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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ein mündiger Christ: Wie wird man das?
Seit April sind in Deutschland wieder viele evangelische Jugendliche konfirmiert worden. Wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Konfirmation ist schon in der Reformationszeit erfunden worden. Ein wichtiger Gedanke dabei war: junge Leute sollen mündige Christen werden. Sie sollen nicht einfach irgendetwas nachplappern, von dem sie keine Ahnung haben. Sie sollen sich schlau machen über ihren Glauben. Genauso ist es für katholische Jugendliche mit der Firmung.

Die meisten Konfirmandinnen, Konfirmanden sind als kleine Kinder getauft worden. Da konnten sie noch gar nicht mitreden. Bei der Konfirmation werden sie nun selbst gefragt. Sie bestätigen öffentlich vor der Gemeinde, dass sie sich auf den Weg des Glaubens machen wollen.

Vorher besuchen sie ein bis zwei Jahre den Konfirmationsunterricht, lernen die Gemeinde kennen, feiern Gottesdienste mit und lernen so auf unterschiedliche Weise viel über den Glauben. Natürlich spielt die Bibel im Unterricht eine wichtige Rolle: Martin Luther hat sie ja deshalb ins Deutsche übersetzt, damit sie im Gottesdienst vorgelesen werden kann und damit Menschen sie selbst lesen und sich damit beschäftigen können. Die Bibel kennenlernen: das ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum mündigen Christsein.

Meine Eltern erzählen, dass sie in ihrem eigenen Konfirmationsunterricht damals viel aus dem Katechismus auswendig lernen mussten. Das sind Texte aus der Reformationszeit, in denen grundlegende Themen des Glaubens erklärt werden. Also Taufe, Abendmahl, Glaubensbekenntnis usw.

Wir unterrichten heute anders. Das Anliegen ist aber das gleiche geblieben: es ist wichtig, etwas über den Glauben zu lernen. Wir müssen und können nicht alles verstehen. Aber nur wer sich in seinem Glauben einigermaßen auskennt, kann ein mündiger Christ sein.

Seit Jahrhunderten wird bei der Firmung und der Konfirmation jungen Menschen zugesprochen: was auch immer du erlebst, was auch immer dich beschäftigt hat und noch beschäftigen wird – Gott wird dich begleiten auf deinem Weg als mündiger Christ.

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Welches von den 10 Geboten finden Sie am wichtigsten? Finden Sie die 10 Gebote überhaupt wichtig?
Mit diesen Fragen im Gepäck sind meine 13-jährigen Konfirmanden an einem Samstagmorgen in die Fußgängerzone ausgeschwirrt und haben die Menschen befragt. Da wir uns nicht sicher waren, ob alle die 10 Gebote kennen, haben sie vorsichtshalber einen Spickzettel für die Erwachsenen bereit gehalten, damit die nachlesen konnten: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, den Feiertag heiligen, Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht stehlen, usw.“

Es waren nicht viele, die tatsächlich alle Gebote gewusst haben. Aber fast alle haben gesagt: „Ich finde die wichtig.“ Vor allem die, wie Menschen miteinander umgehen sollen – das fanden die meisten wichtig.

Die Jugendlichen selbst hatten drei klare Favoriten.

„Nicht töten“ war für sie auf Platz 1. Dabei hatten sie einen weiten Horizont. Nicht töten – da waren für sie Mord und Totschlag gemeint, aber auch Krieg und die Todesstrafe. Es ist ihnen also nicht nur um das persönliche Leben, sondern auch um Rechtsprechung gegangen, und darum, was ein Staat tut.

„Nicht ehebrechen“ war ihr Platz 2. Ich habe gespannt gewartet, wie sie das begründen. Die Begründung war: „Da macht man was kaputt.“ Vertrauen. Eine Beziehung. Die Familie. Das fanden sie so klar, dass sie es gar nicht diskutieren wollten.

Platz 3 hat mich dann wirklich überrascht: „Vater und Mutter ehren“. Oha. Als ich das später den Eltern beim Elternabend erzählt habe, konnten die ihr Glück kaum fassen. Wobei ich ihnen dann auch erzählt habe, wie das gemeint ist. „Vater und Mutter ehren“ ist nicht nur eine tägliche Herausforderung für pubertierende Jugendliche, sondern auch eine Ansage an Erwachsene. „Ehre deine altgewordenen Eltern,“ könnte das dann heißen. Und auch: wie geht ihr in euer Gesellschaft mit alten Menschen um? Wie sieht es mit dem Personalschlüssel in den Pflegeheimen aus?

