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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Heute ist Heiligabend. Aber was ist heilig an diesem Abend? Es muss etwas mit Weihnachten zu tun haben. Klar. Allerdings ist Weihnachten erst morgen, dem Kalender nach, am 25. Dezember. Der Abend davor, weshalb ist der so besonders?
Als ich ein Kind war, hatte mein Vater an Heiligabend immer frei, auch wenn es - wie meistens - ein Werktag war. Wir haben als Familie ausführlich gefrühstückt, bevor dann Papa und ich los gezogen sind, um letzte Einkäufe zu erledigen. Meine Mutter ist zu Hause geblieben, weil es noch so viel vorzubereiten gab. Für den Abend, den heiligen. Im Laufe des Tages ist die Nervosität bei mir immer größer geworden. Und nicht nur wegen der Geschenke. Sondern weil es an diesem Abend eine Inszenierung der besonderen Art gegeben hat. Ein verschlossenes Wohnzimmer, in das ich nicht hinein durfte. Lieder und Musikstücke, für die ich schon Wochen im voraus auf der Flöte geübt habe. Ein Gedicht, ein Gebet, die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel. Anschließend ein festliches Abendessen. Die Nerven meiner Eltern sind auch blank gelegen und manchmal hat es geknallt zwischen den beiden.
Ob so ein besonderer Abend einfach ein bisschen viel ist für uns? Vielleicht können wir das Heilige kaum ertragen und wollen doch gleichzeitig so viel wie möglich davon festhalten. Obwohl mein Vater nicht offensichtlich gläubig war, ist Weihnachten für ihn etwas ganz Großes gewesen. Er hat sich riesig auf die Feiertage gefreut, auf die großen Gefühle. Es war ihm wichtig zu spüren, dass es uns gut geht, dass ich mich freue, wie das ein Kind eben tut. Ich denke, er hatte ein große Hoffnung: An diesem heiligen Abend echt und richtig zu spüren, was er sonst das Jahr über häufig vermisst hat: dass es schön ist auf der Welt, dass es sich lohnt zu leben, dass Arbeiten nicht alles ist.

Ich werde meinen Papa an Heiligabend besonders vermissen. Ich will das nicht ausblenden, was traurig und schlimm ist. Mit vielen anderen werde ich in diesem Jahr an das Attentat von Berlin denken und an die Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind.
Und ich verstehe eine Sache noch besser: dass alles Leben etwas Heiliges ist, dass Gott es beschützen will - wie das Jesuskind im Stall von Betlehem, auf das die Christenheit heute Abend schaut.

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Noch zwei Tage bis Weihnachten. Da will ich auf etwas hinweisen, das mir in diesem Jahr besonders wichtig ist. Die ersten Menschen, die von der Geburt Jesu erfahren, sind Schafhirten, und damit einfache Leute. Menschen, die oft übersehen werden von denen, die in Politik, Gesellschaft und Religion verantwortlich sind. Das war damals so, das ist heute so. Leider. Es ist schlecht, wenn die Menschen, die keinen großen Namen haben, vergessen werden. Weil oft sie es sind, die die Arbeit machen, die sonst keiner machen will.

Der Evangelist Lukas erzählt in seiner Weihnachtsgeschichte von dem Feld, auf dem die Hirten Wache halten. Dort - und mitten in der Nacht - haben sie eine Gotteserfahrung. Sie sehen Engel und hören Worte, die aus dem Himmel kommen. Sie spüren, wie nahe ihnen Gott ist. Er braucht sie. Er spricht zu ihnen. Es ist wie ein Wunder. Gott will Frieden für die Welt, sagen die Engel. Und: Dass Gott die rettet, die es schwer haben, denen es schlecht geht. Dazu schickt er sein Zeichen ein Kind, in Windeln gewickelt, in einer Krippe. (Lukas 2,12)

Lukas hat genau gewusst, weshalb er die Hirten als erste Zeugen von Weihnachten hervor hebt. Sie waren vor zweitausend Jahren so bedeutungslos wie viele sich heute fühlen. Lukas hat absichtlich nicht die religiösen Führer seiner Zeit genommen. Die fürchten sich vor allem, was neu ist und Veränderungen mit sich bringt. Auch keine Gelehrten. ... Und auch die politischen Machthaber blendet er aus. ...

