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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, das ganze Reich in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal, damals war Quirinius Statthalter von Syrien.“ (Lk 2,1f)
Nein, liebe Hörerinnen und Hörer, es ist noch nicht Weihnachten. Aber dieser Text stammt eben von dem Evangelisten Lukas, dessen Gedenktag heute in den Kirchen gefeiert wird.
Von diesem Lukas wissen wir nicht viel, /// vielleicht war er ein Begleiter des Paulus auf seinen Reisen, /// sicher ist wohl, dass er von Beruf Arzt war. Wie er zum Christentum gekommen ist, ist auch nicht bekannt, sicher ist nur, dass er kein Jude war. Er war jedenfalls so begeistert von Jesus, dass er sich entschieden hat, alles, was er von Jesus wusste, aufzuschreiben. Daraus wurde dann das Lukasevangelium. /// Adressiert hat er sein Evangelium an einen Theophilus, was auf deutsch nichts anderes heißt als Gottesfreund. Ich bin mir sicher, dass damit auch ich gemeint bin.
Lukas war es wichtig, das Leben Jesu in einer konkreten Zeit zu verorten, nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern zur Zeit des Kaisers Augustus in Rom und des Statthalters Quirinius in Syrien. Wichtig war Lukas außerdem, dass Jesus kein König mit Pomp und Prunk war, sondern dass ihm die Armen, die Benachteiligten und Schwachen besonders wichtig waren. Folgerichtig wird bei Lukas Jesus in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt, und die Hirten, erfahren als erste von der Geburt des Retters. (Lk 2,8-20)
Damit macht Lukas uns deutlich, wie wichtig es ist, dass Jesus nicht in einem Königshaus auf die Welt gekommen ist, denn dort wäre für die Armen, Benachteiligten, ja die Schwächsten kaum Platz gewesen. Genau das haben Jugendliche in unserer Gemeinde in einem Krippenspiel thematisiert: Maria und Josef fanden Platz im Fünf-Sterne-Hotel und als Folge wurden die Hirten davon gejagt.Kein Platz für Arme, Außenseiter und Schwache.

Wie real das ist, zeigt sich, wenn politische Gemeinden Asylbewerberheime ablehnen oder Asylsuchende in Heimen misshandelt werden, /// wenn Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, weil das reiche Europa sich wie eine Festung abschottet.In den ersten christlichen Gemeinden war der Einsatz für die Armen und Schwachen das zentrale Anliegen, Das soll auch für unsere politischen und kirchlichen Gemeinden Anfrage und Ansporn sein, daran werden wir uns messen lassen müssen.

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Wenn Sie mich jetzt am Radio hören, sind Sie früh aufgestanden, /// hoffentlich hatten Sie eine gute Nacht, ///  vielleicht sind Sie aber sogar froh, dass die Nacht endlich vorbei ist.
Für manche Menschen ist die Nacht eine schwere Zeit. Das Dunkle schafft Unsicherheit und Ängste, manchmal bloß davor, wach zu werden und nicht wieder einschlafen zu können /// oder etwas Blödes zu träumen.
Bestimmt sind auch in dieser Nacht wieder Kinder in das Bett ihrer Eltern gekommen, weil sie dort Sicherheit spüren.
Besonders kranke und schlaflose Menschen haben das erste Licht des Tages herbeigesehnt, das das Ende der Nacht ankündigt. Es lässt viele Menschen aufatmen, weil das Wälzen im Bett vorbei ist und man nicht mehr den Schlag der Uhr sehnsüchtig erwartet. Vielleicht sind Sie heute Morgen aber gerne aufgestanden, weil heute Freitag ist und damit für die meisten der letzte Arbeitstag dieser Woche.Egal wie die Nacht für Sie war: „Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens.“ So hat es der Theologe Dietrich Bonhoeffer gesagt.
Ein Kollege hat mir vor einiger Zeit von einer Bergtour erzählt, die er mit ein paar anderen gemacht hat. Weil sie sich in der Zeit total verschätzt hatten, mussten sie am Berg übernachten. Das Risiko im Dunkeln weiterzugehen wäre einfach zu groß gewesen.
Diese Nacht hat sich für ihn sehr lange hingezogen. Als die Nacht am kältesten war, ist der Morgenstern aufgegangen und kurz darauf mit einem Silberstreif am Horizont auch die Sonne. Endlich war der neue Tag da und sie konnten weiterwandern.
So sehr die Männer am Berg das Aufgehen der Sonne auch herbeisehnten, sie konnten es nicht beschleunigen. Aber sie konnten sicher sein, der neue Tag wird kommen.
Das gilt auch für uns: Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag und jeder Morgen bringt für uns die Chance, alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen, Veränderungen anzugehen und auch Dinge, die schief gelaufen sind, zu bereinigen.
Und auch wenn dieser neue Tag vielleicht nichts Gutes für Sie bereithält, eins ist sicher, morgen kommt wieder ein neuer Tag.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18454

