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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Nach 6 Jahren Ehe sollen Partner täglich nur noch vier bis fünf Minuten miteinander reden. Das hat mich erschreckt. Kann das stimmen? Dass man so nachlässig wird miteinander und nebeneinander her lebt, ohne mehr als ein paar Sätze miteinander zu reden?
Was passt schon in 5 Minuten?  Nur das Allernotwendigste eigentlich. So was wie – „Willst du Kaffee? Nimm den Müll mit runter, wenn du gehst. Ruf deine Mutter an. Wann kommst Du heim? Was gibt’s heut im Fernsehen?“
Aber das Allernotwendigste ist eigentlich zu wenig für ein Paar. Das geht vielleicht mal ein paar Tage, wenn beide viel um die Ohren haben. Dann kann man vielleicht noch zehren von Gesprächs-Vorräten von vorher.  Aber irgendwann sind die dann auch verbraucht. Und dann muss man sie schleunigst wieder auffüllen, damit die Beziehung nicht aushungert.
Ein Paar hat mir erzählt, wie sie das machen. Nach ein paar Jahren haben sie gemerkt, wie viel weniger sie miteinander reden als früher, zu Beginn ihrer Beziehung. Und dass es oft nur noch Alltagsorganisation ist, was sie miteinander besprechen. Und dass sie eigentlich gar nichts mehr davon wissen, was die andere sorgt und bewegt und was er sich wünscht und wovon er träumt.
Und dann haben sich die beiden zusammengesetzt und ihre eigene Selbsthilfegruppe  gegründet. Es war gar keine große Sache. Sie haben sich bloß eine Stunde Zeit für das Gespräch miteinander reserviert. Und bewusst geübt, einander zuzuhören und sich von einander zu erzählen.
Dafür haben sie die Methode des „Zwiegesprächs“ benutzt. Die geht so: Das Paar sitzt sich gegenüber. Sie wählen ein Thema, das einem von ihnen gerade wichtig ist: die Probleme mit einem Kind vielleicht oder der Umgang miteinander, wenn sie verschiedener Meinung sind oder die Familienfinanzen. Dann gibt es 3 Phasen. Erst spricht z.B. die Frau 20 Minuten  und der Mann hört zu. Dann spricht der Mann 20 Minuten zu dem Thema und die Frau hört zu und unterbricht ihn nicht. Und die letzten 20 Minuten gehören dann dem gemeinsamen Gespräch.
Das war schon alles. Aber es hat geholfen. So gut, dass die beiden einen gemeinsamen Vorsatz fürs neue Jahr gefasst haben.  So wie für den Sport wollen sie sich auch für ihr Gespräch immer eine Stunde in der Woche als festen Termin reservieren. Sie haben nämlich gemerkt, wenn sie miteinander reden, dann verstehen sie sich nicht nur besser. Sie pflegen damit auch ihre Liebe.

Michael Lukas Moeller, Die Wahrheit beginnt zu zweit : Das Paar im Gespräch. rororo TB, 32. Auflage 2010

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„Gott nahe sein, ist mein Glück“. So heißt die Jahreslosung für das neue Jahr 2014.
Mich hat das interessiert, wie das gehen könnte, in Gottes Nähe zu sein und darin sein Glück zu finden. Dabei ist mir eine jüdische Geschichte begegnet, von einem, der in die Nähe Gottes und in sein Glück hineingesprungen ist.
Ich will Ihnen diese Geschichte kurz erzählen.

Von Jiri Izrael, einem der Stillen im Getümmel der Welt, handelt sie.
Der ging  im Jahre 1551 bei Torun über die gefrorene Weichsel.
Da begann vor seinen Füßen das Eis zu brechen.
Und Jiri Izrael sprang
von Scholle zu Scholle und sang dabei
Lobet im Himmel den Herrn, lobet ihn in der Höhe, lobet ihn all seine Heere
Von Scholle zu Scholle sprang Jiri
Lobet ihn Sonne und Mond, lobet ihn alle leuchtenden Sterne
und sprang  von Scholle zu Scholle
Lobet ihn ihr Himmel aller Himmel und ihr Wasser über dem Himmel
sprang von Scholle zu Scholle
Lobet den Namen des Herrn alle Dinge, denn er gebot, da wurden sie geschaffen
von Scholle zu Scholle
Lobet den Herrn auf Erden, ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres
Von Scholle zu Scholle
Lobet den Namen des Herrn, denn sein Name allein ist hoch
seine Herrlichkeit reicht so weit Himmel und Erde ist
So sprang Jiri Izrael über die gefrorene Weichsel, auf der das Eis brach.
Und so gelangte er glücklich ans rettende Ufer.

