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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Es ist schon ganz schön cool, wenn du in ein Flugzeug steigst und der Passagier neben dir keine Ahnung hat, wer du eigentlich bist.“ Das hat Bastian Schweinsteiger gesagt. Und damit wollte er wohl beschreiben, wie angenehm es für ihn ist, nicht mehr überall erkannt zu werden. Weil er, der in Deutschland und Europa sehr bekannte Fußballer, nun in Amerika kickt, wo ihn eben nicht alle Leute kennen. Ich bin nicht nur deswegen an dieser Zeitungsnotiz hängen geblieben, sondern,
weil ich diesen Satz überhaupt für ziemlich schillernd halte. Zum einen, weil ich mich frage, ob sich Bastian Schweinsteiger bewusst darüber war, wie doppeldeutig dieser Satz ist. Wenn er seine Prominenz mit seiner Identität gleich setzt. Wenn er also über seine Berühmtheit spricht und sie als das bezeichnet, was er eigentlich ist. Zum anderen bin ich an diesem einen Satzteil hängen geblieben „wer du eigentlich bist…“
Wer ist Bastian Schweinsteiger? Eigentlich? Wer ist er wirklich? Fußballer, Promi, Ehemann, Freund, Kollege? Und diese Frage hat meine Gedanken zu mir selbst gelenkt.
Wer bin ich denn? Und wer bin ich eigentlich, tief in meinem Innersten? Was macht mich aus als Person, als Mensch? Meine Rolle als Ehemann, Vater, Großvater, als Kollege? Als öffentliche Person und als private? Wer bin ich für die anderen und wer bin ich für mich selbst? Decken sich meine verschiedenen Rollen, Aufgaben und Beziehungen mit dem, was ich bin, was ich denke und was ich fühle? Ich glaube dass ich mich eigentlich ganz gut kenne. Eigentlich. 

Und da haben wir es wieder, das feine kleine Wörtchen von Bastian Schweinsteiger. Denn so gut wie ich mich äußerlich und innerlich auch kennen mag, wer ich eigentlich bin, in meinem Innersten, tief in meiner Seele, das weiß ich nicht. Das kann ich vielleicht in seltenen, ruhigen und kostbaren Momenten erahnen. Eigentlich kennen tut mich nur einer – der liebe Gott.

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„Aushalten, durchhalten, Klappe halten“. Diese Knaller-Wortreihe ist aus dem Mund einer 82jährigen Hörerin. Ausgesprochen in einem Telefonat, das mir mal wieder gezeigt hat, welch unglaublich tapfere Menschen es gibt und wie sehr manchen ihr Glaube dabei hilft, so tapfer zu sein. Es war an einem späten Freitagnachmittag. Das Telefon klingelte, ich griff müde zum Hörer und atmete erst einmal tief durch, als mir klar wurde, dass dies mal wieder ein längeres Gespräch werden würde. Aber es kam ganz anders: Ich musste nicht - wie erwartet - einen Teil meiner restlichen Kraft geben, sondern die alte Dame am anderen Ende der Leitung hat mir Kraft gegeben. Indem sie mir ohne Klagen ihr Schicksal beschrieben hat.                                              Sie hat drei Hirntumore, sieht dadurch schlecht und leidet seit 10 Jahren unter großen Schmerzen. Als sie einmal im Krankenhaus bei der Chefvisite gefragt wurde, wie sie denn das alles aushalten würde, antwortete sie mit eben diesen drei Worten: „Aushalten, durchhalten, Klappe halten.“           Das hat die Ärzte so beeindruckt, dass einer von ihnen am Abend noch einmal zu ihr kam und genauer nachgefragt hat, was denn hinter dieser flapsig-strengen Haltung stecken mag. Und diesem Arzt hat sie dann von ihrem Glauben erzählt. Dass sie schon als Kind habe schlimmste Dinge dadurch aushalten können. Die Bombennächte in Hamburg, wo sie aufgewachsen ist. Die Leichen, die sie danach auf den Straßen sehen musste. Schon als Kind habe sie die Menschen in den Bunkern aufgebaut. 

Und wenn sie jetzt wegen ihrer Krankheit im Liegen essen müsse, dann sei sie dankbar dafür, dass sie überhaupt etwas zu essen hat.Und trotz all ihrer Schmerzen sei sie dankbar für jeden Tag. Das ist schon ganz ungewöhnlich, das beeindruckt und berührt mich sehr.  Und darum werde ich mich auch an ihren letzten Satz unseres Gespräches halten. Der lautete: „Es ist wichtig, immer mit Herzaugen auf die Menschen zu schauen.“ Herzaugen, wie schön! Ich danke dieser tapferen Frau für ihre schönen Worte und ich wünsche ihr und allen Menschen, denen es heute schlecht geht, Kraft, Geduld und Zuversicht.

