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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sie ist der Mittelpunkt unseres Gesichtes. Die Nase. Durch sie atmen wir ein und aus und halten uns am Leben. Meistens merken wir das gar nicht und denken nicht daran.

Wie wichtig sie ist, merken wir oft erst, wenn wir so recht verschnupft sind, die Nase voll haben und keine Luft mehr bekommen.

Es gibt viele Bilder in unserer Sprache, die mit diesem Sinnesorgan verbunden sind. Z.B. einen guten Riecher für etwas haben, jemand nicht riechen können oder die Nase gestrichen voll haben.

Es geht dabei um elementare Gefühle oder Ahnungen.

Vielleicht ist Riechen sogar die zuverlässigste Form der Wahrnehmung. Während Auge und Ohr sich durchaus manipulieren lassen, lässt sich unsere Nase nicht so leicht täuschen. Verbrannt riecht nun mal verbrannt, schimmelig, schimmelig und süß, süß.

Der Geruchssinn ist auch ein Stimmungsbarometer. Unsere Nase vermittelt uns, wo dicke Luft herrscht und wo die Luft rein ist. Sie signalisiert uns, wo wir Luft um Atmen haben, wo unsere Gedanken Raum haben und wo jeglicher Freigeist im Keim erstickt wird.

Sie lässt uns ahnen, dass Frühling in der Luft liegt und manch ein feines Näschen riecht sogar den herannahenden Schnee. 

Manche Gerüche speichert man ein Leben lang ab, so meine ich manchmal noch in der Nase zu haben, wie es in unserem Grundschulklassenzimmer gerochen hat, im Speisesaal des Internats oder in der Küche meiner Oma am Backtag. Räume wie diese, würde ich blind wieder erkennen, allein mit Hilfe meiner Nase.

Ich möchte sie jedenfalls nicht missen. Nicht wenn es um Wohlgerüche geht, wie den Duft frischer Brötchen beim Bäcker, oder den einer frisch gemähten Wiese. Aber auch nicht dann, wenn es darum geht, einen üblen Geruch wahrzunehmen, etwas, das zum Himmel stinkt.

Das alles ist der Duft der großen, weiten Welt, der ein ganz Anderer den Atem eingehaucht hat. Welchen Duft verbinde ich mit ihm, mit diesem Schöpfer der Welt und allen Seins?

Ist es der Duft von edlem Weihrauch, der mir süß und schwer durch die Nase zieht? Oder verbinde ich ihn eher mit etwas Frischem und zugleich Undefinierbarem wie Wind und Wasser?

Ich ahne etwas von ihm in einem Raum, wo eine gute Atmosphäre herrscht und ein Geist von Freiheit spürbar ist. Er steigt mir dort in die Nase, wo die Not zum Himmel schreit.

Am meisten jedoch erahne ich etwas vom göttlichen Lebensatem, wenn ich so wie letzte Woche, ein neugeborenes Wesen im Arm halte.

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„Da braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl“ sagen wir, wenn es darum geht etwas Filigranes zu bearbeiten, da wo eher feinmotorisches statt grobmotorisches Handeln gefragt ist. Im ganz praktischen Bereich, beim Optiker zum Beispiel, wo die Schrauben winzige Schräubchen sind, die es einzudrehen gilt,  -  wie im übertragenen Sinne, wenn es um unser menschliches Miteinander geht.

Da hat dieses Fingerspitzengefühl etwas mit Einfühlungsvermögen und Taktgefühl zu tun. Wie verhalte ich mich angemessen und feinfühlig in schwierigen Situationen? Wie taste ich mich behutsam und respektvoll an jemanden heran, weil ich ihn besser verstehen möchte, ohne übergriffig zu werden?

Fragen, die mich nicht hinsichtlich der schwierigen politischen Konflikte unserer Tage beschäftigen, oder in unseligen Fernsehdiskussionen bei denen ich mir oft etwas mehr Fingerspitzengefühl und respektvollen Umgang wünschte - Sondern auch im ganz privaten Bereich.

