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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wenn es einem nicht so gut geht, denkt man zurück an bessere Zeiten.
So wie Jens Overbeck, die Hauptfigur in einer Kurzgeschichte, die ich neulich gelesen habe. Overbeck ist Ende dreißig und mit seinem Leben nicht so recht zufrieden. Ständig muss er an seine erste Freundin denken - eine Mitschülerin, mit der er nach der Schule eine unvergesslich schöne Zeit verbracht hat.
Ich glaube, so wie Overbeck in der Geschichte geht es vielen Menschen. Wenn es im Leben nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen, dann reisen sie in Gedanken in die Vergangenheit. Sie gehen zurück an einen Punkt, den sie als besonders schön in Erinnerung haben. Und sie wünschen sich, ihr Lebensweg hätte von dort aus einen anderen, bessere Richtung genommen: Mit der Freundin von damals wäre ich heute noch glücklich. Oder: Hätte ich mich damals anders entschieden, dann wäre ich heute bestimmt weiter …
Auch Overbeck trauert der Vergangenheit nach. Ein Klassentreffen steht vor der Tür, bei dem er seine Jugendliebe nach 20 Jahren wieder sehen wird. Er fiebert dieser Begegnung entgegen. Aber dann muss er feststellen: Die Zeit, die für ihn die schönste in seinem Leben war, war für seine ehemalige Freundin nur eine unbedeutende Episode: Als Overbeck sie fragt, warum sie damals mit ihm Schluss gemacht hat, lacht sie ihn aus und sagt: „Das weiß ich doch heute nicht mehr“.
Ich vermute, wenn man tatsächlich in der Zeit zurückreisen könnte, würden viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen: Die in der Erinnerung so glorreiche Vergangenheit, würde sich als gar nicht so toll herausstellen. So eine Zeitreise wäre in den meisten Fällen wahrscheinlich ziemlich ernüchternd. Offenbar spielt einem die Erinnerung da einen Streich. Sie gaukelt einem vor: Das, was ich mir jetzt so sehr wünsche, habe ich irgendwann einmal schon gehabt. Aber das stimmt oft gar nicht.
Und selbst wenn es stimmt, dass es früher besser war. Ich denke, es ist trotzdem nicht hilfreich, sich zu sehr mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Jesus hat einmal gesagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes“ (Lukas 9,62). Ein Bauer, der pflügt und dabei immer nach hinten schaut, bekommt keine grade Furche mehr hin. Ich denke, Jesus will damit sagen: Wenn ich mich ständig an die Vergangenheit erinnere, vergesse ich dabei ganz, die Gegenwart zu gestalten. Statt verpassten Chancen nachzutrauern, sollte ich lieber auf die Möglichkeiten achten, die ich hier und jetzt habe. Denn die gibt es, ich muss sie nur nutzen. Und wenn dann etwas Neues entsteht, wenn es mir gelingt, mein Leben in eine gute Richtung zu lenken, dann wird ein Stück von Gottes Welt Wirklichkeit.

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Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Guter Schlaf ist wichtig für den neuen Tag. Obwohl:
Wissenschaftler können bis heute nicht erklären, warum Menschen eigentlich schlafen müssen.
Wir schlafen jedenfalls nicht, damit sich unser Körper ausruhen kann. Darin sind sich die Forscher einig. Denn ausruhen könnten wir uns in wachem Zustand genau so gut. Aber wozu schlafen wir dann? Um Erinnerungen zu speichern, sagen manche Schlafforscher. Andere sagen genau das Gegenteil: Wir schlafen, um zu vergessen. Und wieder andere meinen: Wir schlafen, damit wir wenigstens einen Teil des Tages keine Fehler machen. Zu diesem Ergebnis kamen auch schon die alten Römer ganz ohne Schlafforschung: „Wer schläft, sündigt nicht“ (Qui dormit, non peccat), heißt ein lateinisches Sprichwort.
Ich bin kein Schlafforscher und habe natürlich auch keine wissenschaftliche Erklärung für den Schlaf. Trotzdem finde ich gut, dass es ihn gibt.
„Morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus“. Das hat mein Vater oft zu mir gesagt, wenn ich mir als Kind oder Jugendlicher niedergeschlagen oder traurig war. Und ich finde auch heute noch, dass das stimmt. „All Morgen ist ganz frisch und neu“, heißt es in einem Kirchenlied. Jedes Aufwachen ist wie kleiner Neuanfang. Wenn ich abends mit mieser Stimmung einschlafe, kann es sein, das ich am Morgen gut gelaunt aufwache. Die Welt sieht nach dem Schlafen tatsächlich oft ganz anders aus.
Schlafen finde ich auch deshalb wichtig, weil jeder Schlaf eine Grenze setzt. Mit dem Schlafengehen endet ein Tag und mit dem Aufwachen beginnt der nächste. Ohne den Schlaf wäre das Leben ein einziger langer eigentlich nicht zu überschauender Zeitraum. Durch den Schlaf besteht es aus vielen Abschnitten. Dadurch wird das Leben machbarer. Die Sorgen, Aufgaben und Schwierigkeiten meines ganzen Lebens erdrücken mich. Mit denen eines einzelnen Tages kann ich viel besser umgehen.
Das wusste auch Jesus. Deshalb hat er den Menschen geraten: „Quält euch (…) nicht mit Gedanken an morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat“ (Matthäus 6,34).
Jesus hatte übrigens einen hervorragenden Schlaf. Sogar in einem Sturm auf einem Boot als alle Anderen Panik hatten, konnte er schlafen. Ich vermute, er hatte deshalb so einen guten Schlaf, weil er darauf vertraut hat: „Gott sorgt schon für mich“. Daran hat Jesus die Menschen immer wieder erinnert: „Ihr müsst das nicht alleine packen. Gott sorgt wie ein Vater für Euch“. Ich denke, wenn ich mir das klar mache, kann ich tatsächlich besser schlafen. Und den neuen Tag zuversichtlich beginnen.

