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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, nimm Worte dazu.“ – Franz von Assisi hat das vor 800 Jahren gesagt. Da sehe ich aber alt aus. Wenn ich mich bemühe, das Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu verkünden – jetzt im Radio, morgen wieder im Gottesdienst – dann geht das gar nicht anders als mit Worten.

„Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, nimm Worte dazu.“ Wie soll ich das verstehen? – Wenn es so ist, dass der beste Kommentar zum Evangelium glaubwürdige und überzeugende Christen sind – dann ist das für mich der Schlüssel, um die Worte des Franz von Assisi zu verstehen. Denn auf ihn trifft das besonders zu. Franziskus ist seinem geliebten Vorbild Jesus gefolgt in einer beispielhaften Liebe zu Gott, zu den Menschen – vor allem zu den Armen und Kranken – und zu den Tieren, zur ganzen Schöpfung. 

Wir sind nicht Franziskus. Aber sein Appell trifft auf jeden zu, der nicht nur hehre Worte macht, der nicht von anderen verlangt, was er selbst nicht tut. Es trifft auf jeden zu, der Gutes tut, der sich für etwas engagiert oder für andere einsetzt: 

Die Frau, die liebevoll ihre demente Mutter pflegt. Der junge Mann, der Einkäufe für Nachbarn macht, die sich schwer tun. Die Jugendliche, die sich um Kinder überforderter Eltern kümmert. Das kleine Mädchen, das sein weniges Erspartes der Aktion „Herzenssache“ spendet. Der alte Mann, der mit Hunden aus dem Tierheim spazieren geht.

Ich denke, der Appell des Franz von Assisi trifft auch auf die zu, die in christlicher Verantwortung Aufgaben übernehmen: in Gesellschaft und Politik, in caritativen und sozialen Einrichtungen, in Friedens- und Menschenrechtsorganisationen. 

„Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, nimm Worte dazu.“ – Ich vermute, Franz von Assisi hat dabei an ein Wort von Jesus gedacht: „Es bringt nichts, wer nur Herr! Herr! ruft, sondern wer den Willen Gottes tut.“ (Matthäus 7,21)

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Ein französischer Gelehrter durchquert mit einigen arabischen Forschern die Wüste. Beim Sonnenuntergang breiten die Araber Teppiche auf dem Boden aus und beten. 

„Was machen Sie da?“ fragt der Gelehrte einen von ihnen. „Ich bete.“ „Zu wem?“ „Zu Gott.“ „Haben Sie ihn denn jemals gesehen?“ „Nein“, schüttelt der Araber den Kopf. „Wie können Sie dann nur an ihn glauben?“ meint der Gelehrte. 

Am nächsten Morgen, als der Franzose aus dem Zelt kriecht, bemerkt er zu einem der arabischen Forscher: „Hier ist heute Nacht ein Kamel gewesen.“ „Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie es gesehen?“ „Nein, aber man sieht doch rings um das Zelt die Fußspuren!“ Der Araber weist zum Horizont, wo gerade die Sonne aufgeht in all ihrer Pracht: „Da sehen Sie – die Fußspur Gottes!“  -  Soweit die Geschichte.* 

In der Natur entdecken wir gewiss immer wieder aufs Neue Fußspuren Gottes. - Auf der Suche danach, ob Gott auf dieser Welt Spuren hinterlassen hat, überzeugt mich eine Spur am meisten. Und diese Spur heißt: Jesus, der gute Mensch aus Nazaret. 

Für Jesus ist Gott Liebe. Eine Liebe, mit der er jeden Menschen bedingungslos annimmt. Eine Liebe, in der jede und jeder unbedingt erwünscht ist. Eine Liebe, in der es keine hoffnungslosen Fälle gibt. Diese Botschaft hat Jesus verkündet und gelebt. Eine einzigartige, unmittelbare Gottverbundenheit, aus der Jesus gelebt hat. Und wie innig er Gott seinen „lieben Vater“ genannt hat. Auf ihn hat er sich stets berufen, bei allem, was er geredet und getan hat.

Das heißt für mich auch: Gott war immer bei Jesus. Ich verstehe die Evangelien so: Gott spiegelt sich in Jesus. Als ob er sagen wollte: das, was ihr von Jesus hört, was ihr bei ihm seht – das bin ich selbst, das ist Gott selbst.

