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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Wo sind hier die Armen?“ - Mit der entsprechenden Antwort hat Mutter Teresa (1910-1997) entschieden, wo eine neue Ordens-Niederlassung entsteht. In vornehmen Stadtvierteln oder an idyllischen Plätzen sind die „Missionaries of Charity – die Missionarinnen der Liebe“ nicht zu finden. Bei den Ärmsten der Armen und bei den Sterbenden in den Slums von Kalkutta, dort ist das Mutterhaus des Ordens, den Mutter Teresa im Jahr 1950 gegründet hat. In Indien wurde sie schon zu Lebzeiten als „Engel der Armen“ verehrt. Heute kümmern sich die Schwestern in aller Welt um HIV-Kranke und Drogenabhängige, um Prostituierte und sozial  verelendete Menschen, um Straßenkinder und Kriegswaisen, überall dort, wo es Menschen besonders dreckig geht. 

Heute ist der Gedenktag von Mutter Teresa. Sie hat einmal gesagt: „Wenn ich jemals eine Heilige werde –dann ganz gewiss eine Heilige der Dunkelheit. Ich werde fortwährend im Himmel fehlen – um für jene ein Licht zu entzünden, die auf Erden in Dunkelheit leben.“ Mutter Teresa hat diese Dunkelheit auch im religiösen Sinn durchlebt und durchlitten. Sie hat sich längst nicht immer fest mit Gott verbunden gefühlt. Sie hatte wie viele ihre Glaubenszweifel. Gott schien ihr über längere Strecken sehr fern, weit weg zu sein. Der erschütternde Bericht von Mutter Teresa über solche Erfahrungen macht mich betroffen. In einer Tagebuchnotiz hält sie fest: „Da ist nichts mehr, wohin ich mich wenden könnte: kein Gott, kein Vater, kein Hirte und kein Gegenüber, nur diese erschreckende Leere.“ 

Mutter Teresa ist nicht einfach ein Vorbild, das man nachahmen kann. Sie war eine ganz besondere, einmalige Frau mit ihrer ganz persönlichen Berufung. Aber die Frage: „Wo sind hier die Armen?“ – diese Frage und welche Antwort ich darauf gebe – das beschäftigt mich schon. Und sie hält mich sensibel für die, die nicht auf der Sonnenseite leben sondern im Dunkeln. In Deutschland geht es vielen noch gut. Stimmt. Zur Wirklichkeit gehören aber auch: immer mehr verarmte und verwahrloste Kinder, allein erziehende Mütter und Väter und nicht wenige alte Menschen unter dem Existenzminimum, Straßenkinder in den Großstädten. 

Wo könnte ich im sozialen Bereich ein Ehrenamt übernehmen?

Welches Projekt von Diakonie und Caritas möchte ich unterstützen? Welchem der Hilfswerke, die weltweit arbeiten, überweise ich Geld? 

Viele tun das. Schön wäre, wenn es noch mehr täten – nicht um das eigene Gewissen zu beruhigen, sondern um die Welt etwas menschlicher und von Leid freier zu machen.

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„Die Fähigkeit des modernen Menschen, unglücklich und unzufrieden zu sein, ist unbegrenzt“ – das ist einer der markigen Sprüche des verstorbenen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel. 

Da ist was dran, wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue. Und das betrifft dann nicht nur moderne Zeitgenossen. Ich frage mich, woran es liegt, dass der erfolgreiche und wohlhabende 40-jährige Mann ständig über zu viel Arbeit klagt, sich materielle Dinge nur vom Feinsten leistet und dabei schlichtweg unglücklich ist. – Oder wenn sich das viel- und weit gereiste Rentner Ehepaar bei jeder Gelegenheit über die Unbarmherzigkeit des Alters auslässt und alles nur schlimm findet. 

Wie kann ich dieser Neigung unglücklich und unzufrieden zu sein begegnen? 

-Wenn ich mich an den kleinen täglichen Wundern freuen kann, dann könnte das ein Schlüssel dafür sein, dass ich ein wenig glücklich bin – nicht jeden Tag, aber doch hin und wieder. Ich sehe Blumen blühen und Schmetterlinge in der Sommerhitze tanzen. Ein Kind lächelt mich mit strahlenden Augen an. Ich schaue in den Sternenhimmel und werde still und staune. 

