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22FEB2024
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Zahlen sind wichtig. Große Zahlen klingen nach Erfolg, wenn der Wert der Aktien steigt oder die Einschaltquoten einer Sendung steigen. Auf Zahlen kann ich zählen, zum Beispiel wenn ich ein Quiz spiele und 100% der Fragen richtig beantworte und weiß, ich hab es geschafft. Zahlen sind zuverlässig und aussagekräftig, an ihnen kann ich mich scheinbar gut festhalten.

Auch in der Bibel kommen Zahlen vor. Sie öffnen mir manchmal einen anderen Blickwinkel.

So erzählt die Bibel, dass sich einmal fünftausend Leute von Jesus und seinen Worten begeistern lassen. Sie hören ihm einen ganzen Tag lang zu. Am Abend will Jesus die Menschen nicht ohne Essen nach Hause schicken. Aber nur fünf Brote und zwei Fische sind in der Nähe. Jesus lässt das Wenige, was da ist, unter den Leuten verteilen. Die sitzen in Gruppen zu fünfzig zusammen und --- werden alle satt. Und am Ende bleiben sogar zwölf Körbe voller Essen übrig.

Ist das eine wunderbare Brotvermehrung? Oder haben die Menschen das bisschen, was sie hatten, miteinander geteilt? Doch wie kommt es dann, dass so viel übrigbleibt, ganze zwölf Körbe? Ich könnte nun wild rechnen, die 5000 Menschen durch die Zahl der Körbe, Fische und Brote teilen. Aber das Ergebnis würde nicht überzeugen. Vielmehr überzeugt mich an dieser Geschichte:

Ich kann mit Gott rechnen, denn Gott rechnet anders. Ich kann auf Gott vertrauen. Und ich bin froh, dass ich es kann. Auch wenn ich in meinem Leben mal enttäuscht wurde. Trotzdem lohnt es sich für mich, auf Gott zu vertrauen. Denn immer wieder erfahre ich, dass Gott sich durch viele kleine Dinge in meinem Leben zeigt: Es fällt mir eine Lösung für ein Problem ein, die nicht nur gut, sondern perfekt zu sein scheint. Ein überraschender Anruf eines Freundes gibt mir so viel Freude, dass mein Tag heller wird. Ich gebe einer Frau eine kleine Hilfe und ihr Dank macht auch mich froh. Da erfahre ich immer wieder, Gott schenkt mir noch etwas darüber hinaus. Mehr, als ich im Gepäck habe und so viel, dass ich mir nicht erklären kann, woher all dieser Segen gekommen ist. Und ich spüre: Ich muss mich nicht von Zahlen abhängig machen, denn ich kann auf Gott zählen.

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21FEB2024
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Tosend und mächtig braust der Schlussakkord des großen Orchesters; überzeugt hält der Chor seinen letzten Ton. Jetzt winkt der Dirigent ab --- nur noch der Nachhall füllt den Konzertsaal. Und dann bricht er los. Fast genauso tosend und fast ohne Ende erfüllt der Beifall der Zuhörer die Halle; einige Male kommt der Dirigent auf die Bühne zurück, lässt das Orchester und den Chor aufstehen und immer brandet eine neue Welle des Beifalls auf, manchmal sogar stehend.

Spätestens jetzt wissen jeder Chorsänger und jede Orchestermusikerin, weshalb man die Proben und Mühen der letzten Tage und Wochen auf sich genommen hat.

Beifall macht süchtig. Denn Beifall macht glücklich. Er zeigt den Künstlerinnen und Künstlern, dass ihnen wieder einmal etwas Tolles gelungen ist, für das sie lange geübt haben. Vom Beifall können sie zwar keine Miete bezahlen und nichts zu essen kaufen, aber er wird doch gerne das Brot der Künstler genannt. Denn davon ernährt sich ihre Künstlerseele bei jedem Auftritt: von dem Gefühl, dass sie mit ihrer Kunst das Publikum erreicht haben. Das spüren sie, wenn der Beifall besonders groß ist. Auch ich freue mich, dass ich als Chorsänger immer wieder Beifall erleben kann.

Der englische Essayist und Aphoristiker Charles Caleb Colton, der von 1780 bis 1832 gelebt hat, hat zu dieser Erfahrung den Satz geprägt: „Der Beifall ist der Ansporn vornehmer Geister, das Ende und Ziel der kleinen.“

Damit meint er: Wer nur wegen des Beifalls etwas tut, der hat zwar sein Ziel erreicht am Ende einer Vorstellung. Er bekommt Beifall. Aber es bringt ihn nicht wirklich weiter.

