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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Nicht fertig werden.“ Eine (gute alte) Freundin hat mir eine Einladung geschickt. Eine Einladung zu ihrem „Ruhestandsfestle“. Auf der Rückseite der Karte stand ein Gedicht von Rose Ausländer. Es beginnt und endet mit eben diesem Satz „Nicht fertig werden“. Es geht so:

 

Nicht fertig werden.

Die Herzschläge nicht zählen,

Delfine tanzen lassen.

Länder aufstöbern,

aus Worten Welten rufen,

horchen, was Bach zu sagen hat.

Tolstoi bewundern.

Sich freuen, trauern.

Höher leben, tiefer leben.

Nicht fertig werden.

 

Ein wunderbarer Text gerade für den Ruhestand, in dem zwar die Arbeit zu Ruhe kommt, aber doch nicht das Leben! Und weil das auch ein guter Text für die Zeit vor dem Ruhestand ist, will ich ihm heute Morgen noch ein wenig nachspüren. Die Herzschläge nicht zählen. Ja, nicht immer ans Ende denken, nicht immer sammeln, messen, wägen und zählen, sondern das Herz ungezählt schlagen lassen, leben. Und die Delfine tanzen lassen. Wer schon mal gesehen hat wie elegant Delfine durchs Wasser gleiten und springen, der weiß wie natürliche Lebensfreude aussieht. Freude am Leben macht auch Länder aufzustöbern – klasse Bild. In der Welt zu kramen wie in einer alten Kiste. Aus Worten Welten rufen – durch ein gutes Buch oder ein befreiendes Wort zu einem Menschen, der es braucht. Horchen, was Bach zu sagen hat. Mit der Sprache der Musik, die Sprachgrenzen so wunderbar überschreiten und direkt in die Seele sprechen kann. Tolstoi bewundern, zum Beispiel welch tiefe Einblicke er in die Psyche des Menschen hatte und wie toll er das in Worte fassen konnte. Sich freuen, weiß Gott eine Kunst, nicht alles selbstverständlich zu nehmen und immer wieder auch das Herz hüpfen zu lassen. Und es genauso langsamer werden lassen, absinken lassen in Zeiten der Trauer, wenn man tiefer, bewusster und dadurch auch wesentlicher lebt, gerade auch wenn es schmerzt. Und dann irgendwann wieder höher leben, aufrecht, gerade wie ein Baum. Die Füße gut verwurzelt im Boden. Den Kopf hoch – dem Himmel entgegen. Und nie fertig werden. Immer weiter immer höher, dem Himmel entgegen…

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„Ein guter Stolperer fällt nicht“, das war ein Spruch meines Vaters. Meistens witzig gemeint, um die kurze Verunsicherung nach dem Stolpern zu überbrücken. Daran musste ich denken als ich letztlich bei der Antrittsvorlesung eines Theologieprofessors war. Er hat das Stolpern als Chance beschrieben, als Chance etwas zu lernen. Er hält es für eine Fähigkeit, sich aus dem Tritt bringen zu lassen. Stolpern zu lernen als  eine Qualität. Ich fand das spannend und provozierend. Provozierend, weil ich ja sehr wohl weiß, wie wichtig das Gewohnte, das Altvertraute ist. Nur nicht zu viel verändern, das strengt an, verunsichert und stört. Spannend fand ich diese positive Sicht des Stolperns, weil die festgefahrenen Bahnen, das ganz Sichere, die festen Ordnungen ab einem gewissen Punkt etwas Starres, ja auch Lebensfeindliches haben. Und da kamen mir die Flüchtlinge in den Sinn. Sie haben unsere Gesellschaft ins Stolpern gebracht. Eine Gesellschaft, der es verglichen mit dem Rest der Welt ziemlich gut geht. Eine Gesellschaft, die die Globalisierung bislang nur aus dem Fernsehen, den Fernreisen und den Vorteilen der Wirtschaft gekannt hat. Und nun steht die Globalisierung auf einmal in Form von fremden Menschen vor unserer Haustür. Und die wollen auch noch was von uns: Schutz, Hilfe und eine neue Heimat. Das bringt unsere gewohnten und ungestörten Abläufe weiß Gott ins Stolpern. Gut stolpern könnte jetzt heißen: sich fangen, inne halten und Ruhe bewahren. Fremdenfeindliche Worte und Taten mit derselben Schärfe bestrafen wie frauenfeindliche Gewalttaten. Dass uns die Flüchtlinge als Gesellschaft aus dem Tritt gebracht haben, kann aber auch etwas sehr Gutes und Wichtiges bewirken: dass sie uns mit all ihrer Not, ihrer Andersartigkeit und der Herausforderung, die sie für uns sind, zum Nachdenken bringen. Zum Nachdenken darüber welche Werte wir haben. Welche Kultur uns verbindet und trägt. Welche Rolle Religion bei uns hat, haben soll und nicht haben soll. Und welche Grundwerte von den Menschen, die eine neue Heimat bei uns finden möchten, nicht nur respektiert, sondern gelebt werden sollen. Damit aus dem kurzen Stolpern unserer Gesellschaft ein neuer sicherer Gang wird. Auf dem festen Boden eines humanen und weltoffenen Deutschlands, das sich bewusst ist woher es kommt und wohin es will.                  