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“You need somebody who is crazy about you” – „Du brauchst jemanden, der begeistert von dir ist”. Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die so jemanden haben, stark und zufrieden durchs Leben gehen.
Aber was ist, wenn ich eben nicht zu diesen Glücklichen gehöre? Wenn ich niemanden habe, für den ich wichtig bin? Wenn mir auch bei langem Nachdenken niemand einfällt, dem ich viel bedeute, auf den ich mich verlassen kann und bei dem ich mich wohl fühle? - Pech?
Pech hatte auch ein Mann, von dem der Evangelist Lukas in der Bibel berichtet. Dieser Mann hieß Zachäus, und wirklich niemand in seiner Stadt Jericho hat er etwas bedeutet. Niemand wollte ihn in seiner Nähe haben. Daran war Zachäus nicht ganz unschuldig. Denn als Zöllner hat er den Menschen viel Geld abgeknöpft. Wie viel, das hing von der Kassenlage ab. Es gab damals keine festgelegten Zollgebühren. Und wenn Zachäus Geld brauchte, dann mussten die Menschen am Zoll besonders tief in die Tasche greifen. Zachäus war für sie ein Betrüger.
Als Jesus nach Jericho gekommen ist, da war die ganze Stadt auf den Beinen. Jeder wollte ihn sehen. Und jeder hätte viel darum gegeben, den berühmten Heiler und Prediger bei sich aufzunehmen. Aber Jesus geht ausgerechnet zu Zachäus. „Zachäus, ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“, sagt er zu dem Zöllner (Lukas 19,5). Warum muss Jesus unbedingt und ausgerechnet zu Zachäus? Ich denke, weil Zachäus ihm etwas bedeutet hat. Und weil Jesus gespürt hat, dass niemand sonst in ganz Jericho so sehr jemanden braucht wie der Zöllner.
Diese Begegnung mit Jesus hat Zachäus verändert. Dass er für Jesus wichtig war und Jesus unbedingt zu ihm wollte, hat ihn sehr gefreut. Und er hat dadurch den Mut bekommen, sein Leben zu verändern: Die Hälfte von seinem Besitz hat er gespendet und die, die er betrogen hat, haben von Zachäus das Vierfache wieder zurückbekommen. Das war ziemlich stark von ihm, finde ich.
Christen glauben, dass man an Jesus sehen kann, wie Gott ist. So wie Jesus sich den Menschen damals in Israel gegenüber verhalten hat, so steht Gott zu allen seinen Menschen: Sie bedeuten ihm sehr viel. Und er sucht ganz besonders die Nähe von denen, die ihn besonders brauchen. Auch heute noch.
„You need somebody who is crazy about you“ – „Du brauchst jemanden, der begeistert von Dir ist“. Gott ist so jemand.