Ein Beispiel dazu. Diesen Sommer habe ich eine Freundin besucht, die ich vor zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Unser Kontakt in der Zeit dazwischen war mehr als lose. Trotzdem haben wir uns sehr gewünscht, uns wiederzusehen.. Mir war mulmig – wie würde das werden – ob wir uns noch was zu sagen haben, nach all der Zeit – würde es ein oberflächliches Geplänkel geben oder würden wir uns trauen, etwas tiefer einzusteigen? Die Begrüßung war herzlich, vieles vertraut und doch hat es hat eine Weile gedauert bis wir uns vorsichtig auf das, was uns wirklich in der Zwischenzeit umgetrieben hatte  zubewegen konnten. Was kann ich fragen – was lasse ich besser unangetastet, wenn sie nicht von sich aus darüber sprechen möchte? Zum Beispiel die Trennung von ihrem Mann.

Und was von mir mag ich zeigen oder zumuten?

Was gilt es in solchen Gesprächen als Grenze oder Geheimnis zu respektieren, an dem nicht gerüttelt werden darf, weil es diesem Menschen gehört und nur ihm?

Vielleicht kennen Sie das ja in ähnlicher Form und wissen um den manchmal schmalen Grat auf dem sich so ein intensives Gespräch bewegt -  und kennen das tiefe Gefühl, der Dankbarkeit, wenn es gelingt, sich in einander einzufühlen und einander zu begegnen.

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Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist blau.

Bis zum Abwinken haben wir das als Kinder gespielt. Zu Hause oder während einer langen Zugreise, um uns die Zeit zu vertreiben. Immer ist es darum gegangen, es möglichst schwierig zu machen - etwas auszuwählen, was der andere nicht so einfach sehen konnte. Der einzige Hinweis auf das gesuchte Ding war seine Farbe. Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist blau – Wer es herausfinden wollte, musste sich wirklich Mühe geben, genau hinschauen, er musste alles Blaue sehen und benennen können, um schließlich das zu finden, was gemeint war.

Wenn ich heute an dieses Spiel denke, glaube ich dass es eine gute Übung war, achtsam zu sein. Kleine Details wahrzunehmen, einen zweiten oder dritten Blick auf etwas zu wagen. Außerdem  höre ich heute das kleine Wörtchen „noch“ mit – „Ich sehe was, was Du noch nicht siehst. Vielleicht weil Du es noch gar nicht sehen kannst, vielleicht weil es nicht offensichtlich ist oder im Verborgenen schlummert. Ich sehe was, was du nicht siehst, und ich möchte, dass du das auch sehen kannst und dir die Mühe machst, genauer hinzuschauen, tiefer zu blicken.

Vielleicht weil damit der Wunsch verbunden ist, etwas miteinander zu teilen oder noch existentieller gedacht: selbst gesehen zu werden. So wie ich bin, mit dem was mich ausmacht. Ich glaube, dass das eine, wenn nicht die Ursehnsucht des Menschen ist. Gesehen werden wollen – nicht aus Eitelkeit sondern aus einem Wunsch nach echter Nähe. Dass jemand mich wahrnimmt – für wahr nimmt, mit dem, was mich ausmacht.

Dazu gehört für mich der Wunsch, dass jemand sich die Mühe macht, tiefer zu schauen und auch das liebevoll anblickt, was ich nicht nach außen zeigen kann oder will.

Für mich ist es sehr tröstlich zu glauben, dass Gott genau das tut, so wie es in dem Kirchenlied heißt: „Herr, dir ist nichts verborgen. Du schaust mein Wesen ganz, Mein gestern, heut und Morgen wird hell in deinem Glanz (GL 428).

Ich glaube, dass er freundlich auf seine Menschen schaut…dass er bis auf den Grund einer jeden Menschenseele schauen kann -  sieht, was ich oft selbst noch nicht sehen kann – und dass er auch die dunklen Seiten  in Licht verwandelt - spätestens am Ende aller Tage.

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„Ich bin ganz Ohr“ – bei diesem Satz denke ich an ein Schwarz-weiß -Foto, das seit vielen Jahren auf meinem Schreibtisch steht. Darauf abgebildet ist das Gesicht eines Jungen, der mit geschlossenen Augen eine große Muschel an sein Ohr hält und versonnen lächelt.

„Rémi écoutant la mer“ hat der Fotograf Edouard Boubat das Bild genannt. Remi dem Meer lauschend  -  

Ich mag dieses Foto sehr. Ganz besonders berührt mich eine Sache: dass der kleine Junge so völlig bei dem ist, was er gerade tut: Hören, was die Muschel in seiner Hand ihm erzählt. Und auch wenn es verrückt erscheinen mag und es kein Meer weit und breit zu sehen gibt – er hört es - und sieht es dann womöglich sogar vor seinem inneren Auge. Die Wellen, die kommen und gehen, die Brandung, den Strand. Er ist ganz Ohr und - Weil er so ganz Ohr ist, hört und sieht er me(e)hr, wird das Unsichtbare für ihn hör- und sichtbar.

