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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal reicht es einfach. Dann hat man genug. Genug von dem, was verkehrt läuft. Dann hat man einfach die Nase voll. So kann es nicht weiter gehen!

Ältere Menschen fangen an zu schimpfen, hauen mit der Faust auf den Tisch, manche gehen demonstrieren. Und jüngere schlagen manchmal sogar um sich vor lauter Wut. Im Fernsehen sieht man dann fliegende Steine und brennende Autos. Leider hilft das oft nicht viel und fliegende Steine sind  bestimmt der falsche Weg, wenn man etwas ändern will. Aber immerhin: viele werden aufmerksam und erkennen, wie ernst es den Demonstranten ist.

Sogar Jesus hat mal vor Wut um sich geschlagen. Er hat den Tempel besucht, das berühmte Gotteshaus in Jerusalem. Und dort lärmende Touristen gefunden, Händler und Geldwechsler. Die brauchte man ja für die Besucher aus aller Welt. Aber von Andacht war in dem Gotteshaus natürlich keine Rede mehr. Und genau das hat Jesus geärgert. Er nimmt einen Strick, macht eine Peitsche daraus und verjagt die Geschäftemacher. „Gottes Haus soll ein Bethaus sein“, ruft er, „ihr habt aber eine Räuberhöhle daraus gemacht“ (Mt 21, 13).

Menschen sind nicht zu Schaden gekommen bei diesem Ausraster von Jesus. Er war ja kein Terrorist, der den Menschen Angst machen und sie verunsichern wollte. Aber immerhin: Sein Wüten gegen die Geschäftemacher hat die Menschen so beeindruckt, dass die Geschichte bis heute erzählt wird.

Und ich überlege mir: Wie ist das denn heute? Hätte Jesus immer noch Grund, so auszurasten? In den meisten Kirchen gibt es höchsten einen Verkauf für Postkarten und Kunstführer. Die fallen kaum auf. Und eigentlich überall gibt es Gebetsnischen und Kerzenständer. In einer Kirche kann jeder beten, der das möchte.

Andererseits fällt mir ein Gedicht des Schweizer Pfarrers Kurt Marti ein: „Trefflich sorgt / hierorts die Kirche / für einige Nebenbedürfnisse des Mittelstands. / Gefragt sind / ein Hauch heiler Welt mit Dias und Filmen bei Kuchen und Tee. / Ist dafür / einer / einst aufgehängt / worden?“

Da kann man auch eine Menge Ärger heraushören. Also keine Kaffeenachmittage mehr, keine Gemeindefeste und keine Ausflüge?  Jedenfalls nicht nur, meine ich.

Und dann ist mir noch eingefallen: Heute sagen wir, nicht nur wir Christen, Gott wohnt nicht nur im Tempel und in Kirchen oder  Synagogen, sondern in jedem Menschen. Und der Gedanke erschreckt mich jetzt ein bisschen. Ich schaue in den Spiegel, sehe mich und höre „Kaufhaus! Räuberhöhle“. Und ich überlege mir: Was muss raus aus meinem Leben? Raus aus meinem Herzen? Und was gehört rein?

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Ungarn ist auf dem Weg von einer Demokratie zur Diktatur, schreiben die Zeitungen. Menschen- und Minderheitenrechte werden nicht geachtet und die Gewaltenteilung auch nicht. So ähnlich geht es zur Zeit in Polen und in der Türkei und auch in den USA.

Nun ja, sagen Sie jetzt vielleicht, das mag sein und es ist bedauerlich. Aber was können wir da tun und vor allem: Das ist ein politisches Thema, das ist kein Thema für die Kirche.

Nun habe ich vor ein paar Tagen einen evangelischen Bischof aus Ungarn gehört. Tamas Fabiny heißt er und ist das Oberhaupt der 210.000 evangelischen Christen in Ungarn. Der ist ganz anderer Meinung und hat gesagt: Das geht uns Christen sehr wohl etwas an. Gerade uns Christen.

