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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Als Gemeindepfarrer bin ich immer wieder zu einem Sterbenden gerufen worden. Manchmal habe ich die Sterbesakramente gespendet, manchmal einen Psalm gebetet, manchmal saß ich einfach nur am Krankenbett. Und gar nicht so selten kam es auch vor, dass ich mit den Angehörigen über den Tod und das Danach gesprochen habe. Praktische Fragen haben da meistens die Hauptrolle gespielt: Wie es sein wird, wenn es soweit ist, und der Tod dann eintritt. Wie die Beerdigung aussehen soll. Und fast immer ging es auch um die Frage, was denn dann mit dem Leichnam geschehen soll. Da habe ich ganz oft eine große Unsicherheit, ja eine Hilflosigkeit gespürt. Plötzlich ist man mit einem Toten in den eigenen vier Wänden. Und es gibt nichts mehr zu tun. Der Tote spricht nicht, er atmet nicht einmal mehr. Er benötigt keine Handreichung. Alles steht still.

Früher haben sich die Nachbarn dann um so gut wie alles gekümmert, wenn der Tod eingetreten war. Sie haben bei der Leichenwäsche geholfen, haben den Toten angezogen und ihn im Haus aufgebahrt. Sie haben Botengänge erledigt und die Todesnachricht weiter gesagt. Sie haben den Haushalt versorgt und waren da, um Trost zu spenden. Und in der Nacht haben sie die Totenwache gehalten.

Heute sind die meisten in so einer Situation auf sich selbst gestellt. Und weil es wenig Erfahrungen mit dem Tod gibt, weiß man dann nicht so recht, was zu tun ist. Also, am besten schnell den Bestatter anrufen, der soll sich um alles Weitere kümmern. Und am besten gleich den Leichnam mitnehmen.

Es hat mich oft geschmerzt, wenn die Angehörigen es nicht ausgehalten haben, dass die Zeit still stand. Ich verurteile das nicht. Im Gegenteil. Ich habe Verständnis dafür. Wann gibt es denn bei uns einmal nichts? Wir vermeiden es, so gut es geht, mit Leere konfrontiert zu sein.

Der Karsamstag heute ist ein stiller Tag. Zumindest ist er in der Tradition der Kirche als solcher gedacht. Grabesruhe. Den Tod Jesu aushalten. Nichts tun können und nichts tun müssen. Nur warten. Und hoffen. Das scheint mir eine gute Übung zu sein. Denn mehr haben wir gegen den Tod nicht in der Hand.

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Neulich in Reutlingen. Ich sollte bei den Kommunionkindern die Erstbeichte hören. Während wir uns ein bisschen „beschnuppert“ haben, meldet sich plötzlich ein Junge und fragt: „Wie kann das sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist und stirbt?“ Uff! Was für eine Frage, wo doch gleich das Beichten beginnen soll! Und gar keine Zeit, das richtig und in Ruhe zu erklären. Ich habe also den Jungen vertröstet, und bin ihm (und den anderen Kindern und anwesenden Eltern) die Antwort bis jetzt schuldig geblieben. Ich werde sie nachholen. Versprochen.

Weil aber die Frage so gut zum Karfreitag heute passt, lege ich mir jetzt schon ein paar Gedanken dafür parat. Also: Wie kann das sein, dass Jesus der Sohn von Gott ist, und gleichzeitig am Kreuz stirbt? Wie passt das zusammen?

Mit dieser Frage haben viele ein Problem. Für das Judentum und den Islam ist das ein Grund, weshalb sie nicht an Jesus als den Messias glauben können. Die Auferstehung von den Toten stellen sie nicht in Frage. Aber dass ein von Gott Gesandter, sein Sohn gar, so einen grausamen, menschenverachtenden Tod am Kreuz sterben soll, das geht nicht. Das ist ganz und gar ungöttlich. Es passt nicht zu dem Bild von Gott, das sie sich gemacht haben.

