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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich stamme aus einer Flüchtlingsfamilie. Wie 12 Millionen andere mussten meine Eltern nach dem 2. Weltkrieg mit ihren Familien fliehen – aus Pommern bzw. aus der russisch besetzten Zone. Meine Mutter war damals knapp 3 Jahre alt, mein Vater 11. Was sie erlebt haben auf der Flucht, darüber wurde nie bei uns gesprochen. Wenn ich heute Berichte sehe über die Situation der Vertriebenen damals, über Hunger und Kälte und Vergewaltigungen, dann denke ich oft darüber nach, was wohl alles unverarbeitet in den Seelen meiner Eltern schlummert.
Irgendwann kamen sie damals an im Westen. Die Familie meiner Mutter war die erste evangeli­sche Familie in einem Dorf im streng katholischen Münsterland. Davon hat meine Mutter manch­mal erzählt. Über die Arbeitslosigkeit des Vaters, über den schweren Stand der Familie im Dorf, über die Ausgrenzungen. Aber auch über Menschen, die ihnen geholfen haben, Fuß zu fassen in der neuen Heimat.
Heute ist der Nationale Gedenktag an Flucht und Vertreibung. Ein relativer junger Gedenktag, aber ein wichtiger, finde ich. Denn schließlich geht es darum, das Leid der Millionen Menschen, die damals ihre Heimat verlassen mussten, nicht zu vergessen. Und zugleich auch das Leid der anderen wahrzunehmen. Die Schicksale der Millionen Menschen aus anderen Ländern, die durch das Dritte Reich Vertreibungen und Zwangsdeportationen erleiden mussten. Und das Schicksal der vielen Millionen Vertriebene und Flüchtlinge, die es heute gibt auf der Welt. Ich finde: Wir Deutschen haben aus unserer Geschichte heraus für sie eine besondere Verantwortung. Und deshalb ist es ein wichtiges Zeichen, dass unsere Bundesregierung den Nationalen Gedenktag an Flucht und Vertreibung mit dem Weltflüchtlingstag verbunden hat.
Wussten Sie übrigens, dass Jesus auch ein Flüchtlingskind war? Das  Matthäus-Evangelium erzählt davon, dass Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind damals in Ägypten Asyl fanden, als König Herodes ihr Kind töten wollte. Historisch beweisen lässt sich diese Geschichte nicht, aber ich finde es erstaunlich, wie selbstverständlich der Evangelist davon ausgeht, dass politisch verfolgte Menschen in einem anderen Land aufgenommen werden.
Auch für den erwachsenen Jesus ist das keine Frage. In jedem Fremden, sagt er, den wir freundlich aufnehmen, nehmen wir Gott selbst bei uns auf. Oder wir beherbergen vielleicht, ohne es zu wissen, einen Engel (Hebräer 13,2). Ich finde: Gerade wir Deutschen könnten so zeigen, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben.

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Am Rand zu stehen, kann schön sein. Im Urlaub genieße ich es immer wieder, am Meeresrand zu stehen und meinen Blick schweifen zu lassen. Mitten drin zu sein in einer Menschenmenge macht mir dagegen kein gutes Gefühl. Bei Stadtfesten mache ich immer einen großen Bogen um die Stadt, oder versuche über Umwege, eben am Rand, mein Ziel zu erreichen. Am Rand hat man mehr Freiheit, finde ich. Mittendrin muss ich mich durchboxen oder ich werde in eine Richtung geschoben, in die ich eigentlich gar nicht will.
Am Rand zu stehen, kann aber auch schrecklich sein. Fu?r ein Kind zum Beispiel, das vom Rand des Schulhofs zuguckt, wie die anderen zusammen spielen. Vom Rand sieht es so aus, als wären alle anderen mittendrin. Als hätten und könnten sie, was man selber nicht hat und nicht kann. Am Rand zu stehen, kann sich scheußlich anfu?hlen. Und es kann krank machen, an Seele und Körper.
