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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist einsam geworden um den alten Mann. Nach langem Leiden hat ihm der Tod seine geliebte Ehefrau genommen, mit der er über fünfzig Jahre lang verheiratet war. 

In seiner Nachbarschaft ist vor kurzem ein junges Paar eingezogen – er kennt die beiden noch kaum. Umso größer ist seine Überraschung, als die jungen Leute ihn am Sonntag nach dem Begräbnis zu sich zum Mittagessen einladen. Sie haben wohl intuitiv gespürt, dass man diesen trauernden Mann in seinem Schmerz nicht allein lassen darf. Mehr noch: Dass ein gemeinsames Mahl nicht nur den Hunger stillt, sondern tröstende Kraft entfaltet. Mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen hat sich der Mann an den gedeckten Tisch gesetzt. Er durfte erfahren, was ein leidgeprüfter Beter im Alten Testament der Bibel einmal in die Worte fasst: „Du hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet“ (Psalm 30,12). 

Der Abschied von einem liebgewordenen Menschen kann wirklich lähmen. Also darf  unsere Anteilnahme praktische, handfeste Züge annehmen. Trauernde sind vielleicht in den ersten Tagen dankbar, wenn jemand Besorgungen übernimmt, einkaufen geht, den Müll wegbringt, Schnee räumt oder – wie in diesem Fall – Essen kocht und zu Tisch bittet. Daher brauchen wir den Umgang mit Trauernden nicht zu fürchten und müssen ihnen auch nicht aus dem Weg gehen. Fragen wir sie doch einfach, was zu tun ist und was ihnen gut täte. 

Eine helfende Hand ist wichtiger als ein Redeschwall. Wir wissen ohnehin keine Antwort auf das Wieso und Warum. Trauernde Menschen richten sich am ehesten wieder auf, wenn sie Nähe spüren, wenn man sie umarmt und mit ihnen weint. 

Man kann ihnen anbieten, sie in den ersten Tagen nach dem Begräbnis ans frische Grab und dann wieder nach Hause zu begleiten. Schön, wenn man am Bild des Verstorbenen eine Kerze entzündet und ein Gebet versucht. Denn Gott, so glaubt der Apostel Paulus, ist „der Vaters des Erbarmens und der Gott allen Trostes“  (2. Brief an die Korinther 1,3).

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Im Arbeitszeugnis eines Metzgergesellen ist zu lesen: „Er war ehrlich bis auf die Knochen“. Ja – was nun? Hat die ehrliche Haut vielleicht doch manchmal ein paar Suppenknochen mitgehen lassen? Bei Arbeitszeugnissen mit ihrer Geheimsprache ist Vorsicht geboten. Was auf den ersten Blick anerkennend und wohlwollend daherkommt, transportiert zuweilen weniger freundliche Botschaften. „Die Mitarbeiterin war äußerst kommunikativ“, liest man da. Das heißt, die Quasselstrippe war den ganzen Tag unterwegs. Wird einem Mitarbeiter bescheinigt, er habe sich „stets bemüht“, war die Mühe vermutlich vergebens und der Loser sein Geld nicht wert! Jeder Personaler kann solche Botschaften schnell entziffern. Dann ist eine Bewerbung so gut wie aussichtslos. 

„Du sollst kein falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten“, mahnt die Bibel im achten Gebot Mose (5. Buch Mose, 5.20). Das hört sich etwas abgestanden an und ist doch von höchster Brisanz. Denn schon ein zweifelhaftes, zweideutig formuliertes Arbeitszeugnis kann die berufliche Existenz kosten. 

Noch schlimmer aber, wenn Falschaussagen, „Fake News“ übers Netz verbreitet werden und einen Menschen seelisch zertreten. Verzweifelt kämpft gegenwärtig der junge Syrer vor Gericht um seinen guten Ruf. Sein Selfie mit der Kanzlerin wird ständig „gefakt“ und zeigt ihn als Gewalttäter und Terroristen. Schülerinnen und Schüler werden über Cyber-Mobbing so zermürbt, dass manche schon die Schule oder gar den Wohnort wechseln mussten. 

In aller Regel sind die „Cyber-Scharfrichter“ nicht zu packen. Schuld an solchen Exzessen tragen aber auch naive und böswillige „User“, die Falschmeldungen unbesehen oder absichtlich gleich tausendfach um den Erdball posten. 

„Du sollst kein falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten“, das heißt heute: Du sollst nicht den falschen Button drücken! Du sollst nicht auf diese Tour unschuldige Menschen mit Lügen, Verleumdungen und unanständigen Foto-Montagen in den Staub treten! 

Achtung: Falschaussagen kommen übrigens auch gerne als Bumerang zurück und fliegen uns dann selber um die Ohren. Schon deswegen sind wir gut beraten, ehrlich und respektvoll miteinander umgehen.

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Wart‘ mal schnell“ - eine seltsame Redewendung. Wie geht denn so was?

