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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Lieber Gott, mach’ mich zu dem Menschen, für den mein Hund mich schon hält.“ Ein tierisch gutes Gebet. Eine Hörerin hat es mir geschickt, mit dem Zusatz: Ich bin gespannt, ob es etwas mit Ihnen macht. Und ob! Wir hatten in unserer Familie zehn Jahre lang einen Hund und mit Freude erinnere ich mich an dieses bedingungslos treue Lebewesen. An diese grundlos fröhliche, schwanzwedelnde Verkörperung von Lebensfreude. Und weil ich mir gern mal vorstellen möchte, was ein Hund von seinem Herrchen oder Frauchen denken könnte, wenn er denn denken könnte, versuche ich jetzt mal, mich in die liebevolle Schlichtheit eines Hundes hinein zu versetzen. Und zu schauen für welch wunderbaren Menschen mein Hund mich halten könnte. Für einen fürsorglichen Menschen beispielsweise, fleißig und pflichtbewusst, denn jeden Morgen bekommt er sein Fresschen, da kann er sich 150ig prozentig darauf verlassen. Für klug und geschickt könnte er mich halten, denn er bekäme die Dose mit dem Futter ja nicht auf. Nicht einmal den Kühlschrank, Gott sei Dank!  Für naturverbunden müsste mein Hund mich halten, denn bei jedem Wetter gehe ich mit ihm raus, zweimal täglich, mindestens. Für ziemlich reinlich könnte er mich auch halten, wenn ich mit umgedrehter Plastiktüte seine Hinterlassenschaften aufsammle und ins Hundeklo werfe.  Kommunikativ könnte ich in seinen Ohren sein, denn ich rede oft mit ihm, meistens liebevoll wie zu einem Kind. Manchmal aber auch in kurzen, lauten Sätzen, vor allem, wenn er mal wieder abgehauen ist. Deswegen könnte er mich für streng halten, aber auch für großmütig, denn ich verzeih’ ihm ja immer. Und zärtlich, ja für zärtlich müsste er mich auch halten, denn was bekommt so ein Hund nicht alles an Streicheleinheiten. So viel, dass er wirklich meinen könnte, ich wäre ein zärtlicher, strenger, aber großzügiger, kommunikativer, reinlicher, naturverbundener, geschickter, kluger, fleißiger, pflichtbewusster und fürsorglicher Mensch. Oh-mein-Gott, mach’ mich doch bitte nur ein wenig zu dem Menschen, für den mein Hund mich halten könnte…

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„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Eigentlich mag ich diesen Spruch nicht. Aber in den letzten Monaten ist er mir immer wieder in den Sinn gekommen. Nicht beim Vertrauen in Personen, das ist etwas ganz Eigenes, sondern beim Vertrauen in Institutionen. Da war in letzter Zeit viel von Vertrauenskrisen die Rede. Beim Fall Edathy, beim ADAC, und nicht zuletzt bei der katholischen Kirche. Kann ich Institutionen vertrauen? Institutionen sind so abstrakte Gebilde: die Partei, der ADAC, die Kirche. Und doch bestehen sie alle aus Menschen. Menschen, die für etwas stehen: in einer Partei dafür, dass sie meine politischen Interessen vertritt. Beim ADAC, dass ich mich auf seine Tests und seine Pannenhilfe verlassen kann. Und in der Kirche, dass ich bei ihr mit meinen religiösen Bedürfnissen gut aufgehoben bin. Das gibt den Institutionen eine große Verantwortung. Weil sie etwas besser können als ich, mehr wissen als ich und mehr haben als ich: Macht und oft auch Geld. Und weil ich eben nicht alles selber habe oder kann, muss ich mich ihnen anvertrauen. Das entlastet mich, ist aber auch ein Risiko, weil Institutionen eben aus Menschen bestehen und die sind fehlbar. Ich will weder auf Menschen mit dem Finger zeigen, die Vertrauen enttäuscht haben, noch will ich ihr Fehlverhalten klein reden. Denn unsere Gesellschaft braucht ein Mindestmaß an Vertrauen. Und der Vertrauensbruch einer Institution knackt auch immer das Vertrauen in Institutionen überhaupt an. Damit hier kein grundsätzliches Misstrauen entsteht, ist es wichtig, dass Institutionen kontrolliert werden. Wenn das Vertrauen doch einmal beschädigt ist, dann braucht es viel Zeit bis es wieder wächst. Und es braucht, nach dem Eingeständnis der Fehler und der glaubwürdigen Entschuldigung, auch eine behutsame Pflege der gestörten Beziehung. Dazu gehört – und dabei denke ich nicht nur, aber besonders an die katholische Kirche – sich auf Augenhöhe zu den Menschen begeben. Sie ernst nehmen, ihnen zuhören. Keine moralischen Ratschläge auf ungestellte Fragen geben, sondern sich anfragen lassen. Und mit Macht, mit welcher auch immer, äußerst kritisch umgehen. Denn sie ist immer geliehen. Von uns Einzelpersonen. Und die, denen wir sie geliehen haben, sind so stark und so schwach wie wir selbst…