Ich finde: Die Gebote aus längst vergangenen Zeiten stellen gute Fragen. Mir für mein eigenes Leben und uns als Gesellschaft. Sie fordern einen heraus. Es lohnt sich, an ihnen hängen zu bleiben, die Fragen ernst zu nehmen und sich hinterfragen zu lassen. Privat und als Gesellschaft.

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Haben Sie heute schon gebetet? Mit einem Stoßseufzer oder einem leisen „Danke“?
Wenn Sie sich eine Anregung für’s Beten wünschen, könnten Sie den Gebetomat nutzen. Den gibt‘s tatsächlich. Ein Künstler hat ihn erfunden: insgesamt 6 Gebetomate stehen an verschiedenen Orten in Deutschland. Sie bleiben dort für einige Wochen oder Monate, dann werden sie woanders aufgebaut. Einer davon steht gerade am Stuttgarter Flughafen. Er sieht von weitem aus wie ein Passbild-Automat. Man setzt sich rein, sucht sich eine Religion aus und wählt ein Gebet. Das bekommt man dann vorgesprochen oder vorgesungen.

Draußen eilen Fluggäste zu ihrem Flieger, andere legen erschöpft die Beine hoch oder suchen ein Café. Drin im Gebetomat ist es wie eine Welt für sich. Abschalten, zur Ruhe kommen, sich neu sortieren. Indem man zuhört und mitbetet. Manche Gäste wollen auch einfach nur hören, wie in einer anderen Religion gebetet wird. Wie klingt das, wenn ein Imam betet oder eine Rabbinerin? Insofern geht es beim Gebetomat auch darum, etwas über andere Religionen zu lernen, wenn man möchte.

Gebet auf Knopfdruck, während man in einer Kabine sitzt: das muss man nicht mögen. Der Gebetomat ist von seinem Erfinder als Anregung gedacht. Natürlich geht Beten auch einfacher und vielfältiger und überall, wo ich gerade bin. Das lerne ich in der Bibel. Dort stehen 150 Psalmen. Das sind Gebete. Ich bin fasziniert, wie unterschiedlich die sind. In einem Gebet klagt jemand, was ihm zu schaffen macht. In einem anderen Gebet sprudelt die Freude aus einem Menschen heraus. Im nächsten Gebet hält jemand Gott ganz empört vor, was gar nicht geht und einfach nur noch ungerecht ist.

So kann man beten. So gerade raus, wie einem zumute ist. Vielleicht mit den altvertrauten Worten, die mir meine Oma beigebracht hat. Oder ohne viel Worte: mit einem Stoßseufzer. Oder indem ich eine Kerze für einen Menschen anzünde.

Und klar: es kann auch ein Gebet aus dem Gebetomat sein. Vermutlich ist es manchmal eine Hilfe, wenn man sich in die Worte eines anderen einklinken kann. Einfach mitsprechen. Wie auch immer ich bete: ich wende mich an Gott. An den Gott, der mich hört. Überall, wo ich bin.

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Woran glaubst du? Das ist eine sehr persönliche Frage. Ich höre sie nicht oft. Und ich frage das auch selten jemand anderen. Obwohl es spannend wäre. In meinem aktuellen Lieblings-Witz ist es die zentrale Frage. Der Witz geht so:

George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump sind gestorben und stehen vor Gott.
Gott fragt Bush: "Woran glaubst Du?" Bush antwortet: "Ich glaube an den freien Handel und ein starkes Amerika." Gott ist beeindruckt und sagt: "Komm, nimm Platz zu meiner Rechten!" Dann wendet er sich an Obama und fragt: "An was glaubst Du?" Obama antwortet:" Ich glaube an soziale Gerechtigkeit und yes, we can!" Gott ist beeindruckt und sagt: "Setz Dich zu meiner Linken!" Dann fragt er Donald Trump: "Was glaubst Du?" Trump antwortet: "Ich glaube, Du sitzt auf meinem Stuhl!"