Warten in Überschallgeschwindigkeit? „Wart‘ mal schnell...“ Nun ja – wem ständig der Zeiger im Genick sitzt, dem kann wohl auch das Warten nicht schnell genug gehen. 

Die Evangelische Kirche empfiehlt uns rasenden Zeitgenossen in diesem Jahr eine originelle Fastenaktion: „Augenblick mal! Sieben Wochen ohne Sofort“, so lautet das Motto. 

Diese Idee hat mich „sofort“ angemacht: Klicken Sie doch auch mal rein und verschieben Sie dann alle „Sofortprogramme“ in die Warteschleife! Ja doch – der dringende Rückruf kann auch mal warten, und die e-mails müssen nicht gleich beantwortet werden. Auch die What‘s app – Gemeinde braucht nicht immer in Echtzeit zu wissen, wo ich mich gerade rumtreibe. Setzen Sie jedes „Sofort“ einfach mal sieben Wochen ins Wartezimmer. 

„Sofort-Programme“ wirken wie Turbo-Lader. Sie verdichten die Zeit bis einem der Atem stockt. Wird etwas „sofort“ erledigt, saugt sich das so entstandene Vakuum „sofort“ wieder mit einem neuen Auftrag voll. Und der schreit wieder „sofort“ nach Erledigung. Eine tödliche Spirale. Stets eng getaktet, zappeln wir im Hamsterrad, bis wir alle Viere von uns strecken. 

Zeitfasten in der Fastenzeit! „Sieben Wochen ohne ein Sofort!“ Nehmen Sie doch bitte mal den Fuß vom Gas! Ein paar Minuten zwischendurch zum Nachdenken und Durchatmen. Ein kurzer Spazierweg in den erwachenden Frühling! Ein einfaches Gebet am Abend, als „Absacker“ sozusagen.  

„Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten“, klagt schon die Bibel (Weisheit 2,5). Niemand kann den rasenden Lauf der Zeit aufhalten, aber man könnte ihn verlangsamen. Nehmen Sie sich doch die Zeit für „Sieben Wochen ohne ein Sofort“. Vielleicht gelingt es, vom „Zeitraffer“ - wenn schon nicht in die „Zeitlupe“ - wenigstens in den Normal-Modus umzuschalten. Das würde bedeuten, langsamer und bewusster zu leben, Stunden und Tage auszukosten, damit unsere Zeit nicht vorüberzieht wie ein Schatten.

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In der Bibel wird auch von einem „Politischen Aschermittwoch“ berichtet. Nun ja – ob es ein Mittwoch war, sei dahingestellt. Der Unglücks-Prophet Jona verkündet der Stadt Ninive im Namen Gottes den Untergang. Es gibt Schöneres! Erstaunlich aber: Die Botschaft kommt an, alle tun Buße. Selbst der König wirft sich in Sack und Asche, und die sündige Stadt kommt noch einmal davon (Buch Jona, 3,1-10). 

Am heutigen Aschermittwoch fliegen uns wieder aus bierdunstgeschwängerten Hallen mächtige Parolen um die Ohren. Wäre ich Partei-Chef – ich würde den Ankömmlingen  erst mal ein Asche-Kreuz auf die Stirn streuen, wie es heute in den Kirchen der Brauch ist: „Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück“. Ein wenig Besinnung über Tod und Vergänglichkeit kann zum Auftakt nicht schaden. 

Und dann müssten sich die so Gezeichneten in kleinen Grüppchen auf den Weg machen: Die einen schmieren Butterbrote in der Vesperkirche. Andere sortieren Waren im Tafelladen oder Klamotten in der Kleiderkammer. Wieder andere fahren mit den Frauen der Sozialstation eine Tour und waschen alten Leuten die Füße. Auch der Knast öffnet die Panzer-Tore und gewährt Einblick in das Leben hinter Gittern. Im Job-Center erfährt man von der Not der Langzeitarbeitslosigkeit. Sogar die Flüchtlingsunterkünfte bekämen an diesem Aschermittwoch unerwarteten Besuch. Ein paar ganz Mutige würden sich vor einem Werkstor bei denen unterhaken, die gegen die bevorstehende Schließung ihrer Bude demonstrieren. 

Gegen Abend kämen die Kundschafter zurück. Betroffen, erschüttert die einen über so viel menschliches Leid. Empört und wütend die anderen über die desolaten Zustände in unserem reichen Land. 

Dann aber ginge es bei Butterbrezel und Apfelschorle zur Sache. Dieser „Politische Aschermittwoch“ beschränkte sich nicht auf lautstarkes Gepolter, sondern mündete parteiübergreifend in konkrete politische Vorgaben: Bezahlbarer Wohnraum für alle, existenzsichernde Einkommen und Förderprogramme, um Menschen aus Armut und Arbeitslosigkeit herauszuführen und Heimatlose zu integrieren.  

Ich bin mir sicher: Daran hätte Gott ebenso sein Wohlgefallen wie damals in Ninive. 

