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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wonach schauen Sie, wenn Sie in Stadt gehen? Ich vermute, Sie haben auch Ihre Lieblingsschaufenster und– läden. Nur gucken, nicht anfassen, nur manchmal kaufen.
Ich schaue auch gern nach Menschen, vor allem jetzt, wenn man draußen sitzen kann. Das hat was. Sich von einem kurzen Eindruck erheitern zu lassen oder sich auch einfach zu wundern: Wie viel Buntes der liebe Gott sich für seinen „Menschenzoo“ hat einfallen lassen.
Vor ein paar Tagen habe ich beim Gehen durch die Stadt einen neuen Blickwinkel entdeckt. Ich habe geguckt, ob ich Liebe sehen kann zwischen Menschen? Gibt es in Ihrer Stadt genug Liebe?
In meine Straßenbahn ist z. B. eine Gruppe Kinder eingestiegen. Kita auf Ausflug, mit Erzieherinnen. Sicher, sie machen den Beruf professionell. Aber was wäre zu wenig ohne Liebe für die Kinder: Beim schnellen Anfahren der Bahn ist einer der Knirpse hingefallen. Großes Gelächter bei anderen, die einen Sitzplatz  hatten. Eine Erzieherin hilft ihm hoch und weist dann liebevoll die Lacher darauf hin, wie doof es ist, erst hinzufallen und dann auch noch ausgelacht zu werden.
Später im Café eine Szene, die mich sehr berührt hat. Ein altes Paar, sicher über 80. Auf einmal legt er ihr ganz sanft seine Hand ins Genick. Und schaut sie ganz verliebt dabei an.
Ich habe erstaunlich viel Liebe gesehen an diesem Vormittag in der Stadt.
Leider auch, wo Liebe fehlt. Mann und Frau mit Kindern, die einander angiften, dass ich Angst habe, jetzt knallt er ihr gleich eine auf offener Straße. Oder junge Frauen, eigentlich sehr schön, aber sie sehen für mein Gefühl so blasiert aus, teilnahmslos, gelangweilt. Wie bestellt und nicht abgeholt. Aber wer will jemanden abholen, der so schaut? Wenn jemand kommt, den sie lieben könnte, habe ich dann gedacht, dann würde sie auf einmal ganz anders schauen.
Auf einmal hör ich mich ein Lied brummen:
„Gott liebt diese Welt und wir sind sein eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen.“ Gott liebt diese Welt. An diesem Vormittag in der Stadt habe ich das gesehen. Dass wir lieben können. Dann fallen die Grenzen zwischen Menschen. Auch zu fremden. Es war für mich ganz fraglos, dass das stimmt.
Wenn etwas unsere Welt zusammen hält, dann die Liebe, die Gott in uns gelegt hat. Und auf einmal ist mir die Frage durch den Kopf gegangen: Wie ist das? Wenn andere Dich jetzt beobachten. Kann man Dir auch Liebe ansehen?

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Viele Familien haben ihr Päckchen zu tragen. Auch solche, denen man es von außen nicht anmerkt. Manchmal vergesse ich das. Wie viele Päckchen und auch Pakete da getragen werden. Bei vielen könnte man den Eindruck haben, die haben keine Probleme. Warum geht es denen so gut?
Bis man dann mitkriegt, dass im einen Nachbarhaus der 70 jährige Opa Krebs hat und seine Frau und die erwachsenen Kinder wissen nicht, wie sollen wir damit umgehen? Sollen wir einander erzählen, dass wir Angst haben, dass er vielleicht bald sterben muss? Oder würde ihn das nur schwächer machen im Kampf gegen den Krebs?
Ein paar Häuser weiter ist der Schwiegersohn alkoholkrank. Und das nimmt alle anderen in der Familie mit. Die Kinder vor allem. Und ein Haus weiter steht die 30-jährige Tochter mit ihrem Kind wieder allein da.
Warum erzählt er mir das, fragen Sie?
Das weiß ich selber, dass viele Familien ihr Päckchen zu tragen haben. Ich bin selbst Teil von einer. Wofür soll das gut sein, wenn ich daran denke wie es anderen geht?
Ich glaube, es ist gut.
