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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Besorgt blicken wir in diesem Sommer zum Himmel, wenn sich schwarze Wolken zusammenballen. Mit ungeahnter Wucht sind in diesen Tagen schwere Unwetter niedergegangen, haben Dörfer verwüstet, ganze Landstriche überschwemmt und Menschen in den Tod gerissen. Die Betroffenen sind – zusammen mit vielen Helferinnen und Helfern – immer noch dabei, die Straßen zu räumen und die Häuser wieder bewohnbar zu machen. 

Wasser – ein zwiespältiges Element! Zum einen die Mutter des Lebens, birgt es zum andern doch den Tod in sich. Atemberaubend schön und gleichzeitig - den Atem raubend. 

Auch die Bibel weiß um die Zwiespältigkeit des Wassers. Eine der ersten Großtaten Gottes bestand darin, dass er dieses gewalttätige Element in seine Schranken wies, erzählt das Schöpfungslied im Alten Testament (Buch Genesis 1,7). Später ist von einer verheerenden Sintflut die Rede. Es überleben nur die Gerechten (Genesis 6,13-22, 7-8). Mit Gottes Hilfe gelangt das Volk Israel auf der Flucht vor dem Pharao trockenen Fußes durch die Fluten des Roten Meeres, in dem dann aber die Verfolger jämmerlich ersaufen (Exodus 14,15-31). In der Wüste droht das Volk zu verdursten, hätte Mose nicht auf Gottes Geheiß Wasser aus dem Felsen geschlagen (Exodus 17,1-7). Mensch und Tier lechzen nach Wasser, lesen wir in den Psalmen. Im andern Fall aber schreit der Beter in Todesnot: „Hilf mir, o Gott, dass Wasser steigt mir schon bis an die Kehle“ (Psalm 69,2). Den See Genesareth nennen seine Anwohner das „Auge Gottes“, so schön und lieblich glänzt er in der Sonne. Und ist doch für seine gefährlichen Stürme bekannt. 

Leben und Tod spiegeln sich im Element des Wassers gleichermaßen wider. In den Tauf-Ritualen der alten Kirchen werden daher die Täuflinge untergetaucht und kommen dabei symbolisch dem Tod ganz nahe. Dann aber tauchen sie auf ins Leben hinein. 

Dieser Gewittersommer lehrt mich zum einen die Dankbarkeit, dass mich heute früh das Element des Wassers erfrischt und belebt. Sauberes Wasser, wie wir es genießen dürfen, ist ein Segen. 

Zum andern aber sollten wir uns nicht täuschen: Wir werden die Urgewalt des Wassers nie beherrschen, wir können allenfalls die Schäden begrenzen. Das bewahrt uns vor Hochmut! 

Im Katastrophenfall hilft dann nur noch eines, nämlich gemeinsam zusammenzustehen und den berstenden Wogen des Wassers mit einer Woge der Hilfsbereitschaft zu begegnen. 

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Fliegt uns demnächst Europa um die Ohren? Unabhängig davon, ob die Briten nun bleiben oder nicht, bietet die EU gegenwärtig ein Bild des Jammers! Den Krümmungsgrad der europäischen Freilandgurke kriegen wir geregelt, aber keine  gemeinsame Flüchtlingspolitik! Statt solidarisch den Fliehenden Zuflucht zu geben, macht jedes Land, was es will. Die einen versperren mit Stacheldraht die „Balkanroute“, andere bauen verfallene Zäune und Mauern wieder auf. Wir schließen fragwürdige Verträge mit fragwürdigen Regierungen, um uns mit viel Geld die Flüchtenden vom Hals zu halten. Nun ertrinken sie wieder zu Hunderten im Mittelmeer. 

Wohin man blickt: Europa rückt immer mehr nach rechts! Kleingeister spielen sich auf – unfähig, die moderne, globale Welt auch nur zu denken, geschweige denn zu gestalten. Nur eines verstehen sie, nämlich dumpfe Ängste und Emotionen in der Bevölkerung zu schüren. 

