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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eigentlich müsste heute Weihnachten sein. Denn heute ist der kürzeste Tag des Jahres.
Die Christen haben ziemlich spät angefangen, den Geburtstag von Jesus zu feiern. Nämlich erst im dritten Jahrhundert nach Christus. Und da wusste niemand mehr so genau, wann Jesus wirklich geboren war. Also hat man Weihnachten einfach auf den 25. Dezember gelegt. Warum? Weil das nach dem damaligen Kalender der kürzeste Tag des Jahres war. Im Mittelalter gab es dann eine Kalenderreform. Seither ist der kürzeste Tag im Jahr eben heute.
Jesus kommt dann zur Welt, wenn es bei uns am dunkelsten ist. Auch wenn niemand weiß, wann genau das war – ich finde, der Weihnachtstermin sagt sehr viel darüber aus, was das Fest für viele Menschen bedeutet – damals und auch heute. Christen glauben, dass im Stall von Bethlehem Gott selbst zur Welt gekommen ist, um bei seinen Menschen zu sein. Weihnachten am dunkelsten Tag des Jahres, das sagt mir: Gott ist nicht nur da, wenn die Sonne scheint, wenn es mir gut geht und ich gut drauf bin. Sondern Gott ist auch bei mir - grade dann - wenn es Nacht ist, wenn ich traurig bin, niedergeschlagen und nicht mehr weiter weiß.
Einer der dunkelsten Tage für Josef Müller war der, an dem er ins Gefängnis musste. So hat der ehemalige Steuerberater es neulich im Radio erzählt (SWR1 Leute vom 29.11.2013). Er ist in den Knast gekommen, weil er seine Kunden um über zehn Millionen Euro betrogen hat, um damit für sich ein Leben in Saus und Braus zu finanzieren. Im Gefängnis, wollte dann niemand mehr etwas von ihm wissen, selbst seine Freunde und seine Frau nicht. Da ist Josef Müller ein Satz von früher, aus dem Religionsunterricht, eingefallen: „Gott ist immer für dich da“. Er hat begonnen in der Bibel zu lesen, die Geschichten von Jesus, und er hat angefangen, Gott zu vertrauen. „Wenn Sie Jesus kennen lernen, dann ändert sich das ganze Leben“, hat er dem Moderator in diesem Interview gesagt, „Gott hat mich rausgeholt aus dem Sumpf“.
Heute ist der dunkelste Tag im Jahr. Aber von jetzt an wird es wieder heller. Auch wenn man es kaum merkt: es geht wieder in Richtung Licht. „Wintersonnenwende“ nennen das die Astronomen. Ich finde, auch das passt zu Weihnachten: Wenn ich anfange, darauf zu vertrauen, dass Gott nicht weit weg ist, sondern ganz nah, dann wendet und verändert sich auch etwas.  Dann lebe ich anders: zuversichtlicher.
Heute am 21. Dezember müsste eigentlich Weihnachten sein. Trotzdem kann man den Termin ruhig so lassen wie er ist. Denn die Erfahrung „Gott ist immer für mich da“ kann ich heute machen, am Fünfundzwanzigsten und an jedem anderen Tag im Jahr auch.

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Man soll Weihnachten fröhlich feiern, aber bitte schön nicht religiös, sondern ohne die Weihnachtsgeschichte. Das fordern manche. Weihnachtsmann, Tannenbaum, Kerzen und Geschenke ja, aber mit Jesus, Maria, Stall und der Krippe: nein danke.
Auch bei anderen Festen ist mir das in letzter Zeit aufgefallen: Der Sankt-Martins-Tag soll zum Sonne-Mond-und-Sterne-Fest werden, meinen da manche und der Nikolaus soll nicht mehr in den Kindergarten kommen. Und manche Schulen überlegen sich, die Schulgottesdienste vor den Weichnachtsferien abzuschaffen, auch wenn sie freiwillig sind und die Kinder selbst entscheiden, ob sie hingehen oder nicht.
Viele, die das fordern, sagen: Man muss Rücksicht nehmen auf die, die einen anderen Glauben haben, zum Beispiel auf die muslimischen Menschen hier in Deutschland. Ihnen und anderen Religionen darf die christliche Kultur nicht einfach übergestülpt werden. Davor muss man sie schützen.
Ich finde es wichtig, dass man die Religion der anderen respektiert. Interessant ist aber, was muslimische Menschen selbst dazu sagen. Aiman Mazyek, der  Vorsitzende des Zentralrats der Muslime beispielsweise, hatte wenig Verständnis für die Diskussion um den Sankt-Martins-Tag: „Das Leben von St. Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime“, hat er gesagt. „Der Gedanke des Teilens spielt im Islam eine große Rolle“. Offensichtlich sind es also gar nicht die anders glaubenden Menschen in Deutschland, die Feste von ihrem christlichen Ursprung trennen wollen. Im Gegenteil: Die christlichen Feste zeigen oft etwas, das auch anderen Religionen wichtig ist.