Mich hat dieses Umherschauen erinnert:
Es gibt so viele Päckchen, die die Leute tragen müssen, da muss doch auch viel Kraft sein. Menschen haben erstaunliche Kraft andere zu tragen. Gott sei Dank. Deshalb müssen wir nicht voneinander verlangen, dass jeder allein zurechtkommen muss mit seiner Last. Wir Menschen haben Kraft, andere mit ihren Lasten nicht allein zu lassen.
Noch ein Gedanke ist mir gekommen:
Wenn Sie in Ihrer Familie das Gefühl haben, uns gehts aber gut. Dann habe ich eine Bitte: Seien Sie von Herzen dankbar dafür. Vielleicht auch dem lieben Gott. Ich glaube, es ist nicht mein Verdienst, wenn meine Päckchen nur leicht sind. Und die, die schwere Päckchen tragen müssen, haben das auch nicht verdient. Nehmen Sie es als Glück und Geschenk, wenn sie im Augenblick keine Last spüren.
In der Bibel gibt es eine Menge Familien mit großen Päckchen. Von Jakob z. B. mit seiner Großfamilie wird erzählt. 12 Jungs hat er, da kommt was zusammen. An manchen Tagen hatte Jakob anscheinend sogar das Gefühl, die Familie ist zusammengebrochen unter ihren schweren Paketen.
Aber die Geschichte in der Bibel sieht weiter als Jakob:
Sogar für belastete Familien wie die von Jakob kann es weiter gehen hinter dem Horizont: ‚Ihr habt viel zu tragen gehabt und vieles nicht hingekriegt. Aber Gottes Segen reicht weiter. Er wird vieles wieder gerade richten, was bei euch krumm gewesen ist. Und Gott trägt mit. Sogar aus dem was krumm ist, kann noch Gutes wachsen.

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Es macht mir Angst, was in der Ukraine passiert. Dass wieder mit Gewalt Politik gemacht wird. Mit militärischer Erpressung und Geiselnahme. Und nicht mit Recht und fairen Wahlen.
Ich kann es nicht fassen, dass Menschen sich zu Feinden machen lassen, bloß weil die einen lieber Russisch und anderen lieber Ukrainisch reden.
Wie können Menschen vergessen, dass sie lange miteinander ordentlich ausgekommen sind.
Und es macht mich sprachlos und zornig, wie leichtfertig manche auch bei uns mit zündeln. Vor allem mit Worten. Politiker, und sogar Journalisten.
Ich finde das gefährlich. Schon oft haben Kriege genau so angefangen. Immer haben auch diejenigen sie mit angezettelt, die ihre Worte nicht im Zaum gehalten haben. Nicht mehr friedlich geredet. Zuerst sind immer die scharfen Worte, bevor scharf geschossen wird. Kriegerische Gewalt beginnt immer in den Köpfen und mit den Zungen, oder?
Und mit dem Frieden ist es genauso.
Wenn wir den bewahren und wirklich erreichen wollen, müssen wir auch klaren Kopf bewahren und Frieden in den Worten.
Wie Thea Sternheim vor 100 Jahren. Zu Beginn der 1. Weltkriegs. Alle Welt um sie herum hatte nur noch Krieg im Kopf, fast alle haben sie nur noch euphorisch von Sieg geschrien und gesungen.
Thea Sternheim war eine von den wenigen, die auch zu Beginn des 1. Weltkriegs nichts anderes sehen konnten als eine Katastrophe. Sie war gerade mal 30, Mutter von vier kleinen Kindern. Was sie damals gedacht und gefühlt hat, hat sie in ihr Tagebuch geschrieben. Anfang August 1914 steht da:
„Ich bete mit den Kindern vor dem Schlafengehen das Vater Unser.. Ob Deutscher, Franzose, Russe, Engländer – unser aller Vater. ‚Dein Wille geschehe.‘ …Dies aber ist meine flehentlichste Bitte: Erlöse uns von dem Übel. Amen“
Beten hat ihren Kopf klar gemacht. Und ihre Worte friedliebend. Erlöse uns vom Übel, betet sie. Das Übel sind nicht andere Menschen, sondern der Krieg. Das ist für sie ganz klar. Und als Christin ist für sie genauso klar: Gott ist Vater nicht nur der eigenen Leute, sondern auch der angeblichen Feinde.
