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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gut sieht sie aus, die Dame, die an der vorletzten Station zugestiegen ist und mir jetzt gegenübersitzt. Sie hat mühelos ihr Köfferchen nach oben gestellt und den Mantel aufgehängt. Eine Weile schaut sie aus dem Fenster, dann beginnt sie ein Gespräch. Wir sind in dem Abteil die einzigen Fahrgäste, niemand hört zu, und schon bald wird das Gespräch persönlicher. Ich finde sie sympathisch, und Lebensgeschichten interessieren mich immer, deshalb höre ich gern zu. Sie erzählt flüssig und leicht, es ist nichts ganz Spektakuläres, eine Frauengeschichte, wie es viele gibt. Die Ausbildung zur Lehrerin war noch nicht abgeschlossen, als sie schwanger wurde und heiratete. Dann hat sie ihren Mann in der Anwaltspraxis unterstützt und ihm den Rücken freigehalten. Aber er starb früh, und sie musste allein für die Kinder sorgen, drei waren es. An die abgebrochene Ausbildung konnte sie nicht mehr anknüpfen, so nahm sie, was sie bekam und wurde Verkäuferin. Eine Tochter ist früh an Krebs gestorben, da hat sie die Verantwortung für den dreijährigen Enkel übernommen. Irgendwann wurden ihre Eltern pflegebedürftig, auch um die hat sie sich gekümmert, na klar, was denn sonst? sagt sie. Spät hat sie nochmals eine Liebe gefunden, doch die endete mit einer Enttäuschung. 

Irgendwann nennt sie beiläufig ihr Geburtsjahr und ich rechne nach. Und sage dann: „Was, 83 sind Sie? Da haben Sie sich aber gut gehalten!“ 

Sie freut sich sichtlich über das Kompliment, und dann sagt sie: „Ich empfinde das eigentlich gar nicht so, dass ich mich selbst gut gehalten habe. Ich spüre eher, dass ich gut gehalten wurde. Dass da immer eine Kraft war, die mich gehalten hat, eine Hand, in der ich sicher sein konnte.“ 

Ich konnte gar nichts mehr sagen, denn kurz darauf musste ich aussteigen, ziemlich überstürzt, weil ich im Gespräch die Zeit vergessen hatte. Wir konnten uns nicht einmal mehr verabschieden, und wie zu erwarten war, sind wir uns nicht wieder begegnet. Und doch begleitet sie mich seither, diese Zugbekanntschaft, die keine zwei Stunden gedauert hat. 

So wie die alte Dame will ich mich auch ‚gut halten’ – und so wie sie will ich spüren, dass ich mich nur deshalb gut halten kann, weil ich gut gehalten bin.

 

 

 

 

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Irgendwann braucht fast jeder mal einen Kredit. Um ein Haus zu bauen, ein Auto zu kaufen, die Ausbildung zu finanzieren oder auch, weil am Ende des Monats immer mehr Tage übrig bleiben als Euros. Manche kommen da gar nicht mehr recht raus, drei Millionen Menschen in Deutschland gelten als überschuldet. Aber auch wer niemals einen Kredit beantragt, hat Schulden, derzeit trägt jeder von uns satte 26 000 Euro Staatsschulden. Für die haften wir zwar nicht persönlich, aber alle gemeinsam.

 Wir leben auf Kredit. Und wenn wir das sagen, dann hat das immer einen mahnenden Unterton: Vorsicht, das kann auf Dauer nicht gut gehen! Doch selbst wenn wir keinen Cent Schulden hätten, ‚auf Kredit leben‘ würden wir immer noch. Denn ‚Kredit‘ brauche ich nicht nur von der Bank. ‚Kredit‘ ist ein lateinisches Wort für das, was man glaubt, worauf man vertraut, ohne Beweis und Sicherheit. ‚Auf Treu und Glauben‘ hat man früher gesagt. 