-Ich empfinde es als Glücksmomente, dass ich mir ein frohes Herz bewahre – trotz allem, was dagegen spricht. Dass ich den Humor nicht verliere und immer wieder herzlich lachen kann – manchmal auch über mich selbst. 

-Für mich ist es ein Lernprozess gewesen, bis ich eingesehen habe: Freiheit und Glück bestehen nicht darin, dass ich alles mögliche sammle, anhäufe und festhalte. Ein Stück Freiheit und Glück spüre ich jedoch, wenn ich auch loslassen kann. Wenn ich mich von Vorhaben verabschiede, weil sie auf einmal nicht mehr so wichtig sind. Wenn ich Dinge her schenke, die ein anderer besser gebrauchen kann. Dann fällt es mir auch leichter, Gelegenheiten zu erkennen, wo ich helfen kann.

-Glücklich fühle ich mich, wenn ich dankbar bin. Dankbar  für das, was ich noch leisten kann. Dankbar für meine Freunde. Dankbar, dass ich meinen Glauben in Freiheit leben kann. 

Nein, das Paradies ist die Erde auch für mich wahrlich nicht. Es gibt all zu viel Schlimmes auf unserer Erde. Aber die Sehnsucht danach bleibt bei den meisten Menschen. Ich bin zufrieden, wenn ich etwas Glück kenne im Leben und anderen davon mitteilen kann.

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“Update” – ist ein Wort aus der Computersprache und heißt: Softwareprogramme überschreiben und verbessern. Dabei bleibt die Basisversion erhalten. Der Theologe Klaus-Peter Jörns überträgt diesen Vorgang auf die Religion und nennt das:  “Update für den Glauben”. 

Ich halte das für eine spannende Idee: Religiöse Traditionen zu überprüfen und wenn nötig, durch zeitgemäßere Bilder abzulösen. Und zwar dann, wenn Menschen heute manche Überlieferungen einfach nicht mehr nachvollziehen können. Dann entsteht eine innere Spaltung zwischen dem, was man gelernt hat – und dem, was Menschen, vor allem junge Leute, heute denken, leben und glauben. 

Ich erinnere mich noch gut, wie fremd mir als Schüler die Gottesdienste in lateinischer Sprache gewesen sind. Seit Jahrzehnten halte ich nun Jugendgottesdienste und bin oft beeindruckt, wie engagiert junge Leute mitmachen – mit Texten, Szenen und Liedern in ihrer Sprache. 

Unsere Zeit ist nicht schlechter, sie ist nicht besser, auch nicht weiser als frühere Zeiten. Sie ist anders: kulturell, gesellschaftlich und wissenschaftlich. Und “Update” heißt ja gerade nicht, alles, was war, über Bord zu werfen. Die ursprüngliche Glaubensorientierung – die so genannte “Basisversion” – bleibt erhalten. 

Allzu lange haben die Kirchen Jesus theologisch überhöht. Dahinter ist der Mensch Jesus beinahe verschwunden.  Dabei sollte er doch der Maßstab und der Orientierungspunkt für den christlichen Glauben sein. Die einseitige Betonung der Göttlichkeit Jesu hat sein Menschsein fast vergessen lassen.

Ich glaube, in den christlichen Kirchen ist mal wieder ein “Update” dran. Das heisst: eine Rückbesinnung auf Jesus, auf sein Leben und seine Botschaft. Das heißt auch fragen: Was entspricht seinem Verhalten und seinem Geist? Was würde er heute sagen und tun? 

Ich spüre derzeit einen Wandel in meiner katholischen Kirche. Papst Franziskus hat diesen Wandel angestoßen: Durch seinen einfachen Lebensstil. Durch sein Gespür für bedürftige Menschen, etwa wenn er für Obdachlose nahe der Peterskirche Duschen einrichten lässt. Wenn er – nicht nur an Weihnachten – kranke Kinder besucht. Was dieser Papst sagt und tut, was er von seiner Kirche verlangt - das lässt wieder jenen “Wärmestrom an Liebe” ahnen, wie er von Jesus ausgeht. Und nach  dem sich die Menschen bis heute sehnen.