Ich will mich ja immer weiter entwickeln. Besser werden. Dazu spornt mich die Anerkennung des Publikums an. Sie tut gut und ist wichtig.

Genauso wichtig ist aber auch, mich selbst zu fragen, ob ich mit dem Erreichten schon zufrieden bin.

Wenn wir mit unserem Chor und Orchester den Beifall bekommen, dann ist für uns klar: Das nächste Mal wollen wir noch besser sein. Dafür proben wir heute wieder, weil wir uns auf den Auftritt und dann auch den Beifall freuen.

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20FEB2024
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Plötzlich scheint alles anders zu sein. Ich sehe Dinge anders als noch Minuten zuvor. So eine Verwandlung habe ich an mir selbst erlebt.

Vor einigen Jahren ist in Furtwangen über Nacht wahnsinnig viel Schnee gefallen. Eine fast ein Meter hohe Schneedecke hat sich auf den Wegen breit gemacht. Es ist Sonntag. Mein Sohn und ich machen uns also an die Arbeit und schippen massenweise Schnee weg. Der Weg zur Kirche muss frei gemacht werden für den Gottesdienst. Über eine Stunde sind wir damit beschäftigt und hinterher ordentlich k.o.

Wenn viel Schnee fällt, macht sich das meistens auch in der Zahl der Gottesdienstbesucher bemerkbar: Viele Gemeindemitglieder müssen erstmal selbst ihre Wege räumen oder kommen nicht weg, bevor der Schneepflug durchgefahren ist. So kommt an diesem Sonntag nur eine einzige Frau zum Gottesdienst. Ich ertappe mich da bei dem Gedanken, ob sie nicht auch hätte zu Hause bleiben können. Der Gottesdienst würde einfach ausfallen, schließlich bin ich ja müde und erschöpft von der Schipperei.

Da erinnere ich mich an eine Geschichte. Sie geht so: Ein Pfarrer will den Gottesdienst beginnen. Als er in die Kirche kommt, sieht er nur einen einzigen Mann, einen Landwirt, in der Bank sitzen. Darauf fragt der Pfarrer, ob sie den Gottesdienst nicht ausfallen lassen sollen. Der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall stehen und ich müsste doch verrückt sein, wenn ich ihr kein Futter gebe, bloß weil sie die einzige ist.

Die Geschichte verwandelt mich, und für mich ist klar, dass der Gottesdienst stattfindet, mit dem Organisten, der Frau und mir. Freudig ziehe ich in die Kirche und wir feiern, singen und beten gemeinsam. Kurz und intensiv. Nach einer halben Stunde ist der Gottesdienst vorbei und die Frau geht beschwingt nach Hause. Ich bin auch glücklich, es hat Freude gemacht.

Nun will ich Ihnen aber auch das Ende der Geschichte nicht vorenthalten.

Der Pfarrer hat scheinbar verstanden und beginnt mit dem großen feierlichen Hochamt. Am Ende fragt er den Bauern, ob es denn so recht war. Und der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall und ich müsste ja verrückt sein, wenn ich ihr Futter für zehn vorlege.

Wenn Sie jetzt schmunzeln, dann haben Sie der Freude und dem Lachen in sich Raum gegeben. Und mit diesem Lachen kann dieser neue Tag auch für Sie beschwingt werden.

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19FEB2024
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„Ich geh fischen!“ … einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel.

Petrus versteht die Welt nicht mehr: Erst ist Jesus gestorben, dann soll genau dieser Jesus doch wieder leben, heißt es. Wer soll denn das verstehen? Und da wird es dem Petrus zu viel. Er guckt seine Freunde an und sagt: „Ich geh erstmal fischen!“ Ich schmunzele jedes Mal, wenn ich das lese. Ich meine: Gerade wurde ihm gesagt: Sein Freund Jesus lebt doch! Der Tod hat also nicht das letzte Wort. Es gibt ein Leben danach! Und er? Geht erstmal fischen!

