Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sieben Meter Schnur. Das eine Ende befestigt an einer Gardinenstange. Von dort läuft sie quer durchs Wohnzimmer bis zum Bücherregal auf der anderen Seite. Mitten im Raum steht eine silberne Schachtel. Darin Kärtchen – 24 Stück – und daneben 24 Klammern.

Schnur, Zettel und Klammer – mehr braucht es nicht für einen Adventskalender, meint eine Bekannte. Am Beginn des Advents ist die Schnur leer, aber nach und nach füllt sie sich.

Zum Beispiel mit kleinen Texten. Jeden Tag ein Gedanke. Und schreiben darf man, was einem gerade einfällt: ein Zitat, eine Liedzeile oder auch nur ein Wort. Selbst Fragen dürfen gestellt werden. Mal kann es auch ein altes Photo sein, das ich beim Suchen der Weihnachtsdeko wiederentdeckt habe. Oder ich schreibe etwas auf, wonach ich mich schon lange sehne, einen Wunsch, eine ungewöhnliche Idee. Für all das ist Platz. 

Natürlich gibt es seit einigen Wochen auch wieder die anderen Adventskalender zu kaufen. Ganz klassisch mit Schokolade, mit kleinen Spielfiguren oder mit allerhand anderen Überraschungen. Auch so ein Adventskalender verkürzt das Warten auf Weihnachten. Und jeden Tag ein kleines Schokoladen-Täfelchen ist was Feines.

Und dennoch: mir gefällt die Idee mit der Schnur. Denn an Weihnachten bleibt nicht nur die Verpackung des Adventskalenders übrig. Im Gegenteil – die Schnur ist bunt gefüllt. Und ich vermute, dass sich dann auch in mir etwas gefüllt hat. Denn in diesen 24 Tagen werde ich achtsamer sein und aufmerksam auf das schauen, was um mich herum passiert, aber auch auf das, was in mir los ist. Dann bin ich sensibler, was es heißt, dass Gott in unserer Welt heute noch wirkt.

Darum kann der Advent auch so aussehen: Langsamer machen. Innehalten, um wachsamer zu werden. Wachsam und bereit, dass Gott bei mir ankommen kann. 

Auch die Bibel spricht immer wieder davon. „Seid wachsam!“ fordert Jesus. Damit will er uns nicht den Schlaf in der Nacht vermiesen. Wachsam sein bedeutet, mit wachen Augen das Leben und die Welt anzuschauen, um darin Gottes Gegenwart zu erkennen. 

Ein einfacher Adventskalender aus Schnur, Zettel und Klammern kann dabei helfen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18698

Gott ist tot. Das schreibt die 17 jährige Madeleine in einem Aufsatz. Sie ist Atheistin und findet die Welt von Tag zu Tag absurder.  

Die Rede ist von Madeleine Delbrêl. Sie wurde am Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich geboren. Madeleine Delbrêl ist hochbegabt. Sie studiert bereits mit sechzehn Jahren Philosophie in Paris. Sie fragt leidenschaftlich nach dem Sinn des Lebens, sie fragt und grübelt, doch sie findet keine Antwort. Der Tod scheint für sie das einzig sichere zu sein.

Und dann geschehen zwei Dinge gleichzeitig:

Zum einen lernt sie an der Uni eine Gruppe Studenten kennen, die sie beeindrucken. Sie sind realistisch, weltoffen und clever. Und ausgerechnet für diese Realisten ist Jesus eine lebendige und wichtige Person. Für Madeleine passt das nicht zusammen.

Zum anderen trennt sich ihr Freund von ihr – um ins Kloster zu gehen. Er will Dominikaner werden. Mit ihm konnte sie sich die Zukunft vorstellen. Nun bricht für Madeleine die Welt zusammen. Sie ist enttäuscht. Nichts ist beständig. Und sie fühlt sich bestätigt: alles hat ein Ende. Der Tod behält wohl immer das letzte Wort.

Doch damit will sie sich nicht zufrieden geben und sie beginnt zu suchen.

Es gibt keinen Beweis, dass es Gott gibt. Es gibt aber auch keinen dafür, dass es ihn nicht geben könnte. Und so startet sie ein Experiment: Fünf Minuten am Tag denkt sie still an Gott. Sie beschreibt es an einer Stelle so:

„Wenn ich aufrichtig sein wollte, durfte ich Gott (...) nicht so behandeln, als ob er ganz gewiss nicht existierte. Ich wählte deshalb, was mir am besten meiner veränderten Perspektive zu entsprechen schien: ich entschloss mich zu beten.“

Dieses Gebet gibt ihr die Gewissheit, dass Gott existiert - eine Erfahrung, die Madeleine verändert und prägt. Sie beginnt, Gott in ihrem Leben einen festen Platz einzuräumen und zwar in ihrem ganz gewöhnlichen Alltag. Mittendrin in allem.  

