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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Bestimmt ist Ihnen schon aufgefallen, dass manche Menschen eine besondere Ausstrahlung haben. Und vielleicht haben Sie gedacht: „So eine Ausstrahlung hätte ich auch gerne!“ Denn: Solchen Menschen gelingt es leicht, andere für sich einzunehmen. Ihre Anwesenheit verändert die Atmosphäre in einem Raum. Mit ihrer Präsenz nehmen sie uns gefangen. Sagen Sie etwas, hängen wir an ihren Lippen. Wenn einer diese Gabe ausnützt, kann das gefährlich werden. Aber das meine ich nicht. Mir geht es um die Faszination im guten Sinn, um die Begeisterung, die sich dann überträgt.

In der Schule hatte ich einen Mathematiklehrer, auf den das zutrifft. In seinem Fach war er absolut zu Hause; da war er über jeden Zweifel erhaben. Wenn er das Klassenzimmer betrat, wurde es von allein ruhig. Ich kann mich nicht an keine Situation erinnern, in der er laut werden musste, um Ordnung herzustellen. Das funktionierte bei ihm ganz automatisch. Anfangs habe ich das so hingenommen. Aber im Laufe der Zeit hab ich mich gefragt: „Wie macht der das bloß?“ Vor allem, wenn ich im Vergleich gesehen habe, dass es eben bei seinen Kollegen keineswegs immer so funktioniert. Gemacht hat dieser Mensch aber gar nichts. Da gab’s keine besondere Technik, die er angewandt hätte. Er war so, wie er war; und es war dann so, wie ich’s beschrieben habe. Immer mehr ist mein Mathe-Lehrer für mich zu einer Autorität geworden. Ich habe seine Nähe gesucht. Weil ich selber auch so werden wollte, bei ihm abschauen, wie man das macht – so eine natürliche Autorität zu sein, so eine Ausstrahlung zu haben. Allerdings ist ihm meine spürbare Faszination überhaupt nicht Recht gewesen. Und auch das habe ich erst später verstanden: Er wollte nicht von mir bewundert werden. Weil er keine Fans wollte, sondern eigenständige Persönlichkeiten.

Im Theologiestudium habe ich gelernt, dass diese Form von positiver Ausstrahlung Charisma genannt wird. Ins Deutsche übersetzt: Gnadengabe. Wie es in der Religion oft ist, wird das Menschliche mit Gott in Verbindung gebracht. Ich kann sie nicht herstellen, diese Ausstrahlung. Sie ist ein Geschenk von Gott, mir in die Wiege gelegt. Ich habe Charisma oder eben nicht. Und tatsächlich gibt es Untersuchungen an kleinen Kindern, die das bestätigen. Einige können den Ausdruck des Gesichts, die Sprache ihres Körpers und ihre Stimme so einsetzen, dass andere das interessant finden. Verblüffend! 

Ist das jetzt ärgerlich? Nein. Weil jeder Mensch Begabungen hat. Die stillen und weniger eindrucksvollen wirken nur anders. Sie fallen nicht so auf. Ihre Leistungen zeigen sich oft erst nach Jahren. Dann aber sind sie um so schöner.

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Befinden wir uns im Dritten Weltkrieg – und merken es nicht? Manche Beobachter der gegenwärtigen Weltlage meinen das und sie sagen das auch. Sie sagen: Es gibt Hinweise darauf, dass wir uns längst in einer Art Kriegszustand befinden. Wenn wir die Verhältnisse genauer anschauen, zeigen sich erschreckende Tatsachen: Zur Zeit sind weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als nach 1945, mehr als jemals zuvor. Die Flüchtlinge sind an Leib und Leben bedroht, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden. Weil sie eine Religion, eine politische Einstellung oder eine Herkunft haben, die denen nicht passt, die dort gerade das Sagen haben. Ob ihnen das mit vorgehaltener Waffe gesagt wird oder nicht – für die Betroffenen ist das ein Krieg, der gegen sie geführt wird. Sie verlieren alles, was sie haben und bangen um ihr Leben.

Neben den vielen regionalen Konflikten gibt es an etlichen Stellen der Erde handfeste kriegerische Auseinandersetzungen, mit schwerem militärischen Gerät: in der Ukraine zum Beispiel und in Syrien, in Libyen, im Sudan und in Nigeria. Russland will seine Atomraketen erneuern und ihren Bestand erhöhen. Die USA führen öffentlichkeitswirksame Manöver durch, um zu zeigen, dass an ihnen keiner vorbei kommt.