Ganz-Ohr-Sein-Können halte ich für etwas Wunderbares. Es ist Zuwendung par excellence, es erfordert meine ganze Aufmerksamkeit - Und es ist gar nicht so einfach. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich, wenn mir jemand etwas von sich erzählt sage: ah ja das kenn ich…. Und schwups bin ich bei mir und meinen Erfahrungen, die ich jetzt auch noch schnell einfließen lassen möchte. Gleichzeitig erlebe ich es umgekehrt  bisweilen als verletzend oder unsensibel, 

wenn mir dasselbe widerfährt...auch wenn ich weiß, dass es ganz menschlich und nicht böse gemeint ist.

Ganz anders ist es, wenn es mir gelingt wirklich ganz Ohr zu sein – So aufmerksam und präsent zuzuhören, dass ich vielleicht sogar erahnen kann, was jemand mir zwischen den Zeilen mitteilen möchte. Erst dann komme ich wirklich mit ihm in Beziehung und werde von ihm beschenkt. Und wie gut tut es andererseits, wenn ich selbst die Erfahrung machen darf, dass ich gehört werde, dass mir jemand zuhört und dabei ganz Ohr ist.

Carl Rogers, ein Psychotherapeut, drückt das einmal so aus: „Da ist doch etwas seltsam Befriedigendes, wenn man jemanden wirklich hört: es ist als vernehme man überirdische Musik, denn jenseits der unmittelbaren Botschaft, wie diese auch lauten möge, ist das Universelle“ (Carl R. Rogers, Der neue Mensch, S.19)

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Ich bin so knallvergnügt erwacht.

Ich klatsche meine Hüften.

Das Wasser lockt. Die Seife lacht.

Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht

mit Nasenflügelbeben

ein ungeheurer Appetit

nach Frühstück und nach Leben.

Mit diesem energiegeladenen Gedicht von Joachim Ringelnatz wünsche ich Ihnen gerade heute am Montag einen guten Start in die Woche. Beneidenswert wenn man so in den Tag starten kann. Knallvergnügt, voller Elan mit diesem/einem ungeheuren Appetit nach Frühstück und auf Leben. Wie sollte es schmecken, das Leben, dass man im wahrsten Sinne des Wortes Geschmack daran findet? Oder damit es Leben in Fülle ist, wie es uns Jesus von Nazareth versprochen hat?

Jedenfalls nicht fad, war mein erster Gedanke, ... nur süß wie Sahnetörtchen -  auch nicht, ... bitter auf keinen Fall, ... ab und zu prickelnd wie Champagner, bloß nicht ständig. Aber wie dann, was schmeckt nach Leben? Worin kommt das Leben am besten zum Ausdruck?

Mir kam spontan frischgebackenes Schwarzbrot in den Sinn  ... mit knuspriger, aufgebrochener Rinde. Wenn ich das rieche, anschneide und schließlich kaue, habe ich das Gefühl, etwas von dem zu schmecken, was Leben heißt.

Es ist hart und weich – salzig und süß zugleich. Um verschmecken zu können, was Leben heißt,  muss ich mich wie das Saatgut, das zum Korn, dann zu Mehl und schließlich zu Brot wird, all dem aussetzen, was nun einmal zum Leben gehört: Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Gesundheit und Krankheit, helle und dunkle Tage. Ich brauche Raum zum Wachsen ... und muss selbst Raum lassen, all den anderen Pflänzlein in Gottes Garten.

Damit das Leben seinen vollen Geschmack entfalten kann, muss ich es kauen wie Brot und es genießen, wenn’s süß schmeckt. Und ich mag es teilen, weil ich überzeugt bin, dass wahres Leben geteilt werden muss, wie Brot, und erst dann seinen vollen Geschmack entfaltet.

Und noch etwas, zum Schluss: Wenn ich so über den Geschmack des Lebens nachdenke, berührt es mich ganz eigen, dass Brot, dieses einfache Grundnahrungsmittel für den steht, der für uns Menschen das Brot des Lebens sein will – Jesus von Nazareth.

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