Das ist eine wunderbare und sehr merkwürdige Geschichte. Ich habe überlegt: Was genau hat Jiri Izrael gemacht? Wie hat er sein Glück gemacht?
Er ist nicht stehengeblieben, denn das hätte seinen Untergang bedeutet.
Er hat sich nicht durch Resignation seine Kräfte lähmen lassen.
Im Gegenteil, er hat Kräfte geschöpft, im Loben und im Singen. Und mit jedem neuen Gotteslob fand er wieder Kraft zum neuen Sprung auf die nächste Scholle. Er hat sich regelrecht abgestoßen an seinem Gotteslob zu jedem neuen Schritt im Kampf ums Überleben. Und ihn später einer ich gefragt hätte- wie hast du das nur geschafft,- dem hätte er sicherlich gesagt: Gott hat geholfen.
Mir imponiert diese Art, sein Glück in der Nähe Gottes zu machen:
In der größten Not, etwas zum loben suchen.
In der Verzweiflung die rettende Kraft Gottes herbeiloben
und dabei nicht aufhören weiterzugehen in Richtung Rettung.
Sich darauf verlassen, dass es in der nähe Gottes Kräfte gibt, mit denen niemand gerechnet hätte. Das will ich mir merken für den Moment, in dem ich oder andere das einmal brauchen sollten. Bei jedem Sprung, bei jedem Schritt ein Lob, das bringt in die Nähe Gottes.
Einen besseren Ratschlag gegen das Unglück kann ich mir heute Morgen kaum vorstellen.
(Fundort: Axel Kühner, Hoffen wir das Beste , Neukirchen-Vluyn.)

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Shalom und Mazel tov! So grüßen sich Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt.
Shalom und Mazel tov, - diese beiden Wünsche passen für mich auch sehr gut an den Anfang eines Jahres - in Deutschland, in Israel und eigentlich überall auf der Welt.
Schalom, der Friede. Und „ha tov“ das Gute, das Glück – ich glaube, diese beiden Worte gehören zu den wichtigsten gemeinsamen Worten von Juden und Christen.
Glück, das kann in der in der hebräischen Bibel etwas sehr Sinnliches sein: eine schöne Frau, ein gut aussehender Mann; eine wohlriechende Salbe, die dem Körper gut tut. Glück, das ist alles, was dem Leben nützt und es fördert; alles, was reichlich da ist: gesunde Kinder, ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, sich nicht sorgen müssen. Glück, das ist zu wissen, was man tun und was man lassen soll. Und Glück ist auch, Gott in seiner Nähe zu wissen.
Und Mazel- das ist ein „Tropfen von oben“. Ein Tropfen vom Segen Gottes. Der lässt es einem Menschen gut gehen an Körper und Seele. Ihm und seiner ganzen Familie. Ich denke, es wäre kurzsichtig, das zu vergessen. Das Gute in meinem Leben verdanke ich Gott.
Mit Shalom grüßen sich Jüdinnen und Juden jeden Tag. Dort, wo wir uns in Deutschland nur einen „Guten Tag“ wünschen, wünschen sie sich den Frieden. Gemeint ist der eigene, innere Friede, genauso wie der Friede in der Partnerschaft und zwischen Eltern und Kindern. Shalom, das ist das friedliche Zusammenleben in der Nachbarschaft, im ganzen Land. Und Shalom ist auch das friedliche Zusammenleben mit anderen Völkern.
Die Israelis heute wissen, was für ein kostbares und hohes Gut der Friede ist. Und wie schwer es ist, diesen Frieden politisch zu erlangen. Und trotzdem ist Shalom das, was wir uns ersehnen – für jedes Land der Welt, in dem Krieg herrscht.
Shalom und Mazel tov – für mich sind das Wünsche voller Sehnsucht und voller Hoffnung. Es sind   Segenswünsche genauso wie Bittgebete – dass dieses neue Jahr gut und friedlich sein möge. Ohne Kriege und Terroranschläge. Und dass in diesem Jahr auch unser persönliches kleines Glück bewahrt sein möge und keinen Schaden nehmen soll.
Sie und ich: Wir können einiges für den Frieden und für unser Glück tun. Aber nicht alles liegt in unserer Hand. Wir brauchen dafür den mazel, „den kleinen Tropfen“ vom Segen Gottes. Und deshalb wünsche ich uns allen für dieses neue Jahr Frieden, Glück und Segen: Shalom und Mazel tov.

