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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Für viele ist es bald soweit: Der Urlaub beginnt. Raus aus dem Einerlei. Zeit zum Durchatmen, aber für viele auch die Zeit mal was anderes zu sehen.

Marie und Peter, Bekannte von mir, wollen im Urlaub mal wieder spannenden Menschen begegnen. So jedenfalls würden sie ihren Urlaub beschreiben. Deshalb vermeiden sie große Hotelketten, klassische Touristenziele und die meisten Sehenswürdigkeiten. Sie wollen direkt bei den Menschen sein. Beim Zurückkommen haben sie dann jede Menge zu erzählen. Das ist immer sehr beeindruckend. Beim letzten Mal habe ich mich aber auch gefragt, warum sie hier, zuhause, die Menschen nicht so spannend und interessant finden. Mir geht es da manchmal ja ein bisschen ähnlich. Sie gehören eben irgendwie zum Alltag, von vielen habe ich schon ein festes Bild im Kopf und bei manchen ahne ich schon, was sie sagen werden, bevor sie überhaupt den Mund aufmachen. Dass ich von diesen Menschen nicht mehr überrascht werde, liegt aber zu einem großen Teil an mir selbst.

In Zeiten, in denen viel los ist oder wenn ich viel mit mir beschäftigt bin, kann es passieren, dass ich nur noch angestrengt um mich selbst kreise. Ich sehe nur noch meine Bedürfnisse. Anderen kann ich mich dann kaum mehr zuwenden. Wenn es soweit ist, dann ist es höchste Zeit, mal wieder in mich hineinzuhorchen. Zeit, um herauszukriegen, was mir gut tut und was ich brauche, damit ich Abstand von allem gewinne und nicht nur um mich, meine Termine und meine Probleme kreise. Mir hilft da ein Abend in der Oper, eine Chorprobe oder ein Kochkurs. Mal was anderes eben.

Und wenn ich wieder aufgetankt habe und ganz bei mir bin, gelingt es mir meist besser, mich auch wieder auf andere einzulassen. Ich entdecke Neues und Interessantes an den Menschen, die jeden Tag um mich sind und gehe nicht einfach nur an ihnen vorbei. Und ich werde auch ein Stück freier. Meine Erwartungen, die ich an andere habe, sind nicht so fest gefahren. Ich sehe dann sogar fremde, mir bislang unbekannte Seiten.

Ja, Marie und Peter haben Recht. Es ist schön, spannenden Menschen zu begegnen. Aber ich glaube, dass dies nicht nur im Urlaub passieren kann. Auch direkt vor der eigenen Haustür ist das möglich, wenn ich bereit dafür bin.

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Stark war er mit Sicherheit. Christophorus. Er ist ein bekannter Heiliger, Schutzpatron der Reisenden. Deshalb ist sein Bild häufig auf einer kleinen Plakette im Auto zu finden.

Dass Christophorus sehr stark war, erzählt die Legende. Und stark musste Christophorus für seinen Job auch sein. Tag für Tag hilft er Menschen, einen gefährlichen Fluss zu überqueren. Auf seinen Schultern trägt er die Menschen durch das gefährliche Wasser und sorgt dafür, dass sie gut am anderen Ufer ankommen. Das ist seine Lebensaufgabe.

Er hat seine Aufgabe nicht gleich gefunden. Eine ganze Weile musste er suchen. Klar war ihm nur, dass er dem mächtigsten Herrn dienen wollte. Ich glaube, dass er jemanden gesucht hat, auf den Verlass ist. Jemanden, dem er vertrauen kann und der ihm im Leben Halt gibt.

Zuerst dient er dem König, dann dem Teufel – doch bei beiden stellt er fest, dass deren Macht irgendwann an Grenzen kommt. Am Schluss findet er heraus, dass er dem Stärksten dient, wenn er Menschen über den Fluss trägt. Richtig verstanden hat er das aber erst, als er einmal ein Kind über das Wasser tragen will. Eigentlich keine große Sache. Doch das Kind wird immer schwerer und er schafft es nur völlig erschöpft und gerade so zum Ufer. Dort angekommen, will er natürlich den Namen dieses besonderen Kindes wissen. „Ich bin Christus", antwortet das Kind. „Ich bin der, den du suchst.“ Christophorus, Christusträger, heißt er deshalb und heute ist sein Gedenktag.