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Von den Libanesen lernen. Ja, das können wir Deutschen, wir Europäer. Von der großen Hilfsbereitschaft und der Gastfreundschaft des libanesischen Volkes. Der Libanon ist der Nachbarstaat von Syrien. Seit 2011 tobt dort bekanntlich dieser schreckliche Bürgerkrieg. Über eine  Million Syrer sind in den Libanon geflüchtet. Der Libanon selbst hat nur etwas über vier Millionen Einwohner. Das muss man sich mal vorstellen, jeder vierte Mensch im Libanon ist ein syrischer Flüchtling. Auf Deutschland übertragen hieße das: 20 Millionen Flüchtlinge. Der Libanon,  selbst ein hochverschuldeter Staat hat 2 Milliarden für humanitäre Hilfe ausgegeben. 8 Milliarden hat er verloren, weil die Haupthandelsstraße Richtung Türkei durch Syrien führt. Ein immenser wirtschaftlicher Schaden und eine große soziale Belastung. Der Libanon hätte seine Grenzen dicht machen können wie wir Europäer das machen und die Menschen ihrem Schicksal überlassen. Aber das haben die Libanesen nicht getan, vielleicht ist diese menschenfreundliche Mentalität besser zu verstehen, wenn man die Worte des libanesischen Dichters Khalil Gibran hört. Über das Geben hat er geschrieben:

Es gibt Menschen, die Geben wenig von dem Vielen, das sie besitzen und sie tun es um der Anerkennung Willen, doch ihre verborgene Absicht macht ihre Gabe unbekömmlich. Und es gibt Menschen, die wenig besitzen und alles geben, das sind die Menschen, die an des Lebens Überfülle glauben und deren Schatztruhen nie leer werden. Einige geben mit Freuden und die Freude ist ihr Lohn, andere geben mit Schmerzen und der Schmerz ist ihre Taufe. Und es gibt Menschen, die beim Geben weder Freude, Schmerz noch Tugendhaftigkeit empfinden. Sie gebe wie die Myrthe im Tal, wenn sie ihren Duft verströmt. Durch die Hände solcher Menschen spricht Gott und durch ihre Augen lächelt er die Erde an.

