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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die Frau ist umgezogen. Die neue Wohnung gefällt ihr sehr. Schon beim ersten Besichtigungstermin hat sie sich wohl gefühlt. Gut ein Jahr hat sie da gewohnt. Dann hat ihr der Vermieter eröffnet, dass sie höchstens noch ein Jahr bleiben kann. Die Frau ist innerlich zusammengebrochen. Die Vorstellung schon wieder umziehen zu müssen war erst mal einfach grauenvoll. Aber sie hatte keine Wahl. Wenige Monate später hat sie eine neue Wohnung gefunden. Nachdem der Umzug dank ihrer Freunde gut überstanden war, hat sie sehen können, wie gut es war, dass sie umziehen musste. Im Rückblick weiß sie, was sie übersehen hat. Der Vermieter hat nebenan gewohnt und die beiden sind nicht gut klar gekommen. Irgendetwas hat sie als Mieterin ständig falsch gemacht. Mal hat sie das Auto falsch geparkt, mal die Lüftung im Bad zu lange laufen lassen.

Seitdem sie in der neuen Wohnung lebt, merkt sie welche Last von ihr abgefallen ist. Heute ist sie froh über die Kündigung. Menschen wie ihren alten Vermieter nennt sie „Arschengel“. Diese Wortschöpfung ist heftig und vielleicht sogar anstößig. Aber treffend. Denn solche Menschen zwingen einen im Leben etwas zu verändern. Etwas zu verändern das man freiwillig niemals gewählt hätte. Es ist bemerkenswert, was man manchmal aushält. Aber klar, wenn man das Gewohnte verlässt weiß man nicht, was kommt. Dann erträgt man lieber, dass man beispielsweise in einer Partnerschaft unglücklich oder beruflich ständig überbelastet ist.

Manchmal ist es auch wirklich nicht leicht, sich selbst für Veränderungen zu entscheiden. Ich finde es passend, Menschen die einen dazu zwingen Arschengel zu nennen. Es muss mir absolut nicht gefallen, was andere mir zumuten. Ich kann wütend und traurig sein, weil es schrecklich ist, was sie mir abverlangen. Ich darf mich aufregen weil ich etwas tun muss, das meine Pläne über den Haufen wirft. Aber vielleicht entdecke ich später dass gerade die Zumutung mir gezeigt hat, wieviel Mut ich habe. Oder eine unerwünschte Planänderung etwas möglich gemacht hat, von dem ich nicht zu träumen gewagt habe. Und so kann der Mensch, der mich unliebsam dazu gezwungen hat zu einem Engel werden. Zu einem, dem ich Erfahrungen verdanke, die ich sonst nie gemacht hätte.

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Geschichten des Gelingens. Sie faszinieren mich.

Zum Beispiel die von einem Architekten aus Berlin, der vor wenigen Jahren damit begonnen hat, Hartz IV Möbel zu bauen. Dieses Projekt war der Anfang einer ganzen Reihe von Initiativen, Es geht ihm darum, dass der Handel nach fairen und gerechten Gesichtspunkten abläuft. Der Architekt sagt: „Erfolg ist für mich, wenn das, was ich tue auch den Kindern von meinem kleinen Sohn ein gutes, freies und gerechtes Leben ermöglicht.“

Oder die Geschichte von einem Bäcker, der am Anfang seine Biobrötchen auf dem Flohmarkt verkauft hat. Heute leitet er eine der größten Biobäckereien in Berlin. Dort bestimmen die Bauern die Lieferpreise fürs Mehl. Energiebilanz und Mitarbeiterzufriedenheit sind vorbildlich. Der Bäcker sagt, ihn treibt nicht die Gewinnmaximierung sondern die spirituelle Kraft, den Menschen und der Erde dienen zu wollen.

Auch die Geschichte eines Rentners, der alles, was er besitzt in einen Rucksack packen kann. Und der sagt, mit wenig zu leben bedeute für ihn nicht Verzicht sondern sei befreiend.

