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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der graue, nasskalte November lässt einen an den Tod denken. Obwohl: daran denkt niemand gern. Warum soll ich darüber nachdenken, hat mir ein Mann gesagt. Es weiß doch sowieso niemand was dann kommt.
Manchmal kann man dem Thema aber nicht ausweichen. Zum Beispiel wenn ein Kind fragt: „Und wo ist jetzt der Opa?“ „Im Himmel“ sagen dann viele, weil sie das Kind nicht mit einem „Ich weiß es nicht!“ beunruhigen möchten. Und ich finde „im Himmel“ ist eigentlich eine gute Antwort. Denn es heißt ja nicht: Da oben irgendwo in den Wolken. „Im Himmel“, das heißt „bei Gott“. Und daran glaube ich fest, dass die Toten bei Gott aufgehoben sind. Er hält sie in seiner Hand und bei ihm leben sie. Ohne Schmerzen und Tränen und Leid.
Aber gilt das für alle? Das kann doch nicht sein, sagen viele. Die bösen Menschen doch nicht. Die Hitlers und Stalins, die Schläger und Vergewaltiger: Die sollen auch in den Himmel kommen? Nein, das wäre nicht gerecht. Die Bösen – die kommen in die Hölle. Die guten in den Himmel zu Gott, der Opa zum Beispiel und die Oma – aber die Bösen in die Hölle, wo sie bezahlen für das, was sie getan haben.
Und – es ist wahr – es gibt solche Vorstellungen auch in der Bibel. Aber manchmal denke ich: Ob sich da vielleicht sehr menschliche Wünsche und Vorstellungen eingeschlichen haben bei denen, die das aufgeschrieben haben?
Jesus hat gesagt: „Die Guten werden auferstehen zum Leben – aber die Böses getan haben zum Gericht“ (Joh 5, 29)
Gericht: Es wird alles aufgedeckt werden, wie vor Gericht. Das Gute, mit dem ich anderen gut getan habe. Aber auch das, wovon ich gehofft hatte, dass es nie jemand erfährt. Auch die Dinge, die ich mir schön geredet hatte: Ist doch halb so wild, machen doch alle so. Auch das, was einfach passiert ist, aus Nachlässigkeit oder weil ich es nicht besser wusste. Vor Gottes Gericht wird das alles aufgedeckt. Das kann ich mir gut vorstellen. Und das ist bestimmt ein schrecklicher Moment. Wahrscheinlich werde ich mich schämen und weinen. Und dann?
In einer neuen Übersetzung dieses Wortes von Jesus steht: „die Böses getan haben, werden auferstehen, um verurteilt zu werden“ (Basisbibel). Aber Jesus hat von „verurteilen“ nichts gesagt. Dass am Ende verurteilt wird, wer Böses getan hat, das ist anscheinend mehr die Erwartung der Übersetzer, die eine Strafe wollen für die Bösen.
Deshalb verlasse ich mich lieber darauf, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird. Auch die, die ich vielleicht weinen muss, wenn aufgedeckt wird, wie ich wirklich bin. Und dann wird es keine Tränen mehr geben. Was für eine Aussicht! 