 

Klaus-Peter Jörns, Update für den Glauben -

Denken und leben können, was man glaubt,

Gütersloher Verlagshaus 2012

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„Wer bin ich, dass ich richten könnte?“ – so antwortet Papst Franziskus des Öfteren auf Fragen von Journalisten. Vor allem, wenn es um moralische Themen geht. So auf die Frage, wie die Kirche mit der Homosexualität umgeht. „Wer bin ich, dass ich richten könnte?“ – mit dieser Antwort ist Papst Franziskus genau in der Spur Jesu. 

Was urteilen und richten betrifft, ist Jesus eindeutig: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ – sagt er und weiter: „Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Schwester, im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,1-5) 

Wie sich Jesus verhält – das kann lebenspraktisch und konkret umgesetzt werden. Das zeigt ein Blick in die Spiritualität der frühen christlichen Wüstenväter in Ägypten – etwa ab 300, dem Beginn des christlichen Mönchtums. Die Mönche scheinen sich sehr gut an das Verhalten Jesu erinnert zu haben. Gerade im Umgang mit den Mitbrüdern, die der asketischen Disziplin nicht entsprochen haben. Ihnen muss bewusst gewesen sein: Je höher das Ideal – desto tiefer die Fallhöhe! Dabei ist bemerkenswert: So rigoros die Wüstenväter in ihrer eigenen Lebenspraxis waren – so zurückhaltend waren sie im Urteil über die, die dem Ideal nicht entsprochen haben. 

Das Beispiel der Wüstenväter hat bis heute an Aktualität nichts eingebüßt. Sie wussten: Niemand ist fehlerfrei und hat so auch kein Recht, über die Fehler anderer zu urteilen und zu richten. Und: Alle Urteile über andere beunruhigen die eigene Seele. So wird von einem Wüstenvater berichtet: „Wenn er etwas sah und sein Herz über die Sache urteilen wollte, sprach er zu sich: Tu das nicht!“ – Und so kam sein Denken zur Ruhe und machte sein Herz sanftmütig. 1) 

Im Oktober trifft sich im Vatikan zum zweiten Mal eine Synode zu den Themen Ehe, Familie, Sexualität. Es geht darum, so manche offizielle Lehrmeinung zu überdenken und zu korrigieren. Etwa wie die Kirche mit wieder verheirateten geschiedenen Paaren umgeht. Und dass sich meine Kirche endlich wieder dazu durchringt, der Gewissenentscheidung eindeutig den Vorrang vor der offiziellen Lehrmeinung einzuräumen – was eigentlich schon immer gut katholisch war. 

Die sich demnächst im Vatikan treffen – für sie könnte ein Blick auf das Verhalten der frühen christlichen Wüstenväter hilfreich sein. Denn – so Papst Franziskus mit Nachdruck: „Ohne Barmherzigkeit ist es heute kaum möglich, in eine Welt von Verletzten einzudringen, die Verständnis, Vergebung und Liebe brauchen.“ 2)

 

 

1) Zit. Bei Katharina Ceming, in: Publik Forum Nr. 6 (2014) S.26-29 

 

2) Walter Kasper, Papst Franziskus – Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe,

 

   Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2015, S.54

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„Hat sich Jesus als Arzt verstanden?“ – das hatte ich den Theologen Eugen Biser (1918-2014) gefragt. Seine spontane Antwort war: „Ganz gewiss, denn das war seine zentrale Sendung.“ Auf den Titel Arzt hatte Jesus offensichtlich wertgelegt. Doch der ist später vergessen, wenn nicht unterschlagen worden. Ebenso ist aus dem Bewusstsein verschwunden, wie Jesus in den ersten Jahrhunderten der Christenheit angerufen wurde: „Hilf, Jesus Christus, du bist unser einziger Arzt!“ Auf den Titel Arzt weisen im übrigen Jesu Gegner hin, wenn sie lästern: „Arzt, heile dich selbst.“ (Lukas 4,23) 

Das griechische Wort für heilen heißt: „therapeuein“. Doch heilen ist bereits ein abgeleitetes Wort. Die ursprüngliche Bedeutung von  Therapie ist: „anbeten und nahe sein“. Und genau das hat Jesus mit Leben gefüllt: Gott anbeten und so seine heilende Nähe spüren. In den Evangelien des Neuen Testaments zieht sich das als roter Faden durch: Jesus verkündet die rettende Nähe Gottes und er heilt die Menschen von ihren seelischen, geistigen und körperlichen Gebrechen. Nicht dass diese Gott-Verbundenheit alle Krankheit wegnimmt. Aber wir sollen ihr nicht mehr heil-los ausgeliefert sein, keinem blinden Schicksal mehr verfallen sein. 