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Teetrinker kennen sie, diese schönen teuren Tassen aus Porzellan. Meine Großmutter hatte solche und wenn ich sie abgetrocknet hab, dann hab ich das mit ganz besonders großer Vorsicht getan, damit sie mir ja nicht runterfallen. Manchmal passiert das aber und das teure Porzellan geht zu Bruch. Das tut dann weh, weil diese Tassen neben ihrem materiellen Wert oft noch einen ideellen haben. Und die dann in den Abfalleimer werfen, das geht irgendwie nicht. Darum gibt es eine Technik, diese kostbaren Porzellantassen wieder herzustellen. Sie kommt aus Japan und heißt Kintsugi (`Kintsudschi). Dabei werden die Bruchstücke gesammelt, wieder zusammengesetzt und mit einer Mischung aus Klebstoff und Gold wieder ganz gemacht.
Nun könnte man sagen, dass diese restaurierten Trinkruinen doch nie die alte Porzellantasse ersetzen. Ja, das sicher nicht, aber mit dieser Reparatur ist etwas wunderschönes Neues entstanden, fast ein Kunstwerk. Wenn man die Bruchlinien sieht, die sich golden durch die Tasse ziehen. (Die dadurch sogar noch kostbarer wird mit dem Gold und der Mühe der Wiederherstellung. Die alte Porzellantasse und doch eine ganz neue.)                              
Ich finde, das lässt sich auch auf das Leben übertragen. Wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Wenn ein Lebenstraum zerborsten ist oder mein gewohntes Leben auseinandergefallen.

Wenn ich dann nicht aufgebe und versuche die Bruchstücke meines Lebens  wieder zusammen zu setzen, dann kann es wieder ganz werden.

Das geht aber nur mit viel Zeit, Geduld und Liebe. Denn es ist doch mein Leben, und das verdient Zeit, Geduld und Liebe, besonders, wenn es in Scherben liegt. Und wenn ich das selbst nicht schaffe, gibt es Menschen, die mir dabei helfen können. Die wissen wo sie was wie heilen können. Und wenn dann irgendwann einmal die Bruchstücke meines Lebens wieder ein Ganzes ergeben, dann wird das zwar auch nicht mehr mein altes Leben sein. Aber vielleicht ein neues, das anders wieder ganz ist, heil ist. Mit Bruchlinien natürlich, die sichtbar oder manchmal noch spürbar sind, die mein Leben aber reifer und kostbarer machen.

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„Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles“. Puh, wenn diese Lebensweisheit stimmt, dann verpasse ich fast immer alles. Denn wann bin ich schon wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick? Andererseits stimmt der Spruch auch wieder. Denn wenn mein Alltag im ICE Tempo durch die Zeit rauscht, dann rauscht auch das Leben an mir vorbei wie die Landschaft vor dem Zugfenster. Aber wie krieg ich das Tempo raus? Wie kann ich die rasende Zeit verlangsamen? Durch Achtsamkeit zum Beispiel. Achtsamkeit ist eine so alte wie auch wieder ganz moderne Übung. Eine Übung, die hilft den Alltag zu entschleunigen, die hilft im Augenblick zu sein und damit auch mehr bei sich selbst. Und nicht zuletzt ist Achtsamkeit auch die Voraussetzung für alle Formen von Religion und Meditation. Denn wie soll ich in Beziehung zu Gott kommen, wenn ich keine Beziehung zu mir selbst habe? Und in die Beziehung zu mir selbst komme ich, wenn ich übe achtsam zu sein. Achtsam sein, das geht natürlich im Urlaub ganz einfach. Wenn ich neue Dinge entdecke, offen bin, Zeit habe um mich auf Menschen, Kultur und Landschaft einzulassen. Achtsam sein geht aber auch im Alltag, am Morgen vor dem Frühstück zum Beispiel, bei der ersten Tasse Tee oder Kaffee: Innehalten, mal kurz checken wer ich bin, wo ich bin und wie es mir geht. Heute, mitten in der Woche, am Sommeranfang. Nicht nur funktionieren, einen Tick später ins Hamsterrad steigen. Und Achtsamkeit geht auch immer wieder zwischendurch, in Minipausen. Immer mal wieder, wenn es geht, ganz kurz innehalten und mir meiner selbst bewusst werden. Wahrnehmen was ich gerade tue.

Mal kurz, wirklich nur kurz aus einer Tätigkeit aussteigen um dann wieder ganz einsteigen zu können.