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Wie Worte wirken können: Worte können sein wie Pfeile, einmal losgelassen holt man sie nicht wieder zurück. Worte können aber auch wohl tun, ja heilen. Letztlich habe ich einen Film gesehen, in dem das besonders deutlich wurde. Er beruht auf einer wahren Geschichte. Der amerikanische Journalist  Mark O‘ Brian war durch Kinderlähmung bewegungsunfähig und an eine Beatmungsmaschine gebunden. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen, aber sexuelle Regungen konnte er spüren. Er hatte keine große Lebenserwartung und so wuchs in ihm der Wunsch, einmal mit einer Frau zu schlafen. Was in seinem Zustand ja nahezu unmöglich schien. Durch Zufall kam er auf eine Sexualtherapeutin und sie erklärte sich unter klar definierten Rahmenbedingungen bereit, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Und nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat es dann tatsächlich geklappt. Er konnte mit dieser Frau schlafen. Diese für ihn außerordentliche Erfahrung hat dann auch dazu geführt, dass er mit einer anderen Frau eine glückliche Beziehung geführt hat bis er im Alter von 49 Jahren gestorben ist. Bei seiner Beisetzung wurde ein Text von ihm verlesen, den er seiner Sexualtherapeutin gewidmet hat. Als Dank dafür, was sie ihm ermöglicht hat. Diesen Text möchte ich jetzt lesen, für uns alle, die wir Hände haben, mit denen wir anderen Menschen wohl tun können und Worte, die unser Innerstes erreichen können: 

Lass mich dich mit meinen Worten berühren, denn meine Hände liegen  darnieder wie schlaffe Handschuhe. Lass mich dein Haar mit meinen Worten streicheln, den Rücken hinabgleiten und deinen Bauch kitzeln, denn meine Hände missachten meine Wünsche und weigern sich störrisch meinen stillsten Begierden nachzukommen. Lass meine Worte in deine Seele eintreten, Fackeln tragend. Lass sie aus freiem Willen in dein Sein hinein, damit sie dich zart in dir liebkosen.

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„Seine Grundsätze sollte man für die wenigen Augenblicke in seinem Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“ Als ich diesen Satz von Albert Camus gelesen habe, musste ich an meine katholische Kirche denken. Natürlich braucht eine Religion Grundsätze. Religiöse Grundsätze und ethische Grundsätze. Und auch Grundsätze in Sachen privater Lebensführung und Sexualität. Das Problem der Katholischen Kirche aber war, dass sie sich zu lange, zu viel und zu detailliert in allzu private Dinge ihrer Gläubigen eingemischt hat. Wo doch der Glaube und das Seelenheil der Menschen Vorrang haben sollten. Darum sollte auch und gerade bei Fragen der Sexualmoral eine spirituelle Haltung der Kirche im Vordergrund stehen. Und bei einer solch spirituell-christlichen Haltung steht nicht der rigide Grundsatz an oberster Stelle, sondern eben die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit hat mit Weite, mit Wohlwollen und Wärme zu tun. Sie weiß um die Möglichkeit des Scheiterns, aber auch der Entwicklung des Menschen. Auf der Basis einer solch spirituell-barmherzigen Haltung ist und bleibt die Familie ein großes Glück, das es zu schützen und zu fördern gilt. Wo aber eine Familie oder eine Ehe scheitert, gilt es nicht das Scheitern zu verurteilen und die Gescheiterten auszugrenzen, sondern sie in ihrem Leid zu begleiten. Nicht anders bei der Sexualmoral der Kirche. Keine lebensfernen Vorgaben mehr, sondern warten bis wir Christenmenschen gefragt werden. Wenn zum Beispiel Jugendliche zahllose Pornos auf ihrem Smartphone gesehen haben bevor sie zum ersten Mal selbst mit jemandem schlafen. Oder wenn die Menschen heute durch all die Normierung und Kommerzialisierung der Sexualität so unter Druck stehen, dass sie sich schwer tun mit Leib und Seele erfüllendem Sex. Erst wenn sie uns Christenmenschen danach fragen, dann und erst dann sollten wir ihnen antworten. Dann sollten wir aber auch Antworten parat haben, die liebevoll und lebbar sind. Und schließlich: wenn nun etwa 5% der Menschen dasselbe Geschlecht lieben, dann ist das nicht all die Aufregung wert, sondern eine Variante in Gottes schöner Schöpfung. Darum will ich homosexuelle Menschen nehmen wie sie sind. Und schon gar nicht  verändern. Will sie nicht anders behandeln als alle Anderen. Denn jeder Mensch, ob hetero- oder homosexuell, ist doch so viel mehr als seine geschlechtliche Orientierung.

