Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Vor kurzem war ich in einem türkischen Restaurant. Wunderschön eingerichtet mit weichen Kissen, verzierten Wänden und bunten Lampen. Am meisten in den Bann gezogen hat mich aber eine Tafel, die über der Tür hing. Eine Tafel mit 7 Sprüchen. Und diese Sprüche sind so schön, so zeitlos, dass ich sie gern weitergeben möchte. Sie heißen die 7 Sprüche von Mevlana und gehen so: 

„Bei Großzügigkeit und beim Helfen sei wie fließendes Wasser, bei Güte und Barmherzigkeit sei wie die Sonne, beim Decken der Fehler von anderen sei wie die Nacht, bei Zorn und Nervosität sei wie der Tote. Bei Bescheidenheit und Gutherzigkeit sei wie die Erde. Bei Gutmütigkeit sei wie das Meer. Entweder zeig dich wie du bist oder sei so wie du dich zeigst.“ 

Wie wunderbar diese Bilder und wie wunderbar diese Weisheit aus der islamischen Mystik zu hören. Zu Zeiten, in denen der Islam fast nur noch in Verbindung gebracht wird mit politischer Unterdrückung oder schlimmster Gewalt. Nein, es gibt auch diese schöne, liebevolle und poetische Seite des Islam. Und wie nah diese Seite auch meiner Religion sein kann, spüre ich wenn ich die 7 Sprüche von Mevlana nochmal nachklingen lasse. 

Wie frisch und lebendig es sich anfühlt, wenn ich großzügig bin.

Wie warm, wenn ich barmherzig bin.

Wie weit, wenn ich über die Fehler eines anderen schweigen kann.

Wie still, stark und friedlich, wenn ich meinen Zorn beherrschen kann.

Wie lebenspendend, wenn ich gütig bin.

Wie frei, wenn ich bescheiden bin.

Und das Beste zum Schluss: wie echt es sich anfühlt, wenn ich mich so zeige wie ich bin oder so bin wie ich mich zeige.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23491

Warum packe ich eigentlich so extrem ungern? Das habe ich mich lange Zeit gefragt. Wo ich doch so gern verreise. Warum kommt bei mir immer so eine Mischung aus Widerwillen und Genervtheit auf, wenn ich den Koffer von der Bühne hole? Und warum empfinde ich sowas wie Wehmut und Angst, wenn ich nur x Kleider für y Wochen auswählen muss? Ich habe Jahre gebraucht bis es mir klar geworden ist. Da steckt die Fluchterfahrung meiner Eltern und Großeltern drin. Von einem Tag auf den anderen mussten sie im zweiten Weltkrieg die Koffer packen. Und zwar nicht für eine Geschäftsreise oder einen Sommerurlaub, sondern für die Flucht aus ihrer Heimat. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein? Und was packt man da in seinen Koffer rein? Es war heilsam für mich irgendwann zu erkennen: immer wenn du einen Koffer packen musst, schwingt auch diese existentielle Erfahrung meiner Herkunftsfamilie mit. Ihr Schmerz die Heimat verlassen zu müssen, ihre Furcht vor der Flucht und ihre Angst vor dem was sie wo auch immer erwarten wird.

Mittlerweile packe ich zwar noch immer nicht gern, aber ich weiß jetzt warum ich das so ungern tue und kann dadurch besser damit umgehen. Für mich war diese Erkenntnis aber auch anderer Hinsicht heilsam. Durch sie  ist mir klar geworden, dass es nicht nur ein materielles Erbe gibt, sondern auch ein seelisches. Dass der Mensch ausgesprochene, aber gerade auch unausgesprochene Erfahrungen, Träume und Traumatisierungen weiter gibt. Und manchmal ist es dann so, dass ein Enkel oder gar Urenkel genau das spürt, was ohne Worte über Generationen weitergegeben wurde. Oder sogar darunter leidet.

Und meine Kofferpackallergie hat mich schließlich auch unser heutiges Flüchtlingsthema mit anderen Augen sehen lassen. Als ich die Bilder der Flüchtlinge gesehen habe, mit ihren Rucksäcken, Handys und Wasserflaschen, hab ich mich gefragt, wie es wohl für sie war zu packen für ihre Reise. Welcher Schmerz es wohl für sie war ihre Heimat verlassen zu müssen. Welche Furcht sie vor der Flucht hatten und welche Angst vor dem was sie erwarten wird. Und ob auch eines ihrer Kindes oder Kindeskinder einmal so ungern packen wird wie ich…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23490