Und noch ein Kampf hat längst begonnen: der um Rohstoffe wie Erdöl, Wasser, Holz, seltene Metalle für die wachsende Elektronikbranche. Das Ergebnis sieht überall gleich aus: Die ärmeren Länder unterliegen, weil sie von den Industrienationen abhängig sind.

Das alles zusammen genommen, gibt mir schwer zu denken, macht mich traurig, jagt mir Angst ein. Könnte es sein, dass ich nur meine, im Frieden zu leben? Rede ich mir selbst etwas ein, weil es mir hier gut geht, und übersehe dabei, dass der Krieg näher kommt? Ich neige nicht besonders zum Schwarzsehen und will auch keine Angst verbreiten, aber ich höre die Stimmen, die warnen: „Nehmt das nicht zu leicht, was da geschieht! Ihr müsst jetzt etwas tun, bevor es zu spät ist!“ Es gehört unabänderlich zum christlichen Glauben, sich für den Frieden einzusetzen. Das bedeutet: Ich muss wach sein. Ich muss meine Stimme erheben, wo der Friede in Gefahr ist. Der Blick in die Geschichte lehrt uns, dass das selten früh genug sein kann.

Das schöne Bild des Friedens auf Erden hat Risse. Überall. Kinder, die verhungern. Menschen, die aus Angst um ihre Existenz fanatisch und radikal werden. Mir scheint, die Risse werden tiefer. So fängt der Krieg im kleinen an. Und wir tun gut daran, den Anfängen etwas entgegen zu setzen.

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Es gibt viele Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen. Manche wollen anonym in einem Wald beigesetzt werden. Andere legen fest, dass ihre Asche ins Meer gestreut wird. Und wieder andere wollen - aus Asche zum Diamant gepresst - am Ring des Geliebten „unsterblich“ bleiben. Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Ich komme mir beinahe altmodisch vor, wenn ich sage, dass ich ganz normal beerdigt werden will – in einem Sarg, der in die Erde kommt. Alles andere ist mir ein bisschen suspekt.

Möglicherweise gibt es aber doch eine Form, die mich reizen könnte. Nämlich die, mich mit meinem Hund beerdigen zu lassen. Seit kurzem ist das vom Gesetz her grundsätzlich erlaubt. Auch wenn es bisher nur ganz wenige Friedhöfe gibt, wo das praktiziert wird. Kuno – so heißt mein Hund – und ich, in einem Grab. Eine schöne Vorstellung. Er weicht mir jetzt nicht von der Seite. Auch im Tod ist er dann bei mir. Das würde schon passen. Wenn da nicht einige praktische Fragen zu klären wären, und mit denen schleichen sich bei mir auch grundsätzliche Bedenken ein.

Es ist ja nicht anzunehmen, dass Kuno und ich gleichzeig sterben. Wenn er vor mir stirbt, was mache ich dann? Tiergräber gibt es nicht auf dem Friedhof. Dass eine Urne mit seiner Asche bei mir im Wohnzimmer steht, kann ich mir nicht vorstellen. Dann doch lieber ein Plätzchen in meinem Garten, wo ich geschwind mal hingehen kann. Und wenn ich vor Kuno sterbe, dann treffen ohnehin andere die Entscheidungen.

Was mir auch zu denken gibt: Ich will Kuno nicht wie einen Menschen behandeln. Das ist er nicht und das braucht er auch nicht zu sein. Er ist mir als Hund ein Gefährte. Darüber will ich mich nicht täuschen. Deshalb frage ich mich schon, ob es überhaupt angemessen ist, seinen Tod so zu behandeln, wie den Tod eines Menschen. Im deutschen Recht gelten Hunde als Gegenstand; sie sind als Sache zu behandeln. Das ist das andere Extrem und wenig schmeichelhaft für ein Geschöpf, das mich ansieht, mir Treue schenkt und dem gegenüber ich Zuneigung empfinde.  Aber eine Person ist Kuno eben nicht.

Was tun? Ich muss heute keine endgültige Entscheidung treffen. Das ist beruhigend. Für den Fall der Fälle müssen das andere tun. Und ich bin dann hoffentlich sowieso wieder mit ihm zusammen – auf andere Weise, in einer anderen Welt, bei Gott im Himmel, wo gewiss auch Hunde ihren Platz haben.