Ich habe diese Geschichten auf der Webseite einer Stiftung entdeckt, die sich mit der Zukunft unserer Gesellschaft beschäftigt. Inzwischen kann man sie auch in einem Buch nachlesen. Sie erzählen davon, was Menschen dazu bewegt, gut miteinander und mit der Welt umzugehen. So, damit wir auch den Generationen nach uns eine bewohnbare Erde hinterlassen. Nur das Wissen über das was gut und nachhaltig ist, reicht nicht aus. Soviel ist sicher. Deshalb sammelt diese Stiftung Geschichten von Menschen, die es schon tun. Eine großartige Idee wie ich finde. Denn jedes Mal wenn ich darin lese, bin ich beeindruckt von den vielen Menschen, die sich für gutes Leben engagieren. Ich mache mir bewusst, wo ich selbst an solchen Geschichten beteiligt bin. Ich kriege Lust mich mit anderen zu vernetzen und dieser Spur weiter zu folgen: Wie es immer besser gelingen kann, gut mit der Welt und miteinander umzugehen.

 www.futurzwei.org

Der Futurzwei-Zukunftsalmanach 2014/2015, Fischerverlag

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Die einen sagen: Auf die Nachrichten kann ich nicht verzichten. Das brauche ich um informiert zu sein. Ich will wissen was in der Welt los ist.

Andere erzählen: Ich lese keine Zeitung mehr. Und Nachrichten schau ich mir auch keine an. Das macht mich bloß verrückt. Wenn ich die Bilder aus Syrien oder Pakistan sehe. Oder die Bilder von Flüchtlingsbooten vor Italien. Da könnte ich laut schreien. Aber das nützt niemandem. Ändern kann ich an all dem sowieso nichts. Also schau ich es mir gar nicht erst an.

 Ich gehöre auch zu denen, die all diese Katastrophennachrichten eher in erträglichen Mengen konsumieren. Also nicht täglich. Auch deshalb, weil ich davon nur wenig ertrage ohne mich schlecht zu fühlen. Mich lähmen Schreckensbilder und Hiobsbotschaften. Freuen kann ich mich dann über nichts mehr. Nachrichten schaue ich deshalb nur manchmal. Auch, weil ich merke, dass ich abstumpfe wenn ich zu viel davon mitkriege. Es nützt den syrischen Flüchtlingen überhaupt nichts, wenn mich ihre Not nicht mehr erreicht.

Wie wir mit der Nachrichtenflut umgehen, die uns jeden Tag überrollt, entscheiden die meisten wahrscheinlich intuitiv. Für mich ist wichtig, ob mich einfach nur runterzieht, was ich höre oder lese. Oder ob ich fähig bleibe, mich einzusetzen wo ich kann. Zum Beispiel als meine Nachbarin mir erzählt hat, dass sie den Flüchtlingen, die seit einigen Wochen in unserem Dorf wohnen, Deutschunterricht gibt. Sie hat dafür keine Bücher und Arbeitshefte gehabt. Wie gerne habe ich in den Unterlagen an unserer Schule gestöbert und ihr Material mitgebracht um sie wenigstens so zu unterstützen.

Ein winziges Beispiel. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber auf keinen Fall unnötig! Es ist immerhin der Impuls für die Frage: Was brauche ich, dass mich die Flut der Nachrichten nicht abstumpft oder lähmt? Sondern dass ich selbst etwas tue - für andere.

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Im letzten Sommer hat die alte Dame noch jeden Tag im Garten gearbeitet. Bohnen, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Kräuter, Blumen in allen Farben. Der Garten ist groß. Manchmal wenn ich nach Hause gekommen bin, ist sie in ihren Beeten gestanden und hat Unkraut gejätet. Und ich habe mich gefragt, wie sie das macht, dass ihr mit 90 Jahren der Rücken nicht weh tut. Jeden Freitagmorgen um halb acht ist sie mit ihrer Tochter zum Schwimmen ins Hallenbad gefahren. Viele Jahre. Im Sommer zum Baggersee. Ich war einfach nur beeindruckt. Und dann auf einmal im Dezember ist es ihr schlechter gegangen. An einem Freitag hat sie plötzlich gesagt, sie glaubt, heute war sie zum letzten Mal im Hallenbad.

