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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Gerade Mutter Kirche begrüßt von Herzen den Krieg als großen eisernen Besen“. Diesen Satz soll im Juli 1914 ein Prediger von der Kanzel herab abgesondert haben. Ja – die Kirchen haben sich schon im 1. Weltkrieg nicht mit Ruhm bekleckert. Der Krieg werde, so ein anderes Zitat von damals, „aus gottvergessenen Weltkindern hilfesuchende Gotteskinder“ machen. Man versprach sich also Zugewinn! Und noch 1917, im dritten Kriegsjahr, schrieben die katholischen deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief: „Wenn wir dem Staat gehorchen, gehorchen wir Gott. Denn Gott hat den Krieg befohlen...“ Papst Benedikt XV. war zwar anderer Meinung, aber auf den haben die Bischöfe in diesem Fall leider nicht gehört. Er brandmarkte nämlich schon 1915 diesen Krieg als „grauenhafte Schlächterei“ und „Wahnsinn“, als „Selbstmord des zivilisierten Europa“  1).

Diese starken Worte aus Rom gingen einem jungen oberschwäbischen Kaplan so unter die Haut, dass sich der flammende Kriegsbefürworter zum radikalen Pazifisten bekehrte. Gerne erinnere ich an diesen mutigen Priester Magnus Jocham, der gestern vor 128 Jahren geboren wurde. Gleich zu Beginn des Krieges eilte er als Freiwilliger zu den Fahnen, kehrte jedoch nach einem Jahr schwer krank von der Westfront zurück. Diese lebensbedrohliche Krise hat den jungen Priester auf sich und seinen Glauben zurückgeworfen. Angesichts der schrecklichen Erfahrungen an der Front war in ihm die Gewissheit gewachsen: Krieg ist mit dem Liebesgebot Jesu absolut unvereinbar. - Bald schloss sich Kaplan Jocham dem „Friedensbund Deutscher Katholiken“ an und wurde ehrenamtlich dessen Geschäftsführer.

In vielen Gemeinden im Land trifft man immer noch auf die „Kriegerdenkmäler“ mit den Namen der Gefallenen. Abertausende junge Männer sind in den verbrecherischen Weltkriegen nicht den „Heldentod“ gestorben, sondern jämmerlich auf den Schlachtfeldern verblutet oder im Gas erstickt – für nichts und wieder nichts!

Einhundert Jahre nach Ausbruch dieses katastrophalen Völkermordens wäre es an der Zeit, der Opfer zu gedenken und den Krieg ein für allemal zu ächten. Gerade jetzt, wo schon wieder Pulverdampf in der Luft liegt und eine unfähige Politik die Konflikte in der Ukraine und im Irak, in Israel und Syrien mit Waffengewalt zu lösen sucht. 

Die Christenheit sollte sich einmütig und entschieden zu dem bekennen, was Kaplan Jocham auf die schlichte Formel brachte: „Krieg und Christentum schließen einander aus wie Wasser und Feuer“. 



1) Zitiert nach Heinrich Misalla: „Gott mit uns“. Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914 - 1918, München 1968.

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„Christophorus“ ist der Heilige des heutigen Tages. Ja – der berühmte Co-Pilot, der möglicherweise bei Ihnen gerade im Cockpit mitfährt, falls er nicht schon entnervt ausgestiegen ist. Christophorus wurde um 450 in einem Stadtteil von Istanbul geboren und war ein Hüne von Gestalt. Um sein Leben rankt sich eine ganze Reihe von Legenden. Die bekannteste will wissen, dieser Heilige habe, um Christus zu dienen, Menschen über einen reißenden Fluss getragen und sicher am anderen Ufer abgesetzt. So wurde Christophorus zum Schutzpatron der Reisenden. 

Eines Abends, so erzählt diese Legende, hörte er in der Dunkelheit die Stimme eines Kindes, das übers Wasser will. Im tobenden Fluss aber sei dieses Kind auf seinen Schultern immer schwerer und schwerer geworden. Mit letzter Kraft am rettenden Ufer angekommen, habe sich der schwergewichtige Knirps dann geoutet: „Der Herr, der die Welt erschaffen hat, war deine Bürde.“ So wurde dieser Heilige zum „Christophorus“, auf deutsch zum „Christusträger“.

Wir waten heute in der Regel nicht mehr durch reißende Flüsse, wohl aber haben wir immer wieder die tosenden Strudel menschlicher und gesellschaftlicher Konflikte zu durchqueren. Wer da vermitteln, verbinden und versöhnen will, kann leicht absaufen.