Andererseits: Das ist ja naheliegend, für einen Fischer. Petrus ist von dieser Info überfordert …. und deshalb macht er das, was er am besten kann. Er geht Fischen. Was dem Petrus das Fischen ist, ist Mutter Beimer in der Lindenstraße das Spiegeleierbraten gewesen und bei mir ist es die Musik. Wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, wenn mir alles zu viel wird im Kopf und überhaupt – dann setze ich mich in der Kirche an die Orgel und mache Musik. Das tut mir gut. Ich spüre, wie der Druck nachlässt und mein Gedankenkarussell anhält oder zumindest langsamer wird: Als würde meine Seele erkennen: Okay, wir können den Panikmodus beenden. Mit ein bisschen Abstand auf die Dinge gucken, die mich so umtreiben.

Ich glaube, dass es gut ist, sowas zu haben: Etwas, das mir hilft, wieder zu mir zu kommen. Das mir Zeit zum Nachdenken gibt. Allerdings sollte dieses "Erstmal“ unbedingt etwas sein, das weder mir noch anderen schadet.

Das ist manchen Menschen aber offensichtlich egal. Besonders das Internet scheinen sie für Ihren Angelteich oder ihre Spiegeleierpfanne zu halten, wenn sie sich über etwas ärgern – sie reagieren sich ab, laden dort ihren Frust ab.

Sie gehen auf Politiker, Presse, Kirche, Ausländer und was noch alles los – anonym, aber massiv.

Es müsste im Netz auch so eine „Erstmal-Funktion“ geben.

Also, wenn man etwas schreibt und auf „posten“ klickt, dann müsste die Plattform sagen: „Willst du nicht erstmal fischen gehen, bevor du das in die Welt sendest? Wenn du dann immer noch genauso denkst, dann sende es.“

Instagram, Facebook und Co werden diese Funktion wohl nicht einführen. Wer also raus will aus dem Gefühls- und Gedankenchaos, der muss sie eben selbst für sich finden, seine eigene „Erstmal-Funktion“ mit Zeit zum Nachdenken.

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17FEB2024
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Mein Sohn – 18 Jahre alt – spaziert zur Tür rein und meint: „Papa, Deutschland ist echt cooler.“ Ich bin verblüfft. Gerade ist er zurück aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er war 3 Wochen zum Schüleraustausch in den USA. Und jetzt das: Papa, Deutschland ist echt cooler. Begründet hat er das mit seinem Eindruck vom Schulsystem, der Qualität des Essens und auch dem vorhandenen Umweltbewusstsein.

Eigentlich Balsam für das geschundene Selbstbewusstsein in unserem Land, das, glaubt man der vorherrschenden Grundstimmung, kurz vor dem finalen Untergang steht. Ich denke: Wir in Deutschland müssen aufpassen, dass wir nicht hinter jedem Starkregen eine Flutkatastrophe, hinter jeder Rezession den Untergang des Abendlandes und hinter jeder Zugverspätung eine Regierungskrise vermuten. Die Probleme schön zu reden, hilft nicht – sie katastrophal zu reden aber auch nicht. Was also tun – habe ich mir überlegt – um nicht in diese Falle zu tappen? 

Seit Anfang des Jahres schreibe ich jeden Tag drei Dinge auf, über die ich mich gerade freue, weil sie gut sind in meinem Leben und auch in unserem Land. Die Liste ist schon ganz schön lang: ein kleiner Auszug:

Die komplette Weihnachtspost, inklusive aller Pakete ist pünktlich angekommen.
Meine Schülerinnen und Schüler aus Klasse 10 sind sowas von motiviert und diskussionsfreudig.
Die Rechnung von der Autowerkstatt ist günstiger als gedacht. „Ölwechsel langts au nägsch mal, no“  sagt Herr Öczalan, bei dem mein alter BMW in ausgesprochen guten Händen ist.

Soweit der Auszug aus meiner Liste. Und noch was: Ich habe mir angewöhnt, mehr von meinen guten Erfahrungen zu sprechen. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es schließlich heraus. Und ich glaube, dass ich die Stimmung um mich herum damit positiv beeinflusse.

Nochmal zu meinem Sohn: „Schön zu hören, dass unser altes Deutschland so cool ist.“ habe ich ihm geantwortet, „aber die Vereinigten Staaten haben doch hoffentlich auch was zu bieten gehabt.“ „Klar“ meint er, „aber wie gut das Essen bei uns ist, das habe ich da erst so richtig gemerkt. Und wie viele Leute bei uns versuchen, was für die Umwelt zu tun, ist auch echt toll im Vergleich.“

Ganz ehrlich, ich glaube immer noch dran, dass es ziemlich viele Menschen gibt, die das Potential haben, unser Land zu einem echt coolen Fleckchen Erde zu machen.

