nicht verzichten! Im Gottesdienst weiß ich, auf wen ich höre, zu wem ich bete und singe und wer für mich im Mittelpunkt steht. Bei der Sunday Assembly bleibt für mich die Mitte leer.

Wenn ich sonntags in die Kirche komme, dann ist Gott es, der mich mit den anderen Menschen verbindet. Wir treffen uns, weil wir an Gott glauben. Und dann bin ich eben mit allen verbunden. Mit denen, die ich gerne mag, aber auch mit den Menschen, mit denen ich es schwer habe. Und noch etwas macht das gemeinsame Gottesdienst feiern für mich besonders wertvoll: es geht über die Menschen, die da sind, hinaus. Es gehören auch die dazu, die nicht kommen können, weil sie krank oder alt sind. Und die, die an anderen Orten auf der Welt zum Gottesdienst zusammenkommen.

Diese Verbindung zu Gott und zu den Menschen weil wir an Gott glauben – die will ich nicht missen. Deshalb kann und will ich im Gottesdienst nicht auf Gott verzichten.

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Heute um elf Uhr ist es soweit. Unsere Kreuzchen, die wir vor genau einem Monat auf den Stimmzetteln gemacht haben, werden umgesetzt. Heute kommen die über 700 gewählten Abgeordneten zu ihrer ersten Sitzung im Bundestag zusammen. Zwar laufen die Koalitionsverhandlungen noch und es wird bestimmt noch eine ganze Weile dauern bis eine neue Regierung gebildet ist. Aber egal, ob die Politiker später in der Regierung oder in der Opposition sitzen, eines trifft auf alle zu: Sie alle machen eine Arbeit, zu der wir sie beauftragt haben.

Klar ist, dass dabei sicher nicht alles gelingen wird. Nicht alle guten Ideen werden umgesetzt. Und nicht alle Menschen in unserem Land werden mit den Entscheidungen aus Berlin zufrieden sein. Leider werden auch nicht alle Politiker ihre eigenen Interessen hinter denen der Gesellschaft zurückstellen können. Deshalb ist es wichtig, dass die Leute, die Macht bekommen haben, über Deutschland zu entscheiden, aufmerksam, kritisch und vor allem konstruktiv begleitet werden. Dass es Gremien und Journalisten, aber auch die Kirchen gibt, die nachfragen und für das, was ihnen wichtig ist, eintreten.

Genauso wichtig finde ich es, den Politikern gegenüber fair zu bleiben, auch wenn es einiges zu kritisieren gibt. Gott sei Dank sind sie auch nur Menschen und können nicht alles richtig machen. Und sicherlich ist es nicht einfach, in einer komplizierten Welt nach ernsthaften und gerechten Lösungen für alle zu suchen.

Ich wünsche deshalb allen Abgeordneten viel Kraft und einen langen Atem. Vor allem aber möchte ich für sie beten. Ich werde sie immer wieder Gott ans Herz legen und darum bitten, dass sie Wege finden, damit Deutschland, Europa und unsere ganze Erde friedlicher und gerechter werden. Ich werde für die Politiker beten, auch wenn ich sie nicht persönlich kenne und nicht einmal sicher weiß, ob sie das möchten. Aber mir hilft es. Denn ich nehme ernst, dass mich diese Welt beschäftigt und dass wir alle Verantwortung für das haben, was hier bei uns geschieht. Alles, was mich beschäftigt, sage ich Gott im Gebet. Er wird dann nicht einfach so in die Welt eingreifen und wieder alles gerade rücken. Aber ich kann mit meinem Gebet aktiv werden und stehe verfahrenen Situationen nicht mehr hilflos gegenüber. Und ich vertraue darauf, dass Gott immer noch Wege und Möglichkeiten zur Veränderung hat. Auch da, wo ich meine, es geht nichts mehr.

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Zwei kleine Haken und ich weiß: meine Nachricht ist angekommen. Auf dem Handy, bei WhatsApp, ist das ganz einfach: Eine kurze Nachricht schreiben, auf Absenden drücken und dann dauert es meist nur ein paar Sekunden bis die beiden blauen Häkchen in der Ecke erscheinen und mir zeigen, dass meine Nachricht angekommen ist.

So etwas wünsche ich mir manchmal von Gott. Ein Signal, dass er mich hört und dass bei ihm ankommt, wie es mir geht. Wenn es mir gut geht und alles nur so flutscht, glaube ich, dass alles bei ihm ankommt. Doch es gibt auch die anderen Zeiten. Die Momente, in denen ich mir nicht sicher bin, ob Gott mich hört oder er mich vielleicht sogar vergessen hat. Wenn ich mich frage, ob ich irgendwann den Partner finde, der zu mir passt. Oder wenn Bekannte sich ein Kind wünschen und es einfach nicht klappt. Gerade dann wären zwei kleine Häkchen zumindest beruhigend. Auch wenn dann noch nicht alles im Leben so ist, wie ich es mir wünsche. Aber ich weiß Gott ist mit im Spiel und er hat noch etwas mit mir und meinem Leben vor.

Das Gefühl von Gott vergessen worden zu sein, kannten auch schon die Menschen vor über 2500 Jahren. Jerusalem ist zerstört und die, die damals überlebt haben, mussten ins Exil. Weg aus der Heimat, fort von dem Ort, an dem sie sich ihre Zukunft ausgemalt hatten. Wie verunsichert und verzweifelt müssen die Menschen gewesen sein. Und dennoch entsteht gerade in dieser Situation ein Text, der heute ganz am Anfang der Bibel steht. Es ist die Erzählung von der Erschaffung der Welt. Nach und nach macht Gott das Licht, die Erde, verschiedene Tiere und den Menschen. Und immer wieder kommt, wie eine Art Refrain, der Satz: Gott sah, was er gemacht hat. Es war gut.

Für mich ist die Schöpfungserzählung vor allem eine Beziehungsgeschichte und deshalb so wichtig. Da geht es nicht um naturwissenschaftliche Fakten, sondern um die Welt, den Menschen und wie er mit Gott verbunden ist. Gott hat die Welt gut angelegt. Auch den Menschen. Und deshalb haben die Menschen ihm zugetraut, dass er auch alles wieder zum Guten führen kann. Auch wenn ihr Leben momentan ganz anders aussieht.

Dieses Vertrauen finde ich enorm. Es heißt für mich: Gott ist da, auch wenn ich es nicht vermute. Und zwar genau da, wo ich lebe und durch die Menschen, mit denen ich täglich zusammen bin. Die Welt und die Menschen um mich herum – sie sind so eine Art kleine Häkchen bei Gott.

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