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„Ein salomonisches Urteil“, davon spricht man, wenn jemand, der etwas zu entscheiden hat, gerecht und menschlich entscheidet. Dieses geflügelte Wort stammt - wie so viele - aus der Bibel. Es ist interessant wie es entstanden ist. Es bezieht sich auf den sprichwörtlich weisen König Salomo. Er wurde schon jung ein König und litt unter der Last der Verantwortung. Eines Nachts erschien ihm Gott im Traum und sagte, dass er einen Wunsch frei hat. Und was wünscht sich der junge König Salomo? Nicht Geld, nicht Macht und auch kein langes Leben, sondern: ein hörendes Herz! Der junge Mann wünscht sich ein hörendes Herz, damit er ein guter König sein kann. Ich liebe diese beiden Worte: ein „hörendes Herz“. Denn ein hörendes Herz ist nicht nur für Könige reserviert. Es ist ein wunderbares Bild für Menschen, die auch innerlich hören können, mit dem Herzen hören können. Bei denen das, was gesagt wird, nicht nur durch die Ohren und durch den Kopf geht, sondern eben auch durch das Herz. Die das, was sie hören bedenken und befühlen. Die beim Hören nicht nur auf das WAS achten, sondern auch auf das WIE, wie etwas gesagt wird. Die auch zwischen die Zeilen hören.  
Im öffentlichen Bereich zum Beispiel. Im Parlament, bei Festreden oder in Talkshows: Macht jemand nur Sprüche? Will jemand mich rhetorisch über den Tisch ziehen? Spricht ein Mensch zwar warme Worte, aber seine Augen sind kalt? All das spürt ein hörendes Herz und mahnt zur Vorsicht. Oder in der Schule: Ist ein Kind ungewöhnlich verschlossen? Oder ein anderes kaspert unaufhörlich herum, dann spürt ein hörendes Herz, dass diese Kinder Zuwendung brauchen. Oder zu Hause: Allein wie das allabendliche „Hallo“ klingt, sagt einem hörenden Herzen schon wie der Tag des anderen war. Ob er reden möchte, reden muss oder es gerade nicht möchte.

Und wie kommt man zu einem hörenden Herzen, wenn es einem nicht im Traum von Gott geschenkt wird? Ich denke, es wird einem schon auch geschenkt, im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Durch Menschen, die auch schon mit dem Herzen hören können. Aber man kann es auch lernen – mit der Zeit, mit Geduld und vor allem mit der Liebe zu den Menschen.