 

„Ich glaube, der Pfarrer weiß nicht mehr, wie es weitergeht.“ Diese Erfahrung hat mir einmal eine Frau mitgeteilt. Sie hatte das erste Mal bei uns einen Gottesdienst mitgefeiert.  Und in dem werden auch ganz bewusst stille Zeiten gelassen.
Aus den Gottesdiensten ihrer Glaubensgemeinschaft kannte sie das nicht. Sie hat mir erzählt: „Bei uns im Gottesdienst ist immer irgendwas los, ist ständig Action. Stille gibt es da nicht.“
Auch in unserer Welt gibt es nicht viel Stille. Nicht wenige, gerade auch jüngere Menschen fühlen sich sogar unwohl, wenn es ganz still ist. Sie haben dann den Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmt. Da ist die Frau in meinem Gottesdienst kein Einzelfall.
Ich finde, dass Stille wirklich gut tut – nicht nur im Gottesdienst. Ich liebe es zum Beispiel, mit meinem Hund im Wald zu laufen, wo keine lauten Geräusche meine Gedanken stören. Diese stillen Zeiten brauche ich, um die innere Ruhe zu finden, im Lärm des Alltags anderen Menschen zuhören zu können.
Manchmal, wenn ich Menschen miteinander reden höre, fällt mir auf: Viele hören dabei dem anderen gar nicht zu, /// Stattdessen vergleichen sie den eben gesagten Satz mit ihren eigenen Erfahrungen. Wenn es passt, geben sie das mit großer Lautstärke kund. /// und unterbrechen oft sogar den Redner, die Rednerin abrupt. Keine feine Art.
Kommunikationstrainer versuchen das ruhige Zuhören zu fördern, indem sie jeden Redner erst einmal den gerade gehörten Beitrag in eigenen Worten wiederholen lassen und erst dann den eigenen Beitrag starten.
Ich habe mit einer Schulklasse noch etwas anderes ausprobiert: Werden wir es schaffen, fünfzehn Sekunden ganz ruhig zu sein, ohne jegliches Geräusch? -Zuerst war es sehr schwer. Irgendjemand hat sich immer geräuspert oder fing an zu lachen. Dann aber ist es uns gelungen und wir haben die Stille auf dreißig Sekunden, später auf eine Minute, am Schluss auf Wunsch der Klasse sogar auf fünf Minuten ausgedehnt.
Für die Schülerinnen und Schüler war es eine tolle Erfahrung. Sie haben begeistert davon berichtet, welche leisen Geräusche sie von draußen hören konnten, die sonst im Lärm untergingen und nie zu hören waren.
Gerhard Krombusch, ((ein Religionspädagoge in Paderborn)), hat diese Erfahrung einmal so in Worte gefasst:

„Zeit für Ruhe, Zeit für Stille,
Atem holen und nicht hetzen,
unser Schweigen nicht verletzen.
Lasst uns in die Stille hören.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18453

„Gott ist auch mitten unter den Kochtöpfen.“ Teresa von Ávila hat das gesagt, eine Ordensfrau, die im 16. Jahrhundert gelebt hat; sie gilt als große Mystikerin. Heute wird in der Kirche an sie erinnert.