Nun rächt sich, dass Europa keine gemeinsame Währung hat. Ich meine nicht den Euro, sondern eine tragende geistige Idee. Eigentlich hat man nur die ehemalige Freihandelszone zu einer Wirtschaftsunion aufgeblasen, einer Veranstaltung von Banken, Börsen und Konzernen. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum ist aber noch lange kein Lebensraum. „Wir haben versäumt, ein Europa zu bauen, das sich nicht nur um die Wirtschaft dreht“, sagte Papst Franziskus vor kurzem, als er den „Karlspreis der Stadt Aachen“ entgegennahm. „Was ist los mit dir, Europa“, fragt er und erinnert an Aussöhnung und Freiheit, Demokratie und Menschenrechte und den Reichtum der Kulturen. 

Die Bude wackelt. Das europäische Haus muss durch ein gemeinsames geistiges Fundament untermauert werden. Als Grundpfeiler eignen sich – auf der Basis der christlichen Tradition – Humanismus und Solidarität. Aus einer Wirtschaftsunion muss eine Werte-Gemeinschaft werden. 

Wir alle müssen uns fragen: Was ist uns Europa wert? Haben Sie bei der Fahrt nach Frankreich schon einmal mit ihren Kindern in Verdun Halt gemacht, wo sich Franzosen, Deutsche und Briten zu Zehntausenden zerrieben? War Ihnen angesichts unüberschaubarer Soldatenfriedhöfe Europa schon mal ein „Vater unser“ wert? 

Wenn Europa  zur Herzenssache wird, eröffnet sich ein neuer „Schengen-Raum“ - nicht nur einer der offenen Grenzen, sondern der offenen Herzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22199

Steht eine Kuh an der Kasse im Supermarkt, im Einkaufswagen zehn Liter Milch aus dem Regal. Verwundert fragt die Kassiererin: „Kaufen Sie neuerdings auch bei uns?“ - „Klar“, antwortet das Rindvieh, „so billig kann ich es selber nicht machen...“ Diese Karikatur macht gerade die Runde. Zum Lachen, wenn's nicht zum Weinen wäre. 

Die Milchpreise sind dermaßen in den Keller gefahren, dass sie nicht einmal mehr die Produktionskosten decken. Viele Milchbauern zahlen drauf. Lange macht das keiner, dann knallt er die Stalltür für immer hinter sich zu. Mit dem Apostel Paulus könnte man fragen: „Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch der Herde?“ (1. Korintherbrief 9,7). Er beansprucht mit diesem Wort, als Missionar von seiner Gemeinde versorgt zu werden. So ist es doch das gute Recht der Bauern, von ihren Erträgen leben zu können. Ihre Arbeit ist trotz Technik immer noch anstrengend genug! 

Der Markt ist schuld, sagen nun alle. Aber den haben auch alle gewollt. Besonders die Billig-Discounter, die ihre Kundschaft mit Spottpreisen für Grundnahrungsmittel an ihre Regale locken. Die Verbraucher, die sich ohne Skrupel bedienen. Auch die Politik und die  Agrar-Lobby erweisen sich als wahre Markt-Fetischisten. Milch und Milchprodukte weltweit zu vermarkten, hat ohne immense staatliche Subventionen noch nie funktioniert. Wird da nur künstlich ein Popanz hochgehalten? 

Ein kostbares Lebensmittel weltweit so zu verramschen, ist in meinen Augen Sünde! Da fehlt es an der nötigen Ehrfurcht den Tieren gegenüber, die als „Turbo-Kühe“ immer noch höhere Milchleistungen erbringen müssen. Die gegenwärtigen Milchpreise beleidigen vor allem aber die Bauern, die nicht mehr auf ihre Kosten kommen und um ihre Existenz fürchten. 

Der Milchpreis: Ein Ernstfall für uns als Konsumenten! Soweit möglich, sollten wir regional erzeugte Milch und Milchprodukte zu gerechten Preisen einkaufen. Aber dann sind Politik, Handel und Erzeuger an der Reihe, die Milchmengen zu begrenzen und die Bauern dafür zu entschädigen. Im Übrigen würde sich ein Blick nach Kanada lohnen: Dort hat man einen einen gesetzlichen Mindestpreis für die Milch festgelegt. Ein marktwirtschaftlicher Sündenfall, ich weiß. Doch er garantiert ein Minimum an Gerechtigkeit.   