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Hat Jesus gelacht und Witze erzählt? Zuzutrauen ist ihm das. Wer die Herzen der Menschen so im Sturm erobert wie er, der spielt auch „scherzando“ und nicht nur düstere Schicksalsmelodien. Nein – ich glaube nicht, dass Jesus zum Lachen in den Keller ging. Aber warum ist dann nichts überliefert? Vermutlich ging es den Evangelisten wie mir: Ich kann mir einfach keine Witze merken! 

Vor Jahrzehnten haben wir uns in der Jugendarbeit über ein Neues Testament im „Jugendsprech“ von damals amüsiert: „Jesus – der Juniorchef“. Die Storys würden heute ein wenig anders klingen, zum Beispiel so: „Hey Alter“, spricht Jesus und meint Simon auf seinem Fischkutter, „lass uns über‘n Teich düsen und drüben in Kapernaum ein wenig chillen. Levi hat WLAN und brüht immer noch den besten Espresso! Und auf der Rückfahrt schauen wir dann noch bei Maria in Magdala vorbei.“ „Geht klar, Boss“, antwortet der Skipper. Das „Schifflein Petri“ verfügte heute natürlich über einen PS-starken Außenborder und GPS. Der Käpt‘n gibt die Koordinaten ein, wirft die Maschine an und schon geht‘s ab. Doch über Twitter hatte sich die Kunde von der lustigen Seefahrt schnell verbreitet. In Kapernaum angekommen, wird Jesus mit seiner Crew bereits von einer großen Community erwartet. War nix mit Chillen.  

Wenn das Evangelium frohe Botschaft ist, dann klingt sie am besten auf dem Resonanzboden der Freude und des Humors. Christinnen und Christen sind keine Jammerlappen, auch wenn‘s im Leben manchmal wenig zu lachen gibt. Für Martin Luther war der Satan ein Geist der Traurigkeit und Gott hingegen der Geist der Freude. 

Er hat recht: Wer bei allem Unrecht in dieser Welt an eine letzte Gerechtigkeit glauben kann, der hat doch Grund zum Lachen. Oder: Wie soll man tod-ernst bleiben, wenn wir  Christen nach dem Tod auf ein neues Leben hoffen dürfen, ohne Tränen und Leid? 

In der schon erwähnten Jugendbibel verabschiedet sich Jesus nach seiner Auferstehung mit den Worten: „Werft eure Angst weg, Jungs! Ab heute seid ihr neue Menschen! Ich muss jetzt fort. Wir sehen und hören uns. Tschüss und bis bald!“

   

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Machtwechsel im Lande. Die Narren haben das Regiment übernommen. Die Rathäuser sind gestürmt, die Bürgermeister getürmt, die Fasnet ist los! „Großkopfete“ gleich welcher Couleur tun gut daran, das Spektakel lieber aus der Ferne zu verfolgen, denn für sie gibt es heute wenig zu lachen. Kübelweise überschüttet man sie mit Spott und Hohn oder zerrt sie gar, wie in Stockach, vor ein Narrengericht. 

Doch schon übermorgen verkünden traurige Verslein das Ende der friedlichen Revolution. Wozu also der närrische Aufstand, wenn er am Aschermittwoch wieder jämmerlich in sich zusammenkracht? 

Vielleicht verrät die Fasnet etwas von der tiefen Sehnsucht in uns, dass die Kleinen einmal ganz groß rauskommen und die Großen armselige Würstchen sind. Es ist der ewige Traum von einer anderen Gesellschaft, in der die Sprachlosen das Wort führen und die Tonangebenden schweigen müssen. Der Traum einer tatsächlich ver-rückten Welt! 

Von einer ähnlichen „Fasnacht“ berichtet schon die Bibel: Mose und sein Bruder Aaron treten als Sprecher des geschundenen Hebräer-Volkes vor den ägyptischen Pharao: „Lass die Leute drei Tage in die Wüste ziehen, damit wir dort dem Herrn ein Fest feiern“ (2. Buch Mose 5). Der Pharao glaubt, er hätte sich verhört. Als er seine Sprache  wiederfindet, beginnt er zu toben: Ihr spinnt wohl! Euer Gott kann mir gestohlen bleiben! Zurück in die Lehmgruben und an die Ziegel-Öfen, faules Pack, aber ein bisschen plötzlich! 

Sein ausgeprägter Machtinstinkt muss dem Pharao verraten haben, wie gefährlich und umstürzlerisch das werden kann, was sich bei einem solchen Fest in der Wüste zusammenbraut. Lachen und Feiern, Tanzen und Singen – das ist der Stoff, aus dem die Träume sind: der Traum vom Ende der Unterdrückung, der Traum vom Aufstand der Knechte wider die Herren, der Traum vom freundlichen, geschwisterlichen Zusammenleben.  

Fasnet – eine friedliche Revolution. Sie wird beim „Rottweiler Narrensprung“ von einem „Narrenengel“ angeführt. Zunächst meint man, der hätte Weihnachten verpennt oder sich verlaufen. Nein – er verkündet das himmlische Motto der närrischen Tage: „Niemand zu Leid – jedem zur Freud!“ 

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