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16FEB2024
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Wissen Sie was „auswendig lernen“ auf Englisch heißt? Learning by heart – also wörtlich übersetzt: Mit dem Herzen lernen. Wie es ist, wenn ein Mensch etwas wirklich by heart, nämlich von Herzen spricht und nicht auswendig runterbetet, das habe ich von Uli Hoeneß gelernt. Ja, Sie hören richtig. Von Uli Hoeneß. Vor 3 Wochen.

Es war bei der Trauerfeier für Franz Beckenbauer in der Münchner Allianz-Arena. Mehr als 30.000 geladene Gäste kamen, um sich vom Deutschen Fußball Kaiser zu verabschieden. Mehrere Reden wurden gehalten: vom Präsidenten des FC Bayern, vom Bundespräsidenten, vom bayerischen Ministerpräsidenten… Allesamt ehrenwert. Es waren gute, sehr wertschätzende Worte.

Aber dann kam Uli Hoeneß: By Heart. Auswendig. Ohne jedes Manuskript. Aber sowas von „von Herzen.“Und weil Uli Hoeneß von Herzen sprach, kam, das, was er sagte, über den Menschen, den Fußballer und vor allem seinen Freund Franz Beckenbauer auch bei mir und in meinem Herzen an.  Und nicht nur bei mir. Im Stadion hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören.

Man muss ihn nicht mögen, Uli Hoeneß, den alten Haudegen, die fleischgewordene Abteilung Attacke des FC Bayern München.  Er bietet definitiv Angriffsfläche und hat sich auch schon manches zu Schulden kommen lassen. Aber das war in dem Moment alles nicht wichtig. Denn da hat sich einer von seinem Freund verabschiedet und gezeigt, was in seinem Herzen geschrieben steht. Und so Menschen erreicht. Mit dem Herzen.

Das will auch ich mich öfter trauen. Denn es ist so oft so wichtig zu sagen, was wir auf dem Herzen haben. Weg von dem, was man sagt, weil man es halt sagt und es sich vielleicht richtig anhört.

Und noch etwas: Ich glaube unser Leben wird im besten Sinn herzlicher und echter, wenn wir uns das, was wir voneinander denken und auf dem Herzen haben, auch sagen. Am besten zu Lebzeiten.

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15FEB2024
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„Herr Keuerleber, Sie sind ein Schatz!“ Herr Keuerleber ist Computerfachmann, und an jenem Morgen um 7.56 Uhr hat er meinen Rechner zum Laufen gebracht und meinen Tag gerettet. Mit meinem Gefühlsausbruch schien er allerdings leicht überfordert zu sein. Nach Sekunden des Schweigens hat er sich dann durchgerungen und ins Telefon gesagt: „I mach halt mei Gschäft.“

„Mei Gschäft macha“ – das bedeutete in diesem Fall, dass er sich in die Untiefen meines Computers gestürzt hatte, um schließlich ein Problem zu lösen, das mich schon seit mehr als einem halben Jahr begleitet und vor allen Dingen genervt hatte.  In mehreren Hotlines war ich kläglich gescheitert. Unzählige Stimmen hatten mir mehr oder weniger freundlich, aber immer bestimmt ihre Nichtzuständigkeit erklärt. Nicht so Herr Keuerleber. Weil er dranblieb, bis er eine Lösung gefunden hatte, deshalb hab‘ ich ihn an diesem Tag zu meinem persönlichen Schatz erklärt.

Ich bin immer noch beeindruckt von seiner Reaktion: „I mach halt mei Gschäft.“Ja! - und das gründlich. Ich finde es tut so gut, wenn jemand Verantwortung übernimmt und dranbleibt, bis es eine Lösung gibt.  Wie wohltuend sind Menschen, denen es nicht gleich ist, wie sie ihr Gegenüber zurücklassen.

So wie die Ärztin, die kurz bevor sie in den Urlaub fährt, noch bei der Patientin anruft und nachfragt, ob sie sich für die nächsten 2 Wochen gut versorgt fühlt. So wie der Elektriker, der am Samstagnachmittag die Leitung repariert, sodass das Fest doch stattfinden kann. So wie Herr Keuerleber. Seinetwegen lag auf diesem so gewöhnlichen Tag für mich ein kleiner Glanz. Und ich bin froh, dass ich ihn an diesem Tag zu meinem persönlichen Schatz erklärt habe. Ich glaube, ihm hat das gutgetan.