Von einer Mystikerin würde man wahrscheinlich anderes erwarten als solche Bodenständigkeit. Unter Mystik verstehen viele etwas Abgehobenes, etwas, das sich jenseits unseres Alltags vollzieht, in einer anderen Welt. So sehr es Teresa, die im Alter von 20 Jahren in ein Karmelitinnenkloster eingetreten war, „nach innen“ gezogen hat, zu einem „inneren Beten“, wie sie es nannte, so sehr ist sie aber auch Zeit ihres Lebens immer wieder durch ganz alltägliche Dinge „geerdet“ worden. Da war zum Beispiel die schnell anwachsende und viel zu große Klostergemeinschaft, in der sie sich häufig in ihrer Vorstellung, geistlich zu leben, gestört gefühlt hat. Eine Zeit lang war sie sehr krank, so schwer, dass man geglaubt hat, sie würde es nicht schaffen. Und dann ist sie auch noch in mehrere religiöse Krisen geraten. Mystik, das lerne ich an Teresa, ist beides: Ein Weg nach innen, der häufig aber außen beginnt und am Ende wieder nach außen führt. Teresa hat es beispielsweise geliebt, Menschen kennenzulernen; vielfach sind daraus Freundschaften geworden. Entsprechend hat sie auch Freundschaft mit Gott und mit Jesus gesucht; gepflegt hat sie sie im Gebet, das sie als „Verweilen bei einem Freund“ angesehen hat.

Aber auch das darf als ein Weg nach außen gelten: Dass Teresa ihre inneren Erfahrungen aufgeschrieben hat. Darunter auch die, dass Gott mitten unter den Kochtöpfen ist. Sie hat damit sagen wollen: Bei Gott, bei Jesus verweilen, das kann ich immer. Ich brauche dazu keine idealen Voraussetzungen wie etwa ein Kloster oder einen stimmungsvollen Gottesdienst am Sonntag. Auch mitten im Alltag – wenn ich dusche; wenn ich am Schreibtisch sitze – überall kann ich mich Gott zuwenden, kann er Teil meines Lebens sein, so, wie ich es auch bei einem Freund oder einer Freundin tun würde.

Teresa ist mit Gott in einer freundschaftlich-vertrauten Weise umgegangen und hat damit eine für ihre Zeit ungewohnte Frömmigkeit vermittelt – so bodenständig, dass sie noch heute guttut und wegweisend ist – nicht nur für die, die am Kochtopf stehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18452

„Einladung zur Dankbarkeit“ – so lautet der Titel eines Büchleins, das ich in diesem Sommer gelesen habe.[1] Es enthält eine Fülle von Gedanken, über die ich nur staunen kann. Man sollte ja meinen, Dankbarkeit sei etwas so Alltägliches, dass man eigentlich alles darüber weiß. Doch die „Einladung zur Dankbarkeit“ geht von einer gegenteiligen Erfahrung aus. Wir seien heute eine ziemlich undankbare Gesellschaft, heißt es da. Wir wollten immer noch mehr besitzen, weil wir nicht dankbar sein könnten für das, was wir schon haben. Dabei seien unsere Vorfahren dankbare Menschen gewesen und hätten durch ihre Dankbarkeit Freude gefunden. Denn ihnen sei bewusst gewesen, dass es einen „Geber aller Gaben“ gibt, und dass sie selbst Gabe seien.