Ich glaube, weil Jesus so sehr geliebt hat, ist er Gott ganz nahe gekommen. Das ist seine Spur, die er auf dieser Erde bis heute hinterlassen hat. Und was das für Folgen haben kann, dazu steht im Neuen Testament ein unglaublich kostbarer Satz: „Gott ist Liebe … und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott!“ (1 Johannes 4,7-8)

 Wenn ich mir das vorstelle: Jedes Zeichen der Liebe – im Überschwang oder einfach im Alltag, in Freud und Leid – jedes Zeichen der Liebe heißt: Anteil haben an Gott! Wunderbar!

 *  In: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten,Verlag Andere Zeiten, Hamburg 2005

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„Der Anfang eines jeden Werkes ist das Wort,
der Anfang jeder Tat die Überlegung.
Die Wurzel der Pläne ist das Herz.“ 

Dies hat Jesus Sirach festgestellt, ein Weisheitslehrer im Alten Testament (37,16-17). Viele Weisheiten in der Bibel sind praktische Beobachtungen und Erfahrungen, über lange Zeit dem Leben abgeguckt. Lebensweisheiten – ich denke mit der Absicht, im Alltäglichen das Kostbare, das Wunderbare zu sehen. Ich finde das spannend und möchte auf das Wort von Jesus Sirach zurückkommen. 

„Der Anfang eines jeden Werkes ist das Wort.“ – Wenn ich ein neues Auto kaufen möchte oder woanders hinziehen muss, dann bespreche ich das in der Familie. Wenn ich ein Buch schreiben möchte, dann bespreche ich das mit Freunden und mit einem Verlagslektor, vor allem finde ich die entsprechenden Worte.  „Der Anfang eines jeden Werkes ist das Wort.“ – Das gilt auch für das größte Werk: die Welt, die Schöpfung, das Universum. Wie auch immer alles entstanden und geworden ist und sich weiter entwickelt, die Bibel beginnt mit: „Gott sprach!“ Das unterstreicht das Johannes Evangelium im Neuen Testament, wenn es da heißt: „Im Anfang war das Wort!“ 

Nicht ganz so erhaben, aber auch folgenschwer klingt der zweite Satz: „Der Anfang jeder Tat ist die Überlegung.“ – Wie wahr! Das merke ich vor allem dann, wenn ich mal wieder gehandelt habe, ohne vorher zu überlegen. Und das kann für mich und für andere peinlich werden. Ein Bekannter wollte seinen runden Geburtstag ruhig verbringen und erst später größer feiern. Seine Frau jedoch hatte hinter seinem Rücken alle möglichen Leute eingeladen. Seine Stimmung war dann auch entsprechend. 

Drittens: „Die Wurzel der Pläne ist das Herz.“ – Im Herzen sitzen die guten Gedanken: gerecht und friedfertig sein, gütig und liebenswürdig. Im Herzen sitzen aber auch ganz andere Gedanken: ungerecht und habgierig sein, hinterhältig und verlogen. Darum bemühe ich mich, den Gedanken in mir Raum zu geben, die gütig sind, gerecht und friedfertig.

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„Achte auf den Rat deines Gewissens, denn einen treueren Berater hast du nicht“ – das hat der Weisheitslehrer Jesus Sirach im Alten Testament gesagt (37,13). Und es heißt dort weiter: „Das Gewissen des Menschen gibt ihm bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte“ (37,14). Diese weise Empfehlung ist 2200 Jahre alt und hat an Aktualität nichts eingebüßt.

In diesem Sinne schreibt Papst Franziskus in der italienischen Zeitung La Repubblica: „Nicht, wer nicht glaubt, macht sich einer Sünde schuldig, sondern wer seinem Gewissen nicht folgt.“ Solche Worte habe ich in meiner Kirche lange nicht mehr gehört. Obwohl das gute alte katholische Lehre ist. Nur hatten das die „Wächter auf der Warte“ – sprich: die Glaubenswächter verdrängt. Und manche Hardliner hatten vergessen, dass das Gewissen den Vorrang hat vor Kirchenrecht und Lehraussagen. 

Jüngst hat es im Auftrag von Papst Franziskus eine Umfrage des Vatikans gegeben über Ehe, Familie, Sexualität. Franziskus möchte in erster Linie nicht wissen, was die Bischöfe dazu sagen, sondern was die Frauen und Männer und Jugendlichen in der Kirche dazu meinen. Seine Devise heißt ohnehin: Erst kommt der Glaube – dann die Moral. Und der konkrete Mensch und sein Schicksal stehen stets an erster Stelle. 