Jesus hat oft mit Menschen zu tun gehabt, die am Rand standen. Manche haben sich selbst in die Außenseiterposition gebracht – der Zöllner Zachäus zum Beispiel. Niemand hat ihn gezwungen, beim Steuereintreiben seine Landsleute zu betrügen. Dass er am Rand steht, einsam und ausgegrenzt, ist durchaus selbstverschuldet. Aber damals wie heute gab und gibt es auch viele, die unver­schuldet am Rand stehen. Menschen, die ausgegrenzt werden, weil sie eine Krankheit oder eine Behinderung haben. Menschen, die am Rand stehen, weil sie bei uns fremd sind. Menschen, die am Rand stehen, weil sie nicht den Ansprüchen unserer Gesellschaft entsprechen, weil sie arm sind, arbeitslos.
Jesus hat keinen Unterschied gemacht, ob jemand aus eigener Schuld oder unverschuldet am Rand steht. Was für ihn zählte, war, ob jemand sich am Rand fühlt, ausgeschlossen, einsam und allein. Zu dem ist er dann gegangen, zu dem betrügerischen Zöllner, zu dem Kranken, dem Aussätzigen, zur Prostituierten, zu dem Traurigen und Einsamen und hat jedem von ihnen gezeigt: „Genau mit dir möchte ich etwas zu tun haben.“ Die Menschen um ihn herum fanden das ungeheuerlich. Warum geht Jesus zu denen, die am Rand stehen? „Aber genau da ist mein Platz“, hat er gesagt. Und deshalb ist er zu ihnen gegangen, hat mit ihnen geredet und gegessen, hat sie berührt und getröstet. Und er hat ihnen so gezeigt, dass sie für ihn einen Platz haben – mitten in seinem Herzen und auch mitten in der Gesellschaft.
„Geh hin und tut das Gleiche“ – ich glaube, dies Jesuswort gilt nach wie vor und ich glaube:
es geht uns alle an.

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Heute  ist der Autistic Pride Day. „Stolz darauf, autistisch zu sein“, heißt der Gedenktag wörtlich übersetzt. Aber das trifft nicht genau, was dieser Tag eigentlich meint.
Autistic Pride bedeutet: „Ich finde es okay, so zu sein, wie ich bin. Ich bin autistisch, und das ist für mich in Ordnung. Und ich hoffe, für Dich auch.“ Und auch wenn der Gedenktag nur 40-60.000 Menschen in Deutschland direkt betrifft – diese Botschaft geht uns alle an, finde ich.
Autismus ist bei uns als Behinderung eingestuft. Und genau da liegt das Problem, meinen viele Autisten. Denn „behindert sein“ heißt, von der Norm abzuweichen, eben anormal sein, unvoll­ständig. Und dagegen setzen die Initiatoren den Autistic Pride Tag und sagen: „Wir sind zwar anders, aber auch richtig und gut! Ihr müsst das nur erkennen!“
Auf der Internetseite „Autismus-Kultur“ ist dazu eine Geschichte veröffentlicht. „Willkommen in Holland“, heißt sie und ist von Emily Kingsley geschrieben, die selbst Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 ist.[1] In der Geschichte geht es um eine Frau, die eine Reise nach Italien gebucht hat, weil es da so schön ist und alle anderen auch immer nach Italien fahren. Alber als ihr Flugzeug landet,  sagt die Stewardess: „Willkommen in Holland!“. „Holland? Aber ich wollte doch nach Italien!“ „Es hat eine Planänderung gegeben. Sie sind jetzt in Holland!“
Die Fluglandung in der Geschichte steht natürlich für die Geburt eines Kindes. Und die beiden Länder? Jetzt könnte man denken, Italien steht für ein angeblich „normales, gesundes Leben“ und Holland für ein eingeschränktes, unvollkommenes Leben. Aber da würden Holland-Liebhaber zu Recht auf die Barrikaden gehen und aufzählen, was es alles Tolles in Holland zu entdecken und zu erleben gibt: In Italien gibt es Wein, in Holland gibt es Tulpen und Käse. In Italien gibt es den Petersdom, in Holland die Windmühlen. In Italien gibt es Michelangelos Statuen, in Holland Rembrandts Gemälde!
Ich denke: Italien und Holland stehen in der Geschichte einfach für zwei verschiedene Länder, für zwei Länder, die verschieden sind, anders eben, auf jedes auf seine Weise schön und wert, besucht zu werden.