In einer Rede hat er uns hier in Deutschland an Dietrich Bonhoeffer erinnert. Der hat ja Ähnliches erlebt. In Deutschland hatten 1933 die Menschen Hitler und seine Nazis gewählt – in einer demokratischen Wahl. Und dann hat sich Deutschland Schritt für Schritt in eine Diktatur verwandelt und Hitler hat den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Schon 1940, als der Krieg gerade begonnen hatte, hat Bonhoeffer geschrieben: Das hätte nie passieren dürfen. Wir Deutschen, gerade auch wir Christen hätten dem deutlich und mutig entgegen treten müssen. Der ungarische Bischof hat aus Bonhoeffers Schuldbekenntnis zitiert und mich damit sehr betroffen gemacht. Bonhoeffer hat geschrieben: „Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus … offenbart hat … nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben. Sie bekennt ihre Furchtsamkeit, ihr Abweichen, ihre gefährlichen Zugeständnisse. Sie hat ihr Wächteramt und ihr Trostamt oftmals verleugnet. Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die … Barmherzigkeit verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie.“[1]

Mich hat diese Erinnerung eines ungarischen Christen sehr angerührt. Und seither denke ich: Mache ich es mir nicht zu bequem, wenn ich mir sage: Das sind politische Fragen, die Christen und die Kirche sollen sich lieber um persönliche Glaubensfragen kümmern. Müssten wir nicht gerade auch hier in Deutschland viel deutlicher zu solchen Fragen reden und damit die Christen zum Beispiel in Ungarn unterstützen und ermutigen? Hier in Deutschland können wir das gefahrlos tun. Für den ungarischen Bischof Fabiny ist das womöglich schon bald anders.

Viele sagen, die Kirchen und die Christen sollen sich aus solchen Fragen heraus halten. Ich wüsste gerne, wie Sie das sehen.


 

[1] Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 19498, S. 120.

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Gräfenhainichen ist ein Nest in Sachsen-Anhalt. Im Urlaub bin ich in der Nähe gewesen, da habe ich einen Abstecher dorthin gemacht. Denn: Der kleine Ort hat einen weltberühmten Sohn. Paul Gerhardt, der Liederdichter ist 1607 dort geboren. „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit…“ hat er zum Beispiel gedichtet und das Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu Du mein Leben…“ Viele seiner Lieder stehen noch heute in den Gesangbüchern, in den evangelischen genauso wie in den katholischen.

Ich finde: Paul Gerhardts Lieder öffnen einem das Herz. Sie sind wie Gebete. Bis heute helfen sie Worte zu finden für das, wofür man selber keine findet. Es sind Lieder, die von Kummer und Sorgen sprechen, wie sie jeder kennt, von der Hoffnung auf Gott, die Paul Gerhard beflügelt hat und von der Lebensfreude, die man suchen muss, aber auch finden kann.

Ich bin also nach Gräfenhainichen gefahren. Ich wollte sehen, was man dort von dem berühmten Dichter in Erfahrung bringen kann. Ich habe das Paul-Gerhardt-Haus gefunden mit einem Denkmal, beides hat man zu seinem 300. Geburtstag errichtet.

In der Marienkirche in Gräfenhainichen steht der Taufstein. Dort ist Paul Gerhard getauft worden. Dort habe ich gelernt, dass er nicht bloß schöne Worte finden konnte, sondern auch ganz praktisch mitten im Leben gestanden hat. In der Gräfenhainicher Kirche liegt nämlich neben allerlei Broschüren auch ein Abdruck seines Vermächtnisses. Kurz vor seinem Tod hat er es für den einzigen Sohn aufgeschrieben, der ihn überlebt hat. Zwei Punkte darin haben mich besonders berührt: Er schreibt: „1. tue nichts Böses in der Hoffnung, es werde heimlich bleiben, denn es wird nichts so klein gesponnen, es kommt an die Sonnen. Ja, habe ich gedacht, wie wahr! Wie viel Zeit und Gedanken muss man aufwenden, um Dinge geheim zu halten, die niemand wissen soll. Wieviel Kraft kostet es, zu vertuschen und schön zu reden, was man getan hat. Die Kraft könnte man doch so sehr für anderes brauchen.

Noch mehr berührt hat mich der zweite Rat von Paul Gerhard an seinen Sohn:

2. … erzürne dich nicht. Merkst du denn, dass der Zorn dich erhitzt, so schweige stockstill und rede nicht eher ein Wort, bis du … die zehn Gebote und das Glaubensbekenntnis gebetet hast.“[1]

Mal ehrlich: Hätten Sie einem frommen Dichter so viel praktische Weisheit zugetraut? Ich finde: Dieser Abstecher nach Gräfenhainichen hat sich gelohnt.