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„Ein guter Anfang braucht Begeisterung, ein gutes Ende Disziplin“, das war das Motto der Fußballnationalmannschaft auf ihrem Weg zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Nun hat es nicht jeder mit Fußball. Und Disziplin ist auch nicht jedermanns Sache. Aber für die deutschen Kicker hat der Satz gestimmt. Denn was hätte es genutzt die Portugiesen beim ersten Spiel mit viel Begeisterung schwindlig zu spielen, um dann irgendwann danach  aus dem Turnier zu fliegen, weil die Disziplin gefehlt hat. Begeisterung ist wichtig, als Motivation, als Anschubenergie, als das Feuer, das den Ofen zum Brennen bringt. Dann aber gilt es das Feuer am Brennen zu halten, und dazu gehört Disziplin, oder anders ausgedrückt: Geduld, Selbstkontrolle und Weitblick.  Das kann man auf viele andere Bereiche übertragen. Heute am Montag, zum Beispiel die Woche so gut es geht und mit Energie beginnen. Aber nicht gleich alles verfeuern, es kommen ja noch 5 Tage. Oder beim Flüchtlingsthema, das war doch wunderbar wie die Menschen im letzten Herbst bei uns empfangen wurden. Wie freundlich sie empfangen wurden. Und jetzt nach aller Begeisterung braucht es Disziplin diese historische Herausforderung auch zu einem guten Ende zu bringen. Vor allem dadurch, dass die Flüchtlinge, die bei uns bleiben, unsere Sprache lernen. Dazu braucht es dann deren Disziplin und unsere. Und die Flüchtlinge müssen Arbeit bekommen und auch arbeiten. Beides: Sprache und Arbeit sind Schlüssel zu einer gelungenen Integration.

Das mit dem begeisterten Anfang und dem disziplinierten Ende lässt sich auch auf das ganze Leben übertragen. Weiß Gott! Der Schwung und die Begeisterung der jungen Jahre, mit der man das Leben anpacken möchte und oft auch tut, die braucht zu ihrem guten Ende, zu ihrem guten Lebensende auch Disziplin. Wenn die Kräfte schwinden sich nicht gehen lassen. Wenn die Malaisen mehr werden schon auch mal klagen dürfen, aber nicht zu viel jammern, denn das tut einem selbst und den anderen nicht gut. Wenn das Leben im Rückblick auch Enttäuschungen zeigt, sie nicht zu groß werden lassen. Sie mit weitem Blick und Wohlwollen ins ganze Leben einordnen. Und auch die guten Dinge sehen. Damit dann auch das Ende insgesamt ein gutes wird.

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„Einen Tag ungestört in Muße zu verleben, heißt einen Tag ein Unsterblicher zu sein.“ Ich habe selten ein so sinnvolles Plädoyer für den Sonntag gelesen, wie diese chinesische Weisheit. Weil sie aber beim ersten Hören fremd klingen mag, gerne nochmal: „Einen Tag ungestört in Muße zu verleben, heißt einen Tag ein Unsterblicher zu sein.“ Es lohnt sich den Einzelteilen dieses Satzes nachzuspüren. Zunächst dem „ungestört“. Also sich einen Tag durch Nichts und Niemanden stören lassen. Keine Besuche machen, keinen Besuch bekommen, kein Handy, kein Smartphone, kein PC. Und was heißt Muße? Muße heißt zweckfrei bei mir sein und bei mir bleiben. Nur das tun, was mir gut tut: Spazieren gehen, Lesen, Musik hören, im Haus oder im Garten werkeln. Aber nichts erledigen, nichts machen müssen, sondern nur wollen, sich treiben lassen bis hin zum wohligen Nichtstun, sich körperlich und seelisch hängen lassen. Das ist ganz schön schwer, ich weiß das sehr wohl, weil ich auch gern aktiv bin, weil ich es gewohnt bin, aktiv zu sein und weil ich dabei merke, dass ich lebe. Und genau bei diesem Gedanken habe ich mich gefragt, ob ein Teil meiner Betriebsamkeit nicht auch aus Angst vor dem Tod kommt. Weil aktiv sein doch Leben heißt und passiv sein irgendwie leblos ist, ja  tot. Aber diese chinesische Weisheit behauptet doch dass ich unsterblich bin wenn ich nichts tue, dass ich ewig lebe, wenn ich nichts zielgerichtet tue und es mir gut gehen lasse.

Ich glaube diese Lebensweisheit hat recht! Denn wenn ich aus aller Betriebsamkeit der Welt heraustrete, trete ich ein in meine Zeitlosigkeit. Wo es kein Gestern und kein Morgen gibt, sondern nur das Jetzt. In dem ich an mein wahres Sein rühre, mein Innerstes, meine Seele berühre. Die – wie ich glaube  - unsterblich ist. Und so kann ich, wenn in Muße bin, tatsächlich ein paar selige Momente lang eintauchen in die Unsterblichkeit.

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