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Anfang Juli im Deutschen Bundestag. Ein kleiner Satz in einer Parlamentsdebatte: "Leiden ist immer sinnlos!“ Der Satz wird fast nebenbei gesagt. Als ginge es nicht um etwas, das jeden einzelnen Menschen betrifft. Weil jeder an etwas leidet, weil jeder mit dem Leid anderer konfrontiert wird. Weil keiner davor weglaufen kann. Weil das Leiden zum Menschsein gehört. Ein großer, schwerer Satz: „Leiden ist immer sinnlos.“

Anfang Juli im Bundestag. Es ist eine der seltenen Sternstunden parlamentarischer Auseinandersetzung. Sachlich nüchtern wird über ein Thema debattiert. Über die Grenzen der Parteien hinweg. Ohne Fraktionszwang. In der Parlamentsdebatte geht es um die Frage: Welche Freiheit hat ein Mensch am Ende seines Lebens? Genauer: Darf ein anderer ihm helfen, aus dem Leben zu scheiden? „Assistierter Suizid“ heißt das im Fachjargon. Es geht um die Entscheidung, wie frei der Mensch sein darf, wenn es ans Sterben geht. Und da fällt im Verlauf der Debatte jener Satz, der mich regelrecht umhaut. „Leiden ist immer sinnlos.“ Gesagt hat diesen Satz Peter Hintze von der CDU, von Hause aus evangelischer Theologe. Im ersten Moment meine ich, mich verhört zu haben. Er muss doch das Gegenteil meinen. „Leiden ist nicht immer sinnlos.“ Aber nein, Hintze hat schon gesagt, was ich gehört habe. Und je länger ich darüber nachdenke, desto ungeheuerlicher finde ich seine Behauptung. Gerade aus dem Mund eines Theologen.

Wenn ich eine Sache im Laufe meines Lebens immer besser verstanden habe, dann die: Das Leid, das mir begegnet, und das Leid, das sich selbst durchmache, bringen mich vorwärts, lassen mich mein Leben und die Welt besser verstehen. Aber nicht, weil das Leiden leicht wäre oder wünschenswert. Sondern weil es zum Menschen gehört. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Und meine Erfahrung ist, dass in Verbindung mit ihm die entscheidenden Schritte im Leben passieren.

Der Kern des Christenglaubens ist eine Leidensgeschichte. Jesus Christus ist am Kreuz gestorben. Deshalb kämpfen Christen gegen das Leid im Diesseits und sie hoffen auf ein Ende des Leids im ewigen Leben. Aber sie wissen, dass sie nicht am Leid vorbei kommen. Ja, dass sie ihm einen Sinn abgewinnen müssen. Ich frage mich, wie Herr Hintze das einem Menschen erklären will, der leidet, wenn es kein Mittel gegen sein Leiden gibt. Wenn alles sinnlos sein sollte, was wir mit unserer Menschenkraft nicht beseitigen können, dann gnade uns Gott.

 

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Laudato si, o mi signore. Gelobt seist du, mein Herr. Für ungezählte Kinder ist das Lied zu diesem Text der Hit gewesen. Ihr Lieblingslied in der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Sie haben es gebrüllt vor Begeisterung, weil das mit der Melodie so gut ging. Sie wollten es immer wieder singen, so oft, dass es mir und den anderen Erwachsenen manchmal zu viel wurde. Was für ein Ohrwurm! Es ist immer noch so: Wenn ich nur ein paar Takte davon höre, geht mir das Lied nicht mehr aus dem Kopf. 

Papst Franziskus hat sein zweites Schreiben, mit genau diesen Worten begonnen: Laudato si, o mi signore. Es sind Worte, die auf den Mann zurückgehen, nach dem er sich als Papst benannt hat und den er wie ein Programm für sein Amt versteht. Franz von Assisi. Der Hl. Franz hat vor sechshundert Jahren ein Lied gedichtet, das auf Deutsch „Sonnengesang“ genannt wird. Es ist ein Lobpreis auf Gott und seine Schöpfung. Immer wieder taucht dort dieses Laudato si auf. Immer dann, wenn Franz aufzählt, welche Wunder die Welt bereit hält: die Gestirne am Himmel, das Wetter, Wasser und Pflanzen – und zuletzt den Tod. Stets sagt er im gleichen Atemzug Gott „Danke“ dafür. Weil er in ihm die Ursache dafür erkennt, dass die Welt so wunderbar ist, wie er sie jeden Tag aufs neue erleben darf. 