Wenn wir weiterhin keine kostendeckenden Milchpreise bezahlen, wird man zukünftig Kühe nicht mehr auf Bauernhöfen, sondern vielleicht noch in der Wilhelma bestaunen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22198

„Die Waffen nieder! Sag's vielen - vielen!“ - mit diesen Worten auf den Lippen starb heute vor 102 Jahren in Wien Bertha von Suttner, die österreichische Publizistin und Pazifistin. „Die Waffen nieder“ - das war auch der Titel ihres Romans, der damals international Aufsehen erregte. Als „Friedens-Bertha“ von ihren rechts-nationalen Gegnern verhöhnt, konfrontierte sie die kriegslüsterne Welt mit der These, Kriege seien angesichts moderner Waffen-Technologie gar nicht mehr zu gewinnen. Krieg bedeute nur noch systematische gegenseitige Vernichtung. 

Als Privatsekretärin des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel hatte Bertha von Suttner von der verheerenden Wirkung dieses Sprengstoffes erfahren. „Der nächste Krieg“, so prophezeite sie, „wird von einer Furchtbarkeit sein, wie noch keiner seiner Vorgänger“. Sie sollte Recht behalten. Wenige Tage nach ihrem Tod im Jahre 1914 fielen die verhängnisvollen Schüsse in Sarajewo. Als hätte man nur auf ein solches Signal gewartet, schlugen dann die Völker im „Ersten Weltkrieg“ aufeinander los.  

Heute reichen die Arsenale des Todes aus, um die Menschheit gleich mehrfach auszulöschen. Was aber Politik und Militär nicht hindert, ständig mit dem Feuer zu spielen. In atemberaubenden Tempo dreht sich nun wieder die Rüstungsspirale und verschleudert kostbare Ressourcen – auch bei uns. Panzerbrigaden, Manöver an den Grenzen, Erweiterung der NATO, neue Raketenabwehrschirme – Säbelrasseln in Ost und West, Aktion und Reaktion. Wer hat angefangen? Wie dumme Buben zeigt einer auf den andern. 

Für Bertha von Suttner ist der Krieg der „Höhepunkt der Unvernunft“. Als sie 1905 den Friedens-Nobelpreis entgegennehmen durfte, forderte sie ein internationales Schiedsgericht, um Konflikte zwischen den Staaten friedlich beizulegen. Eine Friedensunion aller Völker müsse schon im Vorfeld jede feindliche Absicht erkennen und gemeinschaftlich zurückweisen. 

Krieg – der „Höhepunkt der Unvernunft“. Also ist es vernünftig, hartnäckig und geduldig um Abrüstung und Frieden zu ringen, statt nun wieder die „Abschreckung“, diesen alten, verstaubten Ladenhüter aus der Waffenkammer zu holen. 

Der Aufschrei dieser mutigen Pazifistin Bertha von Suttner „Die Waffen nieder!“ erinnert mich an das Wort des Propheten Jesaja: „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“ (Jesaja 34,15). Diese Forderung muss die politische Agenda bestimmen!  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22197

Emma, hieß meine Tante aus Amerika. Sie schickte mir kurz nach dem Krieg ein Kommunion-Anzügle über den großen Teich. Gottseidank, sonst hätte ich in kurzen Hosen und Wollstrümpfen an den Altar treten müssen. 

Emmas Vorfahren waren Mitte des 19. Jahrhunderts dem Hunger und dem Elend in unserem Dorf entflohen und nach Amerika ausgewandert. 

Ein verheerender Vulkanausbruch hatte im Jahre 1815 den Himmel verdunkelt und in weiten Teilen Europas zu anhaltenden Missernten geführt. Kriegerische Auseinandersetzungen verschärften die desolate Lage. Das Land lag am Boden. „Wir wissen uns nicht mehr zu helfen, haben seit Tagen nichts mehr zu essen und fallen fast um vor Schwäche. Mein Weib und mein Kind greinen den ganzen Tag“, schrieb damals ein Handwerker aus dem Ländle. Kaum zu glauben: Etwa eine Million Menschen allein aus Württemberg und Baden machten sich in jenen Jahren auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Russland oder Amerika. 