Auch wenn das heute niemand mehr so nennt, auf Treu und Glauben müssen wir immer noch leben. Denn ohne Vertrauen kann man überhaupt nicht leben. Wenn ich das Haus verlasse, muss ich darauf vertrauen, dass ich nicht an der nächsten Ecke überfahren oder überfallen werde. Im Krankenhaus vertraue ich, dass die Ärzte kompetent sind und die Technik funktioniert. Und wenn ich einen anderen Menschen in mein Inneres schauen lasse, dann traue ich ihm zu, dass er dieses Wissen für sich behält und nicht gegen mich verwendet.

Ich lebe ‚auf Kredit’. Ich kann nur leben, wenn ich anderen einen Kredit, einen Vorschuss an Vertrauen gebe. Und ebenso umgekehrt: auch ich lebe davon, dass ich diesen Vorschuss bekomme. Ich bin sicher, ich habe einen solchen Kredit, einen Lebenskredit sozusagen. Der war schon immer da, längst bevor ich selbst irgendetwas hätte leisten oder verdienen können. Als Christin sage ich: Diesen Vorschuss, diesen Kredit hat mir Gott mitgegeben, und niemand kann ihn mir nehmen. Was ich auch anstelle, Gott wird mir seinen Vertrauenskredit nie kündigen.

 Unsere Staatsschulden erledigen sich leider nicht von selbst, wir werden sie wohl oder übel an die nächste Generation weitervererben. Aber hoffentlich nicht nur die Schulden! Sondern auch das, was wir glauben und worauf wir vertrauen, den Kredit, von dem wir leben.

 

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In einem seiner Bücher erzählt Jörg Zink von einem Aufenthalt in der nordafrikanischen Wüste. Er hat in jüngeren Jahren dort mehrmals einige Zeit verbracht. Die folgende Geschichte möchte ich Ihnen weitergeben:

„Als ich einmal mit einem Beduinenkind, einem zehnjährigen Mädchen, und seinen Ziegen in einem staubtrockenen Wadi unterwegs war, bedeutete sie mir in Zeichensprache, sie müsse nun ihren Ziegen Wasser geben. Ich sah mich um, sah nichts als Sand und trockenes Gestein und deutete mit einer Handbewegung an, ich sähe keine Chance, hier Wasser zu finden. Da ging sie ein wenig hin und her, witternd wie ein Tier, blieb irgendwo stehen, nahm eine Schüssel und eine Blechbüchse aus ihrem Schultertuch, kniete auf die Erde und fing an, ein Loch in den Sand zu graben. Als es dreißig Zentimeter tief war, sammelte sich Wasser darin, und sie füllte die Schüssel. Die Ziegen kamen ohne Eile von allen Seiten an; sie hatten das Wasser längst gerochen…


Das Bild des kleinen Mädchens mit seiner Blechbüchse in der weiten Wüste ist mir geblieben. Einfach weiterziehen durch irgendein trockenes Wadi in dem Vertrauen, es werde Wasser da sein und man werde es finden. Und im Grunde war es ein Muster für unser ganzes Leben mit seinen vielen Wegen zu den Menschen. Mit ihnen durch ihre Wüsten gehen. Wahrheit suchen. Wahrheit wittern, von der sie leben können. Riechen, wo Leben ist. Das Leben aus den Felsen auffangen. Es aus der Stille hören. Es aus der Erde graben.“ (Jörg Zink, Ufergedanken, Gütersloh 2007, S. 55f)

Soweit Jörg Zink. Das Bild von der Blechbüchse hat auch mich besonders berührt. Eine gebrauchte Konservendose ist für uns nichts weiter als Müll. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass so eine verbeulte Büchse reichen soll, um in der lebensfeindlichen Wüste zu überleben. 

Aber die Blechbüchse kann das Wasser nur fassen. Graben muss das Mädchen. Es muss ein Gespür dafür haben, wo sich das Graben lohnt. Und es muss bereit sein, sich zu bücken, zu arbeiten, mit bloßen Händen zu graben. 