Ob Herr Keuerleber deshalb an diesem Tag nach Hause kam und seiner Frau entgegenrief: „Helga, du bist ein Schatz“ bleibt sein Geheimnis. Schön wäre das. Weil wir alle das Potential zum Schatz haben. Auch heute.

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14FEB2024
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Ich möchte Ihnen von Kira erzählen. Kira ist Witwe. 48 Jahre ist sie alt. Ihr Mann ist vor ziemlich genau 1 Jahr gestorben. Freunde und Verwandte haben sie unterstützt, so gut es geht. Aber einen Satz, den kann Kira nicht mehr hören: „Du musst jetzt nach vorne schauen.!“ „Es war doch noch so viel offen, wir hatten doch noch so viel vor. Ach hätt ich doch…“ Nach vorne schauen, das will sie gar nicht, selbst wenn sie es könnte. Kira ist wie erstarrt.

Wie erstarrt. Das war auch Frau Lot von der die Bibel erzählt. Frau Lot hatte gemeinsam mit ihrem Mann nach langem Suchen in der Stadt Sodom eine Heimat gefunden. Doch die muss sie Hals über Kopf verlassen. Sodom steht vor der Zerstörung. Trotz der Warnung eines Engels auf der Flucht nicht zurückzuschauen, dreht sie sich um und sieht die in Flammen stehende Stadt.  Das lässt sie erstarren, zur Salzsäule.

Die klassische Deutung der Geschichte lautet in etwa so: Wer die Vergangenheit nicht loslässt, ist nicht offen für die Zukunft und erstarrt deshalb. Aber trifft das die Wirklichkeit? Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Frau Lot rehabilitiert wird.

Ich verstehe, dass sie zurückschaut. Vielleicht geht ihr alles viel zu schnell. Vielleicht denkt sie an die vielen, die sterben müssen in den Flammen, auch Menschen, die sie kennt. Frau Lot ist eine, der das Leid anderer und ihr eigenes nicht gleich sind. Das Salz ihrer Tränen ist es, das sie innerlich erstarren lässt. Deshalb lässt sie mich nicht los. Weil sie hingeschaut hat und nicht weg. Allerdings war das, was sie sah, zu viel.

Ja, manchmal ist es zu viel. Auch heute. Im Blick auf das Weltgeschehen oder so manch persönliche Tragik. Nicht nur Kira, von der ich anfangs erzählt habe, weiß davon ihr trauriges Lied zu singen. Zu viel. Die Gefahr zu erstarren ist dann da.

Was hilft? Mir hilft es, an ein „Dahinter“ zu glauben. Manchmal trotzig daran festhalten, dass das, was ist, nicht alles ist.  Und darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die gerade dann da sind.

In der biblischen Erzählung hat Lot seine Frau einfach stehen lassen. Wie wäre es gewesen, wenn er sie in den Arm genommen hätte, die Erstarrte? Wenn sie miteinander geweint hätten, um das, was war? Und miteinander geschwiegen und ausgehalten hätten? Weil Lieben manchmal Aushalten heißt. Sogar die Erstarrung. Und für den anderen daran glauben, dass sie sich irgendwann löst.

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13FEB2024
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„Um Gottes Willen was machst denn du da? Doch nicht mit dem Lineal“ raunzte mich unser Kunstlehrer Professor Klaus Pyzska an. Es war in der 5. Klasse. Gymnasium. 1.Stunde BK – Bildende Kunst. Ich mochte das Fach in der Grundschule nicht. Weil ich es bis heute nicht so habe mit der Genauigkeit und ich zum Leidwesen meiner in der Regel sehr genauen Grundschullehrerinnen immer über den Rand hinaus malte.

Dann, wie gesagt, Gymnasium Klasse 5. Kunst. Wir sollten ein Haus malen. Ich fing an mit vorzeichnen. Mit Bleistift und Lineal. Danach ausmalen. Und ich strengte mich so an. Diesmal sollte alles besser werden…  

Aber dann kam Professor Pyszka.  „Um Gottes Willen was machst denn du da? Doch nicht mit dem Lineal! - Komm mal mit.“ Und dann gings in sein Kabuff neben dem Zeichensaal. Ein ganz spezieller Geruch stieg dort in meine Nase. Eine Mischung aus Ölfarbe und Pfeifenrauch – ja damals rauchten Lehrer noch, auch in der Schule.