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Guten Morgen und ein glückliches neues Jahr wünsche Ich Ihnen!
Wie das gelingen könnte mit dem Glück im neuen Jahr, dazu macht das Jahresmotto der Evangelischen Kirche einen Vorschlag. Das neue biblische Leitwort für das Jahr 2014 heißt nämlich: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Psalm 73,28).
 Wie schön, so ein positives Jahresmotto mit dem einfachen Hinweis: Dein Glück, das findest du in der Nähe Gottes. Das klingt ein bisschen wie ein Glücksrezept – klar, praktisch und nicht allzu schwer umzusetzen.
Wenn ich aber den ganzen 73.Psalm lese, ist es dann doch nicht ganz so einfach.
Er ist nämlich das Gebet eines kreuzunglücklichen Menschen. Wenn der sein Leben betrachtet, dann dreht sich ihm der Magen um. „Mein Herz war verbittert, mir bohrte der Schmerz in den Nieren“, steht im Psalm. So fühlt  er sich.
Aber irgendwann merkt er, wie wenig ihm dieses Klagen und Jammern nützt. Wie wenig es ändert. Es macht ihn nur kaputt und vergiftet ihn.
Das Einzige, was ihm jetzt helfen kann, das ist ein Perspektivwechsel. Er braucht jetzt unbedingt einen anderen Blick auf das, was wirklich Glück ist und was nicht.
Und er kommt tatsächlich auf neue Gedanken. „Was ist das schon, was die Leute Glück nennen, vor Gottes Augen und vor der Ewigkeit“, denkt er „ Solches Glück, das bricht so leicht wie Glas. All dieses Glück ist doch nur auf Zeit geschenkt “.
„Was ich suche“, denkt er, „das ist ein Glück, das auch dann noch hält, wenn alles andere Glück verloren gegangen ist. Ein Glück, das auch im Unglück noch hält, das suche ich.
 Die anderen können machen, was sie wollen,….“
„Ich aber“ heißt es in seinem Gebet – „Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setze auf Gott mein Vertrauen.“
Glück, das auch noch im Unglück trägt, was könnte das sein? Ein Freund hat mir erzählt, dass er in der Zeit einer schweren Krankheit so viele glückliche Momente hatte, wie selten vorher. Jeder Tag war ein Geschenk. Seine Familie hat vorher nie so fest zusammengehalten, wie in der Zeit. Und das war für ihn ein Geschenk, in dem er sich auch Gott nahe gefühlt hat.
Nicht jeder wird das so erleben können. Deshalb ist das biblische Motto für das Jahr 2014 ja auch kein einfaches Glücksrezept.
Mich bringt es dazu, meine eigenen Vorstellungen vom Glück noch einmal genauer anzuschauen. Ob sie mich wirklich tragen könnten in schwerer Zeit?
„Gott nahe  zu sein, ist mein Glück“. Viele Fragen kommen mir bei der Jahreslosung. Wie gut, dass ich ein ganzes Jahr Zeit habe, nach Antworten zu suchen.