Für das, was Lukas sagen will, ist es von entscheidender Bedeutung, dass schlichte, einfache Menschen offenbar am besten geeignet sind, um Gott zu verstehen. Gott wird ein Mensch. Einer von uns. Erst so kann er jedem Menschen so nahe sein, wie er will, und wie wir es brauchen. Da, das Kind, neugeboren, arm, schutzlos, auf Liebe angewiesen - das bin ICH, sagt Gott. Die Hirten haben nicht nur Augen und Ohren offen. Auch ihr Herz, also ihre innere Antenne, steht auf Empfang. So machen sie sich auf den Weg zum Stall, in dem das Jesuskind liegt. Dort angekommen staunen sie, beginnen zu verstehen, was die Engel gemeint haben,und erzählen schließlich davon weiter: „Wir haben bei Gott einen Platz. Wenn er in dem Kind in der Krippe ist, dann auch in mir, und jedem anderen.“

Das zu wissen, daran zu glauben, ja, so zu leben - das ist Weihnachten.

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Mein Vater ist vor sieben Jahren gestorben. Aber tot ist er für mich trotzdem nicht. Es gibt so viele Dinge, die mich an ihn erinnern: Zettel, die ich von ihm aufgehoben habe; Fotografien von unserer letzten Reise in seine Heimatstadt. Die Art, wie ich mich bewege sei meinem Vater ähnlich, sagen manche. Er ist für mich auch deshalb nicht tot, weil ich mir überlege, wie er über manche Themen denken würde. Über den Anschlag in Berlin, der ihn sehr beschäftigt hätte - so wie er mich und viele in diesen Tagen nicht loslässt. Ich hole mir dann in Gedanken seinen Rat ein. So wie früher, als wir uns über Gott und die Welt unterhalten haben.

Mag sein, dass manchen das wundert. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, um Abschied zu nehmen. Das stimmt. Und ich meine auch, inzwischen Abschied genommen zu haben. Es ist nicht mehr so, wie im ersten Jahr, nachdem er gestorben war. Da kam eine abgrundtiefe Trauer in mir hoch, die alles gelähmt und mich furchtbar erschöpft hat. Das ist nicht mehr so. Ich habe mich inzwischen mit den neuen Verhältnissen arrangiert. Aber den Zustand von meinem Vater und mein Verhältnis zu ihm als tot zu bezeichnen, das gelingt mir nicht. Und ich will es auch nicht.

Eigenartig: Es ist für mich so, als ob der Tod hier gar nicht existieren würde, als ob er keine Möglichkeit darstellt. Als ob da ein Band wäre zwischen meinem Vater und mir, das nicht zerschnitten werden kann, durch nichts. Das tut sehr gut. Und deshalb gibt es für mich auch keinen Grund, an diesem Zustand etwas ändern zu wollen.

Ob das mit „ewigem Leben“ gemeint ist? Ich glaube daran, dass nicht alles aus ist, wenn ein Mensch stirbt. Für meinen Glauben an Gott ist das so ziemlich das Wichtigste: dass Gott uns nicht wie Wegwerfartikel behandelt, sondern alles Leben für wertvoll hält. Das bedeutet für mich, dass es mit dem Sterben nicht aus ist, dass es weiter geht. Auferstehung nennt die Bibel das. Und sie umschreibt das, was kommt, mit Bildern: Paradies, Himmel und - eben - ewiges Leben. Wenn diese Bilder nicht leer sein sollen, muss ich sie mit meiner Erfahrung auffüllen. Nur so werden sie Teil meiner Realität.

Deshalb traue ich mich zu sagen: Mein Vater ist nicht tot. Nein, er lebt auch nicht mehr. Nicht so wie ich und die anderen, die noch nicht gestorben sind. Trotzdem ist er da, gehört zu meiner Welt, nach wie vor. Und ich hoffentlich auch zu seiner.