Die Antworten von durchweg engagierten Katholiken sprechen Bände. Sie zielen in eine gemeinsame Richtung: Eindeutig räumen sie der Gewissens-Entscheidung den Vorrang ein vor der offiziellen Lehrmeinung. Was in der geltenden Sexualmoral etwa über vorehelichen Sex, über Kondome und über praktizierte Homosexualität  steht – dem bescheinigen fast alle Antworten nicht nur fehlende Barmherzigkeit. Sie lehnen das als lebensfremd ab und empfinden es durchweg als falsch. 

Papst Franziskus hat das anscheinend erkannt, so wie das sehr viele Seelsorger schon lange auch so sehen. Franziskus will den Menschen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Er will in erster Linie zuhören und ermutigen, trösten und unterstützen. Er will eine Kirche des Dialogs und der Barmherzigkeit, der Wärme und der Zuwendung. Er will eine Kirche, die Wunden heilt und endlich wieder mehr Verständnis für menschliches Scheitern zeigt! 

Mit solchen Gedanken ist Papst Franziskus genau in der Spur, die Jesus mit seinem Leben und seiner Botschaft hinterlassen hat. Bleibt zu hoffen, dass die ganze Kirche davon erfüllt wird.

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„Name ist Schall und Rauch“ – Goethe hat das gesagt. Ich mag diesen Spruch nicht. Er passt in eine Welt, in der wir nicht mehr mit Namen benannt, sondern mit Zahlen nummeriert werden. In der Antike hatte der Name eine besondere Bedeutung. Er sagte etwas aus über das Wesen einer Person oder einer Sache. Etwa bekannte Vornamen: Agathe heißt ursprünglich „die Gute“, Christoph „Christusträger“, Angelika bedeutet „die Engelhafte“, Theodor „ein Geschenk Gottes“.

So hört sich das ganz anders an: „Fürchte dich nicht … ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ – so spricht Gott beim Propheten Jesaja im Alten Testament (43,1).Ich verstehe das so: Wenn Gott mich anspricht und beim Namen nennt – dann schenkt er mir Würde und Freiheit und schützt sie. Jeder Mensch ist einmalig und unverwechselbar. 

So hat Gott auch mich gerufen, als ich auf den Namen Michael getauft wurde. „Michael“ bedeutet: „Wer ist wie Gott?“ Diese Frage fasziniert mich und lässt mich immer neu staunen: Was hat Gott mit mir, mit der Menschheit, mit seiner Schöpfung und mit dieser ungeheuren Veranstaltung des Weltalls im Sinn? 

Als Pfarrer habe ich schon viele Kinder, etliche Jugendliche und Erwachsene getauft. Dieser Gedanke ist mir dabei stets wichtig: Gott ruft jede und jeden beim Namen. Unsere Namen sind nicht Schall und Rauch. Wir sind keine anonymen Nummern. Wir sind von Gott angenommen und geliebt als unverwechselbares Du! - Wenn Gott solche Achtung vor uns hat, sollten auch wir einander beim Namen nennen, sprich: mit Achtung und Respekt einander begegnen.

Das könnte auch all jene ermutigen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Menschen rücksichtslosen Marktgesetzen ausgeliefert sind und wie Konsumgut gebraucht werden. Die sich nicht damit abfinden wollen, dass für manche Finanzspekulanten Solidarität ein Fremdwort ist Achtung und Respekt ist auch all denen wichtig, die der Gier nach „immer noch mehr“ und der Ellenbogenmoral ein menschliches Verhalten entgegen setzen wollen. 

Papst Franziskus hat dazu in seinem ersten großen Lehrschreiben (November 2013) ein drastisches Beispiel genannt: „Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während ein Kursrückgang um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht.“

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„Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Matthäus 7,12) Das ist so etwas wie die „Goldene Regel“ in der Bibel. Sie ist „ethischer Kern“ in allen Religionen. Jesus übernimmt diese alte ethische Weisung der Menschheit. 

Eigentlich kann das jeder Mensch verwirklichen, eben weil die „Goldene Regel“ so einfach ist. Voraussetzung dafür ist, dass ich in mich hinein schaue und mich selbstkritisch frage: Was verletzt mich? Worunter leide ich? Die „Goldene Regel“ vor Augen möchte ich den anderen respektieren und mich ernsthaft fragen: Kann ich, will ich wirklich dem anderen etwas antun, was für ihn negativ ist, was ihn verletzt und beleidigt – etwas, was mir selbst zuwider ist? 