Wie sich die Bilder von damals und heute gleichen: Auch unsere Landsleute – überwiegend junge Männer – kratzten ihr letztes Hab und Gut zusammen, um gegen Vorauskasse auf einem Segel- oder Dampfschiff in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen. „Wirtschaftsflüchtlinge“ würde man sie heute abfällig nennen. Unvorstellbar, man hätte sie damals wieder in ihr vermeintlich „sicheres Herkunftsland“ zurückgeschickt. Sie hätten wohl kaum überlebt, wären sie nicht im Zufluchtsland aufgenommen worden. 

Heute ist „Weltflüchtlingstag“. Wenn wir uns an das Schicksal unserer Vorfahren erinnern, werden wir den Flüchtenden von heute gerne geben, was sie zum Leben brauchen. Fremdenfeindlichkeit ist nicht nur unmenschlich, sondern auch noch geschichtslos. Pegida und Konsorten beleidigen posthum unsere eigenen Landsleute, die damals der Not und dem Elend entflohen sind.  

Im Alten Testament der Bibel wird auch das Volk Israel immer mal wieder knallhart mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Vermutlich hatte es auch damals schon ähnliche Übergriffe gegen die Fremden gegeben. 

Denkt daran, so heißt es im 5. Buch Mose (Buch Deuteronomium 10,18-19): Ihr wart doch selber Fremdlinge in Ägypten. Daher sollt ihr die Fremden lieben. Gott selbst verhilft ihnen zu ihrem Recht. Ja – er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung.

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Wenn irgendwo eine Gerüchteküche brodelt, spitzt man unwillkürlich die Ohren. Lasst uns also das „Gottesgerücht wachhalten“, meint der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner, dann wecken wir die Neugier der Menschen, die Neugier auf Gott! 

Die Bibel ist ein Buch voller Geschichten und Erzählungen. So zum Beispiel hält sich in ihr hartnäckig das Gerücht, Gott neige sich uns zu wie ein gütiger, liebevoller Vater. Er sei gar nicht so fremd und unnahbar, wie viele Menschen meinen. Wir dürfen dieses Bild gerne um die im jüdischen Patriarchat zu kurz gekommene Mutter ergänzen: In solcher Liebe wären wir also gut aufgehoben, erzählt man sich. 

Gerüchteweise ist auch zu vernehmen, dieser Gott habe sich in seinem Sohn Jesus Christus ganz in unser Menschsein eingelassen, daher sei er mit Freud und Leid unseres Lebens vertraut. Er wisse um unsere Grenzen. Jesus habe Kranke geheilt, Elendsgestalten wieder aufgerichtet und den Mächtigen die Leviten gelesen. Es gäbe eine letzte Gerechtigkeit, wird behauptet. Das tröstet die Armen und provoziert die Reichen, die nicht teilen wollen. Um sich und seiner Botschaft treu zu bleiben, sei Jesus selbst in den Tod gegangen. Also würde er uns auch im Sterben nicht alleine lassen. 

Das hängt zusammen mit dem abenteuerlichsten Gerücht über ihn: Seine Getreuen wollen ihm nach seiner Hinrichtung wieder begegnet sein, ganz anders zwar als zuvor, aber doch sehr nah. Die Frauen und Männer aus der Gefolgschaft Jesu waren sich sicher: Er lebt. Wer ihm nachfolgt, so glauben seitdem die Christen, könne hoffen, dass der eigene Tod nicht das Ende ist. Vielmehr öffne er das Tor in ein neues, anderes Leben. Die Liebe sei wie ein „Leitstrahl“. Ihm entlang zu navigieren, führe hin zu Gott, denn Menschen- und Gottesliebe verschmelzen miteinander.  

Das „Gottesgerücht wachhalten“ - das ist allemal besser, als die Menschen mit Glaubenssätzen zu erschlagen. Gerüchte kann man glauben oder auch nicht. Aber einmal in die Welt gesetzt, sind sie in aller Regel nicht mehr totzukriegen. 

Das „Gottesgerücht wachhalten“ - das bedeutet: So leben und so von Gott erzählen, dass die Menschen neugierig werden auf ihn.

 

 

 

 

 

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