Auch für viele Christen scheiden sich an diesem Thema die Geister. Gott und das Leid, das scheint nicht gut zusammen zu passen. Unter Gott stellen sich viele etwas ganz anderes vor. Und die Begriffe, die im Laufe der Jahrhunderte das Christentum geprägt haben, sprechen ja auch eine andere Sprache. Vom Sieger ist da die Rede, der seine Feinde bezwingt, vom Retter aus Sünde und Tod. Gott wird allmächtig genannt, stark und groß. Aber wie er das macht, das verliert sich in den Vergleichen mit einer Herrschaft, die nach Menschenart gemacht ist.

Das Neue Testament der Christen sagt: Er macht es am Kreuz. Dort zeigt er seine wahre Kraft und auch seine Liebe. Er macht es anders, als wir das von Gott erwarten. Er stellt sich dem Leiden und dem Tod, weil das menschlich ist. Er weicht nicht vor dem aus, was andere durchgemacht haben und immer noch durchmachen. Er ist ganz und gar Mensch. Bis in die allerletzte Konsequenz. Aber auch dort, am Kreuz, im Tod, bleibt er immer noch Gott.

So ähnlich werde ich das dem Jungen sagen. Und dann noch, dass mir das hilft, mein Leben zu meistern; auch wenn es mir schlecht geht und wenn ich Angst habe. Weil es Jesus genauso ging.

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Das war ein schönes Bild – Gründonnerstag vor einem Jahr:  Papst Franziskus, gerade ein paar Tage im Amt, wäscht Menschen die Füße. Nicht zwölf Bischöfen oder Priestern, handverlesen, um scheinbar möglichst naturgetreu nachzuspielen, was Jesus einst für seine Apostel getan hat. Franziskus ist in ein Jugendgefängnis gegangen und hat sich dort hingekniet: vor Häftlinge, Männer und Frauen. Das passt zu ihm, so unter ganz normalen Menschen zu sein, und eben nicht in den Fängen eines steifen Protokolls. Ich vermute, dass Franziskus heute auch an einem sozialen Brennpunkt zu finden ist.

Immer wieder hat dieser Papst seither darauf hingewiesen, dass er so die Aufgabe der Kirche versteht: als ein Niederknien vor den Menschen, die sie brauchen, als Dienst. Und dass er die, die Kirche sein wollen, so haben will: als Diener. Die Priester hat er darauf angesprochen, und zuletzt auch die Bischöfe. In einer Ansprache bei der wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz, die er in der Fastenzeit gehalten hat. Auf dem Hintergrund der Affäre um den ehemaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst bekommen diese Worte eine ganz besondere Note. Papst Franziskus wörtlich: „Jene, die geweiht werden, sind an die Spitze der Gemeinde gestellt. Ah, ich bin ein Chef! Ja, aber an der Spitze stehen bedeutet für Jesus, die eigene Autorität in den Dienst zu stellen, so wie er selbst es seine Schüler gelehrt hat: Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Ein Bischof, der seiner Gemeinde nicht dient, handelt falsch. Ein Priester, der seiner Gemeinde nicht dient, handelt falsch.“

Das sind wieder deutliche Worte, die der Papst da findet. Sie tun mir nicht deshalb gut, weil er die kirchliche Autorität kritisiert, sondern weil er betont, was das Evangelium von weltlichen Machtbedürfnissen unterscheidet. Davon hatte Jesus ganz klare Vorstellungen. Er wollte anders sein. Ein Anführer, ein Chef der anderen Art. Deshalb kann keiner, der in seinen Fußspuren gehen will, sich guten Gewissens auf Macht und Erfolg berufen. Wo wir das so in der Kirche erleben, stimmt etwas nicht.

