Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das ist doch mal ein schönes Zeichen: morgen fliegen Führungspersönlichkeiten der evangelischen und der katholische Kirche ins Heilige Land. Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation machen sie eine Pilgerreise an die Quellen des eigentlich gemeinsamen Glaubens. Eigentlich. Weil evangelische und katholische Christen sich eigentlich auf Jesus Christus beziehen und deshalb eigentlich eine Kirche sein könnten, ja müssten. Aber eine blutige Geschichte jahrhundertelanger Feindseligkeiten und eine Reihe theologischer Differenzen halten die christlichen Kirchen von einer vollen Einheit noch ab. Und das ist so schade wie schmerzlich. Denn an der Basis gibt es diese Einheit der Christen schon vielerorts. In praktischen und sozialen Fragen. Und das ist auch gut so. Wenn man nur an die völlig einige Haltung und Praxis der christlichen Kirchen in der Flüchtlingsfrage denkt. Was aber nicht automatisch zur Konsequenz haben muss noch bestehende Unterschiede in Liturgie oder Theologie unter den Tisch zu kehren. Denn das wäre wie bei allen Auseinandersetzungen: werden die Differenzen nicht sauber aufgearbeitet, tauchen sie immer wieder auf. Darum sollen sich die Theologen schon auch weiter um weitere Einheit bemühen. Immer mit Blick auf die Quelle ihres Glaubens, mit einem im besten Sinne guten Selbst-Bewusstsein ihrer je eigenen Tradition, aber gern auch mit einer ökumenischen Ungeduld. Denn die weltlichen wie auch die religiösen Lebensbedingungen  500 Jahre nach der Reformation sind so, dass es eigentlich ein Unding ist getrennt zu sein.

Islamismus, Fremdenfeindlichkeit oder Turbo-Kapitalismus mögen als Stichworte für die heutige Herausforderung des Christentums reichen.

Und darum ist es auch wirklich ein schönes Zeichen, dass evangelische und katholische Spitzenleute morgen ins Heilige Land fliegen. Möge der Geist Jesu Christi dort für sie noch spürbarer werden und sie zu Schritten ermutigen, die mehr als nur schöne Zeichen sind…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22916

925.200 Menschen sind letztes Jahr in Deutschland gestorben. Und wenn sich bei jedem Verstorbenen nur eine Person gefragt hat, wo dieser Verstorbene jetzt ist, dann waren letztes Jahr 925.200 Menschen mit einer zentralen Glaubensfrage konfrontiert: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und da sind die Antworten gar nicht mal so vielfältig. Nämlich drei. Die erste: Ich glaube es nicht. Tot ist tot und danach kommt nix mehr. Die zweite: ich glaube fest daran, ja bin mir irgendwie sicher, dass da mehr sein muss als nur dieses Leben. Und die dritte: ich weiß es nicht, aber ich bin offen oder hoffe, dass es da noch etwas gibt. Meistens stehen sich diese Antworten getrennt und sprachlos gegenüber. Getrennt, weil wir es einfach nicht wissen. Und so nur über unseren Glauben, unsere Hoffnungen und Vorstellungen sprechen könnten. Sprachlos, weil das so ein sensibler, intimer Bereich ist, über den so schwer zu sprechen ist. Bei dem eine zu große Sicherheit von glaubender Menschen befremden kann. Und eine zu große Sicherheit nicht glaubender Menschen abschrecken.  Ich habe einen Text entdeckt, der die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod in ein so schönes wie vorsichtiges Bild fasst. Ein Bild, mit dem, wie ich finde, verschiedenste mit dem Tod konfrontierte Menschen leben können. Er ist vom schlesischen Schriftsteller Cosmus Flam. Unter der Überschrift „Was mir der Tod ist“ erzählt er folgendes Erlebnis:

„Ich bin einmal im Boote durch Schilf und Röhricht gefahren. Auf der Wolga, unten bei Astrachan. Es war ein mühevoller Weg. Sumpfblasen platzten vor meinem Kiele, an meinen Rudern hing Tang; Binsen und Unkraut stellten sich mir in die Fahrt. Die Sonne stach heiß. Der Blick war getrübt. Ich ruderte bis ich schwitzte. Oft war ich im Begriffe mich hinzulegen und dazubleiben. Es war gegen Abend, als sich plötzlich das Dickicht lichtete, und vor mir, ach mein Freund, vor mir lag der gewaltige Strom, weit, majestätisch und wahrhaft göttlich. Er rollte seine purpurnen Wogen in den Abend, und ein Sonnenuntergang lag über seiner Mündung. Am Himmelsrand aber lag das Meer, unbegreiflich groß und weit und unermesslich. Da war alle Müdigkeit vergessen, aller Sumpf und die Hitze des Mittags. Die Strömung fasste mein Boot, ich setzte die Segel und fuhr glückselig hinab, erfüllt vom Überschwang des Ozeans.                                                                          … So ähnlich vielleicht, wird es sein.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22915