Das einzige, was man dafür tun muss, sagt sie, ist die kleinen Pausen im Alltag entdecken und diese Momente nicht zu verschwenden, sondern sich mit ihnen bewusst zu verbinden. Für Madeleine sind das solche Situationen: „Während die Suppe langsam aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluss warten, während wir an der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, während wir eine Treppe hinaufsteigen oder während wir im Garten für den Salat ein wenig Petersilie holen.“

Das alles sind Momente, um Gott zu begegnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18697

Aus alten Brautkleidern näht eine Frau aus Worms winzige Kleider. Kleidungsstücke für totgeborene Frühchen. Isabel Weber heißt die Frau und die kleinen Totenkleidchen, die sie an trauernde Eltern verschenkt, nennt sie liebevoll „Himmelskleider“.

Für ihren Sohn Jonathan gab es keine passende Kleidung, als er zwei Tage nach der Geburt gestorben ist. Er kam im sechsten Monat zur Welt und hat es leider nicht geschafft.

Dass Jonathan auf seinem letzten Weg in einem Frühchenbeutel liegen musste, hat seine Mutter nicht mehr losgelassen. Und da sie anderen Eltern ein friedlicheres Bild im Kopf wünscht, hat sie Anfang des Jahres mit dem Nähen begonnen.

„Beim ersten Nähversuch habe ich prompt die Nähmaschine geschrottet“, gesteht sie. Heute näht sie mit Hingabe kleine Perlen, Spitzen und Bänder auf die Himmelskleider und macht sie damit zu etwas Besonderem. Ihre Schwiegermutter strickt zu jedem Kleidchen die passenden Minischuhe aus weicher Wolle.

„Ich möchte den Eltern helfen, sich in Würde von ihrem Kind zu verabschieden. Und dass sie sich mit Liebe an ihr Kind erinnern, “ sagt sie und steckt viel Energie, Zeit und vor allem Liebe in ihre Arbeit. 

Die trauernden Eltern, die die Himmelskleider bekommen, kennt Isabel Weber nicht. Und aus eigener Erfahrung weiß sie, dass ihr Geschenk den Schmerz über den Tod nicht nehmen kann. Aber sie will den Eltern die Gewissheit geben, dass das Leben ihres Kindes wichtig war und dass in dieser schweren Zeit jemand an sie denkt.

Viele haben in den letzten Wochen über das Fernsehen und durch einen Aufruf im Internet von den Himmelskleidern gehört – die Brautkleider kommen mittlerweile aus ganz Deutschland. Und seit wenigen Wochen nähen vier weitere Frauen gemeinsam mit Isabel Weber Himmelskleider. 

Für mich wird da schon heute ein Stück Himmel sichtbar.
Wie es nach dem Tod im Himmel konkret aussehen wird, das kann niemand sicher beantworten. Aber ich glaube daran, dass wir dort nicht allein sein werden.
Der Himmel ist ein Ort voller Beziehungen.
Zwischen Menschen und zwischen Mensch und Gott.
Auch die Himmelskleider schaffen neue Verbindungen. Zwischen den Frauen, die ihr altes Brautkleid zur Verfügung stellen, zu Isabel Weber und ihren Helferinnen bis hin zu den trauernden Eltern und dem gestorbenen Kind.
Ein kleines Stück Himmel auf Erden.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18696

Wolfgang Amadeus Mozart. Als Komponist ist er vielen bekannt und vielleicht auch als fleißiger Briefeschreiber. Er hat viele Briefe geschrieben, an Freunde, Bekannte und die Familie. Die meisten gingen an seinen Vater Leopold.

„Der wahre Endzweck unseres Lebens ist der Tod.“ Heißt es in einem dieser Briefe.

„Und deshalb, “ so schreibt Mozart weiter, „habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freund des Menschen bekannt gemacht.“

Diese Sätze stammen aus Mozarts letztem Brief an seinen Vater. Der Vater ist schwer krank. Mozart weiß nicht, ob er ihn noch einmal wiedersieht. 