Wenn ich mich das frage, dann beginne ich, mich in den anderen hinein zu versetzen, von ihm her zu denken, mit dem anderen zu fühlen. Ich lerne zu erkennen: „Niemand bleibt unverletzt, wenn er andere verletzt“ – diese Einsicht stammt von dem Psychotherapeuten Erich Fromm (1900-1980). 

Wenn ich selber nicht erleiden will, was ich anderen antue, dann ändere ich mich, meine Vorstellungen und Pläne. Dann verabschiede ich mich von fragwürdigen, vielleicht sogar unmenschlichen Vorhaben. Dann besteht die große Chance, dass Ich mitfühlend werde und so mitmenschlich. Richtig leben hieße dann: Jetzt und heute leben - ohne jemandem zu schaden: Einfach, in Demut und mit Rückgrat, um ehrliches Mitgefühl bemüht. 

Wenn so zu denken und zu handeln im Grunde jedem Menschen möglich ist, dann sprengt die „Goldene Regel“ das rein Private. Dann ist sie die Voraussetzung dafür, dass wir in allen Lebensbereichen und weltweit in Respekt voreinander und menschlich miteinander leben können. Die „Goldene Regel“ in die Tat umzusetzen bedeutet heute auch, die „Bewahrung der Schöpfung“ entschieden und nachhaltig anzugehen. 

Es geht für die Privilegierten unter uns darum, den Lebensstil zu überdenken. Damit Millionen verarmter und hungernder Menschen, damit in der Natur unsere Mitgeschöpfe, und so auch wir selbst überleben können. „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Diese „Goldene Regel“ kann als „spirituelle Kraft“ unser Leben in einer globalen Welt zum Guten hin verändern.

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„Maria Lichtmess, bei Tag ess“ – vielleicht kennen die Älteren noch diese Bauernregel: Die Tage werden länger und die Bauern konnten schon wieder bei Tageslicht zu Abend essen. Wer in der katholischen Tradition zu Hause ist weiß, dass an diesem Tag Kerzen gesegnet und mancherorts Lichter Prozessionen  durchgeführt werden. Symbol dafür, dass Gott auf unserem Lebensweg mit seinem Licht leuchten möchte. Daher der Name: „Lichtmess“. 

Doch das steckt ursprünglich dahinter. Im alten Israel gab es ein Gesetz. Danach mussten Eltern ihren erstgeborenen Sohn in den Tempel nach Jerusalem bringen und ihn Gott weihen. Auch Maria und Josef bringen ihren Sohn Jesus dorthin. (Lukas 2,22-40) 

Die Prophetin Hanna und der Prophet Simeon sind zu dieser Zeit im Tempel. Unermüdlich hatten sie darauf gewartet, dass Gott seinem Volk den ersehnten Retter schenken wird. Unerschütterlich hatten sie daran geglaubt, dass Gott seine Zusagen einhält und es hell wird in ihrem Leben. In dieser Hoffnung sind sie alt geworden, sehr alt. 

Nun hält Simeon das Kind Jesus in den Armen, preist Gott und ruft voll Freude aus: 

„Jetzt kehrt Frieden in mein Leben ein.
Heute habe ich das Heil gesehen.“

Hanna und Simeon sind überwältigt, dass sie das noch erleben dürfen. Maria und Josef können nur staunen. So wurde aus der damals üblichen Kulthandlung eine wichtige Begegnung: Hanna und Simeon erkennen, dass dieses Kind Jesus in einzigartiger Weise mit Gott zu tun hat. Die beiden konnten warten, lange und geduldig warten, bis sich ihre Hoffnung erfüllt hat. Schön für Hanna und Simeon.

Doch warten können heißt für mich nicht, dass alles wunschgemäß eintrifft. Dass alle Sehnsucht gestillt wird, alle Hoffnung sich erfüllt. Und manchmal erkenne ich erst im Nachhinein, warum es gut ist, dass etwas eingetroffen ist oder nicht. 

Warten können heißt für mich auch nicht, dass alles in meinem Sinne gut ausgeht. Aber ich hoffe, dass alles bei Gott einen letzten Sinn hat und sich nicht im Nichts verliert. Und dass Gott mir gut will. - So versuche ich, auszuhalten, offen zu bleiben für neue Erfahrungen, mich überraschen zu lassen und mir dabei möglichst treu zu bleiben.

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