Die Christen berufen sich auf Jesus. Also müsste auch das Christentum vor allem eine therapeutische Religion sein. Wenn die Menschen etwas von der Kirche erwarten – dann gewiss keine dogmatischen oder moralischen Anweisungen. Sie erwarten jedoch von der Kirche menschliche Nähe im Geiste Jesu: Verständnis für ihre Probleme und Nöte, Verständnis für ihre Sorgen und Ängste. Und dass sie den Menschen beisteht bei ihrer Suche nach Sinn, gerade auch in schwierigen Lebenslagen. 

Der moderne Mensch ist nicht der unabhängige und zügellose Zeitgenosse, den es auf den rechten Weg zu bringen gilt – was man auch immer darunter versteht. Weit eher zweifeln und leiden viele Menschen an sich selbst. Ihnen beizustehen – das ist ein großer Liebesdienst. 

Das Christentum als therapeutische Religion verstehen – darin ist Papst Franziskus Vorbild. Er will eine Kirche, die nachsichtig ist und nicht richtet. Bei ihm gilt umgekehrt als seither üblich: zuerst lieben, dann lehren. Für ihn stehen der konkrete Mensch und sein Schicksal stets an erster Stelle. Und eines seiner wichtigsten Anliegen, dass seine Kirche wieder mehr Verständnis für menschliches Scheitern zeigt. Damit ist Papst Franziskus genau in der Spur, die Jesus hinterlassen hat. Bleibt zu hoffen, dass die ganze Kirche davon erfüllt wird.

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Es scheint zu unserem Menschsein zu gehören, nach dem Sinn des Lebens zu fragen – bewusst oder unbewusst. Ein hohes Ziel. Doch die wenigsten tun das, indem sie darüber philosophieren. Im Althochdeutschen steht für Sinn: „sinan“. Das bedeutet ursprünglich: „Reise und Weg“. Wie auch das Verb „sin“ „gehen und reisen“ bedeutet. 

Mir sagt das: Zum Sinn des Lebens finde ich nicht dadurch, dass ich mir den Kopf zerbreche, was das sein könnte. Der Sinn des Lebens erschließt sich mir eher dadurch, dass ich mich auf den Weg mache, dass ich unterwegs bleibe – offen für neue Eindrücke, Erkenntnisse, Begegnungen. Das ganze Leben erfahre ich als Reise. Dabei habe ich eingesehen: Auf meiner Lebens-Reise gibt es nicht nur ein großes Ziel, es gibt auch Zwischenziele, kleinere und größere. 

Unterwegs sein heißt auch: Vieles ist mir vertraut, und immer wieder betrete ich Neuland. Manchmal steh ich mir dabei selbst im Weg. Ist eine Erfahrung schön, rast die Zeit davon. Wünsche ich mir, dass etwas möglichst rasch vorübergeht, dann kommt mir die Zeit unendlich lang vor. 

Unterwegs zum Sinn. Mit dem Wort „Weg“ verbinde ich auch das Wort „Wagnis“. Wagnis, weil ich den Weg, den ich gehe, nicht einfach kenne. Er liegt nicht offenkundig vor mir. Ich muss das Wagnis eingehen und gehen. 

Wenn ich als Christ meinen Weg gehen möchte, dann habe ich den nicht ein für allemal gefunden. Und ich weiß, wie schwach mein Glaube und wie wenig überzeugend mein Leben als Christ auch sein kann. Ich muss ein Leben lang weitergehen. Und das heißt für mich auch: suchen und zweifeln, hören und schauen, fragen und etwas wagen. Dabei habe ich mich entschieden, mich Jesus anzuvertrauen. Er ist für mich der Weg, der zu Gott führt. Ein gangbarer Weg, weil er menschlich ist. Ein schöner Weg, weil er in die Freiheit führt. 

So hoffe ich darauf: Ich kann den Sinn meines Lebens hier auf Erden wohl nicht ganz verstehen. Vielleicht im Nachhinein. Aber gehen muss ich – solange ich lebe – nach vorne.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20457