Besonders berührt hat mich in dem Büchlein das Kapitel „Wie wir dankbare Menschen werden“. Dankbarkeit, heißt es da, beginnt im Bereich der Sinne, wörtlich: „…mit jener staunenden Freude, die sich am Sinnlichen ganz von selbst entzündet. Wer das bezweifelt, braucht nur ein Fußbad zu nehmen. Da wird Dankbarkeit ganz spontan lebendig.“ Die gleiche Erfahrung kann ich fast überall machen, wo der Alltag mich hinführt. Ich merke: Ich brauche nur darauf zu achten, und Dankbarkeit wird mich beinahe überwältigen. Die Frage ist, ob ich das tue. Der Autor verrät, dass er seit Jahren täglich in seinen Taschenkalender zumindest eine Sache schreibt, für die dankbar zu sein ihm vorher noch nie in den Sinn gekommen ist. Wer darin eine schwierige Übung vermutet, wird staunen, wie viele Gründe einem in den Sinn kommen können, dankbar zu sein.

Seit ich diesen Gedanken gelesen habe, ertappe ich mich dabei, nach solchen Gründen zu suchen. Und so freue ich mich plötzlich über die bunten Blumen auf einer Verkehrsinsel mitten in der Stadt, ebenso, wie über die freundliche Beratung am Schalter des Reisezentrums der Deutschen Bahn und über die Sorgsamkeit, mit der meine Friseurin mir die Haare geschnitten hat. Es stimmt: Solche Alltäglichkeiten sind mir vorher nicht weiter aufgefallen. Inzwischen tun sie es, und so werden sie zu Gelegenheiten dankbar zu sein, auch Gott gegenüber, dem Geber aller Gaben.


[1] David Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, hrsg. von Ulla Bohn, Freiburg im Breisgau (Kreuz Verlag) 2012.

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„Damit wir klug werden“ – so lautet das Leitwort für den Evangelischen Kirchentag, der nächstes Jahr in Stuttgart stattfinden wird. Seit gut einem halben Jahr begegnet es mir bei den vielen Vorbereitungen, die in den Stuttgarter Gemeinden bereits auf vollen Touren laufen. „Damit wir klug werden“ – das hört sich an, als seien wir es nicht. Geb‘ ich mir nicht alle Mühe, eine Entscheidung gut zu überlegen und durchzuspielen, damit sie klug wird? Freilich, nicht immer gelingt das. Manchmal mache ich auch die Erfahrung, dass ich vorschnell gehandelt habe, dass etwas noch nicht entscheidungsreif war. Wann ist etwas klug und wann nicht?

Das Leitwort des Kirchentags greift ein Wort aus der Bibel auf. „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir klug werden“, heißt es da (Psalm 90,12).[1] Ich verstehe das als einen Impuls, meinen Tagen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, sie nicht einfach verstreichen zu lassen, einen nach dem anderen, als ginge das einfach so weiter. Ich weiß aus Erfahrung, dass es nicht so weitergeht. Aber ist das dann schon klug? Ist es nicht so, dass meine Tage in der Regel vollgepackt sind – angefangen von den ganz gewöhnlichen Aufgaben bis hin zu den großen Herausforderungen? Wie oft muss ich mir eingestehen, dass ich etwas nicht geschafft habe. Tu ich zu viel?

So wichtig es sein mag, sich diese Frage gelegentlich zu stellen: Zu klugem Handeln im Sinne des Bibelworts scheint mir das allein noch nicht zu führen. Eher ist es die Entdeckung, wie sehr vieles von dem, was ich alles tue und noch zu tun beabsichtige, um mich selbst kreist. Wäre es nicht klüger, weniger zu tun, besser darauf zu achten, was an jedem Tag Neues geschieht, sich eher von den Tagesereignissen an der Hand nehmen zu lassen und darin Gottes Führung zu entdecken?

Meine Tage zu zählen, das kann bedeuten, sie bewusster zu erleben. Statt sie untergehen zu lassen in all den Verpflichtungen, die ich habe und vorhabe und für die ein Tag oft nicht reicht, ist es – denke ich – besser, ein paar Augenblicke die Zeit anzuhalten, nachzudenken. Und dabei kann ich dann auch an Gott denken, für den tausend Jahre sind wie der Tag, der gestern vergangen ist (Psalm 90,4).


[1] Lutherübersetzung 1984: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Im hebräischen Original heißt es: „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir ein weises Herz erlangen.“

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