Ich finde es erstaunlich, dass er in dieser Situation vom Tod als dem besten Freund des Menschen spricht. Nicht nur heute haben viele Menschen Angst vor dem Tod. Diese Angst findet sich quer durch die Geschichte in allen Epochen. Auch zur Zeit Mozarts.

Aber er freundet sich mit dem Tod an: „Ich lege mich nie zu Bette ohne zu bedenken, dass ich vielleicht den andern Tag nicht mehr sein werde“, schreibt er.

Mozart rechnet also mit dem Tod. Jeden Tag. Das macht ihn nicht mürrisch oder traurig, sondern er begreift, dass der Tod eben zum Leben dazugehört.

Und dieser Tod hat viele Namen: eine Krankheit, die mich völlig aus der Bahn wirft, älter werden und feststellen, dass im Leben nicht mehr alles möglich ist, an einer Aufgabe scheitern und etwas nicht so hinbekommen, wie ich es mir gewünscht habe. In diesen Situationen macht sich der Tod in kleinen Portionen schon heute im Leben breit.

Und dennoch: ein Leben ohne Tod klingt zwar verlockend, aber unsere Lebenszeit wird erst durch den Tod wertvoll und kostbar. Ohne ihn wäre vieles im Leben beliebig. 

Als Christin glaube ich außerdem, dass der Tod nicht das letzte ist. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Keine Wiedergeburt in einer Endlosschleife, sondern ein Leben bei Gott. Und ich glaube, dass jeder Moment, in dem wir glücklich sind, ein Vorgeschmack ist auf das, was uns Menschen nach dem Tod erwartet. Jede Zuwendung eines anderen Menschen, jede Zärtlichkeit und jeder frohe und zufriedene Moment, vermitteln mir eine Idee, wie dieses ewige Leben sein wird.

In Mozarts Brief lese ich genau das. Er hat sich den Tod zum Freund gemacht. Und so kann er auch sagen, dass der Tod nichts Erschreckendes mehr für ihn hat, „sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes!“

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18695

„Wenn du wissen willst, wie Gott ist, schau in den Spiegel.“ Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, war ich verblüfft.
Ich kenne natürlich den Anfang der Bibel, in dem es heißt, dass Gott den Menschen als sein Abbild schuf. Aber das heißt doch nicht, dass ich wie Gott aussehe oder gar so bin wie er. Mir fallen da viele Eigenschaften an mir ein, die so ganz und gar nicht göttlich sind.
Die Menschen in der Antike hätten so einen Satz vermutlich verstanden. Wenn sie Bilder malten, dann haben sie einen Menschen nicht eins zu eins abgebildet. Die Bilder waren keine Kopie, sondern sie haben einen Zugang zu dem Motiv eröffnet.

Bei uns ist das heute anders: Wenn wir ein Foto machen, dann soll das Motiv möglichst realistisch abgelichtet werden. Je besser die Kamera und die Auflösung, desto besser das Bild. Den Menschen damals ging es um etwas anderes. Sie haben im Bild etwas vom Wesen des Abgebildeten erkannt.

Bild Gottes zu sein, heißt dann, dass von Gott etwas sichtbar wird. In jedem Menschen steckt etwas Göttliches, dass ihn mit Gott verbindet. Die Fähigkeit zu denken und zu fühlen, kreativ zu sein und auch, dass ich andere Menschen lieben kann. Da werde ich Gott sehr ähnlich.  

So verstanden, stimmt der Satz. „Wenn du wissen willst, wie Gott ist, schau in den Spiegel.“
Konkret zeigt sich das darin, wie ich mit den Menschen umgehe, die jeden Tag um mich sind. Zugegeben, bei manchen fällt es mir schwer, Gottes Bild in ihnen zu erkennen. Doch wenn ich Gott und seine Botschaft ernst nehme, dann gehört es dazu, mich ein wenig anzustrengen, um das Gute im anderen zu suchen und nicht nur auf das zu schauen, was so ganz und gar nicht göttlich ist.

So wird jeder Mensch wertvoll und ich kann etwas von seiner einzigartigen Würde sehen. 
Wenn ich mich daran erinnere, dass jeder Mensch Gottes Bild ist, dann verändert das auch meinen Blick auf alle Menschen. Dann kann mir das Schicksal der Menschen in Syrien, dem Nordirak, in Lampedusa oder im Nahen Osten nicht egal sein. Ich bin auch für sie verantwortlich – im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Und indem ich Gottes Bild in jedem Menschen suche, werde ich auch selbst Gott ähnlicher, und in mir wird mehr vom Original sichtbar.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18694