Für mich ist Christophorus nicht nur körperlich stark. Stark ist er auch, weil er nicht so schnell aufgegeben hat. Er hat nach seinem Platz im Leben gesucht. Und er hat seine Muskelkraft nicht nur zu seinem Vorteil eingesetzt. Er hat sie für andere gebraucht, weil er Christus, dem Stärksten, dienen wollte. Ich finde, auch das ist Stärke.

Die Legende von Christophorus ist schon sehr alt. Aber starke Männer und Frauen gibt es zum Glück bis heute. Für mich gehören da nicht nur Heilige dazu. Sondern auch die, mit denen ich in meinem Alltag immer wieder zu tun habe und deren Stärke ich sehr zu schätzen weiß. Meine Oma, die viele Jahre krank war und die trotzdem immer zuversichtlich und geduldig geblieben ist. Ältere Kolleginnen, die schon lange im Beruf sind und deren Stärke es ist, mit Herz und Verstand den Glauben über viele Jahre hinweg zu verkündigen.

Starke Menschen – weil sie dranbleiben an dem, was in ihrem Leben möglich ist. Und weil sie Gott, dem Stärksten, vertrauen und wissen, dass er ihnen im Leben Halt gibt.

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Manche Menschen finde ich anstrengend. Zum Beispiel die, die sich ständig selbst in den Mittelpunkt stellen oder die zu jedem Thema irgendwas zu sagen haben. Menschen, die immer alles anders haben wollen, aber selbst nichts oder nur wenig dafür tun. Oder auch die, die sich nicht einfach mal so freuen können und immer das Haar in der Suppe suchen.

Anstrengenden Menschen gehe ich am liebsten aus dem Weg. Doch das ist nicht immer möglich. Mit manchen Kollegen muss ich zusammenarbeiten und einen Weg finden, um mit ihnen auszukommen. Und auch mit Freunden oder in der Familie ist es nicht immer nur schön und einfach.

Ich habe mir angewöhnt morgens nach dem Aufwachen schon einmal an die Menschen zu denken, denen ich im Laufe des Tages begegnen werde. Die, die mir am Herzen liegen, aber eben auch die, die ich anstrengend finde. An manchen Tagen kommt da eine ganze Menge zusammen. Die Schüler und Kollegen in der Schule, an der ich Religionsunterricht gebe, die Sekretärinnen im Büro, Freunde, mit denen ich Musik mache… ich muss gar nicht an alle denken. Diejenigen, die heute wichtig sein könnten, kommen von ganz alleine. Ich sortiere auch nicht nach Sympathie. Im Gegenteil. Gerade die, mit denen ich mich schwer tue, haben einen Platz am Morgen. Und wenn ich all diese Personen so in Gedanken vor mir habe, dann nehme ich auch Gott mit dazu und versuche diese Menschen noch einmal mit seinen Augen anzuschauen. Meist verändert sich dadurch etwas. Denn dann ist die nervige Kollegin auch eine Frau, die von Gott geliebt wird. Die liebenswürdige Seiten hat, selbst wenn es mir schwer fällt, sie zu sehen.

Wenn wir uns dann begegnen, ist es ein wenig leichter für mich. Oft kann ich die andern gelassener aushalten. Und manchmal gelingt es mir auch, das, was mich so stört, in guter Weise anzusprechen.

Für mich hat dieser Moment am Morgen etwas damit zu tun, was schon der Apostel Paulus den Christen in Ephesus zugemutet hat. „Ertragt einander in Liebe!“, heißt es in seinem Brief an diese Gemeinde. Auch damals waren die Menschen nicht nur ein Herz und eine Seele. Das muss auch gar nicht sein. Doch ich möchte zumindest versuchen, den anderen zu ertragen. Mir gelingt das, wenn ich mir bewusst mache, dass auch dieser Mensch von Gott geliebt wird.

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Das Gefühl zu kurz zu kommen, kennt wohl jeder. Sei es, dass die Eltern den Bruder oder die Schwester bevorzugen oder dass der Kollege beim Chef beliebter ist.