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„Und wenn morgen die Welt untergeht, will ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Satz ist nicht von Martin Luther, obwohl das immer wieder behauptet wird. Aber ich finde, die haben trotzdem recht, die Luther diesen Satz zuschreiben. Er würde gut zu ihm passen.
Luther hatte große Angst, dass in den Turbulenzen und grausamen Kriegen seiner Zeit die Welt untergehen würde. Zum Beispiel während des Bauernkrieges (1524-1526) als in entsetzlichen Schlachten zehntausende Bauern brutal niedergemetzelt wurden. Luther hielt die chaotischen Ereignisse für den Anfang des Weltuntergangs. Noch dazu gab er sich selbst – wohl zu Recht – einen Teil der Schuld daran. Er hatte die Fürsten darin bestärkt, den Umsturz der gewohnten Ordnung mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Aber genau in dieser Situation heiratet Luther. Er will die alleinstehende ehemalige Nonne Katharina von Bora versorgen. Und er will zeigen, dass man nicht aufgeben muss, auch wenn es so aussieht, als bräche die ganze Welt zusammen. Ein Apfelbäumchen pflanzen also, auch wenn demnächst womöglich die Welt untergeht. Im Juni 1525 fand die Hochzeit statt, mitten im Krieg.
„Und wenn morgen die Welt unterginge, will ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Lange habe ich gemeint, das wäre ein Satz für junge Leute. Die sind im richtigen Alter, die können Kinder in die Welt setzen, Neues entwickeln und innovativ und mit Schwung für die Zukunft sorgen. Inzwischen finde ich: die Sache mit dem Apfelbäumchen gilt mindestens genauso für uns Ältere. Ist nicht der Herbst die Zeit, in der man Bäume pflanzt? Gerade von uns älteren fürchten viele, dass es nicht mehr lange so bleiben wird, wie es ist. Die Kriege und Krisen weltweit und die vielen Fremden in unserem Land – wohin soll das führen, sagen viele.
Ich finde: Gerade da müssten besonders wir Älteren anfangen, Apfelbäumchen zu pflanzen. Gott sei Dank tun das auch viele. Ich habe von Stuttgart-Degerloch gelesen. Da wurden Menschen gesucht, die sich um die Flüchtlinge im Ort kümmern. Der Rathaussaal hat nicht ausgereicht, weil so viele gekommen sind. Man musste in die Kirche umziehen und die war voll wie an Heiligabend.
Gott sei Dank gibt es viele, die nicht sagen: „Das schaffen wir nicht!“, sondern in solchen Bürgerinitiativen ehrenamtlich ihre Bäumchen pflanzen. Damit auch die Generationen nach uns friedlich zusammen leben können. Damit das Miteinander nicht verdorrt, sondern sie gut leben können und ernten, was wir gepflanzt haben.

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„Generation sorglos“ hat eine große Zeitung die junge Generation in Deutschland genannt. So haben sie das Ergebnis der neuen repräsentativen (Shell)-Jugendstudie zusammengefasst. „Generation sorglos“.
Im ersten Moment habe ich verstanden: „Generation leichtsinnig“. Aber nein. So war das ganz und gar nicht gemeint. Sie machen sich Gedanken und überlegen sich genau, was sie wollen und was nicht. Mehr sogar, als die Jugendlichen vor 10 Jahren. Aber sie machen sich nicht so viel Sorgen. 61%, also fast 2/3 der jungen Menschen sehen optimistisch in die Zukunft für sich persönlich und auch für unser Land.
Ich finde das toll. Sie lassen sich nicht entmutigen. Sie sehen nicht schwarz, obwohl sie die Probleme sehen, die es natürlich gibt in unserem Land. Denn wenn man sich zu viel Sorgen macht und Angst hat, das lähmt. Dann steht man da, wie das Kaninchen vor der Schlange und kann nichts machen. Bloß die Angst wird größer und die Probleme dann auch – weil niemand etwas tut.
Die Jungen machen sich nicht so viel Sorgen. Gott sei Dank! Als ich das gelesen habe, habe ich an Jesus gedacht. Der hat mal gesagt: „Ihr müsst euch ändern und wie die Kinder werden. Nur so könnt ihr ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18, 3; Basisbibel) Jesus hat damals nicht gesagt, wie er das meint und was er denn so besonders findet an Kindern. Und jetzt denke ich, vielleicht ist es dies: Dass sie sich nicht so viele Sorgen machen. Dass sie sich nicht lähmen lassen von dem Gedanken, was morgen schlecht sein könnte oder übermorgen Sie leben heute. Sie sagen auch nicht mañana, morgen vielleicht. Sie tun optimistisch das, was übermorgen gute Früchte bringen könnte.
Kinder lassen sich nicht lähmen, wenn ihnen einer sagt: Lass das, das könnte schief gehen. Kinder probieren, was geht. Sie gehen davon aus, dass es geht. Und dass sich jedenfalls etwas Neues ergibt. Man muss aber anfangen und sein Möglichstes tun. Manchmal fängt so der Himmel an. Wenn man etwas probiert. Kinder kriegen das hin.
Und ich hoffe sehr, dass die Jugendlichen der „Generation sorglos“ diese Erfahrung auch machen. . Ich war neulich in einer kaufmännischen Schule in Stuttgart. Da habe ich mit vielen 18-20jährigen gesprochen. Zum Beispiel auch über die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Und ich habe erlebt: Die meisten lassen sich nicht lähmen von den Bedenken, die wir Älteren vor uns hertragen. Mit wunderbarem Optimismus sagen viele. Wir schaffen das und die Flüchtlinge können es auch schaffen. Wenn wir zusammenhalten.