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„Ich reg‘ mich nur noch über Dinge auf, die ich ändern kann. Was ich nicht ändern kann, darüber brauche ich mich auch nicht aufzuregen.“  Das sagt einer meiner Kollegen. Er ist gerade 80 Jahre geworden und schon lange im Ruhestand. Ich habe immer gefunden, dass er mir als jüngerer Kollegin damit etwas mitgibt aus seiner Lebenserfahrung. Und dass ich gut daran tue, mir wenigstens ab und zu eine Scheibe davon abzuschneiden.
Zum Beispiel heute. Irgendwann  im Laufe des Tages, werde ich meinen Terminkalender von 2013 nochmal durchschauen. Und mit den Terminen, die ich da notiert habe, fällt mir dann auch wieder ein, was an diesem Tag geschehen ist.
An dem einen Tag, da war ein wichtiges Gespräch. Aber es ist schlecht gelaufen. Ich hätte es besser machen können, finde ich. Aber kann ich es ändern? Nein. Jetzt nicht mehr.
An dem anderen Tag, da kam eines  meiner Kinder mit einer schlechten Note in der Klassenarbeit nach Hause. Und am Abend gab es deshalb eine richtig heftige Auseinandersetzung. Hätte das wirklich sein müssen? Nicht unbedingt. Aber ändern kann ich es jetzt auch nicht mehr.
Oder der blöde Campingplatz im Urlaub, viel zu laut und viel zu voll. Und dann die Autopanne beim Heimweg , so lästig und die Reparatur schrecklich teuer.  Alles Schnee von gestern. Nicht mehr zu ändern. Es macht einfach keinen Sinn, sich noch länger darüber aufzuregen.
Anders geht es mir mit den Jahresrückblicken im Fernsehen oder in den Zeitungen. An einem Vulkanausbruch kann ich nichts ändern. Aber daran, dass die Ozonschicht um die Erde schmilzt, weil wir CO2 und Metangas ohne Ende produzieren. Darüber will ich mich auch weiter aufregen im neuen Jahr, weil ich ja etwas dagegen tun kann.
Und dass die deutsche Chemieindustrie chemische Waffen produziert, die dann irgendwo auf der Welt, Kinder, Frauen und Männer töten – das ist doch zu ändern! Darüber muss man sich doch aufregen!
Nicht aufregen über das, was ich nicht ändern kann. Aber weiter aufregen über das, was ich ändern kann. Für das eine brauche ich Geduld. Für das andere Kraft und Ausdauer.
 Ich weiß,  dass ich die nicht nur in mir selbst finden kann. Jedenfalls nicht genug. Deshalb gehe ich heute Abend in die Kirche, um im Gottesdienst ein ganz bestimmtes Lied zu singen. Es ist mein Silvestergebet. Mit diesem Lied lasse ich die Dinge los, die ich nicht ändern kann. Und ich bitte um die Kraft, mich im neuen Jahr für das einzusetzen, was ich ändern kann. Und sei es auch nur mit einem ganz kleinen Beitrag. Das Lied heißt: „Gott, der du die Zeit in Händen hast, so nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.“

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„ Im Laufe der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an“.
Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel hat das gesagt. Schon im 2. Jahrhundert. Wahrscheinlich hat er das beobachtet. Bei sich selbst und auch bei anderen.
„Im Laufe der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an“.
Mir leuchtet das ein. Wer den Menschen misstraut, schaut anders in die Welt als jemand, der glaubt, dass sie es gut mit ihm meinen.
Und wer sich am Morgen auf die Arbeit und auf die Kolleginnen freut, geht anders aus dem Haus, als jemand, dem sein Job keinen Spaß macht und der froh ist, wenn er die Arbeitskollegen nicht sehen muss.
Neurowissenschaftler in unserem Jahrhundert haben nachgewiesen,  wie unser Gehirn lernt. Sind wir misstrauisch, lernt unser Gehirn Misstrauen. Haben wir Angst, lernt es Angst. Erleben wir, dass wir anderen vertrauen können, dann lernt es Vertrauen.
Alles, was wir wahrnehmen, was wir empfinden, was wir sprechen, was wir tun, das wird in unserem Gehirn gespeichert. Das gibt gewissermaßen unserem Denken die Farbe. Und entsprechend sehen wir dann die Welt und die Menschen: dunkel und missgelaunt. Oder freundlich, großzügig und hell. Und das spiegelt sich sogar in unserem Gesicht wieder und in unserer Körperhaltung.
Was und wie ich denke, bestimmst also mein Inneres, meine Seele, und meine Ausstrahlung.
Jetzt denke ich mir: Das muss ich ja eigentlich nicht dem Zufall überlassen. Dafür könnte ich doch auch etwas tun, damit die Farbe meiner Seele nicht nachdunkelt, sondern hell ist und freundlich und angenehm. Ich glaube, dass Gott mich freundlich anblickt und vertrauensvoll – so könnte ich doch heute einmal die anderen ansehen. Mit mehr Vertrauen und mit weniger Misstrauen.
Das ist mir eingefallen:
Dem Mann, der an der der Straße sitzt, 2 statt 1 Euro zu geben – ohne zu denken, der setzt das doch sowieso in Alkohol um.
Bei der knappen Email des Kollegen nicht denken – o weh, der hat was gegen mich. Sondern höchstens, er hat es eilig und  zu wenig Zeit für Anrede und Gruß.
Der Autofahrerin nicht den Vogel zeigen, weil sie mir die Vorfahrt  genommen hat, sondern merken, wie sie erschrocken ist über ihren Fehler. Und froh sein, dass ich noch rechtzeitig reagieren konnte.
Die Hirnforscher sagen, mein Gehirn würde die Veränderung merken  und mehr Vertrauen speichern.
Marc Aurel würde sagen – die Farbe deiner Seele wird heller.
Ich selbst sage, Gott sei Dank, dass  er mir einen Vertrauensvorschuss gibt. Denn kann ich an andere verteilen. Damit wird nicht nur meine Seele heller und freundlicher. Die der anderen wird es auch.

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