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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eine Frau hat mich tief beeindruckt. Als ihre Freundin schwer an Krebs erkrankt ist und aufs Sterben zuging, hat sie das als Ruf verstanden. Sie hat von einem Tag auf den anderen gewusst, dass sie jetzt bei ihr sein muss. Sie hat alle Hindernisse aus dem Weg geräumt oder vergessen: Dass 500 km sie trennen. Dass sie selbständig eine kleine Firma führt und damit ihr Geld verdienen muss. Dass sie ihren Freundeskreis und so viel Vertrautes zurück lässt. Das hat sie aber alles nicht daran gehindert, den Schritt zu tun. Ich habe mich oft gefragt, weshalb sie das kann, wie sie das schafft, was die Voraussetzung dafür ist. Ich habe mich das nicht zuletzt deshalb gefragt, weil sie und ihre Freundin und ich derselbe Jahrgang sind, und ich von mir wissen wollte, ob ich das auch könnte. Für einen anderen mein Leben so grundsätzlich zu ändern. Aus den gewohnten Bahnen aussteigen. So viel Neues, so viel anders auf einmal?

Die Frau ist nach dem Tod der Freundin nicht wieder an ihren früheren Wohnort zurückgekehrt. Sie hat ihre Firma verkauft und hat das Geschäft ihrer Freundin übernommen: einen Bauernhof, wo sie von den Gästen lebt, die dort ihre Ferien verbringen. Das bringt neue Risiken mit sich und sie hat keine Garantie, dass das auf Dauer funktionieren wird. Aber es geht ihr gut dabei. Ich habe sogar den Eindruck, sie ist glücklich. Ich bewundere ihren Mut, und dass sie so gelassen bleibt, dass es ihr gelingt, von einem Jahr ins nächste zu leben.  Sie strahlt große Kraft und Ruhe aus. Obwohl sie keinen Mann und keine Familie bei sich hat, obwohl sie weniger verdient. Offensichtlich braucht sie das gar nicht mehr. Im Gegenteil: Ihr Radius ist insgesamt kleiner geworden. Eben nicht größer, besser, schneller. Mir scheint, das ist der Schlüssel, um diese Frau zu verstehen. Ihren Weg. Ihr Glück. Und es ist eine gute Chance, um mich selbst zu prüfen, ob ich wirklich glücklich bin, so wie ich lebe. Oder ob ich vielleicht auch etwas ändern muss: etwas aufgeben, etwas loslassen.

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Immer wieder werden die Großstädte Europas von terroristischen Anschlägen erschüttert. Unschuldige Menschen werden dabei wahllos und kaltblütig ermordet.  Oft werden die Anschläge mit dem Islam in Verbindung gebracht. Weil die Attentäter aus Ländern stammen, in denen die meisten Menschen Muslime sind. Oder weil sich Organisationen zu den Anschlägen bekennen, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen. Wenn ich mich mit anderen über das unterhalte, was da passiert, spüre ich, was für ein Misstrauen sich gegenüber dem Islam aufgebaut hat. Viele Menschen haben Angst, dass die Muslime das christliche Europa unterwerfen wollen. Ich verstehe das. Und ich will bestimmt das nicht verlieren, was das Leben bei uns so gut macht: dass Frauen gleiche Rechte haben und respektiert werden; dass ich meine Meinung sagen und meinen Glauben leben darf. Aber: Ich habe keine Angst. Ich leugne nicht die Gefahren, die es gibt. Aber ich halte ihnen die guten Erfahrungen entgegen, die ich mit Muslimen bei uns gemacht habe. Ich will mir nicht kaputt machen lassen, dass das Zusammenleben mit ihnen schön ist, ja, dass ich auch als Christ etwas von Menschen lernen kann, die an Allah glauben.