 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24923

Ich habe zum Frühstück meine Zeitung gelesen und die Todesanzeigen gesehen und ich habe denken müssen: Der Tod macht keine Pause. Auch nicht in den Ferien. Da gibt es erst einmal nichts zu beschönigen und nichts schön zu reden. Er macht die Zurückbleibenden einsam. Einsam und traurig. Die Dichterin Mascha Kalecko hat Recht, wenn sie schreibt: „Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“ (s. EG für Württemberg, S. 973)

Vielleicht können wir Christen einander dabei helfen, das auszuhalten. Wenn wir nicht Angst haben vor den Trauernden. Nicht fürchten, in ihre Trauer mit hinein gezogen zu werden. Sondern tapfer und beherzt den Kontakt suchen, oder jedenfalls anbieten. Ein alter Herr, dessen Frau gestorben war, hat mir mal gesagt: Das schönste war, wenn die Nachbarn gekommen sind und erzählt haben. Einfach erzählt, aus ihrem Leben. Von den Kindern. Von ihrem Alltag. Ruhig auch von ihrem Ärger. Und natürlich von dem, was sie fröhlich gemacht hat. Damit haben sie mir ein Stück Leben ins Haus gebracht. Ich wollte gar nicht, dass sie mich bedauern und mir dauernd ihr Mitgefühl ausdrücken. Ich wollte auch nicht, dass sie mich immerzu fragen, wie es mir geht. Einfach ein bisschen Leben mitbringen. Das war schön. Das hat mir geholfen.“

Und, ja, wir Christen können einander auch bezeugen, was Jesus seinen Zuhörern gesagt hat: „Gott ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten“ (Mt 22, 32). In Gott sind nämlich auch die Toten lebendig. Denn in uns allen ist Gottes Geist. Und der stirbt nicht.

Unsere Toten gehen nicht verloren, weil Gottes Geist in ihnen ist, so, wie er in jedem ist, der glaubt. Der Geist Gottes verbindet uns mit unseren Toten. Und eines Tages werden wir alle wieder beieinander sein: vereint in Gott und bei Gott.

Darauf hoffe ich, davon bin ich überzeugt. Und ich kann es eigentlich nicht besser sagen, als ich es mal im SWR Jugendradio „DasDing“ gehört habe. Da hat eine junge Frau vom Tod ihrer Uroma erzählt und wie traurig sie war. Und dann, hat sie gesagt: Ich verlasse mich auf das, was meine Uroma geglaubt hat: Die Toten „gehören zu Gott. Wenn sie leben und auch dann noch, wenn sie sterben. Und das heißt auch: Ich sehe sie irgendwann wieder. Darauf freue ich mich. Dann ist der Tod vielleicht so ähnlich, als ob man innerhalb von einem Haus umzieht. Von einem Zimmer in ein anderes. Das eine Zimmer ist das Leben, das andere Zimmer der Tod. Das Haus ist Gott. Und der bleibt derselbe.“

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24922

Am 5. September 1972, heute vor 45 Jahren ereignete sich bei den Olympischen Spielen in München ein Terroranschlag. 17 Menschen sind ums Leben gekommen. Heute vor 40 Jahren wurde von den Terroristen der RAF Hans-Martin Schleyer entführt und kurz darauf getötet. Immer wieder davor und danach hat es Terroranschläge gegeben. Barcelona, Turku, London, Madrid, Nizza, Paris, Berlin, und das sind nur die Orte in Europa. Vielmehr Anschläge gab es in Bagdad und Mossul, in Afghanistan und Somalia. Terroristen wollen den Menschen Angst machen und sich selber dabei als furchtlose Helden fühlen.

Schon Jesus hat von Pilgern erzählt, die im Tempel in Jerusalem ermordet wurden – zur Abschreckung und um den Menschen Angst zu machen. Genau das ist Terror.

73% der Deutschen, habe ich in der Zeitung gelesen, haben Angst vor Terror und fühlen sich nicht mehr sicher. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden in Europa größer als die, Opfer bei einem Terroranschlag zu werden.