Die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus beschäftigt sich mit Umweltschutz und Ökologie. Der Papst nennt die Gefahren, die drohen, wenn der Mensch nur an sich selbst denkt. Nicht an die anderen und nicht an morgen. Den Klimawandel und das Artensterben bezeichnet er deshalb ausdrücklich als Sünde. Und die Moderne als eine - wörtlich - „große anthropozentrische Maßlosigkeit“. Dem gilt seine große Sorge: Dass wir unsere Grenzen nicht einhalten; und dass wir aus lauter Ich-Sucht vergessen, wie fein ausbalanciert das Gefüge unserer Welt ist. Denn so hat Gott es sich gedacht: Wir geben, so viel wir können, und wir nehmen nur so viel, wie wir unbedingt zum Leben brauchen. Beides muss in Einklang kommen. Franziskus will, dass wir auch morgen noch staunen können über die Wunder, die Gottes Schöpfung bereit hält. Er hat die Hoffnung: Wer staunt, der wird nicht zum Ausbeuter.

Ich wünsche mir: Wie das Lied der Kinder soll auch die Enzyklika des Papstes zu einem Ohrwurm werden. Seine klugen Gedanken haben es jedenfalls verdient, dass sie uns nicht mehr aus dem Kopf gehen.

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Alle haben Ferien. Nur ich nicht. Dabei wollte die Zeit bis zu den Sommerferien gar nicht vorbei gehen. Und jetzt, wo es endlich soweit ist, kann ich nicht weg. Weil mein Chef in den ersten Wochen verreist, und ich ihn vertreten muss. „Stallwache“ nennt man das. Ich will nur hoffen, dass kein Gaul im Stall scheu wird in den nächsten drei Wochen. Also kein Unglück passiert. Dann könnte nämlich auch die Zeit in den großen Ferien schön sein, wo ich gar keine Ferien hab. Jedenfalls mache ich mal ein paar Pläne. Für diese Zeit, in der der Rhythmus des Lebens so spürbar anders ist, als sonst das Jahr über. Langsamer vor allem. 

Das Erste, was ich plane: Jeden Tag eine besondere Kleinigkeit, zu der ich sonst keine Zeit oder Ruhe finde. Beispielsweise eine neue Ecke in der Stadt zu erkunden. Nicht immer in die gleichen Ecken zu gehen, in denen ich schon so oft gewesen bin. Ich stelle mir vor, das könnte jedes Mal eine kleine Entdeckungsreise werden – mit neuen Einblicken.

Zu was ich sonst auch so gut wie keine Zeit finde: zum Briefe schreiben. Früher war ich da ungemein eifrig. Fast jeden Tag bin ich zum Postkasten gelaufen, war immer mit den neuesten Sonderbriefmarken ausgestattet. Inzwischen kommuniziere ich fast ausschließlich per E-mail und Telefon. Manchmal keimt der alte Wunsch in mir auf, den Füllfederhalter in die Hand zu nehmen und jemanden eine ganze Seite oder mehr zu schreiben. Aber dann scheue ich den Aufwand. Und das betrübt mich. Ich weiß auf Anhieb ein paar Menschen, denen ich schreiben will. Wann, wenn nicht jetzt!?

Noch etwas Drittes nehme ich mir vor. Ich bin ja nicht der einzige, der jetzt noch keinen Urlaub hat. Viele Menschen haben Bereitschaft und halten „den Laden am Laufen“ – in Kliniken, bei der Post, in den Geschäften, im Freibad. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag mit einem von ihnen Kontakt aufnehmen würde? Mit einem Freund oder Kollegen, von dem ich weiß, dass er auch gern frei hätte wie ich. Ich hoffe, dass sein Rhythmus auch weniger hektisch ist in diesen Tagen; dass er Zeit hat, mit mir ein bisschen zu plaudern, oder sich in der Mittagspause auf ein kleines Essen zu verabreden oder am Abend auf ein Feierabendbier.

Wenn’s klappt - vielleicht nicht alles, und auch nicht jeden Tag - könnten die kommenden Wochen ganz schön werden. Ein bisschen Ferien ... ohne Ferien.

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