Es gab einmal einen Bischof, der aus anderen Gründen, zu anderen Zeiten nicht mehr Bischof der römischen Kirche sein durfte. Sein Name: Jacques Gaillot. Von ihm stammt ein Ausspruch, der ganz auf der Linie des gegenwärtigen Papstes liegt, und so treffend zum Gründonnerstag passt: „Wenn die Kirche nicht dient, dient sie zu nichts.“

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Vor kurzem habe ich im Internet eine Seite entdeckt, die mir ausnehmend gut gefallen hat. Sie heißt GLUTkern. Menschen. Orte. Träume. GLUTkern. Schon der Name hat mich neugierig gemacht. Von einem Glutkern im Inneren der Erde und der anderen Planeten weiß ich. Und ich kann mir leicht vorstellen, was das im übertragenen Sinn bedeutet: In meinem  Inneren existiert vermutlich auch so ein verborgener Kern, der brennt - vor Leidenschaft und Sehnsucht und Liebe. Manchmal weiß ich noch nicht so genau, wohin das geht, was dieser Kern bedeutet, der in mir steckt. Aber es muss etwas Wesentliches sein, etwas, das noch ein Geheimnis ist, dem ich auf die Spur kommen will.

Auf der Internetseite von GLUTkern werden Bilder und Gedanken veröffentlicht, die zeigen, wofür Menschen brennen. Ein junger Mann balanciert über ein dünnes Drahtseil. Ein Gedicht schildert, wie es war als Kind, und wie es jetzt ist, wie sich die Wahrnehmung der Zeit verändert hat. Ein kurzes Video erzählt die Freundschaft von fünf Frauen, die in einer Handballmannschaft spielen. Lauter Motive sind da zu sehen, die junge Leute anregend und klug finden und deshalb mit anderen teilen wollen.

Gedacht ist das Ganze als Kreativwettbewerb und organisiert wird es vom Erzbistum Paderborn. Mitmachen können alle, die mindestens 14 Jahre alt sind. Die Aktion GLUTkern richtet sich vor allem an Jugendliche. Sie werden aufgefordert, ihren persönlichen Glutkern zu finden. Weil von ihm die Kraft ausgeht, die sie brauchen, um sich in der Welt zu Recht zu finden. Gerade weil unsere Welt sich so rasant verändert und jeden Tag neue Einflüsse auf uns einwirken. Gerade deshalb sollen junge Menschen in Berührung kommen mit dem, was in ihnen steckt, was schön und wertvoll ist, ohne dass sie dafür eine besondere Leistung vorweisen müssen.

Im Internet haben sie einen Raum, um anderen von ihren Träumen und ihren Lieblingsorten zu erzählen. Und umgekehrt von ihnen zu lesen, was sie fasziniert. So entsteht ein größerer Zusammenhang und vielleicht sogar eine Perspektive, die vorher für den einzelnen nicht zu sehen waren.

Es gefällt mir, dass meine Kirche so ein Projekt ins Leben gerufen hat. Im Internet. Junge Leute sind vielen Herausforderungen ausgesetzt. Unter den Angeboten, die ihnen gemacht werden, die passenden guten auszuwählen ist nicht leicht. Ich finde, GLUTkern ist so eines. Von Gott ist da auf den ersten Blick überhaupt nicht die Rede. Weil den Teilnehmern zugetraut wird, dass sie selbst entdecken, was in ihrem Leben über den Zufall hinausgeht. So stelle ich mir eine moderne religiöse Spurensuche vor.

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Am 11. September in New York war Gott überall. Einen Text, der so beginnt, habe ich vor ein paar Wochen mit meinen Schülern im Religionsunterricht besprochen. Er erzählt von der furchtbaren Gewalt, die da entfesselt worden ist, als die beiden Flugzeuge ins World Trade Center gerast sind. Er schildert das sinnlose Leid der Opfer. Vor allem beschreibt er die Verzweiflung und Hilflosigkeit der Angehörigen, die sich nicht zu helfen wussten in ihrem Schmerz. Sie haben Fotos der Vermissten an Bauzäune und Litfaßsäulen gehängt. Und sie haben gebetet, weil sie das alles anders nicht aushalten. Da soll Gott dabei gewesen sein, an jenem 11. September 2001? Der Text sagt es noch drastischer: Überall ist Gott da gewesen. Überall! Was soll das heißen? Wie kann man das begreifen?