Vielleicht sind wir in gewisser Weise alle Kinder mit Blechbüchsen, die darauf vertrauen, dass in der Wüste irgendwo Wasser ist – und die, wie Jörg Zink sagt, „das Leben aus den Felsen auffangen. Es aus der Stille hören. Es aus der Erde graben.“

 

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Manchmal kann ich fast nicht mehr hinschauen. Eine ganze Tagesschau voller schlechter Nachrichten. Terrorismus, Flüchtlingsdramen, Hunger, Seuchen. Und am Ende bin ich ratlos und habe das Gefühl: alles zu spät, mit dieser Welt ist nichts mehr zu machen. Umso mehr horche ich auf, wenn von Menschen berichtet wird, die sich dem entgegenstellen, auch wenn ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Indische Frauen zeigen Vergewaltiger an, obwohl sie wissen, dass die Polizei korrupt ist. Friedensaktivisten im nahen Osten werden von palästinensischen und israelischen Extremisten gleichermaßen bedroht. Ärzte arbeiten in Rebellengebieten und können jeden Tag entführt werden.

 Manchmal staune ich, wie mutig Menschen sein können. Auch in ganz alltäglichen Situationen. Ich staune, weil bei mir die Angst oft größer ist als der Mut. Um mutiges Handeln muss ich immer wieder ringen, es fällt mir nicht in den Schoß.

Eine sehr starke und mutige Frau hat einmal gesagt: Es gibt „nur ein redliches Mittel…, Verfolgte vor Verfolgung zu schützen: sich neben sie zu stellen.“ Bertha von Suttner war das, sie ist quasi die Mutter der Friedensbewegung. Zu ihrer Zeit, am Beginn des 20. Jahrhunderts, schien der Frieden zwischen den Völkern immer weniger möglich.

Bertha von Suttner wusste, dass Krieg nicht von Himmel fällt, sondern immer eine Vorgeschichte hat. Und dass Frieden ein mühsamer Prozess der Verständigung ist, der niemals abreißen darf. So ein Friedensprozess beginnt für sie im Kleinen. Sich neben jemand zu stellen, der verfolgt wird oder benachteiligt. Oder ungerecht behandelt. Über den getratscht wird. Wenn ich mich daneben stelle, heißt das erst mal nur: ich nehme wahr, was geschieht. Ich ducke mich nicht weg, ich schaue hin. Ich glaube, das ist schon viel mehr als wir meinen. Diese Rolle spielen oft auch die Medien, etwa Reporter, die unerschrocken berichten, was sie sehen, sonst hätten wir von Vielem keine Ahnung. Sehen, was ist, und sagen, was man sieht. Das ist ein Stück Friedensarbeit. 

Heute ist der internationale Tag der Menschenrechte. Was ich dazu beitragen kann? Aufmerksam sein, hinsehen, hinhören. Zeigen, dass mir nicht egal ist, wie Menschen behandelt werden, wenn es nur mich nicht betrifft. In der Straßenbahn, auf dem Schulhof, im Büro. Mich daneben stellen. Ich hoffe, dass mein Mut dazu ausreicht.

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Im Jahr 1962 hat eine unbekannte englische Band eine Aufnahme an eine Plattenfirma geschickt. Die renommierte Firma lehnte dankend ab. In der Begründung hieß es kurz und knapp: „Uns gefällt Ihr Sound nicht, und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt.“ 

Die vier Musiker waren die Beatles. Sie sollten zu einer der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte werden, und die Konkurrenzfirma machte mit ihnen das Geschäft des Jahrhunderts. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die Jugend meiner Generation ausgesehen hätte, so ganz ohne All you need is love oder Let it be oder Yesterday

Die Prognose der Plattenfirma ist gründlich daneben gegangen. So was erzählt man sich gern. Irgendwie tut es gut, wenn die Wirklichkeit sich der Planung entzieht, ihr quasi durch die Lappen geht. Vielleicht liegt es daran, dass unser ganzes Leben verplant ist. Immer müssen wir vorausschauen, abschätzen, planen. Wie ich den Tag einteile, um all das zu schaffen, was heute ansteht. Wann ich tanken muss, um auf der Autobahn nicht liegenzubleiben. Wie ich meinen Geburtstag feiern will und mit wem, damit die Gäste rechtzeitig eingeladen werden. 

