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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Viele Menschen haben ganz schnell Angst zu kurz zu kommen. Beobachten kann man das besonders gut wenn’s ums Essen geht. Wenn 10 Kinder miteinander am Tisch sitzen und sie sicher wissen, dass alle satt werden, ist es trotzdem so, dass ein Wettstreit um die Schüsseln beginnt sobald sie auf dem Tisch stehen. Aber ich kenne das auch von Erwachsenen. Bei kalten Buffets zum Beispiel, wenn sich manche ihren Teller so voll laden dass ich das peinlich finde. Dabei muss ich selbst bei solchen Buffets aufpassen, das ich nicht dasselbe mache. Mag sein, dass in solchen Momenten der Selbsterhaltungstrieb des Menschen auftaucht. Wer dann kurz nachdenkt, weiß genau, dass er bei uns auf keinen Fall verhungern wird.

Die Angst zu kurz zu kommen betrifft nicht nur das Essen. Sie ist vermutlich der Grund dafür, dass Menschen alles Mögliche konsumieren ohne darüber nachdenken, was sie wirklich brauchen. Wenn ich bedenke, wieviel Werbung fast täglich in meinem Briefkasten landet oder im Fernsehen zu sehen ist, scheint es so, als wäre gar nicht erwünscht, dass ich selbst entscheide, was ich brauche.

Eine evangelische Pfarrerin sagt dazu: „Was der Mensch wirklich braucht, weiß er gar nicht so genau. Geschweige denn, was der oder die andere wirklich braucht.“ Ihre Aussage provoziert mich. Weiß ich, was ich brauche? Ich bin gesund, ich kann mich jeden Tag satt essen, ich habe einen Beruf, ein sicheres Dach überm Kopf.

Doch, ich weiß heute was ich brauche. Jeden Tag eine kleine Weile, in der ich ganz alleine mit mir sein kann und in der es still ist damit ich zur Ruhe komme. Nur so kann ich glauben, dass ich gehalten und getragen bin von himmlischen Kräften. Ich brauche Freundinnen und Freunde, die mich gut kennen und mich mögen. Ich brauche Menschen, die mich ernst nehmen und nicht abwerten. Ich brauche es, frei und ehrlich meine Meinung sagen zu können.

Aber das, was ich brauche, ist etwas anderes als das, was andere brauchen.

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Die meisten Menschen wollen gerne lange leben, aber kaum jemand will alt sein. Alt sein – das verbinden viele mit Recht vor allem mit Einschränkungen: Mit Krankheit, wechselnden Zipperlein, endlosen Arztbesuchen. Mit dem Ende des Lebens und vielleicht auch mit der Angst davor.

Das Alt sein beschäftigt mich, weil meine Eltern alt sind. Die Augen lassen nach, gut hören geht nur mit Hörgerät, laufen ist mühsam, der Atem geht schwerer. Ich erlebe, was sie einschränkt und an manchen Tagen fällt ihnen das schwer. Der Tod ist manchmal näher, manchmal weiter weg.

Auf einer Reise im Sommer in die Bretagne habe ich aber auch festgestellt, wie vital beide noch sind. Mit allen Einschränkungen. Beide sind immer noch neugierig und haben interessiert die Kathedralen in Reims und Chartres besichtigt. Sie haben begeistert die Küste am Atlantik entdeckt und wahrgenommen, wie sich der Himmel im Lauf des Tages verändert.

Ich habe in dieser Zeit eine andere Sicht aufs alt sein gewonnen.

Mir ist klar geworden, wie wichtig es ist, alte Menschen ernst zu nehmen mit ihren Bedürfnissen aber auch mit den Möglichkeiten, die sie noch haben. Mit ihnen gemeinsam zu entscheiden, was sie noch können und was sie nicht mehr können. Sie auf keinen Fall zu bevormunden. Bei Spaziergängen zum Beispiel, nur weil ich denke, dass mit eingeschränktem Sehvermögen holprige Wege vermieden werden sollten, sie selbst aber durchaus diese Wege gehen wollen.