Der alte Kunstprofessor nahm einen Schwamm, verwischte alle meine schon wieder gescheiterten Versuche nicht über den Rand hinaus zu malen und begann mit einem dicken Pinsel und groben Strichen ein Haus aufs nasse Papier zu klatschen. Dann drückte er mir das halb fertige Werk in die Hand und sagte: „Jetzt du. Ohne vorzeichnen. Radiergummi und Lineal will ich nie mehr bei dir sehen. Nimm Farben, kräftige…“ Als ich fertig war mit meinem Haus klopfte er mir auf die Schulter: „Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!“ Von da an malte ich gerne.

Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Und unser Lebenskunstwerk ist eben kein Malen nach Zahlen. Ich weiß ziemlich genau, wo ich deutlich hinausgemalt habe über den Rand. Das gehört wohl zu mir. Es ist lange nicht alles glatt gelaufen. Es gab da Brüche, sogar Abstürze. Manchmal ging es wild zu. Aber grade so wurde mein Leben MEIN Leben. Mit den Farben, die mich ausmachen. Auch leuchtende.

Und umgekehrt: wenn ich immer alles zu 100% richtig machen und alle Erwartungen erfüllen will, bin ich bestenfalls eine graue schlechte Kopie. Und das wollte mein Gott, der Künstler, der mich geschaffen hat, ganz sicher nicht.

„Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!“

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12FEB2024
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Nach langer Zeit war ich im letzten Jahr am Rosenmontag mal wieder in Rottweil. Zur Fasnet. Ich stand an der Hauptstraße. Da kommt ein Narr auf mich zu – schnurstracks: Großgewachsen ist er. Behängt mit Glocken. Sein Anzug, ein buntes Fransenkleid. Die Glocken an seinem Gewand machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Erst bin ich noch unsicher. Will der wirklich zu mir? Oder ist es doch eine Verwechslung? 

„Ja, di moin ich…“ Jetzt bin ich mir sicher, er will zu mir. Von hinter der Maske dringt eine kräftige, aber ebenso freundliche Männerstimme an mein Ohr: „So Herr Pfarrer, jetzt gugga mer amol in des Buach nei…“ Die Hände in weißen Handschuhen schlägt der Narr sein sorgfältig eingebundenes und kunstfertig gestaltetes Narrenbuch auf. Eine Doppelseite in der Buchmitte ist ihm besonders wichtig. „Gugg amol was ich do honn…“

Er hat tatsächlich Anekdoten aus meinem Leben und Wirken in seinem Buch festgehalten: Liebevoll, treffend, ein bisschen peinlich, aber nie verletzend. Zum Beispiel zeigt er ein Bild, wie ich mich im langen schwarzen Pfarrersgewand auf mein Fahrrad schwinge, weil ich kurz vor dem Beginn einer Hochzeit noch ganz schnell nach Hause muss. Ich hatte die falsche Rede in mein Ringbuch eingeheftet. Oder wie ich frühmorgens barfuß und auch sonst nur notdürftig bekleidet hinter dem Müllauto herrenne, weil ich mal wieder vergessen hatte, die Tonne rechtzeitig rauszustellen…

Was ich da mit dem Narren erlebt habe, nennen die Rottweiler „Aufsagen“. Dahinter steckt ihr Auftrag, dem anderen den Spiegel vorzuhalten und ihm die Wahrheit zu sagen. Und ich glaube auch deshalb hat die Rottweiler Fasnet etwas so besonders Liebenswertes. Weil es da viele Menschen gibt, die sich die Mühe machen, einander liebevoll die Wahrheit vor Augen zu halten.

Ich musste auf jeden Fall schmunzeln an diesem Tag auf dem Rottweiler Narrensprung. Nicht nur über den freundlichen Narren in seinem Fransenkleidle, sondern vor allem über mich selbst. Und auch wenn ich seit dieser Fasnet mein Ringbuch vor Hochzeiten immer noch mal extra kontrolliere und die Mülltonne dank digitaler Erinnerungsapp jetzt in aller Regel rechtzeitig vor dem Pfarrhaus steht, bin ich mir sicher, dass es auch im kommenden Jahr wieder genügend Geschichten geben wird, die dazu taugen, dass ein Narr mir den Spiegel vorhält. Liebevoll und so, dass ich gerne hineinschaue. Weil die Wahrheit frei macht und uns hoffentlich auch ab und zu schmunzeln lässt.

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