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Was macht Menschen stark? Was lässt einen fest und gesund im Leben stehen? Was hilft einem, auch Krisen und Schwierigkeiten unbeschadet zu überstehen?
Diese Frage stellen sich Psychologen und Mediziner seit einigen Jahren. Früher haben Ärzte und Therapeuten vor allem gefragt: „Was kann man tun, damit ein kranker Mensch wieder gesund wird?“ Heute fragen sie auch: „Was kann man tun, damit ein Mensch gar nicht erst krank wird, sondern fest und gesund im Leben steht?“
Neulich hat mir ein Psychologieprofessor in einem Vortrag erklärt, welche Antworten auf diese Frage die Forschung bisher gefunden hat. Was machte einen Menschen stark? Der Professor hat eine ganze Reihe von Dingen aufgezählt. Zum Beispiel: Wenn man mit seinen Gefühlen umgehen kann, wenn man sich selbst realistisch einschätzen kann oder wenn man merkt, dass man im Leben etwas bewirken kann – das alles macht Menschen stark.
Aber das allerwichtigste und entscheidende, ist etwas anderes, hat der Psychologe gemeint: Am meisten stärken einen gute Beziehungen zu anderen Menschen. Es genügt sogar eine einzige gute Beziehung zu jemandem, der mir nahe steht. Die Psychologen haben herausgefunden: Wenn man mindestens einen Menschen hat, für den man wichtig ist, auf den man sich verlassen kann und in dessen Nähe man sich wohl fühlt - dann wird und bleibt man stark.
In dem Vortrag hat es der Professor mit einem englischen Satz auf den Punkt gebracht: „You need somebody who is crazy about you“ – „Um stark zu sein, brauchst du jemanden, der begeistert von dir ist“. Darum geht’s. Das vor allem ist nötig, um gestärkt und zufrieden durchs Leben zu gehen: „You need somebody who is crazy about you“.
Ich finde: Wenn gute Beziehungen so wichtig für mich sind, dann sollte ich sie suchen. Wo gibt es einen Menschen, der begeistert von mir ist? Oder weniger emotional formuliert: Wer sind die Menschen, denen ich am Herzen liege, und denen ich etwas bedeute? Wenn ich so einen Menschen habe, dann sollte ich mit ihm möglichst viel Zeit verbringen. Dann sollte ich vor allem auf sein Urteil wert legen und nicht auf andere Stimmen, die mich klein und schwach reden.
Und ich finde: Wenn gute Beziehungen so wichtig sind, dann kann auch ich etwas dafür tun, dass die Menschen, die mir nahe stehen, stark und gesund durchs Leben gehen. - Wer liegt Ihnen besonders am Herzen? Ihre Kinder, Ihre Frau, Ihre Enkel oder Ihr Patenkind? Dann vergessen Sie nicht, ihnen zu zeigen und zu sagen, wie viel sie ihnen bedeuten. Denn das macht Menschen stark. Mehr als alles andere.

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Ist das Leben wirklich ein ständiger Wettkampf? Jeder gegen jeden? So wie bei den Tieren: Die Starken setzen sich durch, und die Schwachen sollen sehen wo sie bleiben? Heißt Erfolg im Leben, andere zu besiegen?
Manche Ratgeberbücher sehen das so. „Sich durchsetzen“ heißt ein Buch, das ich neulich gesehen habe. Auf dem Buchdeckel ist eine weiße Dame-Spielfigur zu sehen. Zwei schwarze Figuren liegen geschlagen daneben. Auf den ersten Seiten versprechen die Autorinnen, einem zu zeigen, wie man immer auf der „Gewinnerseite“ steht und andere „Mitbewerber“ hinter sich lässt. - Aber ist das bedeutet stark, wenn man andere aus dem Weg zu räumt?
Mir gefällt da viel besser, was der Apostel Paulus über das Stark-Sein gesagt hat. An die Christen in der griechischen Stadt Philippi hat er in einem Brief geschrieben: „Ich kann alles!“ (Philipper 4,13). „Ich kann alles!“ - das hört sich zuerst auch so, an als könnte er sich gegen alle durchsetzen: „Ich kann alles, kommt nur her, ihr anderen!“. Aber wenn man sich nicht nur diesen Satz, sondern den ganzen Abschnitt anschaut, dann merkt man, dass Paulus mit Stark-Sein etwas anderes meint. Denn da erzählt Paulus von den Höhen und Tiefen seines Lebens. Er kennt beides, sagt er, Leben im Überfluss und Verzichten-Müssen. Und er schreibt: „Ich habe gelernt, in jeder Lebenslage zufrieden zu sein. (…) Ich kann alles“ (Philipper 4,11-13). So ist dieses „Ich kann alles“ also gemeint. Nicht: „Ich kann mich gegen alle und jeden durchsetzen“, sondern: „Ich kann zufrieden leben und mit allem umgehen, was mir im Leben begegnet, mit allen Höhen und Tiefen“.
Das finde ich wirklich stark. Ich denke,  Höhen und Tiefen des Lebens, das sind zunächst die eigenen Stärken und Schwächen. Mich freuen an dem, was ich gut kann, und gleichzeitig versöhnt sein mit dem, was ich nicht gut kann - ich glaube, wem das gelingt, der steht fest im Leben. Und dann gehört zu den Höhen und Tiefen noch alles, was von außen auf einen zukommt. Und da steht niemand immer auf der Gewinnerseite. Krankheit, Schmerz, Trauer - das trifft jeden Menschen. Wenn jemand trotz alledem nicht den Mut verliert, sondern sein Vertrauen in das Leben behält, dann finde ich das unglaublich stark.
Ich denke, wenn man das schafft, dann kann man auch aufhören, die anderen als Konkurrenten zu sehen, gegen die man sich durchsetzen muss. Dann fühle ich mich eher mit den andern verbunden, weil es ihnen ja genauso geht wie mir: Wir alle haben die Lebensaufgabe mit unseren ganz verschiedenen Höhen und Tiefen zurechtzukommen. Und ich denke, dabei können wir uns gegenseitig helfen. Auch das wäre echt stark.

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