Dass wir überhaupt vorausschauen und planen können, ist ein Zeichen von Intelligenz, sagen die Verhaltensforscher. Das gibt uns gegenüber anderen Arten einen Vorteil. Denn so mancher Unfall lässt sich durch vorausschauendes Verhalten vermeiden und mancher Prüfungsstress auch. Aber diese Fähigkeit zu planen und Prognosen zu erstellen hat auch einen großen Nachteil: wir sind viel zu sehr mit der Zukunft beschäftigt und kommen gar nicht mehr recht dazu, in Echtzeit zu leben. Die Gegenwart erlebe ich oft nur noch als die Vorstufe der Zukunft, auf die ich mich freue oder vor der ich Angst habe. 

Und wenn eine Prognose so offensichtlich falsch war wie bei den Beatles und ihrer Musik, dann kann das auch entlasten. Die Zukunft ist nicht zuerst Gegenstand unserer Berechnungskünste, und sie lässt sich auch nicht einfangen und zähmen. Sie ist ein Geschenk, das ich jeden Morgen bekomme und im Lauf des Tages quasi auspacke. Oft bin ich erstaunt, was aus diesem Päckchen so alles rauskommt. Nicht alles, was ich da finde, freut mich. Aber unterm Strich hat es bisher eigentlich immer gereicht, dass ich am Abend danke sage.

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Parkuhren sind unbestechlich, und die Leute, die sie überwachen, auch. Weil ich das wusste, ging ich so flott ich konnte zum Parkplatz zurück. Und tatsächlich, hinter dem Scheibenwischer klemmte ein Zettel, er war nicht zu übersehen. Aber er sah anders aus, als ich erwartet hatte, ganz anders. Keine Verwarnung, sondern eine Postkarte. Hallo, stand da, ich habe Ihre Parkuhr nachgefüttert. Sie wollen wissen, wer ich bin? Dann schauen Sie doch nach!“ Und dann kam noch eine Internetadresse. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Ein Werbegag? Eine Sekte? Oder sogar ein Stalker? Bloß nicht reagieren, war mein erster Impuls.

Aber die Neugierde war dann doch zu groß und ich habe angefangen zu suchen. Und bin auf eine Initiative aus den USA gestoßen. Es ist eine Bewegung, bei der Menschen anonym anderen helfen. Oder eine Freude machen. Oder eben irgendwie das Leben erleichtern. Der Trick dabei ist, dass es anonym geschieht, man gibt sich nicht zu erkennen. Wer mitmachen will, kann das einfach tun, es gibt keine Mitgliedschaft, kein Büro, keine Bankverbindung. Man kann eine Münze auf die Straße fallen lassen oder am frühen Morgen Schnee räumen, ein großzügiges Trinkgeld liegen lassen oder an der Kinokasse für den übernächsten in der Schlange bezahlen. Durch eine Visitenkarte oder eine Notiz weist man nur dezent auf die Initiative hin.

Es gibt dabei lediglich zwei Regeln: Man sucht sich die Person, der man eine Freude machen will, nicht aus, man überlässt es dem Zufall. Und man bleibt anonym und versucht auch nicht zu erfahren, wem man geholfen hat. Dieses Prinzip fasziniert mich. Der Beschenkte kann sich nicht bedanken, jedenfalls nicht persönlich. Aber gerade deshalb wird es ihn beschäftigen. Vielleicht fängt er an, Menschen auf der Straße aufmerksamer anzuschauen. Und das Beste: Er wird sie auch anders anschauen. Er wird zunächst mal jedem, dem er begegnet, zutrauen, dass er es vielleicht war, der ihm was Gutes getan hat. Mit diesem anderen Blick sehe ich dann in einem Gesicht nicht zuerst den möglichen Taschendieb, sondern einen Menschen, der mir einfach so eine Freude gemacht hat, es könnte ja sein.

Ich jedenfalls habe eine Weile nur noch Menschen gesehen, die für wildfremde Leute Parkuhren füttern.

 

im Internet finden Sie mehr zu dieser Idee, unter:

www.ssssh.org

www.randomactsofkindness.org 

 

 

 

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