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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Maria und Josef, Hirten und Könige, Schafe, Ochs und Esel. Und natürlich das Jesuskind. Sie alle gehören ganz klassisch zu einer Weihnachtskrippe.

In der Jesuitenkirche in Heidelberg tummeln sich aber noch jede Menge anderer Figuren:

Neben Maria und Josef stehen dort Obdachlose, Junkies mit ausgemergelten Gesichtern, Aidskranke und Prostituierte in schrillen Kostümen. Aber auch demonstrierende Studenten, ein raffgieriger Banker und sogar Stuttgart 21-Gegner.

Was gerade aktuell ist und die Menschen bewegt, das kommt in die Krippe: 2014 war es die Deutsche Fußballnationalmannschaft, 2013 Papst Franziskus. Und im vergangenen Jahr Flüchtlinge, die im Wasser ertrinken.

Mitten in unsere Welt, mitten in das aktuelle Geschehen, in die Sorgen und Nöte der Menschen hinein – dort ist Jesus geboren. Das spricht mich an dieser Krippe besonders an. Denn es geht nicht um eine idyllische Darstellung, die nur einfach schön anzusehen ist. Diese Krippe zeigt, dass mein Glaube heute noch relevant ist.

Denn Gott ist in dieser Welt. Davon bin ich überzeugt. Gott hat die Welt nicht nur irgendwann mal erschaffen und will jetzt nichts mehr mit ihr zu tun haben. Im Gegenteil. Er ist gerade auch in den heutigen Herausforderungen dabei.

Die Krippe ist aber auch interessant, weil die etwa 50 cm großen Figuren im Untersuchungsgefängnis entstehen. Die Häftlinge arbeiten mit Papier, Draht, Kleister und Farben. Und der Seelsorger, der vor vielen Jahren die Idee dazu hatte, sagt: „In manchen von ihnen stecken ungeahnte Talente.“

Neben den vielen Figuren haben die Häftlinge den Betrachtern der Krippe auch noch etwas anderes hinterlassen. Es ist eine schwarze Gestalt, ähnlich einem Tier, das mitten in der Krippe sitzt. Diese Gestalt soll die Angst symbolisieren. Die Angst, die gerade bei den Häftlingen Tag und Nacht da, aber nie wirklich zu greifen ist.

Und es ist die Angst, die vielleicht in jedem Menschen irgendwo sitzt: Angst davor, zu wenig zu gelten, zu verlieren, ohnmächtig oder nicht geliebt zu sein.

Wenn morgen offiziell die Weihnachtszeit endet, sind viele Krippen schon längst wieder aus den Wohnzimmern geräumt worden. In der Heidelberger Jesuitenkirche bleibt die Krippe der Häftlinge noch bis zum 2. Februar stehen. Diese Krippe macht besonders deutlich: Gott kommt in diese Welt und damit in die tiefsten menschlichen Abgründe. Allen Menschen, jedem einzelnen, will Gott mit seiner Liebe nahe sein.

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Der Tag hat 24 Stunden. „Leider nicht mehr“, denkt der eine oder die andere jetzt vielleicht von Ihnen, wenn Sie sehen, was heute alles erledigt werden muss. „Hoffentlich geht der Tag schnell vorbei“, mögen andere denken, auf die heute etwas wartet, was sie am liebsten schon hinter sich gebracht hätten.

Ähnliche Gedanken hatte vor knapp 60 Jahren vermutlich auch Papst Johannes XXIII.

Mit 77 Jahren ist er zum Papst gewählt worden. Für ihn aber kein Grund die Hände in den Schoss zu legen. Im Gegenteil: kurze Zeit nach seiner Wahl hat er eine große Versammlung, das sogenannte „Vatikanische Konzil“ einberufen mit mehr als 2000 Teilnehmern. Sicher war ihm klar, dass das nicht ohne Streit, Debatten und manche Diskussionen über die Bühne gehen würde. Und bestimmt war er erleichtert, wenn manche Tage einfach nur vorbei waren. Aber sein Einsatz hat sich gelohnt, denn die Ergebnisse des Konzils haben Vieles in der Kirche verändert.

Was mich bis heute an Papst Johannes XXIII beeindruckt ist, woher er jeden Tag die Kraft genommen hat. Sicherlich hat seine einfache, humorvolle und unkomplizierte Art es ihm leicht gemacht mit Schwierigkeiten zu Recht zu kommen. Besonders schätze ich aber, dass er ein unglaubliches Vertrauen gehabt haben muss. Ein Vertrauen, dass ihn gelassener hat werden lassen.