Sie kann dankbar sein, dass sie das so lange konnte. Könnte man sagen. Sie hat keinen Grund jetzt zu jammern nachdem sie viele Jahrzehnte Kraft hatte für Dinge, die andere längst nicht mehr können in ihrem Alter. Könnte man meinen.

Aber es fällt ihr schwer, dass ihre Kräfte nachlassen. Auch sie muss sich verabschieden. Und weil sie so lange so viel konnte, ist es nicht leichter sondern schwerer. Mit meinen Eltern erlebe ich das schon eine Weile. Da kommt plötzlich eine Lungenentzündung und alles, was sie sich vorgenommen haben, geht nicht mehr. Die Augen lassen nach und brauchen viel mehr Aufmerksamkeit als ihnen lieb ist.

Ich begreife: Auch wer sein Leben relativ gesund und erfolgreich gelebt hat, kann nicht einfach nur froh und dankbar sein. Das Leben hält bis zum Schluss und in jedem Alter seine Aufgaben bereit. Alt werden, sich verabschieden müssen von der körperlichen Kraft, vergesslich werden – das geht nicht von alleine. Damit leben zu müssen, immer weniger nützlich zu sein. Nicht mehr gebraucht zu werden, weil Kochen, Backen und Wäsche bügeln nicht mehr geht. Das ist richtig hart.

Was brauchen alte Menschen? Pflege natürlich. Und dass wir sie würdigen für alles, was sie im Leben erreicht und geschafft haben. Wir leben in einer Gesellschaft, zu der in den kommenden Jahrzehnten viele alte Menschen gehören.

Es lohnt sich über diese Frage nachzudenken und mit alten Menschen darüber zu sprechen, was sie eigentlich brauchen.

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Ich bin Grundschullehrerin. Und wenn Kinder stundenlang da sitzen und einfach nichts tun, werde ich richtig sauer. Weil sie wertvolle Arbeitszeit verbummeln wie ich finde. Als ich wieder einmal einen Jungen angefegt habe, weil er eine geschlagene halbe Stunde vor seinem leeren Heft gesessen ist ohne erkennbaren Nutzen, ist mir plötzlich eingefallen. Ich kenne das aus meiner eigenen Schulzeit sehr gut. Ich erinnere mich, wie ich vor einer Hausaufgabe sitze und mich erreicht nicht, was ich eigentlich tun soll. Ich lese einen Text mehrmals hintereinander und bin innerlich ganz woanders. Die Wörter ergeben keinen Sinn und sind nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ich weiß noch, manchmal hätte ich nicht sagen können, was mich ablenkt. Manchmal schon. Da hätte mir geholfen, jemanden davon zu erzählen, dass ich traurig bin weil mich eine Freundin nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen hat. Oder dass ich richtig Angst habe, weil meine Mama im Krankenhaus liegt. Oder dass ich mich so freue, weil meine Tante zu Besuch kommt.

Es ist mir noch nicht lange bewusst, dass sich eigentlich niemand dafür interessiert hat, was in mir vorgegangen ist und was mir niemand angesehen hat. Was einfach nur mich beschäftigt hat, manchmal gequält hat.

Aus der Psychotherapie weiß man heute, welche Meisterin unsere Seele ist. Sie kann selbst schlimmste Erfahrungen irgendwie so bewältigen, dass Menschen überleben, erwachsen werden, erfolgreich und lebenstüchtig. Das ist großartig. Aber manchmal kann es auch krank machen. Oder zumindest das Leben sehr einschränken, wenn ich mit niemandem darüber sprechen kann, was mir auf dem Herzen liegt.