Es ist schlimm, wenn Menschen sterben, weil andere mit ihrer Gewalt, mit Messern, mit Maschinengewehren und Bomben Angst und Schrecken verbreiten. Aber ich glaube: Dass sie beachtet werden, dass Menschen Angst haben und sich bedroht fühlen – das ist genau das, was die meisten Terroristen erreichen wollen. Der Erfolg eines Terroristen misst sich für ihn an der Beachtung, die er findet: zuerst in den Medien, dann in den Köpfen von uns Menschen. Der Terrorismus wird zu einer Art Dämon aufgebaut In der Berichterstattung und auch in unserem Denken geht es um die Täter, nicht um die Opfer. Ein lebensuntüchtiger Kleinkrimineller kommt zu historischer Bedeutung, weil er einen LKW stiehlt und in eine Menschenmenge rast. Politiker reden vom „Krieg gegen den Terrorismus“ – und der drogensüchtige Taschendieb ist auf einmal der Kriegsgegner einer ganzen Nation! Was für ein Aufstieg!

Natürlich sollen und müssen die Behörden tun, was möglich ist, um Menschenleben zu schützen. Aber manchmal scheint mir: Wenn wir alle dem Terror weniger Beachtung schenken und uns weniger vor den Terroristen fürchten würden, vielleicht hätten dann die Attentate für die Terroristen gar keinen Sinn mehr.

Ich meine deshalb: Es wäre gut der Bedrohung ohne Angstmacherei und ohne Angst entgegen zu treten. Dann fällt diese Art der Gewalt in sich zusammen. Gott lässt seinen Menschen immer wieder ausrichten: „Fürchtet euch nicht!“. Ich glaube wir sollten das versuchen. Vielleicht wird dann auch die Bedrohung kleiner.

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„Wenn ich alt werde, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich!“ Der Spruch stand auf einem kleinen Täfelchen, wie man sie sich irgendwo in der Wohnung aufhängen kann. Ich hab ihn beim Schaufenstergucken gefunden, in so einem Laden für allerlei Krimskrams. Im Urlaub hatte ich Zeit dafür.

Hinterher beim Eisessen ist mir der Satz gar nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Wenn ich alt werde, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich.“ Ich habe die Leute angeschaut, die an dem Straßencafe vorbei gegangen sind, die jungen und die alten. Wie sehen die aus? Glücklich?

Und mir ist aufgefallen. Immer wenn ich dachte: Die sieht aber glücklich aus oder der – dann fand ich eigentlich auch immer: die sehen aber gut aus. Sympathisch. Auch wenn der Mann vielleicht einen Bauch hatte und wenig Haare oder die Frau einen runden Rücken und knotige Finger. Nicht alle, aber viele sahen glücklich aus – und sahen gut aus.

Ja, habe ich da gedacht: Das möchte ich auch. Glücklich aussehen. Aber was kann man dafür tun? Fürs jung Aussehen kann man eine Menge tun. Man kann mit dem Essen aufpassen, die Haare färben, nicht zu viel trinken, nicht rauchen, Gymnastik machen, Spazieren gehen, Schwimmen… Aber fürs glücklich aussehen? Kann man dafür auch etwas tun?

Und als ich da so entspannt bei meinem Eis saß, ist mir ein altes Kirchenlied eingefallen. „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“ Freude muss man suchen! Gewiss, manchmal fällt es einem in den Schoß, das Glück und die Freude. In einem Eiscafe im Urlaub zum Beispiel oder beim Schaufenstergucken oder am Strand oder beim Wandern. Da bleibt man auf einmal stehen und entdeckt etwas: ein Ausblick, ein Garten voller Dahlien in allen Farben – oder so ein Spruchtäfelchen im Schaufenster. Und die Freude breitet sich im Herzen aus und im Kopf und das Glück auch.

Manchmal im Alltag muss man aber auch erst danach suchen: Sie besinnen. Sich erinnern. Sich umschauen. Dahin schauen, wo etwas Erfreuliches zu sehen ist. Die Kinder. Die Enkel. Der nette Nachbar, der die Blumen gießt und noch einen lockeren Spruch dazu hat. Wenn die eigene Mannschaft ein entscheidendes Tor geschossen hat. Lauter Gottesgaben, die glücklich machen können. Und schon sieht man wahrscheinlich glücklich aus.

Ich habe mir jetzt vorgenommen, auch nach dem Urlaub mehr auszugehen und Freude zu suchen, denn ich möchte gern glücklich aussehen. Und vielleicht kaufe ich mir das Täfelchen noch zur Erinnerung: „Wenn ich alt werde, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich.“

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