Und wie auch immer Ihr Tag heute anfangen mag – vielleicht kann ein Wort von Johannes dem XXIII. dazu beitragen heute etwas von dieser Gelassenheit einzuüben.

Nur für heute

werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

Nur für heute

werde ich nicht danach streben, die anderen zu kritisieren oder zu korrigieren – nur mich selbst.

Nur für heute

werde ich mich den Gegebenheiten anpassen, ohne zu verlangen, dass sich die Gegebenheiten an mich und meine Wünsche anpassen.

Nur für heute

werde ich eine gute Tat vollbringen und ich werde es niemand erzählen.

Nur für heute

werde ich etwas tun, wozu ich eigentlich keine Lust habe.

Nur für heute

werde ich keine Angst haben und mich an allem freuen, was schön ist.

Nur für heute

Werde ich fest daran glauben, dass Gott für mich sorgt – so als gäbe es keinen anderen Menschen auf der Welt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21214

„Imperfect“ – auf Deutsch „unvollkommen“ steht seit einigen Wochen auf vielen Werbeplakaten einer großen Modemarke.

Im Hintergrund sind Menschen zu sehen, die keine professionellen Superschönheiten sind, sondern Menschen wie Du und ich. Doch keineswegs sehen diese Menschen so aus, als ob sie unvollkommen wären oder gar darunter leiden würden. Im Gegenteil: sie lachen, strahlen und wirken rundum zufrieden. Das ist gewollt.

Die Kampagne spielt mit den Parallelen zwischen dem Wort „Imperfect“ und „I´m perfect“. Im Englischen macht nur ein kleines Häkchen zwischen den Buchstaben den Unterschied. Und schon wird aus dem Wort „unvollkommen“ die Aussage „Ich bin perfekt“.

Mir gefällt diese Werbung. Denn auch ich finde, dass jeder auf seine ganz eigene Art außergewöhnlich und schön sein kann. Doch obwohl ich das weiß, bleibt es eben doch eine große Aufgabe, sich selbst genauso zu akzeptieren, wie man ist: seien es die Äußerlichkeiten, die man sich anders wünscht oder auch Charakterzüge, die man an sich nicht so mag.

Sich aber auch gerade mit diesen Dingen anzunehmen und sie nicht auszublenden, gehört zu den Grundaufgaben des Menschen. Der Theologe Romano Guardini beschreibt das so:

„Ich muss auf den Wunsch verzichten, anders zu sein als ich bin. (…) Dass ich nicht gegen mein Dasein protestiere; nicht mich aus ihm hinauswünsche; nicht neidisch auf die blicke, die reicher, angesehener, gesünder, schöner, begabter, schöpferischer sind als ich.“

Das sagt sich so leicht, aber es wirklich zu glauben ist gar nicht so einfach. Mir gefällt deshalb besonders, wie Guardini das begründet. Er sagt sinngemäß: Gott hat jeden Menschen gewollt. Wieso kritisiere ich dann ständig an seiner Schöpfung herum? Sicher hat Gott sich was dabei gedacht.

Für mich heißt das: Ich bin perfekt, weil Gott mich so will. Das ist ein Versprechen, das größer ist als das, was ich mir selbst jemals geben kann. Ich bin mir von Gott gegeben – eben mit all dem, was mich ausmacht.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21213

Sie sind das beste Trio aller Zeiten.

Vielleicht denken Sie jetzt an die drei Musketiere oder an die drei Tenöre.

Für mich sind die Heiligen Drei Könige das beste Trio aller Zeiten!

In der Bibel ist übrigens an keiner Stelle von „drei Königen“ die Rede, sondern lediglich von Sterndeutern aus dem Osten. Aber wie dem auch sei: das hat ihnen und ihrer Botschaft sicher nicht geschadet.

Denn Caspar, Melchior und Balthasar sind für mich wichtig, weil sie so gut suchen können. Man könnte sogar sagen, ihre Geschichte ist eine richtige Glückssucher-Geschichte.

Denn wer das Glück sucht, der spürt, dass es noch mehr gibt. Wer sucht, ist aufmerksam und sehnt sich nach dem, was dem Leben Sinn gibt.