Und ich denke, es gibt noch einen anderen Grund, warum man die Feste mit ihrem christlichen Hintergrund feiern sollte. Weihnachten etwa gibt es ja überhaupt nur, weil Jesus geboren ist. Weihnachten ohne Jesus wäre wie der Tag der Deutschen Einheit ohne Wiedervereinigung oder wie Geburtstag ohne dass man überhaupt Geburtstag hat. Das geht vielleicht sogar, aber macht es dann noch Sinn?
Ich finde es wichtig, dass die Kinder in Kindergarten und Schule verstehen, warum Weihnachten gefeiert wird. Dabei geht es gar nicht darum, jemandem etwas aufzuzwingen, sondern um Bildung, hat der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger neulich in einem Zeitungsinterview gesagt. Wie jeder einzelne dann sein Fest zu Hause feiert, das bleibt ihm überlassen. Ich finde, deshalb sollte man weiter daran erinnern, dass an Weihnachten Jesus zur Welt gekommen ist. Und ich kenne viele, denen es gut tut, das zu hören.

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Als Lehrer muss ich die Namen meiner Schüler kennen. Das ist zum Beispiel wichtig, wenn es im Unterricht mal laut wird. Wenn ich dann sage „seid doch bitte mal leise“, tut sich in der Regel nichts. Wenn ich aber die betreffenden Schüler mit Namen kenne und sagen kann: „Mia, Ben und Luca, könnt ihr mal leise sein!“, zeigt das viel mehr Wirkung. Wenn sie ihren Namen hören, können sich die Schüler nicht mehr hinter der Klasse verstecken. Dann hören sie zu. Dann reagieren sie.
Deshalb finde ich wichtig, dass man auch Gott beim Namen nennen kann. Die Bibel erzählt, dass Gott selbst den Menschen seinen Namen genannt hat (2. Mose 3,1-14). Der erste, der ihn erfahren hat, war Mose. Mose war damals mit seinen Schafen unterwegs, als er etwas Seltsames gesehen hat: Einen Dornbusch, der gebrannt hat, dabei aber nicht verbrannt ist. Als er näher hingegangen ist, hörte er eine Stimme. Es war Gott, und er hatte einen Auftrag für Mose. Mose sollte die Israeliten befreien, die in Ägypten als Sklaven hart arbeiten mussten. Mose hat gefragt „Wenn ich zu den Israeliten komme, und sie fragen mich nach deinem Namen, was soll ich ihnen sagen?“. Daraufhin nennt Gott seinen Namen.
Ich finde, in dieser Geschichte geht Gott einen großen Schritt auf die Menschen zu. Indem er seinen Namen nennt, macht er sich den Menschen bekannt. Er will mit ihnen etwas zu tun haben, mit ihnen in Kontakt treten, will mit ihnen reden und dass sie mit ihm reden - deshalb nennt er seinen Namen. Auch wenn er damit ein Risiko eingeht: Einen Namen kann man auch lächerlich machen oder in den Dreck ziehen. Aber Gott nimmt das in Kauf, weil etwas anderes ihm wichtiger ist: Dass Menschen ihm danken und ihn loben, für das Glück, das sie in ihrem Leben erfahren. Dass sie ihm sagen, was sie auf dem Herzen haben, ihn auch anklagen für schlimme Dinge, die ihnen passiert sind. Gott will das alles hören. Er will sich nicht hinter der Geschichte, dem Schicksal, der Natur oder sonst etwas verstecken.
Viele Namen haben eine Bedeutung, auch der Name Gottes bedeutet etwas. Gott hat sich Mose als „Jahwe“ vorgestellt. Dieses hebräische Wort bedeutet übersetzt „Ich bin für euch da“. Gott heißt „Ich-bin-für-euch-da“. Sein Name ist ein Versprechen. Inzwischen ist es nicht mehr üblich, Gott so zu nennen, vielleicht weil die Menschen Angst hatten, seinen Namen zu missbrauchen. Man sagt „Gott“ oder „Herr“. Ich finde, in der Anrede „Vater“ klingt noch am meisten vom Namen Gottes mit. - Beten Sie auch manchmal? Wenn ja, dann hört Sie – beim „Vaterunser“ zum Beispiel - nicht irgendwer, sondern der „Ich-bin-für-dich-da“.