Und ich habe gefühlt, wie reich jedes einzelne Menschenleben ist. Reich an allem, was es gibt: an Freude, an Glück, an Erfolg und Erkenntnis. Auch reich an Kummer und Leid, an Unerfülltem und Unerlöstem. Meine Eltern sind keine berühmten Leute. Sie leben und bewältigen ihr Leben wie viele von Ihnen, die jetzt Radio hören. Aber wenn ich bedenke, was sie erlebt haben in ihren über 80 Lebensjahren – was sie ertragen und überlebt haben während des Kriegs und ihrer Vertreibung aus Tschechien nach Deutschland. Was sie geleistet haben, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Was sie erlebt haben als Ehepaar seit 58 Jahren, als Eltern von 3 Kindern und Großeltern von 5 Enkelkindern.

Wenn ich mir all das vorstelle, empfinde ich Hochachtung und Ehrfurcht vor ihnen – und vor jedem Menschenleben.

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Individualität hat in unserer Gesellschaft einen großen Stellenwert. Das ist gut so. Denn es nimmt ernst, dass jeder Mensch einzigartig ist und verantwortlich dafür, sein Leben zu gestalten. Aber jeder lebt immer auch mit anderen Menschen und ist verantwortlich dafür, dass das gelingt. Es ist anspruchsvoll, die Bedürfnisse jedes einzelnen mit den Bedürfnissen einer Gemeinschaft zu vereinbaren. Das erlebe ich jeden Tag. In der Schule. Als Nachbarin in einem Mehrfamilienhaus. Beim Einkaufen, im Straßenverkehr.

Eine kurze Erzählung macht vielleicht deutlicher was ich meine. In der Geschichte berichtet eine Frau davon, was in ihr alles vorgeht, wenn sie als Fußgängerin an einer roten Ampel steht. Sie sagt: „Wenn ich aus dem Haus gehe, muss ich eine Straße überqueren, deren Ampel sehr lang auf Rot für Fußgänger geschaltet ist. Da kommen in mir viele Gedanken auf, z.B. dass ich es ärgerlich finde, in einer Welt zu leben, die Autos offensichtlich wichtiger nimmt als Menschen. Wie komme ich überhaupt dazu, das zu akzeptieren? Vielleicht sollte ich mich einer Organisation anschließen, die sich für die Rechte von Fußgängern einsetzt? Sollte ich die Ampel ignorieren? Kann ich das verantworten, wenn Kinder in der Nähe sind? Denen gebe ich ein schlechtes Beispiel, weil es für sie gefährlich wäre, bei Rot die Straße zu überqueren. Wäre es dann nicht doch besser, wenn ich immer „schön brav“ warte, bis die Ampel umschaltet? Dann fällt mir ein, dass sich Holländer und Franzosen über uns Deutsche amüsieren, weil wir an jeder roten Ampel warten, egal ob Autos in Sicht sind oder nicht. Was sind wir für untertänige Idioten!? Dafür schäme ich mich jetzt beinahe. Und so geht es weiter in mir. Da scheinen viele Stimmen zu sein, die miteinander streiten, was ich denn nun machen soll, wenn ich diese Ampel vor mir habe.“

Es ist bemerkenswert, was der Frau durch Kopf und Herz geht, solange sie an der roten Ampel steht. Ich kenne das aus ähnlichen Situationen. Zum Beispiel wenn ich Lebensmittel einkaufe und die regionalen Bioprodukte mehr als doppelt so viel kosten als andere.

Immer bleibt, auch in diesen kleinen Alltagssituationen, dass ich verantwortlich bin für mich und für die Gesellschaft zu der ich gehöre.

Beides gut miteinander zu vereinbaren ist eine Aufgabe, die mal leichter und mal schwerer zu lösen ist.

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Warum lässt Gott zu, dass es Leid gibt auf der Welt?Warum greift er nicht ein? Warum hat er uns Menschen so erschaffen, dass wir auch böse sein können? Diese Fragen sind so alt wie der Glaube an Gott selbst.