Wenn das gelingt – und das gelingt eben wirklich nur durch Übung - dann kann es sein, dass ich meine Umgebung ganz anders wahrnehme, viel bewusster wahrnehme. Und mich von so mancher modernen Tyrannei befreien kann, wie zum Beispiel: immer alles auf einmal zu machen, das sofort und rund um die Uhr. Stattdessen: eins nach dem anderen, alles zu seiner Zeit und immer mal wieder auch gar nichts.

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„Ordnung ist das halbe Leben…“ - vor allem wenn mehrere Menschen an einem Ort wohnen. In einem Mietshaus zum Beispiel. Da kommen verschiedenste Mentalitäten und Bedürfnisse zusammen. Da geht es dann darum, sie so unter einen Hut zu bringen, dass Frieden herrscht im Zusammenleben. Dafür gibt es Hausordnungen, sie regeln die Rechte und Pflichten der Mitbewohner. Zum Beispiel wann wie laut Musik gehört oder gemacht werden darf. Wo Kinder spielen dürfen und nicht zuletzt, wann wer die gemeinsamen Wege sauber hält, Stichwort Kehrwoche. All diese Regelungen sagen natürlich noch nichts über das wirkliche Zusammenleben der Menschen. Darüber wie gut die Nachbarschaft ist. Ob man sich kennt, einander grüßt, mal ein Schwätzchen hält. Ob man nach einander schaut, einander hilft. Wie die Balance zwischen Distanz und Nähe gehalten wird, damit man sich weder allein noch beobachtet fühlt oder gar kontrolliert. In einer Gärtnerei habe ich eine ganz eigene Hausordnung gelesen. Sie scheint für gleichgesinnte Menschen geschrieben worden sein, die nicht nur äußere Regeln befolgen wollen. Wohl geschrieben von und für Menschen, die sich ihrer Fehler und Schwächen bewusst sind. Und gerade mit diesen Fehlern und Schwächen gut, geduldig und freundlich umgehen möchten. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Art von Hausordnung auch gut in Büros, Mietshäusern und Familien passen könnte, in denen es nicht nur sauber, sicher und ordentlich zugehen soll. Darum gebe ich sie gern weiter. Und sie geht so:

 

Hausordnung: Wir in diesem Hause  machen Fehler, sagen Entschuldigung, geben uns zweite Chancen, haben Spaß, vergeben uns, sagen uns stets die Wahrheit, lachen viel, halten unsere Versprechen, sagen bitte und danke. Lassen den Kopf nicht hängen und folgen unseren Träumen“.

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„Das Tor der Barmherzigkeit ist schwer zu öffnen und schwer zu schließen.“ Da ist schon was dran, an diesem Spruch aus China. Dass das Das Tor der Barmherzigkeit so schwer aufgeht. Aber wenn es einmal offen ist auch wieder schwer geht.                                                                             Warum könnte es denn so schwer sein, das Tor zu öffnen, so schwer sein, barmherzig zu sein? Vielleicht, weil ich zu viel um die Ohren hab. Weil ich mich nicht um alles kümmern kann, weil es für Barmherzigkeit ja auch Einrichtungen, Ämter und Fachleute gibt. Weil ich selbst schon genug Probleme hab. Weil ich es vielleicht ungerecht finde, dass immer nur anderen geholfen wird. Oder immer nur ich nachgeben oder den ersten Schritt machen soll.     
Alles ziemlich bekannte und auch nachvollziehbare Gründe, warum das Tor der Barmherzigkeit so schwer zu öffnen ist. Aber wie bekomme ich es denn nun auf? Vor allem und zuallererst: Durch Mitgefühl. Manchmal tut es richtig weh, wenn ich sehe, dass es jemandem schlecht geht. Das liegt unter anderem daran, dass ich weiß wie es sich anfühlt wenn es einem schlecht geht. Wenn man Schmerzen hat, an Leib oder Seele. Wenn man Hilfe braucht, wenn man einen Fehler gemacht hat, wenn man sich schwach oder verzweifelt fühlt. Das verbindet mich mit den Menschen, die genau das in einem Moment erleben müssen in dem es mir vielleicht gut geht. Und wenn ich mich mit jemandem verbunden fühle geht mein Tor der Barmherzigkeit leichter auf.                                                                                                         

Ist das Tor aber einmal offen, dann lässt es sich tatsächlich auch schwer wieder schließen. Weil ich dabei erfahre, wie richtig es sich anfühlt. Barmherzigkeit ist ein zeitloses und urmenschliches Verhalten. Vor allem aber ist es auch schön barmherzig zu sein und es tut gut. Den anderen und mir selbst. Es steckt an. Wer je Barmherzigkeit erfahren hat, tut sich auch leichter, barmherzig zu sein. Mit einem tröstenden Wort, einer helfenden Hand, mit Zeit für jemanden oder einer Spende für Menschen in Not. Zum Beispiel für Ostafrika wo gerade eine riesige Hungersnot droht.    

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