Das erfahren all jene, die zum Beispiel einen Streit zwischen Nachbarn oder Kollegen schlichten oder gar in einer verkrachten Partner-Beziehung vermitteln wollen. Und wer Gewalttätern auf offener Straße entgegentritt, gerät unversehens selbst ins Fadenkreuz.  

Wie schwer ist es erst, in gesellschaftlichen oder gar weltweiten Konflikten versöhnen zu wollen. Ich bewundere den Mut und die Geduld der Friedensaktivisten zum Beispiel in Israel und Palästina, verfeindete Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Wer sich auf menschliche Konflikte einlässt, der wird wie „Christophorus“ erfahren, dass diese Last einen fast erdrückt. Ein Trost, dass denen, die Spaltung überwinden und Versöhnung schaffen, die Zusage Jesu gilt: Glücklich, selig sind die, „die Frieden schaffen, sie werden Töchter und Söhne Gottes sein“ (Matthäus 5,9).

Möge Christophorus stets Ihr Begleiter sein – nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Abgründen und in den Konflikten unseres Alltags. 

 

 

 

 

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„Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht...“, so liest man in der Gerichtsrede Jesu im Neuen Testament (Matthäus 25,36). Doch mit diesem „Werk der Barmherzigkeit“ nehmen wir Christen es nicht so genau. Nur wenige Gläubige finden den Weg zu den Menschen hinter den Mauern. Dabei genügen ein paar Formalitäten, um zum Beispiel am Sonntagsgottesdienst in einer Vollzugsanstalt teilzunehmen. Von Gefängnissen nimmt man am Rande mal wieder Notiz, wenn ein Prominenter einfährt oder wenn es darum geht, den geplanten Neubau eines Knastes vor der eigenen Haustür abzuwehren. Gefangene fühlen sich ausgegrenzt und weggesperrt.

 Natürlich gibt es nichts zu beschönigen: Wer einsitzt, ist straffällig geworden. Es wurde Recht gebrochen und Recht gesprochen. Das Recht jedoch, Mensch und Bürger zu sein, kann auch Straftätern nicht aberkannt werden. Die Gefangenen gehören zu uns, wir können sie nicht einfach hinter Schloss und Riegel verwahren. Der Freiheit beraubt, haben sie viel zu leiden, sind konfrontiert mit ihrer Schuld, abgeschnitten aus ihrem Beziehungsumfeld, oft einsam und allein. Nicht selten auch der Willkür und der Gewalt mafiöser Bosse ausgeliefert, die heimlich die Knäste terrorisieren. Und fast alle Gefangenen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen und fragen sich: Wird mich am Tag der Entlassung überhaupt jemand erwarten? Wo finde ich einen Platz – meinen Platz – im  Leben und in der Gesellschaft?

Ein Neuanfang gelingt nur, wenn die Gefangenen während der Haft mit der Außenwelt  in Beziehung bleiben. Und darum dürfen wir sie nicht allein lassen. Ich bewundere einen einfachen Arbeiter, der Gefangene in Kraftsport trainiert, eine Lehrerin, die Sprachkurse anbietet. IT-Fachleute vermitteln den Umgang mit neuer Technik. Christinnen und Christen halten Bibelkreise und begleiten die Gottesdienste mit Musik und Gesang. 

Wenn ich mit Gefangenen die Messe feiere, wird mir dieser Gottesdienst im Knast immer zu einem tiefen religiösen Erlebnis. Ich spüre: Niemand hat die befreiende Botschaft Jesu nötiger als die hinter Gittern. Für sie fallen zwar nach dem Gottesdienst die schweren Stahltüren wieder ins Schloss, aber vielleicht ahnt der eine oder andere doch, dass die Freiheit im Herzen beginnt, und dass Gott auch jene liebt, die sich ihr Leben durch eine Straftat verdorben haben.

„Keinen Tag soll es geben, an dem niemand da ist, der mir die Hände reicht“, so sangen die Gefangenen beim Gottesdienst am letzten Sonntag. An uns liegt es, ob diese Bitte für sie in Erfüllung geht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18004

In vielen Städten haben sich die Tafelläden fest etabliert. Manchmal sieht man morgens die Menschen dort schon Schlange stehen: „Hartz IV-Leute“, Alleinerziehende, Flüchtlinge und arme Alte, um nur die zu nennen, die in unserem Land am meisten von Armut bedroht oder betroffen sind. Ohne die Tafelläden wäre „Schmalhans Küchenmeister“ bei denen, die aufgrund mickriger Löhne, kümmerlicher Renten und Sozialleistungen als Konsumenten nicht mithalten können. So ist auch ihnen vergönnt, sich ausreichend und – wenn sie selbst darauf achten – vielseitig und gesund zu ernähren. 