Das Wesen des Islam ist nicht Gewalt. Denn bereits das Wort selbst - Islam - weist in eine völlig andere Richtung. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das Wort Islam ungefähr so viel wie:  sich Gott unterwerfen, sein Leben Gott schenken. Nur wer so eingestellt ist, darf sich Muslim nennen. Wer also nicht zuerst an die eigenen Interessen denkt, wer bereit ist, alles aus der Hand zu geben, was ihm Macht und Ansehen verleiht. In der arabischen Wortwurzel von Islam steckt zudem ein anderes Wort, das wir besser kennen. Nämlich: Salam, im Hebräischen Schalom, was im Deutschen in etwa Friede bedeutet. Ich fasse das so zusammen: Wer zum Islam gehört, lebt sein Leben für Gott, indem er dem Frieden dient. Wer das nicht tut, kann sich schwerlich auf dem Islam berufen. Und auch nicht auf die Heilige Schrift des Islam, den Koran. Wie dieser anfängt, ist programmatisch. Es ist gut, den Anfang des Korans zu kennen, besonders dann, wenn man über den Islam in der Öffentlichkeit spricht:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Alles Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten,

dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,

dem Herrscher am Tag des Gerichts.

Dir allein dienen wir, und zu dir allein flehen wir um Hilfe.

Leite uns den geraden Weg,

den Weg derjenigen, denen du Gunst erwiesen hast,

nicht derjenigen, die deinen Zorn erregt haben,

und nicht der Irregehenden!

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Heute vor acht Jahren ist mein Vater gestorben. Sein Tod beschäftigt mich immer noch. Nicht mehr so wie damals. Aber abgeschlossen ist das Thema nicht. Vermutlich wird es das niemals sein. Im nachhinein kommt es mir so vor, als ob der Tod des Vaters mich ziemlich unvorbereitet getroffen hat. Obwohl ich als Pfarrer fast ständig mit dem Tod zu tun hatte. Aber der Tod des Vaters ist etwas anderes. Es ist, als ob ein Teil von einem selbst dabei stirbt. Das hatte mir so ausdrücklich niemand zuvor gesagt. Es war kein Thema in der Schule und beim Theologiestudium auch nicht. Oh ja, ich hatte einiges darüber gelesen, wie eng das Verhältnis von Eltern und Kind ist. Dass es unabhängig davon ist, ob man sich gut miteinander versteht oder ob das Verhältnis zerrüttet ist. Der Vater ist der Vater und als Sohn bleibt man immer Sohn, das ganzeLeben lang. Man kann den Vater nicht abschütteln. Er ist ein Teil vom eigenen Selbst. Bleibt es auch nach dem Tod. Nur anders. Und dieses „anders“ musste ich erst aushalten, um es Stück für Stück zu verstehen.
Heute weiß ich mehrdarüber. In der ersten Zeit nach dem Tod meines Vaters hat mich das viel Kraft gekostet. Unerwartet viel. Ich konnte gut darüber sprechen, aber es hat gedauert, bis ich Menschen gefunden hatte, deren Zuhören mir geholfen hat. Ich musste dabei auch viel Geduld mit mir selbst haben. Weil das Ereignis sich nicht abhaken ließ wie eine der Aufgaben, die ich sonst zu bewältigen hatte. Dass ich gelernt habe, mir dabei Zeit zu lassen, ist für mich bis heute besonders wichtig. Ich bin immer noch nicht fertig mit dem Tod meines Vaters. Aber ich kann jetzt mit dem toten Vater in mir gut weiter leben.
Heute, acht Jahre später, möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Wenn ich mit Sterbenden zu tun habe, wenn ich Trauernde begleite, hilft es mir, sie besser zu verstehe. Und ihnen Wege zu zeigen, wie sie den Tod und die Trauer gestaltenkönnen. Ich sage Ihnen: Lassen Sie sich Zeit. Berühren Sie den Toten. Halten Sie Ihre Kinder oder Enkel nicht fern. Überfordern Sie sich nicht, sondern lassen Sie sich helfen. Kalkulieren Sie mindestens ein Jahr ein, um zu trauern und Abschied zu nehmen. Sprechen Sie mit anderen darüber. Halten Sie sich an den Bildern fest, die sie haben: vom Leben nach dem Tod, vom Himmel, vom Paradies. Und wenn sie können: Beten sie für den Toten.