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Wenn etwas nicht klappt oder nicht so geht, wie ich gehofft habe, in meinen Beziehungen, mit meinen Kindern oder im Beruf – wenn irgendwo der Wurm drin ist und ich weiß nicht mehr weiter – was dann?
Manche Leute geben dann auf. Hat doch keinen Sinn, sagen sie. Das schaffe ich nicht. Andere lassen es einfach laufen. Was soll ich machen, so ist es jetzt halt. Und wieder andere sagen „Schluss jetzt“. So geht es nicht weiter. Am besten, wir lassen es ganz.
Jesus hat eine Geschichte erzählt, in der jemand noch etwas anderes probiert: In seinem Beispiel geht es um einen Mann, der einen Feigenbaum besaß. Und mit dem hat es nicht geklappt. Er hatte schon seit Jahren keine Früchte getragen. Da hat der Mann zu seinem Gärtner gesagt: „Sieh doch: Seit drei Jahren komme ich schon und schaue nach, ob an diesem Feigenbaum Früchte sind – aber ich finde keine. Jetzt hau ihn um! Wozu soll er den Boden noch weiter auslaugen? Aber der Gärtner antwortete ihm: Herr, lass ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will die Erde um ihn herum noch einmal umgraben und düngen. Vielleicht trägt der Baum im nächsten Jahr doch noch Früchte. Wenn nicht, lass ihn dann umhauen.“ (Lk 13, 6-9)
So also kann man es auch versuchen, wenn etwas nicht so geht, wie man gehofft hat: Dieser Gärtner, der bleibt dran. Er kümmert sich. Er investiert Arbeit. Er gibt sich Mühe. Anscheinend hat er Erfahrung mit solch schwierigen Fällen. Er weiß: Gute Absichten allein helfen gar nichts. Und aufgeben ist frustrierend. Wenn etwas wachsen soll, braucht es Unterstützung. Gerade wenn es schon einmal schief gegangen ist. Die Schuld daran liegt selten bei einem allein. Man muss die Verhältnisse verbessern. Die Situation ändern. Wenn es um Menschen geht und nicht um Bäume merken sie dann vielleicht auch: Es ist dem anderen wichtig, dass sich etwas ändert. Ich bin ihm wichtig. Er gibt sich Mühe – für mich! So, wie es der Gärtner mit dem Baum macht. Wer das spürt, der kann sich leichter ändern. 
Aber Jesus sagt mir mit seiner Geschichte auch: Das kann man nicht unendlich machen. Dann überfordert man sich. Noch ein Jahr, sagt der Gärtner. Wenn es dann nicht klappt - dann bin ich mit meiner Weisheit auch am Ende. Dann müssen andere ran. Dann muss sich jemand anders kümmern. Vielleicht muss ich dann auch einsehen: es geht nicht. Jedenfalls nicht so. Vielleicht steht der Baum einfach am falschen Platz.
Also: Wenn etwas nicht läuft und klappt, dann lohnt es sich, dran zu bleiben. Es kann anders werden. Heute ist Buß- und Bettag. Da denken evangelische Christen an die Dinge, die anders werden müssten. Vielleicht auch bei mir selbst.

 

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„Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass sie sich in anderen Ländern gegenseitig die Köpfe wegschießen“. Das hat mir eine junge Schülerin gesagt, 18 vielleicht oder 20. „Ich bin nicht verantwortlich. Deshalb fühle ich mich auch nicht verantwortlich für die vielen Flüchtlinge die hierher kommen. Da sollen sich mal schön die kümmern, die für deren Elend verantwortlich sind.“
So ist sie raus aus dieser Sache, fand sie. Nicht verantwortlich und nicht zuständig.
Heute denke ich an eine andere junge Frau, nicht viel älter als diese Stuttgarter Schülerin. Wenn die nun auch so gedacht hätte? Ich meine Elisabeth von Thüringen, am 17. November 1231 ist sie mit 24 Jahren gestorben. Man erzählt heute noch von ihr, weil sie eben nicht gesagt hat: Dafür bin ich nicht verantwortlich. Elisabeth ist als Prinzessin auf der Wartburg bei Eisenach erzogen worden. Dort hat sie das Elend der Menschen in ihrem Land gesehen. Den Hunger. Krankheiten und Armut. Und niemand fühlte sich verantwortlich. Elisabeth aber schon. Sie hatte das Elend nicht verursacht. Aber sie war im christlichen Glauben erzogen worden und nahm das ernst. Deshalb kümmerte sie sich um die Armen, gab Korn aus und unterstützte sie mit Geld aus ihrem Vermögen. Sie pflegte persönlich Kranke und Sterbende.
Warum sie das getan hat, macht vielleicht eine Geschichte klar, die über sie erzählt wird. Einen obdachlosen Mann mit einer schlimmen Hautkrankheit hat sie auf ihre Burg gebracht um ihn zu pflegen. Ihr Hofstaat war empört. Wer weiß, was dieser Fremde ihnen da für Krankheiten und Umstände einschleppen würde? Sie wollten ihn aus dem Bett zerren. Da lag in dem Bett ein Bild des gekreuzigten Christus.
Die Leute, die diese Geschichte später so erzählt haben, haben wohl verstanden, warum Elisabeth sich für den Kranken verantwortlich gefühlt hat. Denn Jesus Christus hatte ja gesagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan!“ Jesus hat die Armen und die Fremden als seine Brüder und Schwestern bezeichnet.
Und mein Bruder ist er auch. Er hat mich doch gelehrt, zu unserem gemeinsamen Vater „Vater unser“ zu sagen.
Gott selbst hat uns Menschen zu Schwestern und Brüdern gemacht. Wenn ich jemanden brauche, dann vertraue ich darauf, dass meine Brüder und Schwestern helfen werden. Und ich finde: Genauso bin ich verantwortlich für die Brüder und Schwestern, mit denen ich nicht verwandt bin. Nicht weil ich ihr Elend verschuldet hätte. Aber weil Gott uns verbunden hat.
Man kann das auch anders sehen: So wie jene junge Frau, die sagt: Ich bin nicht verantwortlich. Aber ich meine, Christen, die das Vaterunser beten – die können das eigentlich nicht.