„Beim ersten Kind braucht man Hilfe, beim zweiten schafft man es allein und beim dritten hilft man der Nachbarin“. Diesen wunderbaren Satz habe ich von einer beeindruckenden Frau. Sie arbeitet in einer Familienberatungsstelle. Diese Frau finde ich beeindruckend, weil bei ihr die Kraft, die Tiefe und die Ruhe jahrzehntelanger Erfahrung zu spüren ist. Vor allem aber weil sie die Frauen, die zu ihr kommen, mit einer so hilfreichen Mischung aus Realitätssinn, Freiheit und Zuversicht berät. Und wenn dann zum Beispiel eine Frau Angst davor hat, es nicht zu schaffen mit einem Kind, dann fallen so wunderbare Sätze wie „Beim ersten Kind braucht man Hilfe, beim zweiten schafft man es allein und beim dritten hilft man der Nachbarin“.

Ich finde diesen Satz so wunderbar, weil er wahr ist, weil er zuversichtlich ist und weil er einem Menschen mit Angst über seine Angst hinaus sehen hilft. Natürlich haben viele Frauen auch Angst, wenn sie heutzutage schwanger werden. Nicht nur wenn sie ungewollt schwanger werden oder der Mann sich aus dem Staub gemacht hat. Nein, „guter Hoffnung sein“ wird heute schon durch das viele Wissen schwer gemacht, was alles schief gehen kann bei Schwangerschaft und Geburt. Außerdem haben viele Frauen heute noch gar kein Baby in den Händen gehalten bevor sie selbst ein Kind bekommen. Ganz einfach weil es nicht mehr so viel Babys gibt und weil es kaum mehr Großfamilien gibt. Die Erfahrung dass es geht und wie es geht, müssen heute viele Frauen allein machen. Und deshalb brauchen sie dabei auch Hilfe beim ersten Kind. Beim zweiten haben sie dann schon diese Erfahrung und sind sicherer. Und dann, so sie dann zu der in unserer Gesellschaft eher seltenen Zahl von drei Kindern kommen sollten, dann haben sie so viel eigene Erfahrung, dass sie diese dann weitergeben können.

Und dass ist für mich das schönste am Spruch der Familienberaterin: Frauen sind durch Schwangerschaft, Geburt und Kinder so nah am Leben, dass sie sich mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit helfen. Und so schließt sich ein Kreis weiblicher Lebenshilfe. Der bei der Beraterin begonnen hat und bei der Nachbarin endet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22914

Was machen gerade Ihre Hände? Halten sie noch Ihr Kopfkissen? Hält Ihre Hand die Zahnbürste oder die Kaffeetasse? Hände sind so wichtige wie selbstverständliche Körperteile. Hände sind die Verkörperung von Aktivität. Sie tun, sie schaffen, machen, gestalten. Sie sind die Ausführungsorgane unserer Gedanken und Gefühle. Hände können zupacken, tragen und streicheln. Sie können aber auch wegstoßen, abhalten und schlagen. Hände sind die sichtbaren und spürbaren Außenposten unserer Seele. Wir werden in die Hände einer Hebamme hineingeboren und oft ist das Letzte, was ein Mensch in diesem Leben spürt eine Hand, die ihn hält.
Wohl deshalb fasziniert mich ein Bild des holländischen Malers Rembrandt so sehr. Er hat genau den Moment gemalt, in dem der verlorene Sohn zum Vater zurückkehrt. Der Vater umarmt den Sohn und man sieht die Hände des Vaters auf dem Rücken seines Sohnes ruhen. Ein wunderschönes Bild für Vergebung und Großmut. Das Besondere an diesem Bild ist aber, dass der Vater zwei verschiedene Hände hat: Eine feine, weiche, weiblich aussehende Hand und eine kräftige, starke, männlich aussehende Hand. Damit hat Rembrandt ausgedrückt wie er den barmherzigen Vater sieht. Und zwar den aus dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn. Wie auch den Vater im Himmel: zart und stark zugleich. Liebend und haltend, fordernd und fördernd.