Ich will die Ukrainekrise heute nicht mit der Zeit vor 100 Jahren gleich setzen. Aber ich finde trotzdem: Thea Sternheim ist ein Vorbild. Ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, dass wir als Christen deutlich und öffentlich für Recht und Frieden in der Ukraine beten und einstehen. „Unser Vater, erlöse uns vom Übel.“

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Manches, was gut und richtig ist, macht so wie gut wie jeder, ganz selbstverständlich. Und anderes nicht. Warum ist das so?
Zwei Beispiele, wo mir dieser Gegensatz aufgefallen ist:
Zuerst das Positive: In Deutschland lässt man Fußgängern am Zebrastreifen den Vorrang. Die sind die Schwächeren und brauchen Rücksicht. Ich bin viel zu Fuß unterwegs und finde, Anhalten am Zebrastreifen, das haben die meisten Autofahrer intus. In Frankreich z. B. ist das nicht selbstverständlich. Es passiert bei uns auch, dass man am Zebrastreifen übersehen wird, aber die meisten Fahrer entschuldigen sich dann. Bei uns gilt: „Das macht man so in Deutschland.“
Das Gegenbeispiel: Versicherungen übers Ohr hauen zum Beispiel. Oder Steuerehrlichkeit Nicht nur bei Uli Hoeneß. Die Zöllner in Lörrach oder Konstanz haben noch nie so viel Geld entdeckt wie zur Zeit, das in der Schweiz vor dem Fiskus versteckt war und jetzt heimlich zurückgebracht werden soll.
„Das tut man nicht in Deutschland.“ Bei der Steuerehrlichkeit oder bei Versicherungen funktioniert das nicht wirklich. Warum?
Weil es da ums Geld geht? Gehört es inzwischen zu unserem Nationalcharakter, dass wir finanzielle Vorteile für uns herausschlagen wollen? Oder liegt es daran, dass man beim ‚Finanzamt oder Versicherungen Linken‘ die Menschen nicht sieht, denen man in den Geldbeutel greift.
Das Kind am Zebrastreifen dem muss man in die Augen schauen, wenn man es gefährdet.
Wenn das so ist, dann haben wir ein Problem. Mit 80 Millionen Menschen kann man auf Dauer nur gut zusammenleben, wenn man sich auch gut und gerecht zu denen verhält, die man nicht kennt. „Das tut man nicht“ müsste auch da gelten, finde ich Dann kann ich mich gut verhalten und mich umgekehrt darauf verlassen, dass die anderen auch wissen, was man tut und was nicht.
„So tut man nicht bei uns.“ Diese Erfahrung ist schon alt:
Es braucht moralisches Verhalten, das sich einbürgert. Wo man über gut und richtig nicht groß nachdenken muss. Wo der moralische Kompass nicht wackelt, sondern einen auf Kurs hält. Schon in der Bibel gibt es dieses „So tut man nicht“ bzw. positiv: „So tut man“ Und sie versucht auch deutlich zu machen: Auf Dauer ist es für eine Gesellschaft katastrophal, wenn es keine Gewissheiten gibt, auf die man sich im Zusammenleben verlassen kann. Ich frage Sie:
In welchen Lebensbereichen wäre dieses ‚das tut man nicht‘, besonders wichtig? Vielleicht auch wieder neu wichtig? Was müssten wir intus behalten?

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Es gibt immer mehr Gewohnheitsatheisten, sagen Soziologen. Ich kann das verstehen. Man kommt im Leben klar, ohne an Gott zu denken. Mir passiert das manchmal auch, dass ich ganz unreligiös durch den Alltag gehe und es kaum eine Rolle spielt, was ich glaube. Und es gibt zunehmend Menschen, die leben immer so. Und Sie sind keine schlechteren Menschen als ich und viele Christen. Sie lehnen Gott oder die Religion nicht ab. Gott ist aus ihrem Leben verschwunden. Gewohnheitsatheismus.