Es war ein Sommermorgen wie im Bilderbuch: Stahlblauer Himmel mit ein paar Schönwetterwölkchen und einer frischen Luft wie zum Essen. Wir hatten Zimmerleute in unserem Garten, sie haben uns einen neuen Geräteschuppen gebaut. Und an solch einem Morgen ihre Arbeit auch richtig genossen. Wir kamen ins Gespräch miteinander und ein junger Zimmermannsgeselle mit dicken Muskelpaketen war besonders offen. Er hat erzählt, dass er erst Abi gemacht hat dann aber nicht studieren wollte. Lieber erstmal was Praktisches, Handfestes machen wollte. „Und da haben Sie auch Ihre Hammermuckis her?, hab ich ihn gefragt. „Nein“, hat er geantwortet, „die habe ich von der ‚Muckibude‘. „Ah ja“, sagte ich „aber wie kommt es, dass Sie, wo Sie doch eh schon so viel körperlich arbeiten da abends nochmal nachlegen? Ich hatte ihm kurz zuvor, als er mich nach meinem Beruf gefragt hatte, gesagt, dass ich für die Kirche im Radio arbeite und wohl deswegen hat er mir mit einem Lächeln im Gesicht geantwortet: „Ja dann werden Sie den Grund meines Bodybuildings wohl  gut verstehen. Sie kennen doch sicher den Satz aus der Bibel, ‚Euer Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes‘ und warum sollte ich dem Heiligen Geist nur eine kleine Kapelle bauen, wenn er einen Dom haben kann?“ Ding Dong, da hat er echt eine schöne große Glocke angeschlagen, dieser Zimmermannsgeselle und dabei so stolz wie fröhlich gestrahlt.

Zu Recht, denn unsere Körper sind Gabe und auf Aufgabe, je älter sie sind umso mehr. Und daher ist es auch so schön wie notwendig, sie zu hegen und zu pflegen. Vom Anfang bis zum Ende. Egal ob sie nun ein kleiner feiner Tempel sind, eine morsche alte Hütte oder ein stattlicher Dom.

Der Geist Gottes wohnt in allen. Und kann auch aus allen sprechen – manchmal ganz unverhofft und überraschend. Wie aus einem Zimmermannsgesellen an einem wunderschönen Sommermorgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23489

Letztlich hab ich was sehr Schönes erlebt. Mit ein paar Kollegen war ich zum Essen eingeladen bei einem Menschen, der extrem unruhig war. Überaus gastfreundlich sprang er immer wieder vom Tisch auf um seinen Besuchern Wein nachzuschenken. Auf jedes Gramm Frage hat er ein Kilo Antwort gegeben, so dass er selbst kaum zum Essen gekommen ist. Erst als ihm jemand eine persönliche Frage gestellt hatte, ist er zur Ruhe gekommen, war er da. War er anwesend.

Anwesend, ich glaube dieses Wort beschreibt diesen wohltuenden Zustand am besten. Von seinem Ursprung bedeutet das Wort „wesen“ sich aufhalten, verweilen, wohnen und: übernachten! Das alles hat mit sich niederlassen, sich anvertrauen und zur Ruhe kommen zu tun. Und mein Gastgeber kam erst zur Ruhe, konnte sich innerlich erst niederlassen, als sich jemand spürbar für ihn als Mensch interessiert hat.

Das hab ich schon öfters erlebt: dass Anwesenheit beruhigt. Mich selbst und andere. Bei Kindern am Bett vorm Einschlafen natürlich. Aber auch wenn man ganz bei einer Sache ist. Diese Art von Anwesenheit kann anstecken. Denn es tut so gut ganz bei sich, ganz bei einer Sache oder ganz bei einem anderen Menschen zu sein. Bewusst arbeiten, richtig drin sein in der Arbeit. Bewusst essen, es schmecken. Bewusst etwas gestalten, handwerklich oder künstlerisch.

Die Dinge von Innen her verschmecken hat das der Theologe Ignatius von Loyola mal genannt. Immer dann wenn das geschieht wird es wesentlich. Das heißt, da geschehen grundlegende, besonders wichtige, kostbare Dinge.

So wie bei meinem Gastgeber. Als er danach gefragt wurde, wie es ihm denn in seiner verantwortungsvollen Position geht, da konnte er endlich sitzen bleiben. Und uns in wenigen klaren Worten erzählen was für ihn schön ist an seinem Job und was schwer. Dabei legte sich eine wunderbare, aufmerksame Ruhe über den Tisch. Und alle waren ganz bei ihm. Und dadurch auch ganz bei sich. Anwesend…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23488

„Besondere Menschen erkennst du daran, dass sie dich berühren ohne ihre Hände zu benutzen“. Wie wahr, diese buddhistische Lebensweisheit. Die sicher auch bei Christen gilt. So schön körperliche Berührungen auch sind, es gibt noch andere Berührungen, die gut tun. Ich kann berührt werden von der Ausstrahlung eines Menschen, von seinem Charme, seinem Charisma. Ich kann berührt werden von der Schönheit eines Menschen, seiner äußeren Schönheit, egal ob Frau oder Mann, ob alt oder jung. Es gibt aber auch eine innere Schönheit, die selbst äußerlich nicht so attraktive Menschen schön macht.