Die Sterndeuter haben genau das ihr Leben lang gesucht. Jeden Tag haben sie aufmerksam die Sterne beobachtet. Sie sind wachsam geblieben und haben deshalb auch die besondere Sternenkonstellation entdeckt. Ihnen war klar: jetzt müssen wir los. Orientierung gibt der Stern.

Außer Aufmerksamkeit brauchen die Sterndeuter für ihre Suche aber auch einiges an Zeit. Umso mehr, da sie sich durchfragen und einen Umweg über Jerusalem in Kauf nehmen müssen. Doch immerhin bekommen sie dort wichtige Informationen, die bei der Suche weiterhelfen. Und schließlich finden sie, wonach sie gesucht haben.

Mit den drei Königen kann ich also gut suchen-üben.

Zunächst braucht es als Aufhänger der Suche einen Stern. Etwas, was mich aufschauen lässt. Was mich neugierig macht. Und dann muss ich den Mut haben loszugehen. Fragen und suchen, Umwege aushalten und mir Zeit nehmen.

Und wie bei den Königen ist manches Mal auch ein Perspektivwechsel angesagt. Vom Blick in den Himmel haben sie, an der Krippe angekommen, den Blick vor allem nach innen gerichtet. Sie haben auf ihren Traum geachtet, ihrer Intuition getraut und dann davon ihren weiteren Weg bestimmen lassen.

Auch das zeigt mir das heilige Trio: nämlich ab und an in mich hinein zu hören. Denn letztlich ist der Weg zu dem, was mich glücklich macht, schon in mir.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21212

Seit einer Woche sind Tobias, Florian und Manuel mit einer riesigen Menge Suppe und warmen Socken unterwegs. In Heidelberg ging es los und nun fahren sie in Kleinbussen die sogenannte Balkanroute entlang.

„Viele schütteln den Kopf über die aktuellen Zustände in Europa“, schreiben die drei auf ihrer Homepage. Sie meinen damit die Bedingungen, unter denen Menschen monatelang auf ihrer Flucht unterwegs sind. „Jeder will, dass etwas passiert. Wir nehmen uns die Zeit und handeln,“ sagen sie.

Und das tun die jungen Männer mit dem, was sie können.

Tobias ist Sternekoch und daher der Profi für die Suppen. Sein Bruder Florian hat als Unternehmer schon viele Projekte geleitet und Manuel ist ein Freund der beiden. Im richtigen Leben ist er Wirtschaftsingenieur. Allen war klar: „Die Entscheidung, ob wir es machen, hat sich für uns so nie gestellt. Wir haben das Equipment, wir haben das Know-How und wir sind entschlossen. Also los!“

Die Initiative der drei heißt „Soup & Socks“. Bis Sonntag sind sie mit ihrer mobilen Suppenküche unterwegs. Und wer mag, kann auf der Homepage Bilder und Videos sehen. Und noch etwas ist ihnen wichtig: „Wir wollen helfen, aber auch aus erster Hand Eindrücke sammeln und teilen.“

Als Toni, passionierter Filmemacher aus Bayern, im Dezember von der geplanten Tour erfahren hat, hat er nicht gezögert und sich kurzerhand der kleinen Gruppe angeschlossen. Toni unterstützt als Profi nun die Aktion, indem er sie dokumentiert.

Es waren aber noch viele andere nötig, damit die Tour überhaupt losgehen konnte. Denn natürlich brauchten sie auch Geld. Jede Menge Suppenzutaten und Tausende von Bechern und Löffeln mussten bezahlt werden. Dazu kommen Fahrt- und Mautkosten für ungefähr 5000 Kilometer.

Doch auch daran ist die Aktion nicht gescheitert. Viele Spender haben sich bereits gefunden und täglich kommen mehr hinzu. Sei es eine Tante, die ein Paket mit über 100 Paar Socken geschickt hat bis hin zu vielen Geldspenden.

„Soup & socks“ – das ist mehr als nur Suppe und Socken. Tobias, Florian und Manuel, möchten ein Zeichen setzen. „Nicht nur wir sehnen uns nach Geborgenheit und Zuwendung am Fest der Liebe, sondern auch die Familien, die dieses Gefühl in ihrer Heimat nicht mehr finden können.“

Ich finde, das ist ihnen gelungen. Ein beeindruckendes Projekt und gelebte Nächstenliebe.