Wie gesagt, ich kann es verstehen, aber ich finde es auch sehr schade. Weil ich an mir erlebe: Wenn mir Gott verschwindet, geht auch entscheidendes von mir verloren.
Ich merk das oft, wenn ich im Fitnessstudio bin. Wie das?
Im Fitnessstudio fällt mir ganz oft ein, wie wichtig der Glaube an Gott ist, damit ich ein ganzer Mensch bin.
Da sitzt man an den Geräten, strengt sich an, spürt intensiv seinen Körper. Trainiert für die Gesundheit. Und das ist gut. Dass man sich nicht gehen lässt. Körperlich nicht verlottert, um es drastisch zu sagen. Und es tut mir besonders gut, wenn der Coach im Studio herkommt und meine Haltung bei den Übungen korrigiert. Oft mache ich sie nicht ganz 100%ig. Mache es mir ein bisschen bequem. Nicht intensiv genug. Dann muss mich einer korrigieren.
Diese Aufmerksamkeit für den Körper ist wichtig für die Gesundheit. Und die Seele? Ist es nicht eigentlich genauso wichtig, auf die Seele zu achten? Herz, Geist und Seele zu trainieren. Und ich finde: um Herz, Seele und Geist zu üben, brauche ich auch Religion. Gott.
War das schon alles im Leben?
Woran kann man sich verlassen in dieser Welt, die immer unübersichtlicher wird? Wer korrigiert meine moralische und soziale Haltung, wie der Coach im Fitnessstudio, wenn ich es mir im Leben mit anderen zu leicht mache? Wenn ich durchhänge oder mich gehen lasse.
Natürlich fallen mir diese Fragen im Fitnessstudio nicht alle auf einmal ein. Mal die eine und mal die andere. Beim Training kann ich da gut nachdenken.
Und der Glaube ist ein Reservoir, aus dem ich schöpfen kann, um meine Antworten zu finden. Die Goldene Regel von Jesus z. B. hat die Potenz zum Haltungscoach: Da bin ich nach einem Konflikt mit einem anderen in der Schmollecke. Warte dass der andere den ersten Schritt tut. „Was Du willst, das die anderen Dir tun, damit komm ihnen zuvor,“ hilft mir da die Goldene Regel auf die Sprünge.
Und manchmal denke ich: Gott ist die Mitte, um die mein Leben und jedes Leben kreist.

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Demokratie wird uns nicht geschenkt. Weil es immer Menschen gibt, die die Macht lieber in ihren Händen behalten, als sie zu teilen. Damit Macht gerecht geteilt wird, braucht es Menschen, die die Demokratie stark machen. Heute, wie vor 500 Jahren.
Damals, Anfang Mai 1514, war Württemberg demokratisch im Aufruhr. Im Remstal, in Tübingen und Stuttgart wird in Ausstellungen an den Aufstand des „armen Konrad“ erinnert. So haben sich damals die einfachen Leute genannt. Sie sind aufgestanden für ihre Rechte und Mitsprache. Einige haben dafür mit dem Leben bezahlt. Hingerichtet zur Abschreckung für die anderen. Demokratie ist kostbar und sie wird uns nicht geschenkt.
Mittendrin in der Bewegung des „armen Konrad“ waren auch Pfarrer. Z. B. Reinhard Gaißer in Markgröningen. Er war einer der „intellektuellen Köpfe“. Von der Kanzel hat er den Menschen das „geistige Rüstzeug“ gegeben, dass sie nicht bloß wütend waren auf „die da oben“, sondern dass sie gemeinsam handeln konnten.
Man kann Pfarrer Gaißer einiges abschauen, bis heute:
Er hatte eine klare biblische Überzeugung. Er konnte sie volksnah und begeisternd predigen und er war sehr gut vernetzt: Was heute Twitter oder soziale Netzwerke sind, waren damals Brieftauben. Sie waren unterwegs zwischen den Städten und haben die Bewegung so zusammen gehalten.
Und wieso fühlt sich dieser Pfarrer Gaißer berufen, sich stark zu machen für die einfachen Leute? Sollte er sich nicht aus der Politik heraushalten?
Er tut es nicht, weil er sich an Vorbilder in der Bibel hält. Die sind auch im Namen Gottes aufgestanden, wenn die einfachen Menschen betrogen wurden.