Und genau darum geht es bei dem Autistic Pride Tag: Zu sehen, dass jeder Mensch anders ist, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen, ja! Aber jeder auf seine Weise wunderbar!


[1] Emily Perl Kingsley: “Willkommen in Holland”, www.autismus-kultur.de/autismus/eltern/willkommen-in-holland.html.

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Manchmal wäre es schön, wenn einem jemand umsteigen hilft: Hauptbahnhof Stuttgart, Gleis 9. Ich warte mit den Kindern auf den ICE. Mein Mann hat uns zum Bahnhof gebracht, musste aber gleich weiter. Und so stehen wir allein mit unserem Gepäck auf dem Gleis. Wird das wohl klappen mit dem Einsteigen, frage ich mich. Plötzlich steht ein freundlicher Mann vor uns. Von der Bahnhofsmission. Ob wir Hilfe beim Einsteigen brauchten? Es müsse dann ja gleich alles ganz schnell gehen.
Den Mann schickt der Himmel, denke ich!
Ich liebe Bahnfahren, vor allem wenn ich mit den Kindern unterwegs bin. Es ist deutlich entspannter als Autofahren und die Kinder können sich freier bewegen. Schwierig ist nur das Einsteigen und das Umsteigen. Man muss schnell sein, sich trauen, einen großen Schritt zu machen über einen kleinen Abgrund hinweg. Und dabei noch das Gepäck jonglieren.
Gut, wenn es da Menschen gibt, die helfen. Wie der Mann von der Bahnhofsmission. Ehrenamtlich bietet er seine Unterstützung an. Nicht nur beim Ein- und Umsteigen. Auch als Begleiter von Kindern oder Menschen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind. Und als Zuhörer für Menschen, die am Bahnhof gestrandet sind. An über einhundert Bahnhöfen in Deutschland sind fast 2.000 Menschen bei der Bahnhofsmission im Einsatz.
Als der Zug anrollt, das Gepäck verstaut ist und die Kinder ihre CD‘s hören, komme ich ins Nachdenken: Wäre es nicht großartig, wenn es überall solche Unterstützer beim Ein- und Umsteigen gäbe – nicht nur beim Bahnfahren? Schließlich ist das Leben ja fast so wie Zugfahren. Meist verläuft alles in gewohnten Gleisen und auf geraden Strecken. Aber manchmal möchte ich vielleicht auch die Richtung wechseln, umsteigen. Dann muss ich einen großen Schritt machen. Mit all dem Gepäck, das ich so mit mir herumschleppe. Oft sind das ganz wichtige Momente im Leben. Zum Beispiel wenn man sich für eine neue Arbeitsstelle entscheidet, für eine Partnerschaft oder für Kinder. Je länger ich darüber nachdenke, je gründlicher ich mich vorbereite – umso größer scheint der Abgrund zu werden, über den ich hinweg muss. Umso schwerer das Gepäck. Umso größer die Zweifel, ob ich den richtigen Zeitpunkt erwischen werde.
Gut, wenn es dann Leute gibt, die einem hilfreich zur Seite stehen. Meine Erfahrung ist: Wenn ich bereit bin umzusteigen, dann kommen solche Menschen oft von selbst. Gott sei Dank. Ganz unerwartet. Aber genau im richtigen Moment. Wie auf dem Bahnhof am Gleis 9. Probieren Sie es ruhig mal aus!

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Namen sind Schall und Rauch, sagt eine Redensart. Namen haben keine bleibende Bedeutung, soll das heißen, sie sind vergänglich wie die Menschen, die den Namen tragen.
In mir regt sich da Widerspruch. Denn wenn Namen nur Schall und Rauch wären, warum haben wir dann so viel Energie darauf verwendet, die richtigen Vornamen für unsere Kinder zu finden? Und warum ist mir dann das Namensschild meiner Oma so wichtig?
Das habe ich mir ausgesucht, als meine Oma gestorben ist. Jeder von uns Enkelkindern sollte sich ein paar Sachen aus dem Nachlass aussuchen. Ich habe eine Kette gewählt, die ich besonders an ihr gemocht habe, und das Namensschild, das an der Wohnungstür hing. Aus Messing ist es, regelmäßig von ihr blankgeputzt. „Olga Gehrke“ steht darauf.