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Christen sind anders. Zumindest dann, wenn sie das beherzigen, was Jesus gesagt und was er getan hat. Sie sprechen und handeln anders. Anders als die Mehrheit es erwartet, anders oft als das, was bei uns sonst als normal und richtig gilt. Und das irritiert. Oder führt gar zu Widerstand und offener Ablehnung.
Christen müssen beispielsweise jeder Form der Gewalt entschieden absagen. Das steht mir wie ein großes Warnschild vor Augen, wenn ich sehe, was in der Weltpolitik geschieht: Nordkorea und die Vereinigten Staaten übertreffen sich mit Versuchen, sich gegenseitig einzuschüchtern. Die eine Seite testet Raketen, die andere droht mit Vergeltung. Die Angst der Staaten voreinander nimmt zu. Es wird wieder hochgerüstet, im Osten und im Westen. Immer mehr Waffen werden produziert und verkauft, nicht zuletzt aus Deutschland.
Jesus hat auf den Boden gemalt, als die Schriftgelehrten die Ehebrecherin steinigen wollten. Mit einem Satz hat er sie entwaffnet: Wer keine Schuld hat, der werfe als erster als einer einen Stein auf sie. Er hat in einer programmatischen Rede die als Glückskinder bezeichnet, die keine Gewalt anwenden. Auf die Spitze treibt er seine andere Einstellung, als er empfiehlt: Wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Jesus will damit die Kontrahenten entwaffnen, weil er fest davon überzeugt ist, dass alles andere - über kurz oder lang - in den Untergang führt. Einer muss aufhören mit dem Hin und Her von Gewalt, die immer Gegengewalt provoziert. Einer von beiden darf nicht mehr weiter machen. Jesus sagt: Wer zu ihm gehören will, soll dieser eine sein. Egal, ob er sich im Recht weiß, oder nicht.

Das ist anders, als ich es von meinem Vater gelernt, in der Schule und später meistens erfahren habe. Aber ich erinnere mich auch, dass ich schon als Schüler gespürt habe: Zurückschlagen bringt nichts. Das ist kindisch. Wer wirklich erwachsen sein will, tut so was nicht. Ich kann nicht behaupten, dass mir das immer gelungen ist. Aber nach wie vor kenne ich keine bessere Lösung, um den Teufelskreis zu durchbrechen, den jede Form der Gewalt provoziert. Einer muss aufhören. Einer muss aussteigen. Einer muss sich anders verhalten, als es erwartet wird. Jesus hat es vorgemacht. Wer Christ sein will, muss sich daran messen.

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Die Bibel sagt: Der Mensch ist Gottes Abbild. Ihm ähnlich. Gemeint ist damit, dass jeder Mensch etwas von Gott in sich trägt. Und es formuliert einen Grundsatz: Der Mensch ist kostbar. Er verdient besonderen Schutz. Jeder Mensch ist unendlich wertvoll, egal wie alt, gesund oder leistungsfähig er ist. Ohne Unterschied!

Als Pfarrer hatte ich immer wieder mit Paaren zu tun, die sich sehr ein Kind wünschen und keines bekommen. Manche haben im Laufe von Jahren eine wahre Odyssee durchgemacht. Immer wieder haben sie es probiert, haben medizinische Hilfe in Anspruch genommen. Manche hat das an die Grenzen ihrer Partnerschaft gebracht, weil es sie zermürbt hat: so sehr zu wollen und dabei das Gefühl haben zu versagen.