Gott – warum hast du in Auschwitz nicht eingegriffen? Gott – wo bist du bei Terroranschlägen und Selbstmordattentaten? Gott - wo bist du wenn Menschen sich verachten, hassen, bekriegen? Jedes Leid macht Menschen das Leben schwer. Ich finde es normal, dass wir verstehen wollen, warum das so ist. Und wenn Gott der Schöpfer allen Lebens ist, muss er etwas damit zu tun haben. Ich habe Theologie studiert, weil ich gehofft habe eine Antwort zu finden auf diese Fragen. Kennengelernt habe ich viele. [1]

Eine davon heißt: Gott will das Gute. Wenn Menschen leiden, werden sie bestraft für das Böse, das sie getan haben. Durch die Strafe sollen sie einsehen, dass sie sich bessern müssen. Für mich ist das eine schlimme Antwort. Denn es gibt sehr viel Leid, für das Menschen nicht verantwortlich sind.

Eine andere: Gott ist gut, aber seine Stärke ist anders als die Macht von Menschen. Wenn Menschen leiden, leidet er immer mit.

Mit keiner Antwort war ich zufrieden. Ich habe begriffen, dass jede Antwort auf diese wichtigen Fragen unseres Menschseins ein Versuch ist. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Das kann enttäuschen und heilen. Heilen davon, Gott durchschauen zu wollen.

Ich habe gelernt, diese Fragen nicht zu beantworten. Sie offen zu lassen. Das erlaubt mir, unschuldiges und ungerechtes Leid vor Gott zu beklagen und ihm die Verantwortung dafür zu überlassen. Das erlaubt mir aber auch, über eigenes Leid und das Leid anderer genauer nachzudenken. Und wahrzunehmen, dass ich für manches selbst verantwortlich bin und schuldig werde.

Meine Beziehung zu Gott ist dadurch freier geworden. Ich glaube heute, dass ich Gott nicht durchschauen kann. Aber ich glaube, dass ich ihn immer ansprechen kann. Ich sage ihm, wenn ich mich ohnmächtig fühle, wenn ich verzweifelt bin und nicht mehr weiter weiß ohne zu erwarten, dass er eingreift. Und erlebe, wie mein Herz ruhiger wird.


[1] Mehr dazu lesen kann man im Buch: Groß, Walter; Kuschel, Karl-Josef: „Ich schaffe Finsternis und Unheil!“ Ist Gott verantwortlich für das Übel? Mainz 1992

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Meine Mutter ist 85 Jahre alt. Letztes Jahr im September hat sie zum ersten Mal gesagt, dass sie davon träumt einmal ans Meer zu fahren. Ebbe und Flut zu erleben. Das hat sie noch nie erlebt. Aber in ihrem Alter eine Reise für den nächsten Sommer zu planen ist nicht realistisch. Im Winter war sie dann so krank, dass keiner wusste, ob sie sich noch einmal erholen würde. Ende Mai traute ich mich die Frage zu stellen, ob sie immer noch davon träumt ans Meer zu fahren. Zögerlich und fast ungläubig hat sie bejaht. Ganz am äußersten Zipfel Frankreichs in der Bretagne habe ich kurz vor dem Sommer noch ein Haus direkt am Meer gefunden und gemietet. Bis zum letzten Tag vor der Abreise habe ich damit gerechnet, alles absagen zu müssen.