Nun liegt das Namensschild bei mir in einer Schublade, zusammen mit anderen Erinnerungs­stücken, Fotos und selbstgemalten Bildern meiner Kinder. Wenn ich es immer mal wieder in die Hand nehme und über den Namenszug streiche, dann steigen sofort Erinnerungen auf. An das Bohnerwachs im Treppenhaus, an die kindliche Vorfreude auf den Besuch bei der Oma und natürlich an meine Oma selbst. Ihr Name auf dem Schild: Für mich ist darin dieser ganze Mensch, den ich geliebt habe. Wir Christen glauben, dass das bei Gott auch so ist:
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“  Bei jeder Taufe sagen wir das so, wie Gott es schon vor Jahrtausenden den Propheten gesagt hat. Bei der Taufe wird mein Name mit Gottes Namen verknüpft. Und wir glauben, was Gott gesagt hat: Du ganz bestimmter Mensch bist mir wichtig, bist für mich wertvoll, bist von mir geliebt. Wie viele Jahre seit meiner Taufe vergangen sind, ändert daran nichts. Und auch nicht, dass ich Gott in meinem Leben vielleicht hin und wieder aus den Augen verloren habe. Ich bin für Gott für immer dieser eine wertvolle und liebenswerte Mensch mit dem ganz bestimmten Namen.
Davon habe ich letztens in einer Seniorengruppe erzählt, über das Namensschild meiner Oma und über das Versprechen Gottes an jeden Getauften. Eine Dame dort, schon etwas dement, sagt normalerweise kein Wort. Doch als ich gesagt habe „Gott vergisst uns nicht. Er hat uns beim Namen gerufen“, da hat sie aufgeschaut und laut gesagt: „Helene“.
Und ich habe gedacht: Ja, bei Gott sind unsere Namen nicht Schall und Rauch. Selbst wenn ich sterbe, wenn es mein Namensschild an der Tür nicht mehr gibt und die Erinnerung an mich schon lange verblasst ist, selbst dann ist mein Name bei Gott nicht vergessen. Nicht meiner, nicht der von Helene, nicht der von meiner Oma und Ihrer auch nicht!

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Drei Stunden, so viel Zeit hat Martin, um eine Entscheidung zu treffen. Drei Stunden sind allerdings nicht viel, wenn es um die Frage geht: Mit wem will ich mein Leben verbringen? „Drei Stunden“, heißt ein Kinofilm, der von Liebesglück und Lebensglück erzählt, von verstrichenen Gelegenheiten, letzten Chancen und Gottes Rolle in diesem Spiel. Ich habe ihn vor kurzem auf DVD gesehen und möchte Ihnen davon erzählen.
Martin ist ruhig und bedächtig und verliebt in eine lebhafte Öko-Aktivistin. Soll er ihr seine Gefühle offenbaren? Immer wieder schiebt Martin die Entscheidung auf und jetzt ist es zu spät: Morgen fliegt Isabel für drei Jahre nach Afrika!
Und Martin sitzt in seiner Wohnung und hadert mit sich und der Welt. Und mit Gott, der als älterer Herr in dem Film auftaucht. Für Gott ist die Sache klar: Martin und Isabell wären ein prima Liebespaar. „Na, super“, sagt Martin sauer, „warum sorgst du dann nicht dafür, dass wir zusammen kommen?“ Wortlos greift Gott zur Fernbedienung und führt Martin einige Szenen vor, die ihn und Isabel vertraut und glücklich zeigen. Tatsächlich hat das Leben – also Gott – für Martin einige 1A-Gelegenheiten arrangiert, um sein Glück zu schmieden. Doch Martin hat sie verstreichen lassen.
Die Schuld dafür gibt Martin Gott. Der hätte ihn gefälligst viel klarer in die richtige Richtung schubsen können. Aber Gott schiebt die Verantwortung zurück. Er fragt: „Womit denn? Mit Engelschören und Halleluja? Wozu habe ich dir deinen freien Willen gegeben?“
Schließlich begreift Martin: Die Verantwortung für das Gelingen seines Lebens liegt in seiner Hand. Auch wenn Gott sein Leben begleitet, leben muss er sein Leben schon selbst. Und endlich wird Martin aktiv. Denn immerhin: Drei Stunden bleiben ihm noch, bis Isabel abfliegt.