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Siebzig Prozent aller Menschen in Deutschland haben zu viel Gewicht – allerdings nur auf der Waage. Aber wie sieht es innerlich aus? Habe ich da auch genug Gewicht? Oder bin ich da eher untergewichtig? Hat das, was ich sage und tue, Gewicht bei anderen – in der Familie, in meinem Freundeskreis, auf der Arbeit?
Eine Ursache von psychischen Störungen wie zum Beispiel Burnout ist, dass Menschen den Eindruck haben, dass sie zu wenig Gewicht haben. Wenn ich denke, dass meine Arbeit keinen Wert hat oder dass ich einfach austauschbar bin oder andere mich leicht übersehen, dann ist das kein guter Zustand.
Dann sollte ich dringend schwerer werden. Zum Beispiel, indem ich anfange, zu sagen, wenn mich etwas stört. Wenn die Bäckerin mir das dunkle, angebrannte Brötchen einpacken will oder wenn im Büro meine Urlaubswünsche fast nie berücksichtigt werden. „Beschweren“ nennt man das interessanterweise. Denn genau das passiert, wenn sich jemand beschwert: Er macht sich schwer. Er verleiht sich - seinen Bedürfnissen und Interessen - Gewicht.
Sich beschweren kann allerdings auch anstrengend sein. Das hat das seelische Zunehmen mit dem körperlichen Abnehmen gemeinsam. So wie es bequemer ist mit Chips auf dem Sofa zu liegen, statt joggen zu gehen, so ist es auch bequemer, nur zu nicken, anstatt seine eigene Meinung zu sagen. Und es ist leichter, wenn ich den anderen die Entscheidungen überlasse als selbst etwas zu entscheiden. Trotzdem lohnt sich die Anstrengung, denke ich.
Gewicht bekommt meine Seele auch durch andere Menschen. Wenn ich merke, dass ich für jemanden wichtig bin, dann fühle ich mich auch selbst wichtig. Ein Psychologe hat einmal in einem Radio-Interview gesagt: „Menschen, die mich annehmen so wie ich bin […] das ist Gold wert und stellt einen ganz stark auf fürs Leben“. (Holger Schlageter, Psychologe, SWR Leute, 19.12.2011). Durch Menschen, für die ich wichtig bin, bekomme ich Gewicht. So leicht kann mich dann nichts mehr umwerfen.
In der Advent- und Weihnachtszeit mit all den Süßigkeiten und dem guten Essen nehmen die Kilos in der Regel zu. Aber ich denke, Weihnachten ist auch eine gute Gelegenheit, sich ein paar Kilos für die Seele drauf zu schaffen: Ich kann vielleicht mehr Zeit als sonst mit Menschen verbringen, denen ich etwas wert bin. Und ich kann auf die Weihnachtsbotschaft hören: Gott wird Mensch, weil er allen Menschen - und ganz besonders mir - nahe sein möchte. So viel bin ich ihm wert.
Auch das gibt meiner Seele Gewicht.

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„Schule, Schule, Schule!“, hat sich neulich eine Schülerin bei mir beklagt - richtig zornig und den Tränen nahe. Und dann hat sie erzählt: Wie viele Klassenarbeiten sie noch schreiben muss vor Weihnachten und wie die meisten ihrer Tage komplett ausgefüllt sind mit Unterricht, Hausaufgaben, Referate vorbereiten und Büffeln für Klassenarbeiten. Selbst wenn sie mit ihren Freunden per Handy und SMS Nachrichten austauscht, geht es dabei oft darum, was in der nächsten Arbeit dran kommt und welche Hausaufgaben auf waren.
Als sie das so erzählt hat, habe ich darüber nachgedacht, wie das bei mir früher war. Ich habe mich erinnert: Schule war zwar schon wichtig und hat auch einen großen Teil meiner Zeit eingenommen. Aber da gab es noch meine Band, den Schwimmverein und den Jugendkreis von der Kirche. Das alles hat irgendwie funktioniert. Und auf meiner persönlichen Rangliste der wichtigen Dinge im Leben wäre die Schule vielleicht unter die Top Ten gekommen, aber sicher nicht auf einen der ersten drei Plätze.
Solche Schüler gibt es auch noch heute, und ganz sicher steht die Schule bei manch einem auch zu weit hinten auf der Prioritätenliste. Aber ich habe das Gefühl, es gibt immer mehr Schülerinnen und Schüler, bei denen das Lernen und die Noten einen zu großen Raum einnehmen. Sie haben fast kein Leben mehr außerhalb der Schule.