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Es wird schwieriger. Das Leben in unserem Land. Das Zusammenleben. Die anderen zu verstehen. Solidarisch zu sein. Es wird immer schwieriger, nach dem, was am Montag Abend in Berlin geschehen ist. Mit jedem neuen Akt des Terrors.

Inzwischen steht mit großer Sicherheit fest: Jemand hat ein Attentat verübt. Wer auch immer den LKW gestohlen, den Fahrer erschossen, und das Fahrzeug dann gezielt in die Menschen auf dem Weihnachtsmarkt gesteuert hat. Was für eine schreckliche und böse Tat!

 

Es wird jetzt noch schwieriger, nicht zu verzweifeln, nicht zu hassen, nicht den einfachen Lösungen hinter her zu laufen. Denn die werden jetzt wieder laut werden, lauter als bisher. Ich höre sie schon, die Rufe, die Fremden wegzujagen, Gleiches endlich mit Gleichem zu vergelten. Und unsere Kultur zu schützen. In der Tat: Das müssen wir jetzt, noch dringender denn je: Unsere Kultur beschützen. Aber die besteht eben vor allem auch darin, dass wir mit gutem Beispiel voran gehen, dass wir zeigen, was das Gute bewirken kann. Darauf baut das Zusammenleben in dem Deutschland auf, das ich gerne als meine Heimat bezeichne, und das ich in all den Jahren schätzen gelernt habe. Wir verteufeln die nicht, die anders sind als wir. Wir reagieren mit Maß, weil wir ein Ziel für alle haben, die bei uns leben. Wir beurteilen nicht nach dem ersten Eindruck. Wir geben jedem das gleiche Recht. Wir können teilen von dem, was unser reiches Land hat. Das heraus zu stellen und darin nicht nachzulassen - darin sehe ich auch meine Aufgabe als Christ. Weil die Liebe zum Nächsten, sogar zum Feind, auch Teil unserer Kultur ist.

 

Es stimmt: Wir dürfen nicht zulassen, dass verirrte und verwirrte Menschen die Kultur unseres Landes kaputt machen. Wir brauchen kluge Politiker, die innere Stärke zeigen und Polizisten, die uns beschützen. Aber wir dürfen dabei nicht so denken und handeln wie Terroristen: getrieben von Rache. Denn daraus entsteht genau das, was die Attentäter erreichen wollen. Dass wir uns hinein ziehen lassen in eine Spirale von Hass und Gewalt.

Der Attentäter von Berlin hat sich mit voller Absicht einen Weihnachtsmarkt als Ziel ausgesucht. Dort trifft er ins Herz unserer Kultur und auch unserer religiösen Identität. Das ist eine Kampfansage. Ich bin fest davon überzeugt: Gewinnen werden wir nur, wenn wir jetzt nicht den einfachen Weg gehen, sondern den schwierigen. Den, der auf die Macht der Liebe vertraut. Mehr als auf irgend etwas anderes.

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Gestern Abend hat sich ein schlimmes Unglück ereignet. Ob es sich dabei um einen Unfall handelt oder ein Attentat, wissen wir bis jetzt nicht mit letzter Gewissheit. Fest steht: Ein LKW ist in Berlin in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Mindestens zwölf Menschen sind dabei ums Leben gekommen, beinahe fünfzig wurden verletzt. Menschen, die nach dem Feierabend entspannen wollten. Die am Abend nochmals ausgegangen sind, um sich mit Freunden auf ein Glas Glühwein zu treffen. Bei den Toten und Verletzten sind meine Gedanken zuerst. Bei ihnen, ihren Angehörigen und Freunden.

Auf einem Weihnachtsmarkt sucht man Wärme und Geborgenheit, eine gute Stimmung, so wie man sie mit dem bevor stehenden Fest verbindet. Dass da der Tod lauern könnte? Wir müssen inzwischen befürchten, das so etwas passiert. Das ist schlimm genug. Weil es Misstrauen sät und uns dort trifft, wo wir verletzlich sind. Wie hinterhältig das ist, wie böse!