In der Bibel gibt es ein typisches Beispiel für einen Menschen, der große Angst hat, zu kurz zu kommen. Da wird von einem Vater und seinen beiden Söhnen erzählt. Der eine will von zu Hause weg. Er lässt sich sein Erbe auszahlen, verlässt das Elternhaus und gibt das Geld mit vollen Händen aus. Völlig abgebrannt kommt er aus der Fremde zurück, und der Vater nimmt ihn mit offenen Armen wieder bei sich auf. Ohne Erklärung oder Entschuldigung. Der Vater freut sich, dass sein verlorener Sohn wieder zurück ist – alles andere ist ihm egal. Er richtet ein großes Begrüßungsfest aus. Der andere Sohn, der Ältere, kann das absolut nicht verstehen. Er ist zu Hause geblieben und hat dem Vater die ganze Zeit treu und brav geholfen. Ein großes Fest, wie sein jüngerer Bruder, hat er nie bekommen. Ich kann gut verstehen, dass sich der ältere Sohn vernachlässigt fühlt. Für ihn ist klar: ich komme mal wieder zu kurz. Wenn mein Bruder da ist, habe ich nichts zu melden.

Lange Zeit hat mich gestört, was der Vater dem Älteren sagt:
Mein Kind. Du bist immer bei mir. Und alles, was mein ist, ist auch dein. Komm, freu dich mit mir, dass dein Bruder zurück ist. Wie soll sich der Ältere freuen, wenn der andere doch anscheinend so bevorzugt wird? Erst macht er alles falsch und dann wird er belohnt und steht im Mittelpunkt.

Ungerecht – so könnte man urteilen – aber so sind wir Menschen nun eben hin und wieder.

Wenn man das Bild vom Vater aber auf Gott bezieht, lässt es sich eigentlich kaum noch ertragen. Was ist das für ein Gott, der solche Unterschiede zwischen den Menschen macht und dem einen scheinbar mehr gibt als dem anderen?

Vielleicht aber geht es letztlich gar nicht um das exakte Aufwiegen. Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir das immer wieder gezeigt. Jeder von uns hat das bekommen, was er gerade gebraucht hat. Und das war bei uns durchaus unterschiedlich. Ich bin froh, dass meine Geschwister und ich meistens dennoch nicht neidisch aufeinander waren. Jeder von uns hat gespürt, dass unsere Eltern es gut mit uns allen meinen. Keiner braucht Angst zu haben, zu kurz zu kommen. Ich kenne Familien, in denen das leider nicht so geklappt hat. Aber vielleicht hilft meine Erfahrung auch anderen, die Reaktion des Vaters in der biblischen Erzählung besser zu verstehen. Gott ist nicht jemand, der aufwiegt. Sondern er ist einer, der sich um alle sorgt und der uns von der Angst, zu kurz zu kommen, befreien will. Er weiß, was wir brauchen. Darauf können wir vertrauen.

 

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Die meisten Menschen haben einen Terminkalender. In irgendeiner Form brauchen wir fast alle etwas, das uns an unsere Termine erinnert: Sei es in klassischer Form aus Papier, der Familienkalender an der Küchenwand oder elektronisch auf dem Smartphone. Terminkalender sind per se erst einmal sehr hilfreich. Sie erinnern mich daran, mit wem ich mich wann treffe und wann ich was tun muss. Aber ich kenne auch die andere Seite: Manchmal ist es eher so, dass ich Wochen im Voraus meine Zeit mit Terminen zupflastere. Meine Zeit ist völlig verplant.