Ich weiß noch nicht, was das für meine Arbeit in der Schule bedeutet. Als ich mit den Kindern darüber geredet habe, waren sie mucksmäuschenstill. Sie haben mich gut verstanden und nur so gesprudelt als sie erzählt haben, was in ihnen so alles vorgeht wenn sie rumsitzen ohne was zu tun. In der Schule sollen Kinder lernen. Da bleibt wenig Zeit für das, was jeden Einzelnen einen lieben langen Tag so alles beschäftigt. Aber es kann irgendwie auch nicht sein, dass all das, was so wichtig ist, keine Rolle spielt. Vorerst habe ich mit den Kindern entschieden, dass sie das ab und zu wenigstens aufschreiben können.

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Wie viele Flüchtlinge kann Deutschland aufnehmen? Diese Frage beschäftigt im Augenblick viele Menschen. Alle möglichen Meinungen werden geäußert. Die einen tun es laut, andere unauffällig. Jeder hat seine Gründe. Manch einer, der mit Pegida auf die Straße geht, hat Angst, dass es den Flüchtlingen besser gehen könnte als ihm selbst. Gleichzeitig gibt es derzeit eine Menge von Ehrenamtlichen, die sich einsetzen für die Menschen, die auf der Flucht sind. Die wissen, dass es ihnen unvergleichlich besser geht.

Es ist nachvollziehbar, dass es Menschen gibt, die überlegen, wie viele Flüchtlinge eine Gesellschaft wirklich aufnehmen und versorgen kann.

Ich gehöre zu denen, die darüber nicht nachdenken. Vielleicht weil ich weiß, wie es sich anfühlt unerwünscht zu sein. Meine Eltern gehören zu den Deutschen, die nach 1945 aus ihrer Heimat in Tschechien vertrieben worden sind. Sie haben oft erzählt, wie es war im Viehwagon unterwegs zu sein, ohne zu wissen wohin. In einem Ort anzukommen, wo kaum einer sie haben wollte. Nichts mehr zu besitzen als die Kleider, die sie am Leib trugen. In Notunterkünften untergebracht zu sein. Die Vertreibung hat ihr ganzes Leben geprägt. Es hat lange gedauert, bis sie heimisch geworden sind dort wo sie heute leben. Die Namen von Menschen, die freundlich waren und ihnen geholfen haben obwohl sie Flüchtlinge waren, kennen sie bis heute.

Das fällt mir ein, wenn ich aus dem Fenster in meinem Bad auf das Haus schaue, in dem seit ein paar Monaten Flüchtlinge untergebracht sind. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass in diesem Haus die ganze Nacht Licht brennt. Ich kann die Not der Menschen, die da für eine Weile leben, nur ahnen. Männer, Frauen und Kinder. Traurig, weil sie weit weg von zuhause sind und viel verloren haben. Voller Angst, weil sie verfolgt und misshandelt worden sind. In Sorge, weil sie nicht wissen wie es weiter geht. All das kann ihnen sowieso niemand abnehmen. Das müssen sie aushalten und wird sie ein Leben lang prägen. Die Menschen in unserem Dorf, die ihnen Deutschunterricht geben, die Kleidung und Möbel zusammentragen oder sie zum Essen einladen, sind wie Engel. Wahrscheinlich werden sich die Flüchtlinge aus Syrien und Mazedonien immer an sie erinnern. Dankbar, dass sie Menschen unter Menschen waren.

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„Jeden Freitag Nachmittag besuchte ich meinen Großvater. Dann war in der Küche seines Hauses der Tisch zum Teetrinken bereits gedeckt. Wenn wir unseren Tee getrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen. Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: “Komm her geliebte kleine Seele“. Ich baute mich dann vor ihm auf und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Wenn ich während der Woche etwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit darüber, die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung dafür zum Ausdruckt, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen.

Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. Für meinen Großvater war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Zuerst hatte ich sogar richtig Angst. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen.“

 Die Geschichte hat mich berührt. Denn jeder Mensch braucht das: Einen, der etwas Echtes über ihn sagt. Das Erleben: Allein, dass ich da bin, genügt. Jemand nennt mich eine geliebte Seele.

 "Der Segen meines Großvaters" von Rachel Naomi Remen aus "der andere Advent 2013"

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