 Normalerweise wollen wir eher davon ausgehen, dass Gott dort gerade nicht ist, wo sich Schlimmes abspielt. Gott ist doch gut. Er liebt uns. Und er will, dass uns nichts geschieht. Wenn Gott wirklich Gott ist, dann muss er verhindern wollen, was an 9/11 und bei anderen schrecklichen Ereignissen geschehen ist. So wie es die Bibel in etlichen eindrucksvollen Geschichten überliefert: Die Israeliten, das Volk Gottes, wird befreit aus der Knechtschaft in Ägypten, bloß die Streitmacht des Pharaos kommt um. Die alte Welt geht unter in der Sintflut, aber der gerechte Noach mit der neuen Menschheitsfamilie überlebt.

Die Tatsachen sprechen allerdings eine andere Sprache. Damals in den USA ist ein Ereignis von historischer Tragweite passiert, das die ganze Welt erschüttert hat. Gott hat sie nicht verhindert. Ob er es nicht wollte, oder nicht konnte? Ob es ihn gar nicht interessiert hat? Hier beginnen die schwierigen Fragen des Glaubens. Sie kommen uns vor allem dann in den Sinn, wenn wir es mit großem, sinnlosem  Leid zu tun haben. Eine Möglichkeit ist es, in solchen Situationen wie in New York am 11. September die Abwesenheit Gottes zu beklagen. Dann bleibt Gott der Ferne. Er verbirgt sich vor dem Wahnsinn, zu dem wir Menschen fähig sind. Seine Existenz und Gegenwart sind höchstens im Hintergrundrauschen des Kosmos zu vermuten.

Oder wir trauen ihm zu, dass er einfach mit dabei ist. Überall. Das greift der Text auf, den ich mit den Schülern gelesen habe. Er spricht von der Möglichkeit, dass Gott in keiner Sekunde und am keinem Ort abwesend ist. Wir können ihn anklagen und ihn fragen, was er bloß damit meint, was das für einen Sinn ergeben soll.... Er ist Ansprechpartner und Rettungsanker - auch wenn er dem Menschen die Freiheit lässt, das Böse zu tun.

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Keine Generation war so wehleidig wie unsere – sagen manche Gesellschaftskritiker. Und ich gebe zu: So ganz falsch scheint mir diese Beobachtung nicht zu sein. Da kann ich bei mir selbst anfangen. Wenn mir was weh tut, renne ich zum Arzt und besorge mir ein Medikament. Meine Bereitschaft, etwas auszuhalten, es erst mal eine Weile hinzunehmen, dass mir was wehtut oder fehlt, die ist ziemlich gering. Bei anderen ist das nicht anders. Meine Schüler jammern, wenn sie mehr als üblich lernen müssen. Viele Ältere haben verständlicherweise Angst davor, dass ihre Kräfte nachlassen. Wenn ich das und das nicht mehr kann, will ich gar nicht mehr leben, denkt mancher. Leiden ist so ziemlich das unbeliebteste in unserer Gesellschaft, was man sich vorstellen kann.

Aber das Leiden ist doch Teil unseres Menschseins. So sind wir gemacht. Eben nicht vollkommen und unangreifbar. Sondern verletzlich, sterblich. Warum fällt es uns bloß so schwer, uns damit abzufinden?

Ein Grund dafür könnte sein, dass Wissenschaftler und Ärzte alles daran gesetzt haben, die Grenzen des Lebens hinauszuschieben. Dabei sind ihnen ungeheure Fortschritte gelungen. Der Mensch wird älter denn je. Viele erreichen ein hohes Alter und erfreuen sich dabei erstaunlicher Gesundheit. Krankheit und Tod sind in große Ferne gerückt. Das ist etwas für später. Jedenfalls nicht für jetzt. Immer für morgen, nicht für heute. Das haben wir uns eingeredet, und so versuchen wir jede Form von Leid so gut es geht zu verdrängen.