Der frühere Limburger Bischof Franz Kamphaus hat diesen Umgang mit der Zeit einmal mit einer Autofahrt verglichen. „Kann es sein, dass wir so leben, wie wir Auto fahren? Die Augen voraus auf die Straße gerichtet, ein flüchtiger Blick in den Rückspiegel, so rasen wir nach vorn. Was um uns herum ist, nehmen wir kaum noch wahr. Wir sind immer schon beim Nächsten und Übernächsten.“

Wenn mein Kalender voll ist, dann komme ich mir manchmal auch so vor: wie auf einer Autobahn. Möglichst schnell weiter. Und dann merke ich, wie ich fast nur noch in „Wenn…, dann…“ – Sätzen denke. Wenn diese Woche rum ist, dann… Wenn ich dies oder das erledigt habe, dann… Wenn dieses Treffen vorbei ist, dann…

Es gehört für die meisten zum Alltag, Dinge zu erledigen und Termine wahrzunehmen. Aber ich ertappe mich manches Mal auch dabei, dass ich außer den Terminen nichts mehr wahrnehme: nicht die traurigen Augen einer Schülerin oder das Zögern in der Stimme einer Kollegin. Sonst hätte ich doch gemerkt, dass sie das Wichtigste noch gar nicht ausgesprochen hat.

Am besten wäre es vermutlich, den Kalender gar nicht erst mit Terminen so vollzustopfen. Mir passiert es aber trotzdem immer wieder. Darüber möchte ich nicht klagen. Es ist eben so. Unzufrieden werde ich aber, wenn ich immer auf dem Sprung zum nächsten Termin bin. Dann bin ich nirgendwo richtig da. Dann nehme ich nicht mehr wahr, was um mich herum passiert. Und dann kann ich auch nicht mehr mit Gott in Berührung kommen. Denn Gott begegne ich nur im hier und jetzt. In der Vergangenheit kann ich seine Spuren sehen und ich vertraue darauf, dass ich von ihm auch in der Zukunft begleitet werde. Aber eine wirkliche Begegnung geht nur jetzt. Zum Beispiel indem ich mehrmals am Tag bewusst darauf achte, was ich tue oder wie es gerade um mich herum aussieht. Dann ist wieder ein klein wenig Platz für die Menschen um mich herum. Und dann entdecke ich in der Begegnung mit diesen Menschen oder auch in der Natur Gottes Spuren.

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Der Sommer ist die Lieblingsjahreszeit der Deutschen. Das zumindest sagen Umfragen. Auch wenn ich persönlich eher den Frühling oder den Herbst mag, kann ich gut verstehen, warum der Sommer so beliebt ist: die langen Tage, gemütliche Sommerfeste, warme Abende auf dem Balkon und für viele auch Urlaubszeit.Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – welches die schönste und beliebteste Jahreszeit ist, finde ich letztlich aber gar nicht so entscheidend.

Für mich als Christin ist die Natur mehr als ein Wohlfühlfaktor. In der Natur oder – in der Sprache des Glaubens gesagt – in der Schöpfung, kann ich dem Schöpfer selbst begegnen. Gott ist der Ursprung der Welt. Doch damit nicht genug. Bis heute wirkt er in ihr. Und er schafft sie so, dass ich mich wohlfühlen kann. Damit alles da ist, was ich zum Leben brauche. Damit es schön ist und ich es genießen kann.

Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat das im 19. Jahrhundert mit diesen Worten beschrieben:

Die Sonne scheint für dich – deinetwegen;

Und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet.

Es wird Winter, die ganze Schöpfung verkleidet sich,

spielt Verstecken, um dich zu vergnügen.

Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen;

Das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken.

Es wird Herbst, die Vögel ziehn fort, nicht weil sie sich rar machen wollen, nein, nur damit du ihrer nicht überdrüssig würdest.

Der Wald legt seinen Schmuck ab, nur um im nächsten Jahr neu zu erstehen, dich zu erfreuen…

All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?

Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern: zu sein heißt: für heute dasein – das ist Freude.

(Sören Kierkegaard)

Die Natur ist ein Geschenk für mich. Für jeden von uns. Gott schenkt sie uns das ganze Jahr hindurch. Und deshalb kann ich in der Schöpfung zu jeder Jahreszeit auch Gott begegnen. Meine Sinne helfen mir dabei. Wenn ich schaue, höre, rieche, taste, schmecke. Oder auch wenn ich mir einen Augenblick Zeit nehme, genieße und alles andere vergesse.

Kierkegaard nennt diese Moment des Daseins in der Natur „Freude“. Für mich ist diese Freude ein Ausdruck davon, dass Gott da ist und ich ihm nahe bin.

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