Schön und berührend sind auch Gesten. Gesten, die zeigen wie es im Innersten eines Menschen aussieht. Was er denkt, was er fühlt oder glaubt. Einer dieser besonderen Menschen, die mich berühren ohne dass ich ihm persönlich begegnet bin oder ihn gar berührt habe, ist Papst Franziskus. Er lebt den christlichen Glauben in so spürbarer und glaubhafter Weise, dass es mich sehr berührt. Schon beim ersten Auftritt nach seiner Wahl, als er sich auf dem Balkon des Petersdoms vor der Menge der Gläubigen verneigt und sie um ihr Gebet gebeten hat. Welch schönes Zeichen der Demut. Diesem Zeichen hat er noch viele andere folgen lassen. Zum Beispiel als er einer muslimischen Frau die Füße gewaschen hat. Oder wenn er kranke und entstellte Menschen umarmt oder auf die Stirn küsst. Berührungen, die  urchristlich sind und mich so sehr berühren, weil sie eine Liebe zeigen, die Grenzen sprengt. Eine Liebe, die Franziskus die Tränen in die Augen treiben kann, wenn er in Lampedusa um die Toten des Mittelmeers weint.

Aber auch seine fröhlichen Gesten berühren, wenn er zum Beispiel ein Kind auf den Papstthron setzt oder Jugendliche spontan in seinem Papamobil mitfahren lässt. Bei all dem berührt mich dieser besondere Mensch ohne dass er seine Hände zu benutzt. Und zeigt mir den christlichen Glauben in seiner schönsten und klarsten Form. Gott - sei -Dank!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23487

 „Das Ziel ist im Weg“. Ups, ein Versprecher? Nein, ein so wunderbares wie sinnvolles Wortspiel. Ich hab es in einem Vortrag gehört. Es spielt mit dem gängigen Spruch „Der Weg ist das Ziel“. Bei dem es darum geht, immer schön geradeaus zu gehen und geduldig seine Pflicht zu tun.     Und sich nicht zu sehr auf das Endergebnis zu fixieren, sondern auf den Prozess, der dorthin führt. Ist ja auch gut. Weil es Stress machen kann, immer nur der Zukunft hinterher zu hecheln, statt die Gegenwart zu leben.

„Das Ziel ist im Weg“, ist die verschärfte Variante davon. Immer nur ein Ziel zu haben, oder noch schlimmer: dauernd zu hoch gesteckte Ziele zu haben. Denn das behindert das Leben, verhindert es gut zu leben.

Will man eine zu gute Mutter sein, dann macht das unzufrieden oder ein dauerndes schlechtes Gewissen. Was weder der Mutter noch dem Kind gut tut. Will man ein zu guter Mitarbeiter sein, der immer und für alles zu haben ist, dann kann man leicht den Draht zu sich selbst verlieren oder ausgenutzt werden. Und will man ein zu guter Ehemann oder Liebhaber sein, dann kann eine Beziehung zu Stress werden. Weil zu ihr auch Scheitern und Schwächen gehören.

Setze ich meine Ziele zu hoch, dann kann ich nie zufrieden sein. Ich kenne viele Menschen, die einfach nicht mehr zufrieden sein können, weil ihnen ihre zu hoch gesteckten Ziele im Weg sind. Weil sie das Gespür dafür verloren haben wann es genug ist. Darum plädiere ich für eine Kultur des Genug. Mein Glaube gibt mir dazu das geistige Futter. Er sagt mir, dass ich begrenzt bin, dass mein Leben begrenzt ist und dass all meine Bemühungen natürliche Grenzen haben. Dass ich natürlich schon das Meine tun kann und muss. Aber nur bis zu einem ganz bestimmten Punkt. Ab dem ich mein Leben und alles was ich erreichen möchte in Gottes Hand legen kann. Nicht immer der Schönste, Klügste und Beste sein wollen. Nur gut genug sein. Dem Mann oder der Partnerin nicht immer alles gut machen wollen. Immer mal wieder auch nur gut genug. Und: Nicht zu oft über den Punkt arbeiten. Nach einem vollen Arbeitstag abends nicht auch noch zu Hause die Geschäftsmails checken. Es gut sein lassen, mit der Arbeit. Genug sein lassen. Denn morgen ist auch noch ein Tag…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23486