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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Auf meinem Kalender stehen jeden Tag Namen, die für diesen Tag eine Bedeutung haben. Oft sind es Namen von Heiligen.

Mittlerweile sind es manchmal auch solche, die ich selbst erlebt habe, Mutter Teresa von Kalkutta zum Beispiel, oder Oscar Romero, der Erzbischof von El Salvador, der am 24. März 1980 am Altar erschossen wurde.

Auf den Kalenderblättern stehen bei vielen Menschen auch noch andere Gedenktage, Geburtstage von Menschen, die ihnen wichtig sind, andere Festtage, und auch der eigene Hochzeitstag, Dann kommen noch besondere Tage hinzu, deren Ereignisse dem Leben eine neue Richtung gegeben haben, überwundene Krankheiten zum Beispiel, ein neuer Beginn im Beruf, wichtige Prüfungen.

Je älter man wird, desto voller werden die Kalenderblätter, weil es immer mehr bedeutende Ereignisse gibt.

Wenn ich heute auf meinen Kalender schaue, stelle ich fest, dass sich für mich, meine Eltern und meine Großeltern an diesem Tag vor 50 Jahren das Leben sehr verwandelt hat. Mit 23 Jahren ist mein Patenonkel bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich bin damals fast 6 Jahre alt gewesen und konnte es zuerst gar nicht verstehen, dass sich so viel geändert hat, als die Nachricht kam.

Mein Onkel hatte den gleichen Vornamen wie ich, Joachim. Was lag da näher, meine Großmutter zu trösten mit dem Satz: Du hast doch noch mich.

Erst viel später kann man als Kind die wirkliche Tragweite verstehen. Zur Beerdigung durfte ich damals nicht mit, man wollte uns Kinder noch ein wenig schützen vor der Erfahrung des Todes, aber irgendwie hat mir immer etwas gefehlt. Sehr häufig sind wir an seinem Grab gewesen, das es jetzt schon lange nicht mehr gibt und gerne habe ich mich erinnert an ihn. Er hat mir zum Beispiel die Liebe zur Modelleisenbahn mitgegeben.

Es tut oft weh, an Menschen zu denken, die uns entrissen wurden durch den Tod. Aber wir können auch dankbar darauf schauen, dass wir mit ihnen ein Stück unseres Lebens teilen durften.

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Vor kurzem wurde ich bei einer Predigt meines Bischofs Dr. Matthias Ring auf einen Perspektivwechsel in einem biblischen Text aufmerksam. Er hat mir diesen Text von einer ganz neuen Seite gezeigt.

Es geht um den Text des barmherzigen Vaters aus dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums. Er wird auch die Geschichte vom verlorenen Sohn genannt.

Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngere Sohn hat sich das Erbteil auszahlen lassen und ist fortgezogen. Als er kein Geld mehr hat, entscheidet er sich, zum Vater zurückzukehren. Er bittet darum, eine Anstellung zu bekommen. Der Vater aber freut sich, dass sein Sohn gesund nach Hause gekommen ist. Er lässt das Mastkalb schlachten und feiert ein großes Fest mit dem verlorenen Sohn.

Der ältere Sohn, der jeden Tag zu Hause gearbeitet hat, will nicht mitfeiern. Er hat ja die ganze Zeit seine Pflichten erfüllt, ist jetzt eifersüchtig, dass mit dem jungen Hallodri gefeiert wird, er aber nie etwas zum Feiern bekommen hat.  Dabei hat er doch alles richtig gemacht. So zumindest die landläufige Deutung.

Wenn man die Perspektive zum älteren Sohn wechselt und alles aus seinem Blickwinkel betrachtet, stellt man fest, dass der Vater zu ihm sagt: Alles was mein ist, ist auch dein. Die Erkenntnis stellt sich beim älteren Sohn ein: Es war immer alles schon da. Ich hätte es mir einfach nehmen können, um mit meinen Freunden ein Fest zu feiern. Vielleicht hätte er sich auch gewünscht, mal was ganz anderes zu tun, wie sein jüngerer Bruder.

Und wurde mir bewusst, dass dieser ältere Sohn auch irgendwie verloren ist, nur auf eine andere Art. Verloren in all seinen Pflichten sieht er nicht mehr, was direkt vor ihm zum Greifen nah ist. Er braucht genauso die Hilfe und das gute Wort des Vaters, um sich selbst wiederzufinden.

Und plötzlich verstehe ich ihn noch viel besser.

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Letzte Woche sind sie angerückt. Bauarbeiter, die die Straße und die Bürgersteige vor unserem Pfarrhaus aufgerissen haben, um neue Rohre zu verlegen. Lärm, Schmutz, Unannehmlichkeiten gehen damit einher.

Muss das jetzt sein, war mein erster Gedanke.

Muss das jetzt sein, denken auch viele, die auf den Autobahnen unterwegs sind und wegen einer Baustelle im Stau stehen.

Wäre das nicht noch ein bisschen so gegangen?, fragen sich viele Menschen in solchen Situationen.

Geht es noch ein bisschen?, ist auch eine Frage, die ich mir und viele Menschen sich stellen, wenn sie ihre Zimmer zu Hause anschauen.

Baustellen sind nichts, wonach man sich sehnt. Baustellen bringen immer Unordnung in den Tagesablauf.