Mich hat der Film amüsiert – und zum Nachdenken gebracht: Schiebe ich Gott oder dem Schicksal nicht auch viel zu oft die Verantwortung für mein Leben zu? Könnte ich nicht auch aufmerksamer sein für die vielen kleinen Gelegenheiten zum Glück, die Gott mir auf meinen Lebensweg streut? Und dann einfach zugreifen – beherzt und mit einer ordentlichen Portion Vertrauen, dass Gott es gut meint mit mir und meinem Leben.
Wahrscheinlich wird nicht immer alles gelingen, aber immerhin immer wieder etwas. So wie bei Martin. Der kommt am Ende tatsächlich mit seiner Isabell zusammen. Und bei allem Stolz darüber, dass er sich endlich getraut hat, vergisst er nicht, wer im Hintergrund dabei war. „Danke noch mal,“ sagt er am Ende. Und Gott antwortet: „Gerne, freue mich immer, wenn ich helfen kann!“

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„Für meinen Nächsten würde oft wenig dabei herauskommen, wenn ich ihn so liebte wie mich selbst.“ Das hat Friedrich Hebbel gesagt, ein deutscher Schriftsteller, der vor ungefähr 150 Jahren gestorben ist. „Für meinen Nächsten würde oft wenig dabei herauskommen, wenn ich ihn so liebte wie mich selbst.“ Ich habe das neulich irgendwo gelesen..
Der verdreht ja total, was Nächstenliebe eigentlich bedeutet, dachte ich erst, als ich diese Zeilen las. Erst nach und nach ist mir aufgegangen: Wahrscheinlich hat Hebbel Recht.
Begegnungen und Gespräche mit Menschen sind mir eingefallen, bei denen ich gespürt habe: da ist jemand ja gar nicht mit sich im Reinen. Der findet sich selber überhaupt nicht gut. Wenn ich diesen Menschen sagen würde: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, dann wäre das tatsächlich verhängnisvoll. Denn die Gespräche zeigen oft: Menschen, die sich selbst nicht mögen, haben in ihrer Kindheit meist nicht die Liebe erhalten, die sie gebraucht und verdient hätten. Und sie haben tiefe Schäden in ihrer Seele davon getragen. Jetzt haben sie das Gefühl: ich bin es halt nicht wert geliebt werden, nicht von anderen und schon gar nicht von mir selbst.
Ich finde: Gerade für solche Menschen zeigt sich, wie klug Jesus war, als er gesagt hat. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Denn Menschen mit einer solchen Geschichte müssen erst lernen, gut mit sich umzugehen, damit sie wirklich gut für andere da sein können.
Natürlich kann man auch Gutes tun, wenn man sich selbst nicht liebt. Aber dann ist das Verhältnis Selbstliebe und Nächstenliebe in Schieflage, nicht ausbalanciert. Dann gibt es keine Ausgewogenheit zwischen Geben und Nehmen, zwischen Einfühlen und Abgrenzen, zwischen Fürsorge und Selbstsorge. Wenn Selbstliebe und Nächstenliebe nicht im Gleichgewicht sind, dann verausgabt man sich leicht. Und gibt ohne Freude, bis man nichts mehr zu geben hat. Das wissen Psychologen und das wusste auch Jesus.
Jesus wusste auch, wie das nötige Gleichgewicht entsteht. Es kommt zustande, weil Gott „Ja“ zu mir sagt. Von Anfang an.. Er liebt mich, egal was mir andere Menschen sonst entgegenspiegeln und ohne, dass ich mir diese Liebe verdienen muss. Für Gott bin ich einfach so wertvoll und liebenswert. Er sagt „Ja“ zu mir und dieses „Ja“ hat Bestand.
Ich finde das wohltuend und entlastend. Und es hilft mir, selbst „Ja“ zu mir zu sagen. Denn wenn sogar Gott „Ja“ zu mir sagen kann, dann sollte ich das doch auch können! Und dann kann ich auch meine Nächsten lieben. Gern und von Herzen.

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