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In ungefähr einem Jahr soll der Satellit „Keo“ ins Weltall geschossen werden. „Keo“ hat einen großen Auftrag: 50.000 Jahre lang wird er unsere Erde umkreisen. Und wenn der kleine Satellit irgendwann wieder auf der Erde landet, ist das Erstaunen sicherlich groß. Denn in seinem Inneren befindet sich eine Glasplatte mit Tausenden von eingravierten Botschaften. Botschaften von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen: profan oder bedeutend, lächerlich oder philosophisch. Eine riesige Ladung voller Erinnerungen.

In den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig stöbere auch ich gerne mal in den Erinnerungen aus dem letzten Jahr. Ich habe dafür zwar keinen Satelliten, der Erinnerungen aufbewahrt, aber das eine oder andere halte ich das Jahr über dennoch fest.

Schöne und bedeutsame Erlebnisse kommen bei mir in ein kleines Büchlein: ein gutes, stärkendes Wort aus einer Karte, eine Liedzeile, die mich eine Weile begleitet hat oder Erinnerungen an besondere Stunden mit Freunden. Es sind die schönen, kostbaren Dinge, die ich aufschreibe. Momente, an die ich mich gerne erinnere. Denn was ich an Erlebnissen am liebsten zum Mond schießen möchte, schreibe ich erst gar nicht auf.

Und es gibt noch andere Erlebnisse, die ich nicht aufschreibe. Nämlich die, die mich so berühren und freuen, dass ich sie bestimmt nicht vergessen werde.

In der Weihnachtsgeschichte entdecke ich das auch wieder. Dort lese ich: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“

Maria brauchte kein Büchlein, um sich zu erinnern. Sie bewahrte die Worte der Weihnachtsbotschaft ganz drinnen bei sich auf: im Herzen.

In der Bibel steht das Herz für die Mitte des Menschen. Für das, was ihn ausmacht und prägt – im Denken, wie im Fühlen. Dort hat Maria all das aufbewahrt, was geschehen ist: die Nachricht über ihre Schwangerschaft, die Geburt, der Besuch der Hirten und Weisen. Und in all dem hat Maria erkannt, dass ihr Leben getragen und begleitet war. Dieses Vertrauen hat sich fest in ihrem Innern verankert. Das hat ihr die nötige Kraft gegeben auch schwere Zeiten auszuhalten.

Ein bisschen sind auch wir, wie der Satellit „Keo“. Erlebnisse können wir in unserem Innern speichern. Aber wie gut ist es, dass diese dort nicht einfach nur konserviert und aufbewahrt werden. Sondern dass kostbare Erinnerungen, die wir in unserem Herzen gespeichert haben, uns prägen und stärken können.

 

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Weniger Stress, mehr Bewegung, eine gesündere Ernährung und mehr Zeit für die Familie und Freunde. Das sind laut Umfragen die beliebtesten Vorsätze für das neue Jahr.

Und inzwischen gibt es stapelweise Ratgeber, wie diese Vorsätze über die ersten Januartage hinaus durchgehalten werden können.

Auch mir fällt manches ein, das ich gerne an mir ändern würde: geduldiger mit mir und mit anderen zu sein, wenn wieder mal was nicht so schnell geht, wie ich mir das gewünscht hätte. Oder mir Konflikte nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.

Doch ich weiß, dass mir dazu ein Vorsatz am Jahresanfang wenig hilft. Denn meine Haltung ändere ich nicht einfach so von heute auf morgen. Das dauert länger.

Eine Erzählung aus Tibet beschreibt das sehr anschaulich:

Ich gehe die Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich falle hinein. Ich bin verloren…ich bin ohne Hoffnung. Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich tue so, als sähe ich es nicht. Ich falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein. Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich sehe es. Ich falle immer noch hinein…aus Gewohnheit. Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin. Ich komme sofort heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich gehe drum herum.

Ich gehe eine andere Straße. (nach Sogyal Rinpoche)

Mit manchen meiner Gewohnheiten geht es mir wie mit dem Loch in der Straße. Es dauert eine ganze Weile, bis ich gelernt habe es anders zu machen. Das muss ich üben – mehrmals und nicht nur in den ersten Januartagen.

Die Erzählung ermutigt mich aber, es immer wieder zu versuchen, selbst wenn ich wieder in das gleiche Loch gefallen bin. Und sie erlaubt mir, nicht zu streng mit mir zu sein, wenn ich es nicht auf Anhieb schaffe. Irgendwann gelingt es mir vielleicht aus alten Gewohnheiten herauszukommen. Und dann kann ich auch ganz neue Wege gehen.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21209