Nach allem, was wir bislang wissen, hat ein Mensch mit Absicht das schwere Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit in die feiernde Menschenmenge gelenkt. Ohne eine Ahnung zu haben, wer da ist. Ohne irgend eine Rücksicht. Was für ein Wahn-Sinn! Und wie sinnlos, dass deswegen Menschen sterben müssen, unschuldige, unbeteiligte Menschen.

Ja, es war damit zu rechnen, dass so ein Anschlag passieren würde, gerade auf einem Weihnachtsmarkt. Um so wütender bin ich, dass es nun tatsächlich so gekommen ist. Was ist nur los mit unserer Welt, dass Menschen so sehr hassen? Ich weiß darauf keine Antwort, aber ich spüre, dass etwas aus den Fugen gerät. Dann beginne ich danach zu suchen, was die zusammen hält, die guten Willens sind.

In ein paar Tagen ist Weihnachten. Seit gestern Abend liegt ein weiterer Schatten auf diesem Fest. Noch mehr Familien werden an Heiligabend abgrundtief traurig sein. Weil sie einen Menschen verloren haben, den sie lieben. Weil sie mit den Betroffenen fühlen. Niemand hat diesen Wahnsinn verhindert. Auch Gott nicht. Es ist bitter für mich, das zu sagen. Trotzdem glaube ich daran, dass unsere Welt nicht verloren ist, kein einzelner Mensch. Ich glaube, dass Gott uns nicht aufgibt. Dass der Frieden noch eine Chance hat, der von dem Kind in der Krippe ausgeht. Ja, daran glaube ich immer noch. Trotz aller Ohnmacht, die ich heute empfinde.

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Wissen Sie schon, wie Sie den Heiligen Abend verbringen werden, wie Sie ihn gestalten? Ich meine, dass es gut ist, sich rechtzeitig darüber Gedanken zu machen. Und noch ist fast eine Woche Zeit dafür. Der Abend vor Weihnachten ist anders als die anderen das Jahr über. Da gibt es große Erwartungen und Wünsche. Gefühle treten offener zu Tage. Die Nerven liegen nach den anstrengenden Wochen davor bei manchen blank. Etliche haben regelrecht Angst vor Weihnachten. Sie sind deshalb froh, wenn der „ganze Zauber“ nach den Feiertagen endlich vorbei ist. Sie fürchten sich davor, dass es Streit gibt. Sie fragen sich, wofür all die Vorbereitungen gut sein sollen. Sie wollen nicht allein sein, wo doch alle anderen im Kreis der Lieben feiern. Das gibt es alles an Heiligabend. So viele Bedenken und Sorgen, obwohl Weihnachten doch ein Fest ist. 

 

Ich finde, es gibt eine Frage, die jeder zuvor klären muss, wenn er sich auf Heiligabend einstellt. Nämlich die, was er sich von diesem Abend erwartet und was dabei im Mittelpunkt stehen soll: Dass es große Geschenke gibt? Ein besonders gutes Essen? Dass die ganze Familie beieinander ist? Lieder und Geschichten unterm Christbaum?  

 

Weihnachten ist ein christliches Fest. Dort liegen seine Wurzeln. Gott hat Geburtstag als Mensch. Jesus wird geboren. Das wird in den Kirchen an Weihnachten gefeiert. Und an Heiligabend auch zuhause, da wo wir wohnen und das ganze Jahr über leben. So war es zumindest üblich. Gott wird in jedem Haus geboren. Deshalb kann auch überall sein Geburtstag gefeiert werden. Gott ist automatisch immer und überall mit von der Partie. Er braucht keine extra Einladung. Gerade an Heiligabend findet er sich dort wieder, wo jeder von uns gerade ist. 

 

Es spielt deshalb auch keine Rolle, wie genau die Gestaltung Ihres Heiligabends aussieht. Wichtig ist nur, dass Sie sich darüber klar werden, wie Sie es gern haben wollen. Denn das entlastet ungemein und macht frei. Damit sie an Heiligabend ein Fest feiern können.  

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