Aber, Baustellen bringen auch immer etwas Neues. Wenn die Straße ganz neu gebaut ist und es sich super darauf fahren lässt, ist man richtig froh. Wenn das Zimmer zu Hause frisch gemacht ist und noch nach frischer Tapete riecht oder nach frischer Farbe, dann stellt sich eine innere Zufriedenheit ein.

Ich gehe soweit zu sagen: Ohne Baustellen kann man das nicht erreichen.

Gustav Heinemann, lange Jahre sehr aktiv in der evangelischen Kirche und von 1969 bis 1974 Bundespräsident, hat das einmal so in Worte gefasst: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

Auch im Leben gibt es viele notwendige Baustellen. Wenn der Kapitän eines Schiffes notwendige Reparaturen hinausschiebt, kann schon Wasser eindringen und das Schiff geht unter. Ein marode gewordenes Haus bricht zusammen, bevor der Besitzer es sanieren kann, wenn er zu lange wartet. Ein Freund, um den man sich nie kümmert, kennt einen nicht mehr, wenn man mal wieder Kontakt aufnehmen möchte.

Baustellen machen Dreck, schaffen Verdruss, fordern heraus, aber sie lohnen sich für die Zukunft.

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Tosend und mächtig braust der Schlussakkord des großen Orchesters, überzeugend hält der Chor seinen letzten Ton. Jetzt winkt der Dirigent ab und nur noch der Nachhall füllt den Konzertsaal. Und dann bricht der Beifall los.

Spätestens jetzt weiß jeder Chorsänger und jede Orchestermusikerin, weshalb sie die Mühen der letzten Tage und Wochen auf sich genommen haben.

Beim Predigen in der Kirche erleben meine Kolleginnen und Kollegen genau wie ich selten Beifall. Leider trauen sich viele Menschen nicht, in der Kirche zu applaudieren, wenn Worte sie mitten ins Herz getroffen haben.

Bei Reden in Festhallen oder Kongresssälen ist das anders, da gibt es Beifall, manchmal auch Buh-Rufe und Pfiffe.

Jeder Mensch braucht Bestätigung. Das ist der Kraftstoff, der einen weiter forschen lässt. Ohne die Bestätigung durch andere fällt das viel schwerer. Wir Menschen brauchen Lob oder eben Beifall. Mit diesem Beifall können Menschen immer weiter kommen, er spornt uns an, nach neuen Herausforderungen zu suchen.

Allerdings gibt es auch Menschen, die nur in sich selbst verliebt sind und die alles nur aus dem einen Grund tun: Dass sie Beifall bekommen. Solche Menschen nennen wir auch Narzissten. Ihr Handeln führt sie nicht weiter, sie kreisen immer nur um sich selbst.

Der englische Essayist und Aphoristiker Charles Caleb Colton, der von 1780 bis 1832 lebte, hat zu diesem Thema den Satz geprägt: Der Beifall ist der Ansporn vornehmer Geister, das Ende und Ziel der kleinen.

Wer also nur wegen des Beifalls irgendetwas tut, der wird nicht weiter kommen, sondern ganz schnell am Ende sein.

Wenn wir mit unserem Chor und Orchester den Beifall bekommen, dann ist für uns klar: Das nächste Mal wollen wir noch besser sein. Dafür proben wir. Heute Abend wieder. Ich freue mich drauf.

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Es grünt und blüht. Mittlerweile ist auch in Furtwangen im Schwarzwald der Flieder aufgeblüht. Jeden Morgen weckt mich ein vielstimmiges Konzert aus Vogelkehlen.

Einige machen mir dabei eine besondere Freude. Wie schon viele Jahre hindurch haben sie sich einen Nistplatz direkt unter dem Vordach des Pfarrhauses ausgesucht.

Dort sind sie behütet, sicher vor Unwetter und auch vor Katzen und anderen Tieren. Nur wenn jemand zum Haus hinein oder hinausgeht, verhalten sie sich ganz still und warten ab, bis alle Menschen wieder verschwunden sind. Es braucht schon eine Zeit, bis man sogar hinter der offenen Tür stehen kann und ganz still beobachten, was das Vogelpärchen so macht.

Passend dazu gibt es einen Psalm, der auch von den Vögeln spricht. Es ist der Psalm 84 und dort heißt es: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen. Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.“ Bei Gott findet offenbar jedes Geschöpf seinen Platz und ist außerdem noch gut aufgehoben. Dass es den Vögeln bei uns im Pfarrhaus ähnlich gut geht, freut mich.

Wir Menschen brauchen auch Sicherheit und ein gutes Zuhause. Wenn wir in unsere Welt hineinschauen und die Nachrichten hören, dann suchen wir erst Recht nach dieser Sicherheit. Da tut es gut zu erleben, dass Menschen sich füreinander einsetzen und sich gegenseitig helfen. Zu spüren, dass Menschen sich Zeit nehmen, um miteinander über ihre Ängste zu sprechen und mutig nach vorne zu schauen. Zu sehen, dass viele ihre Kraft und Zeit einsetzen, um Menschen, die bei uns Sicherheit suchen, in ihrer neuen Heimat zu integrieren.

Unsere Welt ist näher zusammengerückt und was wir brauchen, ist ein aufeinander zugehen und den Kontakt mit den anderen, damit wir auch wirklich zusammenwachsen. Das gibt Sicherheit. Denn Freunde können miteinander die Welt gestalten und sich gegenseitig behüten.

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