Die Hände verkörpern in diesem Bild, was das Gleichnis vom verlorenen Sohn ausdrücken soll und damit auch eine der zentralen Aussagen des christlichen Glaubens: Was auch immer du angerichtet hast in deinem Leben, wenn du bereust, umkehrst und es wieder gut oder sogar besser machen möchtest, dann wirst du mit offenen Armen empfangen. Und gehalten von Händen, die stark sind und zart zugleich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22913

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Beziehung.“ Dieses Zitat ist von Virginia Satir, einer amerikanischen Familientherapeutin. Ich weiß nicht, wie christlich Virginia Satir gewesen ist und will sie auch nicht vereinnahmen. Aber selten habe ich das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – so klar formuliert gesehen. Auch dass sie das, was Christen mit Nächstenliebe meinen, ein Geschenk nennt, finde ich schön und richtig. Denn Liebe kann man nicht erzwingen, sondern nur schenken oder sich schenken lassen. Darüber wie das in den alltäglichen Beziehungen auch und gerade in Familien geschehen kann, hat Virginia Satir einen Text geschrieben. Eine Hörerin hat ihn mir geschickt. Durch diese Hörerin bin ich erst auf Virginia Satir gekommen. Der Text heißt „Wie ich dir begegnen möchte“ und er klingt auf den ersten Blick sehr anspruchsvoll. Ich denke aber, dass er wahr und lebbar ist. Darum will ich ihn weiter geben. Er geht so:

„Ich möchte dich lieben ohne dich einzuengen. Dich wertschätzen ohne dich zu bewerten. Dich ernstnehmen ohne dich auf etwas festzulegen. Ich möchte zu dir kommen ohne  mich dir aufzudrängen. Dich einladen ohne Forderungen an dich zu stellen. Dir etwas schenken ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Ich möchte von dir Abschied nehmen ohne Wesentliches versäumt zu haben. Dir meine Gefühle mitteilen ohne dich dafür verantwortlich zu machen.
Dich informieren ohne dich zu belehren. Dir helfen ohne dich zu beleidigen. Mich um dich kümmern ohne dich verändern zu wollen. Mich an dir freuen, so wie du bist.
Wenn ich von dir das Gleiche bekommen kann, dann können wir einander wirklich begegnen und uns gegenseitig bereichern.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22912

„Wir können nicht wieder wie die Kinder werden, aber wohl danach trachten, dass die Kinder nicht so werden wie wir.“ Ein Spruch von Erich Kästner. Was er wohl damit gemeint hat? Wie sollen denn die Kinder nicht werden? So ernst, so kopflastig, oder so skeptisch wie wir Erwachsenen? Oder ob sich Kästner wohl auf die Bibelstelle bezogen hat, in der Jesus ein Kind zur Seite genommen und zu den Seinen gesagt hat: „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder kommt ihr nicht ins Himmelreich“? Im Christentum werden gläubige Menschen immer wieder in Verbindung mit Kindern gebracht. Der Apostel Paulus beschreibt die Menschen, die sich vom Geist Gottes leiten lassen als Kinder Gottes. Aber was heißt das denn? Was heißt es „zu werden wie die Kinder“? Das heißt sicher nicht blind oder blauäugig zu sein oder gar kindisch. Nein, ich denke Jesus, Paulus und all die Menschen, die sich um unser Kindsein sorgen, wollen uns gut. Wollen, dass wir die kindlichen Anteile in uns bewahren. Dass wir nicht ganz in der harten Welt der Erwachsenen stecken bleiben, sondern auch weich bleiben. Und wie könnte das gehen? Vielleicht indem wir darauf schauen was das Kindsein ausmacht. Und das ein wenig mit unserem Erwachsenenleben vergleichen:

Kinder sind offen, neugierig, unvoreingenommen, spontan. Kinder sind noch so herrlich eingebunden in die Natur. Und damit anderen Kindern, Tieren und Pflanzen noch so natürlich nahe. Vielleicht darum sind sie auch so ehrlich, so direkt und unverfälscht. Kinder sind vertrauensvoll, ohne Hintergedanken. Und voller Gefühl. Vor allem aber können sie lieben, kopflos lieben, mit vollem Herzen und in aller Selbstverständlichkeit.  

All das mag nun sehr ideal klingen. Und natürlich gibt es genug Kinder, die so nicht sind oder sein können.

Aber wenn wir in einer ruhigen Minute mal in uns hineinhorchen, dann hören wir vielleicht auch das eine oder andere Echo aus unseren Kindertagen. Und spüren wie schön das war und wie gut es getan hat Kind zu sein. Ganz dahin zurück können wir natürlich nicht. Aber uns vielleicht immer wieder ein wenig dorthin zurückfühlen. Und so auf dem Boden der Tatsachen dem Himmel ein Stück näher kommen. Durch das Kind in uns…

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22911