Pfarrer Gaißer hat von der Kanzel angeprangert, wie eine mächtige Bürgerfamilie das Getreide künstlich knapp gehalten und die Preise in die Höhe getrieben hat. Oder der damalige Landesherr:
Der hat sich was ganz Perfides einfallen lassen. Er hat die Verkaufsgewichte leichter machen lassen. Ein Kilo steht drauf, aber 700 Gramm wiegen sie nur. Also weniger Brot und Fleisch für die Kunden, satte Gewinne für den Händler und mehr Steuern für den Landesherrn.
Am meisten aber hat Pfarrer Gaißer die Menschen in Bewegung gebracht mit dieser Botschaft aus der Bibel: Ihr Armen seid genauso weise wie die reichen Patrizier und darum steht Euch dasselbe Mitspracherecht zu in der Stadt. Im Namen Gottes spricht er jedem politische Macht zu. Egal ob arm oder Millionär. Entsprechend alarmiert waren Bürger, Adel und Landesherr. Es hat lange gedauert, bis dieser Gedanke real geworden ist. Und wie viele warten immer noch darauf, auch bei uns.

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„Wir alle leben von Opfern, die andere für uns bringen.“(Die ZEIT).
Ich habe erst einmal geschluckt, als ich das in der Zeitung gelesen habe.
Kurz vor Ostern. In dem Artikel wurde an den Tod Jesu erinnert. Im Christentum wird dieser Tod ja auch als „Opfer“, als Hingabe aus Liebe gedeutet.
Aber in dem Zeitungsartikel war von jedem einzelnen Menschen die Rede, nicht bloß von Jesus. „Wir alle leben von Opfern, die andere für uns bringen.“
Ich habe doppelt geschluckt  und mich gefragt:
Stimmt das wirklich? Sind wir im Leben darauf angewiesen, dass wir „Opfer“ füreinander bringen? Andere für mich? Will ich mir das gefallen lassen?
Und umgekehrt: Ich für andere? Bin ich dazu bereit?
Dass wir Dienstleistungen für einander erbringen, ok. Aber dafür bezahlen wir ja. Und wenn ich bezahle, das ist ja dann kein „Opfer“ mehr, oder?
Andererseits: Wenn ich ehrlich bin: Erhoffe ich mir nicht doch mehr von anderen als ich für Geld erwarten kann?
Wenn man ins Krankenhaus muss: Erwarten kann ich für mein Geld, dass ich ordentlich operiert werde. Dass ich professionell betreut werde. Dass man mir das Bett macht und mir mein Essen bringt. Aber dass Pfleger und Schwestern mich herzlich und wirklich mitfühlend behandeln. Das kann ich mir nicht kaufen. Das müssen sie mir freiwillig geben. Das muss von ihnen und von innen kommen. Und das ist das, was „Opfer“ im Kern meint.
Ich habe von meinen Eltern nicht erwarten können, dass sie mir meine Ausbildung ermöglichen, bis zum Studium. Aber sie haben es gemacht, und dafür manches Opfer gebracht.
„Wir leben alle von Opfern, die andere für uns bringen.“
Und andere leben davon, dass ich freiwillig was gebe, aus Liebe. Von meiner Zeit, die ich auch nur für mich selbst nutzen könnte. Von meiner Liebe, ohne dass ich berechne, ob sie auch zurückkommt.
Rechnet es sich, wenn wir füreinander „Opfer“ bringen?
Ja. Vielleicht nicht in Geld, aber in mehr Leben. Wenn jemand freiwillig etwas für mich tut, das macht das Leben oft erst lebenswert. Was wir mit Geld kaufen können, das hält das Leben am Funktionieren. Liebe und Hingabe machen es schön. Geben ihm Tiefgang. Retten uns aus Abgründen.
So gesehen, muss es mir nicht unangenehm sein, wenn jemand ein Opfer  für mich bringt. Wenn jemand aus Liebe etwas Kostbares von sich gibt, damit ein anderer etwas für sein Leben gewinnt. Im Gegenteil: Unangenehm wird es, wenn Menschen keine „Opfer“ mehr füreinander bringen.

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