An ein Paar erinnere ich mich besonders gut. Beide waren nicht mehr jung. Im Lauf der Schwangerschaft haben die Ärzte fest gestellt, dass ihr Kind einen Herzfehler hat. Ursache: ein genetischer Defekt. Erst waren die beiden so froh - und dann das. Sie waren oft bei mir und haben mir berichtet, wie heftig sie diskutieren und wie schwer es ihnen fällt, die richtige Entscheidung zu treffen: Sollen Sie es behalten, das kranke Kind? Was ich eingangs über den Menschen gesagt habe, hat dabei durchaus eine Rolle gespielt. Aber da gab’s natürlich noch andere Argumente: Ein Leben lang da zu sein für ein behindertes Kind. Das eigene Leben und die Pläne völlig darauf einzustellen. Das Gefühl, schuldig zu sein, egal welche Entscheidung sie treffen - Schuld am Genfehler, Schuld am Tod bei einer Abtreibung. Das Kind ist schließlich auf die Welt gekommen. Die Eltern waren glücklich und haben gleichzeitig oft geweint. Ich durfte den Buben taufen im Sonntagsgottesdienst der Gemeinde. Alle haben gesehen, dass er eine Behinderung hat. Und sie haben seine Eltern gesehen, ihn auf den Armen. Das war unglaublich eindrucksvoll: Zu erkennen, dass so ein behindertes Leben glücklich machen kann. Ich verstehe aber auch, dass Eltern davor Angst haben und dass sie das Risiko nicht auf sich nehmen wollen.

Wir sind es gewöhnt zu bestimmen, was wir kriegen. In Zukunft wird es möglich sein, noch viel mehr zu definieren: Größe, Haarfarbe, Geschlecht. Es ist seit kurzem möglich, das Erbgut von Embryonen zu verändern, Fehler buchstäblich herauszuschneiden. Noch ist es nicht erlaubt. Was passiert, wenn - das möchte ich mir gar nicht ausmalen.

Das Paar damals hat sich anders entschieden. Mich und viele andere hat das tief beeindruckt. Weil es den Menschen so sein lässt, wie er ist: verletzlich ... und nicht perfekt.

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Heute ist in Baden-Württemberg der erste Schultag nach den Sommerferien. 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche sind wieder unterwegs, um das zu lernen, was sie fürs Leben brauchen. Ich wünsche sehr, dass es ihnen gut dabei geht. Und: Dass neben den wichtigen Themen und Fertigkeiten auch das zur Sprache kommt, was sich in ihnen abspielt. Schüler müssen nicht zuletzt lernen, sich selbst zu verstehen: Warum sie gerade so sind, wie sie sind. Wie sie mit ihren Begabungen und ihren Schwächen zurecht kommen. Wie sie gut durchs Leben kommen neben und mit den vielen anderen um sie herum.

Cornelia Funke ist Kinder- und Jugendbuchautorin. International berühmt. Viele Schüler haben ihre Bücher gelesen. Als Autorin, die vor allem für junge Menschen schreibt, greift sie auf ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit zurück und fragt sich: Habe ich etwas daraus gelernt? Verstehe ich im nachhinein besser, was damals schwierig war?

Ein Gedanke von ihr trifft bei mir ins Schwarze. Was sie da beschreibt, hat mich fast mein ganzes Leben lang beschäftigt: dass Ängste mich packen, ich mich ihnen aber nicht völlig hingeben darf.

Cornelia Funkesagt dazu wörtlich: „Ich hätte mit 16 gern gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist, und dass man sie nicht füttern darf, indem man ihr nachgibt. Ich hätte gern gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.“

Funke sagt also, dass es eines der großen Menschheitsthemen ist: dass wir Angst haben. Sie ermutigt uns dazu, offen damit umzugehen, unsere Ängste kennenzulernen. Und zwar sobald als möglich. Nicht erst als Erwachsener, nicht erst, wenn es fast zu spät ist. Sondern bereits als junger Mensch. Wer sich seinen Ängsten überlässt, ihnen nichts entgegen zu setzen weiß, den werden sie in die Enge treiben und schließlich die Lust am Leben rauben. Aber gerade junge Leute haben die Möglichkeit, dem etwas entgegen zu setzen: Sie sind neugierig, sie wollen Neues erfahren, die Welt erobern. Sie haben noch nicht so großen Respekt vor Gefahren. Sie sind bereit etwas zu wagen, auch wenn nicht alle Risiken geklärt oder gar aus dem Weg geräumt sind. Nicht leichtsinnig und blind, aber doch mit dem Mut, der Angst ins Auge zu blicken. Auch das gehört für mich zur Schule, zu dem, was die Kinder in den nächsten Wochen und Monaten hoffentlich lernen.

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