Hut ab vor den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die tagtäglich hochwertige Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs an Bedürftige mit Berechtigungsschein verkaufen. Sie bieten in Wirklichkeit ja mehr als nur billige Ware. Sie schenken denen Gehör, Zuwendung und Achtsamkeit, die – warum auch immer – an den Rand der Gesellschaft geraten sind. 

Dank aber auch den Gebern der guten Gaben, Bäckereien, Lebensmittelhändlern und Supermärkten, die den Tafelläden kostenlos Waren vom Vortag oder mit baldigem Verfallsdatum überlassen. 

Die Tafelläden also ein Erfolgsmodell? Für die Betroffenen ein eindeutiges Ja. Für eine reiche Gesellschaft aber ein „Armutszeugnis“. „Arme sollte es bei euch gar nicht geben“ (Deuteronomium 15,4), so lautete das „Sozialstaatsgebot“ im alten Israel. Arme sollte es auch bei uns, in diesem reichen Land, gar nicht geben. Oder ist die Sozialpolitik von heute mit dieser einfachen Regel eines Nomaden-Stamms  überfordert? 

Die Tafelläden müssten – wenn nicht heute, dann morgen – von der Bildfläche verschwinden, ganz einfach, weil sie überflüssig sind, „Ladenhüter“ sozusagen. Denn alle Menschen haben Anspruch auf ein ausreichendes Einkommen, um sich direkt am Markt zu bedienen. 

Kirchen und Sozialverbände hätten auch ohne die Tafelläden genug damit zu tun, die  Armen und sozial Benachteiligten in ihrer seelischen Not anzunehmen, sie zu ermutigen und zu begleiten, um aus der Armut herausfinden. Mit den Armen zusammen müssen gerade die Kirchen politische Kraft entwickeln, um Armut in einem reichen Land zu überwinden. 

Keine Frage: Die Tafelläden sind ein Musterbeispiel praktizierter Nächstenliebe.  Barmherzigkeit aber darf eine falsche Verteilungspolitik nicht beschönigen und zementieren. Liebe schreit nach Gerechtigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

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In Blumenrabatten und Gemüsebeeten kommt es gegenwärtig jeden Abend zu einem Massaker: Die Hobby-Gärtner blasen zum Halali auf die gemeine Nacktschnecke. Jene Spezies aus des Herrgotts Zoologie, bei der man sich fragt, was er sich wohl dabei gedacht hat. Denn diese Schwadronen vernichten ratzfatz, was eigentlich für andere Mäuler vorgesehen war. Daher wird kurzer Prozess gemacht. 

Der siebenjährige Tobias sieht´s mit Grausen und macht seiner Nachbarin ein Angebot: „Bring doch die Schnecken zu mir!“, sagt er. Verwundert fragt diese zurück: „Warum möchtest du sie denn haben?“ Die Antwort: „Weil sie sonst keinen haben, der sie mag.“ 

Es ist besser, ich behalte die Adresse dieses Jungen für mich, sonst rollen demnächst ganze Container an.
Tobias ist dem Geheimnis des Lebens auf der Spur. Wer keinen hat, der ihn mag, wer von niemandem gemocht wird, ist ein armer Tropf! Die Listen sind lang: Flüchtlinge, die wir notgedrungen aufnehmen müssen, aber uns nicht willkommen sind. Würden sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Alte Menschen, die in ihrer Einsamkeit versinken und sich von Gott und der Welt verlassen fühlen. Viele Alleinstehende in Trennung oder Scheidung samt all denen, die zwar zu zweit leben, aber einander doch nicht mögen. Auch psychisch Kranke, Arbeitslose und Arme zählen nicht gerade zu unseren Lieblingen – von den Straffälligen ganz zu schweigen, die man gleich hinter Gittern verwahrt. 

All denen würde der kleine Tobias wohl auch Asyl gewähren, denn „sie haben keinen, der sie mag.“

„Wer nicht liebt, bleibt im Tod“
, heißt es im Neuen Testament der Bibel (1. Johannesbrief 3,14). Wer nicht liebt, der schaufelt sich das eigene Grab. Das gilt für die Fundis und die „Gotteskrieger“, religiöse und politische Fanatiker, die „über Leichen gehen“. Doch die Lieblosigkeit beginnt schon dort, wo wir selbst unzugänglich werden für Gefühle und am Leben anderer gar nicht mehr teilnehmen, sondern wie versteinert nur noch um uns selber kreisen. Nur wer liebt, bleibt am Leben. 

Wie wär´s, wenn wir heute einmal zu einem Menschen wertschätzend sagen würden: „Du, ich mag dich“ oder: „Wie schön, dass es dich gibt“. In echt – dieses harmlos klingende Sätzchen würde Leben schenken – dem Empfänger ebenso wie dem, der es sagt.

 

 

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