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Der Maidan in Kiew, der Tahrir in Kairo und der Taksim Platz in Istanbul. Alles Plätze, die für Protest- und Befreiungsbewegungen in diesen Städten stehen und immer stehen Plätze wie diese auch für Gewalt, für gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Staat und Protestierenden. Immer? Nein, nicht immer. Da gibt es die wunderbare Geschichte von Davide Martello aus Konstanz. Der 32-jährige ist ein Musikkünstler, der die Welt verbessern will. Er zieht mit seinem Piano im Anhänger durch die Städte Europas und spielt auf öffentlichen Plätzen. Ein Straßenmusiker mit Klavier sozusagen. Im Juni letzten Jahres war er in Bulgarien und als er von den Unruhen in Istanbul gehört hat, hat er sich kurzentschlossen auf den Weg dorthin gemacht. Als er auf dem Taksimplatz ankommt ist dieser leer, übersät von Schutt und Steinen. Beide Seiten, Polizei und Demonstranten, scheinen sich zum nächsten Kampf zu rüsten, die Ruhe vor dem Sturm. Und genau zu diesem Zeitpunkt lädt Davide sein Piano vom Hänger und fängt an zu spielen. „Let it be“ von den Beatles, „Imagine“ von John Lennon. Die ersten Menschen kommen und setzen sich und nach und nach füllt sich der Taksim-Platz. Hunderte von Demonstranten umringen den Konstanzer Pianisten. Als plötzlich Polizisten in Kampfanzügen aufmarschieren, wird es brenzlig, er bekommt Angst. Aber auch die Polizisten setzen sich, nehmen Schilde und Helme ab und lauschen seiner Musik. Irgendwann setzt sich ein Istanbuler Musiker neben Davide und die beiden improvisieren türkische Balladen. Polizisten und Demonstranten singen gemeinsam mit. Da weint Davide, weil er an Leib und Seele spürt, wie sich die verfeindeten Seiten entspannen – und es keine Steine, kein Tränengas und keinen Hass mehr gibt.

Zu schön um wahr zu sein? Nein, schön wahr, wunderschön! Ein glücklicher Einzelfall? Nein. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass politische Veränderungen auch friedlich möglich sind. Die singende Revolution im Baltikum zum Beispiel, bei der Hundertausende von Menschen die politischen Veränderungen mit Singen von bislang verbotenen Liedern durchgesetzt haben. Die Nelkenrevolution in Portugal, wo den Gewehren und Panzern Nelken in die Läufe gesteckt wurden.

Und nicht zuletzt unsere Montagsdemonstrationen, die ohne Gewalt zur deutschen Wiedervereinigung geführt haben.

Es ist also möglich! Man muss sich nur erinnern, davon erzählen und daran glauben.

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Ihr seid doch alles „Labertaschen“, früher haben die Rundfunkpfarrer noch was zu sagen gehabt. Das hatte mir eine Hörerin geschrieben. Auch der Rest ihres Briefes war so knackig provokant. Vor allem, weil sie zu recht bemängelt hatte, dass wir mit unseren Sendungen zu selten aktuell sind. Darum habe ich sie eingeladen auf eine Tasse Kaffee in ein mein Büro, damit ich „Tasche“ mal ein wenig mit ihr „labern“ kann. So habe ich es ihr geschrieben und – sie kam. Eine überaus lebendige, kluge und sympathische 70jährige Frau. Zweieinhalb Stunden haben wir miteinander gesprochen. Wie beim Tischtennis gingen die Gesprächsbälle hin und her. Über Gott und die Welt haben wir geredet, über die kirchlichen Sendungen, dass wir natürlich nicht alle Labertaschen sind, aber dass früher schon auch manches besser war. Unser Gespräch ging aber nicht nur in die Breite, sondern auch in die Tiefe. Über den Tod haben wir geredet, über die Trauer, über die Last und die Freuden des Alterns. Unser Gespräch war so gut, dass wir uns jetzt immer mal wieder treffen und so herzlich wie gern miteinander reden. Zwischendurch beschickt mich die frühere Journalistin mit alten und neuen Artikeln, die mich interessieren oder inspirieren könnten. Oder sie schickt mir einen ihrer eigenen Texte. Wie zum Beispiel dieses Gedicht, mit dem ich Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, so sie noch im Bett liegen sollten, in diesen Tag locken möchte. Es ist ein schwäbisches Gedicht, das ich natürlich auch schwäbisch sprechen muss. Also, der Text heißt „Aufstehn ist…“

 

Der Pfarrer, kurz vor siebene
probiert’s mit mir em Gueta,
jetzt stand halt uff, dr Tag wird schee,
‚s sei lohnend, sich zu spueta.