Es ist gut, dass es so etwas gibt wie Schmerztherapie, damit kein Mensch unnötig leiden muss. Es ist auch gut, dass wir dem Leid etwas entgegen setzen wollen, soweit uns das möglich ist. Selbstverständlich! Aber keiner sollte sich der Illusion hingeben, dass er ungestreift durchs Leben kommt. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Das Leid ist Teil der menschlichen Verfassung. Und schon aus diesem Grund ist es klug, sich damit auseinander zu setzen. Denn so bleibt man im Ernstfall vor Überraschungen wenigstens ein bisschen gefeit.

Als ich vor einigen Jahren eine schwere Krise durchmachen musste, wollte ich das zuerst nicht akzeptieren. Dann habe ich lange Zeit unter der Last gestöhnt, die da plötzlich auf mir lag. Ich wollte wieder der Alte sein, das Leiden an mir selbst einfach abschütteln; das habe ich mir lange Zeit gewünscht. Bis ich gemerkt habe: Durch den Schmerz verändert sich etwas. Ich lerne neue Seiten an mir kennen, Stärken, die verborgen waren. Ich vertraue zum Beispiel viel mehr als früher auf das, was ich gut kann. Und das ist gar nicht schlecht. Jedenfalls lebe ich anders als früher, als vor der Krise. Ich meine: besser. So fruchtbar kann leiden sein.

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Dass allzu große Begeisterung eine trügerische Angelegenheit sein kann, sieht man an ungezählten Beispielen in der Menschheitsgeschichte. Denken Sie in unserer Zeit an Michael Jackson und zuletzt Uli Hoeneß. Für religiöse Führer gilt das ganz besonders, für den Propheten Elija zum Beispiel, dem sein Lebenswerk unter den Fingern zerrinnt. Und eben auch für Jesus von Nazareth. Erst stehen sie in der Gunst ihrer Anhänger ganz oben, dann fallen sie abgrundtief. Keiner kann etwas dagegen unternehmen. Immer sieht es am Anfang so aus, als wäre alles ganz wunderbar. Bis der Hochgelobte doch nicht die Erwartungen erfüllt, die man an ihn gehabt hat. Oder bis sich zeigt, dass dieser eben auch nur ein Mensch ist, kein Gott und auch kein Halbgott. Bei jedem Menschen gibt es neben dem Guten auch die dunklen Seiten der Persönlichkeit. Beim Fan und beim Idol. Und wo es viel Licht gibt, da gibt es fast immer auch viel Schatten. Besonders wo es um den Glauben geht, sollten wir das wissen. Kein Mensch kann Gott so vertreten, dass dabei keine Wünsche offen bleiben. Und keiner von uns kann sich anmaßen, alles von Gott zu verstehen.

Als Jesus nach Jerusalem kam, haben die Menschen ihm zugejubelt. Ich vermute, dass ihm das ziemlich suspekt gewesen ist. Und tatsächlich war’s ja nicht von langer Dauer. Wenige Tage später steht er vor Gericht und wird zum Tode verurteilt. Er hat den Menschen Dinge von Gott sagt, die sie nicht hören wollen: Dass sein Gott sich immer zuerst für die Armen und Kleinen interessiert, nicht für die Starken. Dass sein Gott den Sündern verzeiht, immer. Dass sein Gott liebt bis in den Tod, und erst dort die wahre Liebe zu zeigen vermag.

Das Scheitern von Jesus hat verschiedene Gründe. Es hat zum einen damit zu tun, dass die begeisterte Menge in ihm etwas gesehen habt, was er gar nicht sein wollte: ein kämpferischer Führer. Auf der anderen Seite haben sie aber auch seine wahre Nähe zu Gott unterschätzt. Bei Jesus hängt diese nicht von Äußerlichkeiten ab. Sein Gottvertrauen ist so groß, dass er sogar das Scheitern als Teil seines Zieles betrachtet. Am Ende hängt er am Kreuz. Da musste er hin, um seinen Weg so zu gehen wie es ihm entspricht; als Mensch, wie Gott den Menschen will.

Für Begeisterungsstürme taugt das nicht. Aber die braucht es für einen echten Glauben auch nicht.

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