Woran glaubst du? Woran glaube ich? Es sagt ja einiges über mich aus, was ich da antworte. Meine Antwort käme nicht so schnell wie aus der Pistole geschossen, so wie bei den Präsidenten. Aber dann würde ich wohl sagen:
Ich glaube, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Junge und Alte. Gesunde und Kranke. Das entführte Schulmädchen in Nigeria, der Banker in London. Das glaube ich, weil ich an Gott glaube. Und weil ich glaube, dass für ihn jeder Mensch gleich wichtig ist, gleich wertvoll.

Ich erfahre mehr über ihn in der Bibel. Dort bedeutet glauben übrigens nicht einfach „für wahr halten“, sondern „vertrauen“, mich auf ihn einlassen. Das klingt nach einer Beziehung und es ist auch eine. Eine Beziehung zwischen Gott und mir. Ich vertraue darauf, dass die Beziehung von seiner Seite her ganz stabil ist. Auch wenn ich Gott im Trubel meines Alltags manchmal aus dem Blick verliere. Er verliert mich nicht aus dem Blick. Nie. Er schaut nach mir, genau wie nach allen anderen: liebevoll. Manchmal vielleicht auch sorgenvoll. Daran glaube ich.

Weil Glauben eine Beziehung ist, ist es etwas sehr Persönliches. Vielleicht redet man deswegen nicht so leicht darüber. Aber manchmal wird man gefragt: Dann ist es gut, wenn man eine Antwort hat.Woran glaubst du? Ich finde, es lohnt sich, mir darüber Gedanken zu machen. Dann kann ich auch leichter mit anderen darüber reden. Dann können wir uns gegenseitig fragen: woran glaubst du?

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Verlieren Sie auch manchmal die Geduld? Dann sollten Sie vielleicht mal ins Fundbüro gehen. Nicht in irgendeines natürlich, sondern in ein besonderes. Es heißt „Fundbüro 2“, steht in Zürich und ist ein Kunst-Projekt. Einmal im Monat hat es geöffnet. Meinen Schlüssel oder eine verlorene Socke werde ich da nicht wiederfinden. Aber meine Geduld darf ich als verloren gegangen melden. Es ist nämlich ein Fundbüro für nicht-materielle Dinge.

„Ich habe die Neugier auf etwas Neues verloren“, sagt eine Frau bedauernd. „Ich dreh mich nur noch wie ein Hamster im Laufrad!“ Der Herr im Fundbüro notiert gewissenhaft mit. Die beiden kommen ins Gespräch. Ein Kind kommt mit seinem Vater vorbei und verkündet stolz: „ich habe die Angst verloren, allein in den Keller zu gehen!“ Auch das wird aufgeschrieben. Und ich lerne: nicht jeder Verlust ist bedauerlich. Das Kind möchte die Angst auf keinen Fall wiederhaben.

Natürlich kann man auch etwas erzählen was man gefunden hat: „die Lust am Spazierengehen“ nennt einer per Mail. Und die will er behalten. So geht es munter weiter, den ganzen Tag. Am Schalter und im Internet. Manche sagen oder schreiben nachher: „Das Fundbüro hat mir geholfen. Mir ist etwas klargeworden!“

Die Idee mit dem Fundbüro finde ich sehr anregend. Was habe ich verloren? Was fehlt mir? Was habe ich gefunden?

Die Macher von Fundbüro 2 erinnern mich daran, wie gut es tut, über das zu sprechen, was mich bewegt. Über das, was weh tut, über Fragen, die offen bleiben, und die Angst, etwas zu verlieren. Auch über das Gute, das ich erlebt habe. Seelsorge nennen wir das in der Kirche. Wenn sich jemand traut, mit einer Pfarrerin oder einem anderen Christen offen über das zu reden, was er verloren oder gefunden hat – das tut der Seele gut. Eine Lösung für seine Probleme findet man in der Seelsorge nicht unbedingt, aber ein offenes Ohr und Zeit, in Ruhe miteinander zu reden. Und oft wird einem etwas klar, was man vorher noch nicht sehen konnte.

Wenn ich so mit einem Menschen rede, vertraue ich auf einen Gedanken aus der Bibel: Ich vertraue darauf, dass Gott sein Herz verloren hat. An die Menschheit im Allgemeinen. Aber auch an diesen einen Menschen, mit dem ich gerade zu tun habe. Gottes Herz ist bei denen, die zuhören. Und bei denen, die sagen, was ihnen fehlt, ist er auch.

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