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Die schrecklichen Attentate von Paris verändern alles. Das sagen jetzt manche Politiker. Mit den Flüchtlingen kämen auch Gefahren. Womöglich Terroristen. Es müsse endlich Schluss sein, mit der Freundlichkeit. Man sieht ja, wohin das führt. Wir müssen uns schützen vor dem, was passieren könnte.

Das ist verständlich und so haben anscheinend Menschen schon immer gedacht.  Ziemlich am Anfang der Bibel steht die Geschichte der Israeliten in Ägypten. Die waren als Wirtschaftsflüchtlinge ins Land gekommen und wohnten nun seit Generationen dort und machten ihre Arbeit. Und sie wurden mehr. Das fiel auch dem Pharao, dem König von Ägypten auf. Der machte sich Sorgen. Nach der Bibel dachte er ungefähr so: „Wir müssen überlegen, was wir gegen sie tun können. Denn wenn ein Krieg ausbricht, könnten sie sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und sich des Landes bemächtigen“ (2. Mose 1,10)

Wenn – dann - könnte. Der kluge Pharao wollte sein Land schützen. Und er hielt es für besonders klug, vom  auszugehen. So, dachte er, könnte er Schlimmes verhindern. Deshalb ließ er die Fremden mit schwerer Arbeit unter Druck setzen. Und als das nichts half, befahl er, alle Jungen gleich bei der Geburt zu töten. Dann könnten die Fremden sich nicht weiter vermehren.

Viel Unglück hat der Pharao damals angerichtet und erst nach langen Jahrzehnten fanden die Menschen Frieden – die Israeliten und die Ägypter.

Menschen versuchen, die Zukunft statistisch zu berechnen und gehen vom Schlimmsten aus. Und dabei kommt dann  wirklich Schlimmes heraus. Ich frage mich, warum das nicht auch anders geht.

Ich kenne viele Menschenmit ausländischen Wurzeln, die bei uns als Erzieherin, als Zimmermann, als Bankangestellte und Polizisten ihre Arbeit machen. Aber natürlich: Meine Freundin erzählt mir auch von den Migrantenkindern in ihrer Förderklasse, die keinen Bock auf Schule haben. Aus  lauter Langeweile lösen sie im Schulklo  Feueralarm aus. Wozu sollen wir uns Mühe geben, sagen sie – aus uns wird ja sowieso nichts. Das sind 24 in einer Schule mit über tausend Schülern. Aber 24 zu viel. Wer weiß, was ihnen einfällt, wenn sie mal nicht mehr zur Schule gehen.

Ich meine, da müssen wir mehr tun. Von Anfang an dafür sorgen, dass es diese Perspektivlosigkeit nicht gibt. Die Attentäter in Paris hätten wahrscheinlich nichts erreicht, wenn nicht geborene Franzosen aus den Vorstädten sie unterstützt hätten.

Ich glaube: Vom Schlimmsten auszugehen, führt nicht weiter. Nur, wo Menschen einander unterstützen, finden sie gemeinsam eine gute Zukunft.

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