 

Er hot jo recht, der Gottesknecht,
gnug gschlofa isch für heit,
so wälz i mi brav aus meim Nescht
ond mach dem Mo die Freid.

Ond drobe sengt dr Engelchor:
Hurra, ‚s isch ihm gelunga,
des Pfarrers Stimm in Schläfers Ohr-
scho isch des Fleisch bezwunga.

 

Goht’s euch au so, ihr Schläfersleit,
kann der au euch naustreiba?
No freiet euch auf d’Ewigkeit,
denn do kosch liega bleiba.

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Angst. Die Angst gehört zum Leben. Als Schutz, als Signal oder als Symptom. Angst ist wichtig, Angst ist quälend und oft auch unnötig.
Wenn man sich zu schnell Sorgen macht, wenn man zu viele Bedenken hat. Manche Menschen sind so ängstlich, dass sie schon Angst vor der Angst haben. So eine unterschwellige Lebensangst, die ihnen zu oft Lebenskraft und Lebensfreude nimmt.
Es gibt einen wunderbaren Text der Dichterin Mascha Kaléko. Sie muss diese Ängste wohl auch gut gekannt haben. Und mit ihrem Text will sie dazu ermutigen, sie zu verscheuchen, dazu verhelfen nicht immer und überall Angst zu haben und sich nicht unnötig zu ängstigen.

Jage die Ängste fort“, beginnt dieser Text, „und die Angst vor den Ängsten. Für ein paar Jahre wird wohl alles noch reichen, das Brot im Kasten und der Anzug im Schrank. Sage nicht mein, es ist dir alles geliehen, lebe auf Zeit und sieh’ wie wenig du brauchst. Richte dich ein und halte den Koffer bereit. Es ist wahr, was sie sagen, was kommen muss, kommt. Geh’ dem Leid nicht entgegen. Und ist es da, sieh’ ihm still ins Gesicht. Es ist vergänglich wie Glück. Erwarte nichts und hüte besorgt dein Geheimnis…

Feg deine Stube wohl und tausche den Gruß mit dem Nachbarn. Flicke heiter den Zaun und auch die Glocke am Tor. Die Wunde in dir halte wach unter dem Dach im Einstweilen. Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet im großen Plan.Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.

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„Pass auf Dich auf, mach’s gut, ich denk an Dich!“ Das sind Segensworte. Weltliche Segensworte, also keine religiösen. Sie drücken Wohlwollen aus, wünschen einem Menschen Unversehrtheit und Glück. Eltern segnen (so) ihr Kinder, Liebende ihre Geliebten. Auch ich wurde schon viel gesegnet in meinem Leben. Weltlich und religiös. Von meiner Großmutter, von Priestern und Bischöfen, von einer Frau, die ich noch nie gesehen hatte, die mich aber vom Radio her kannte. Am eindrücklichsten als mich eine Bettlerin gesegnet hat. Wird in der Kirche gesegnet kommt zum rein zwischenmenschlichen Wohlwollen noch was ganz Wesentliches hinzu: dass die Menschen, die gesegnet werden, unter den Schutz Gottes gestellt werden sollen. Meistens geschieht das am Ende des Gottesdienstes. Am liebsten mag ich den sogenannten aaronitischen Segen. Er ist der älteste Segen aus der Bibel und wird von Juden wie Christen gesprochen. 
Er klingt so: „Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“ Ich mag diesen Segen so sehr, weil er so viel Wohlwollen ausdrückt, so viel Wärme und Licht. Ich sehe Sonnenaufgänge, wenn ich ihn höre, ein strahlendes Lächeln, einen schlafenden Säugling, Kinder, die selbstvergessen spielen, Menschen, die sich schwer verabschieden oder freudig begrüßen, Streitende, die sich versöhnen und einen Menschen, der friedlich aus dieser Welt gehen kann. Darum gern noch einmal, für die, die es brauchen können, in diesen Tag hinein: „„Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“                                                               

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