Ich finde, solche Kinder brauchen dringend einen Ausgleich. Und Eltern oder auch Großeltern können sie dabei unterstützen. Etwa indem sie ihr Kinder ermutigen, ein Hobby anzufangen und das dann auch wichtig zu nehmen. Das bedeutet dann beispielsweise auch, dass ich mein Kind ins Vereinstraining schicke, obwohl am nächsten Tage eine Klassenarbeit ansteht. Es könnte sein, dass diese Auszeit den Kopf frei macht und mein Kind sogar entspannter in die Klassenarbeit geht. Eine erfahrene Tischtennistrainerin hat mir jedenfalls neulich gesagt: Die Kinder, die regelmäßig zu ihr ins Training kommen, sind auch gut in der Schule. - Oder man kann büffel-freie Zeiten festlegen. Ab einer bestimmten Uhrzeit wird abends nicht mehr gelernt, auch wenn die Vokabeln noch nicht ganz so gut sitzen. Und wenn der Test dann mal nicht so gut wird, ist das auch kein Weltuntergang.
Ich denke, es geht darum, Grenzen zu ziehen: Hier fängt Schule an, ist wichtig und hat viel Raum, aber da hört sie dann auch wieder auf, und es ist Zeit für andere Dinge. Bald kommen die Weihnachtsferien, für manche Schülerinnen und Schüler sind sie wie eine Insel. Eigentlich wäre es doch besser, es gäbe nicht nur diese großen Ferien-Inseln sondern auch viele kleine, mitten im Schulalltag.

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Die Adventszeit ist für mich die Zeit der Sehnsucht. Dieses Gefühl begleitet mich jedes Jahr durch die Tage vor Weihnachten und ist irgendwie immer da. Dabei kann ich noch nicht einmal genau sagen, wonach ich mich sehne, irgendwie nach allem.
„Inniges, schmerzliches Verlangen“, so erklärt mein Wörterbuch den Begriff Sehnsucht. Und ich finde, das stimmt: Zur Sehnsucht gehört, dass man das, wonach man sich sehnt, nicht hat, sonst würde man sich ja nicht danach sehnen. Wer Sehnsucht hat, vermisst also etwas.
Trotzdem ist die Sehnsucht kein unangenehmes Gefühl. „Hallo Sehnsucht, schön, dich hier zu sehn“, singt Wolf Maahn in einem seiner Lieder. Da beschreibt er, wie er in einem Café sitzt, auf die Straße schaut und die Sehnsucht ihn plötzlich alles mit anderen Augen sehen lässt:  „[Du] mal[st] die braven deutschen Häuser in verheißungsvolles Licht / Und dem immer ernsten Zeitungsmann ein Lächeln ins Gesicht“, singt er.
Die Sehnsucht zeigt mir nicht nur, was ich vermisse und was nicht so ist, wie es sein sollte. Die Sehnsucht zeigt mir auch, wie es sein könnte. Sie zeigt, was eigentlich drin steckt: in den „braven Häusern“, im „ernsten Zeitungsmann“, in mir, meinem Leben, in dieser Welt. Die Sehnsucht sagt: „Schau mal hin, so könnte das alles eigentlich sein“ - Das ist das Schöne an der Sehnsucht.
Das sind doch bloß Träume, sagen Sie? Für mich nicht. Und das hat etwas mit Weihnachten zu tun, mit der Geburt von Jesus. Das Kind in der Krippe zeigt mir, dass sich tatsächlich was ändern kann und wird: Da liegt ein Kind in der Krippe, neu geboren, kann noch nichts, außer schreien und in die Windeln machen - aber es hat jede Menge Zukunft und Möglichkeiten.
Und als Erwachsener hat Jesus sich dran gemacht, die Dinge tatsächlich zu verändern. Er hat von einer anderen, besseren Welt gesprochen und andere motiviert, mitzuhelfen, dass diese neue Welt wirklich kommt - „Reich Gottes“ hat er sie genannt. Und die Menschen haben gespürt: Jesus redet nicht nur davon. Er ist selbst ein Teil dieser neuen Welt. Kranke hat er geheilt. Und Menschen, die in ihrem Leben Fehler gemacht haben, konnten bei ihm ihre Last loswerden und neu anfangen.
In der Adventszeit erinnern wir Christen uns an die Geburt von Jesus. Damit hat das „Reich Gottes“ angefangen. Die neue Welt, die so ist, wie Gott sie sich gedacht hat. Ich glaube: Sie wächst überall da, wo Menschen im Sinne Jesu leben. Und eines Tages wird Gott sie dann vollenden.
Vielleicht ist deshalb die Adventszeit für mich eine Zeit der Sehnsucht. Hallo Sehnsucht, schön dich hier zu sehn.

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