Inzwischen sind wir seit 6 Wochen wieder zurück. Sind im Auto 1200 km hin und wieder zurück gefahren. Der große Traum meiner Mutter ist in Erfüllung gegangen. Und ich habe erlebt, welche Kräfte dabei frei werden. Meine Mutter sieht schlecht, hört nur mit Hörgeräten gut, hat seit 50 Jahren Diabetes und läuft inzwischen sehr unsicher. Trotzdem haben wir fast jeden Tag kleine Ausflüge unternommen. Sind auf holprigen Wegen am Meer entlang gelaufen. Haben jeden Tag beobachtet, wie das Wasser bei Flut kommt und dann wieder geht. Und abends gestaunt, dass jeder Sonnenuntergang, jede Färbung am Himmel anders ist. Wir haben den Möwen zugesehen, wie sie mit den Wellen tanzen. Und den großen Schiffen, die in weiter Ferne wahrscheinlich nach England gefahren sind. Meine Mutter hat gut geschlafen in fremden Betten und ist nicht krank geworden. Und ich habe gestaunt: Dass sie manchmal mehr wahr nimmt als ich, obwohl sie schlecht sieht. Weil sie sagen kann, wie überwältigt sie ist vom Reichtum der Natur. Weil sie mit 85 Jahren noch immer neugierig ist und verstehen will, zum Beispiel wie es sein kann, dass das Wasser bei Ebbe zurückgeht obwohl es doch immer in die gleiche Richtung fließt. Quicklebendig und glücklich war sie.

Nicht alle Träume gehen in Erfüllung. Dass sich der meiner Mutter erfüllt hat, war ein großes Geschenk. Für meine Eltern und für mich.

Die wichtigste Erfahrung dieses Sommers ist:

Es ist gut Träume zu haben. Sie halten lebendig.

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Es gibt Konflikte, die kann man nicht lösen. Wie bitter das sein kann, habe ich kürzlich mit einer Freundin erlebt. Ihr Partner hatte sich von ihr getrennt. Sie wollte, dass ich über diese Trennung denke wie sie selbst. Das konnte ich nicht. Briefe gingen hin und her. Am Ende waren wir beide enttäuscht und wütend. Wir haben alles versucht und uns nicht verstanden. Wir sprechen beide Deutsch und doch hat es sich so angefühlt, als würde die eine Chinesisch und die andere Russisch sprechen. Ich habe mich schuldig gefühlt. Habe ich wirklich alles versucht? Habe ich mich genügend in ihre Situation eingefühlt? Soll ich doch nochmal das Gespräch suchen?

Mit all den Selbstzweifeln habe ich einer Seelsorgerin von diesem ungelösten Konflikt erzählt. „Wie wäre es, wenn Sie sich für einen Augenblick sich selbst zuwenden?“, hat sie als erstes vorgeschlagen.

„Schauen Sie sich an. Sie sind eine gewissenhafte Frau. Sie haben ihren eigenen Worten nach alles versucht. Sie wissen, dass Sie mit Bedacht die Worte gewählt haben und dass Sie gut ausdrücken können, was in Ihnen vorgeht. Sie haben ihrer Freundin viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. Also: Wenn es Ihnen möglich ist, haben Sie jetzt Mitgefühl mit sich selbst. Mit der Frau, die an sich selbst zweifelt. Die traurig ist, weil sie sich nicht verständlich machen kann.“

Ein ungewöhnlicher Perspektivwechsel. Da standen nicht mehr die Schuldgefühle über mein Unvermögen im Mittelpunkt sondern Mitgefühl mit mir. Ich bin es nicht gewohnt, Mitgefühl mit mir selbst zu haben. Deshalb war mir das zunächst fremd. Ich habe aber gleichzeitig erlebt, was sich in mir verändert.

Es hat mir gut getan, mit mir zu fühlen. Wahrzunehmen und anzuerkennen, wie sehr ich mich angestrengt habe.

Und dann, allmählich ... hat sich auch meine Wut auf meine Konfliktpartnerin aufgelöst. Ich konnte sie sein lassen wie sie ist – ganz anders als ich selbst. Ich war traurig darüber, wieder einmal zu erleben, dass es das gibt. Ich kann nicht jeden Konflikt lösen. Ich kann mich eben nicht immer verständlich machen und werde auch nicht immer verstanden. Aber so ist es wohl.

Im Loslassen ist es friedlich geworden in mir. Ich erinnere mich gerne an meine Freundin obwohl ich keinen Kontakt mehr zu ihr habe.

Das Leben hat mir eine wertvolle Lektion darin erteilt, wie wichtig es ist, mich selbst ebenso zu lieben wie meinen Nächsten.

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